Wir sind noch da – Und nicht nur irgendwo da draußen

Raus aus den Vorstädten – Zurück in die Städte!

von Alexander Wallasch (Kommentare: 7)

Wer seine Heimat nicht verlieren will, der muss sie wieder aktiv wertschätzen© Quelle: privat

Ich war heute seit langem mal wieder in der Stadt. Ich habe die Bushaltestelle quasi vor der Haustür, der Bus fährt in wenigen Minuten ins Stadtzentrum, eine Fahrt kostet mittlerweile drei Euro.

Als ich das letzte Mal fuhr, waren es noch 2,40 Euro. Und als ich das erste Mal fuhr, vielleicht 70 Pfennig.

Besagtes 3-Euro-Ticket ist für eineinhalb Stunden gültig, ganz gleich wie oft ich mit Bus oder Bahn fahren und umsteigen will. Ich nehme an, dass das Zusteigedatum gilt. Wenn der Zeitpunkt während der Fahrt überschritten ist, wird einem der Kontrolleur daraus hoffentlich keinen Strick drehen. Eine Art Toleranzzeit.

Eineinhalb Stunden Gültigkeit erscheinen mir moderat, jedenfalls wenn es nur darum geht, Einkäufe zu erledigen. Ich muss es Ihnen nicht extra beichten, aber natürlich habe ich das bereits gelöste Ticket auf der Rückfahrt vergessen, ein zweites Mal bezahlt und mich später darüber schwarz geärgert.

Aber mal von dieser Panne abgesehen: Ich saß auf der Rückfahrt gegen 18:45 Uhr in einem gut gefüllten Bus und ich merkte es erst, als ich mit den Augen die Sitzreihen durchging: Ich war der einzige Europäer. Ich hatte diese Beobachtung dann per Twitter geteilt und erfuhr so, dass es in anderen Städten vielfach nicht anders ausschaut.

Um 18:45 Uhr sind die Arbeitnehmer längst aus ihren Büros zurück daheim. Selbst dann, wenn sie sich in der Stadt noch ein Abendbrot haben einpacken lassen. Um diese Zeit fahren viele neu Zugewanderte in ihre dezentralen Unterbringungen zurück, suchte ich eine Erklärung. Sie leben halt in engen Wohnungen oder Unterkünften, die wenig attraktiv sind, da bleiben viele lieber in der Stadt – auf einen Kaffee oder Tee – und treffen dort Landsleute.

Ich war lange nicht mehr in der Stadt. Amazon kommt viel häufiger und wir sind in der Vorstadt umzingelt von Discountern, wozu also in die Stadt fahren? Mir geht es dabei nicht anders als vielen, die später schreiben: „Wir haben unsere Städte an Zuwanderer verloren!“ Oder: „Diese Regierung hat Deutschland zerstört!“ Sie kennen das aus der täglichen Lektüre in den sozialen Medien.

Heute frage ich ketzerisch zurück: Mal ganz abgesehen vom Wahlverhalten, sind wir nicht unabhängig von der Schlechtleistung der Regierung Mitschuld daran?

Wir haben unsere Städte doch einfach aufgegeben! Und dann ist mir eine einfache Lösung eingefallen: Wenn es noch länger dauert, diese Deutschland verachtende Regierung endlich vom Sockel zu stoßen und die Zerstörungen rückabzuwickeln, dann müssen wir eben physisch präsenter werden und endlich anzeigen, was uns gehört!

Wer sich regelmäßig in der Stadt eine Bratwurst kauft und kein Döner, der sorgt dafür, dass der traditionelle Bratwurststand eben nicht nach 150 Jahren geschlossen wird. Wem die Currywurst bei Fichtelmann besser schmeckt als im Damaskusgrill, der muss halt hinfahren und dort eine essen.

Wer sich in den Innenstädten nicht mehr sicher fühlt, der soll sich verabreden und zu zweit oder in Gruppe in die Stadt fahren. Und wer im Bus nicht alleine unter Fremden fahren will, der muss eben öfter fahren. Der soll sein Auto zu Hause stehen lassen, da freuen sich dann auch die Umweltaktivisten. Und machen es viele so wie früher, dann verändert sich das Bild ganz schnell.

Das kann jeder: Ältere wie Jüngere. Wer die Städte nicht verlieren will, der muss sie auch aktiv wertschätzen. Und wer dort wieder öfter einkauft, anstatt sich vom zugewanderten Paketboten die Amazonpäckchen bringen zu lassen, der bestimmt auch das Angebot. Es ist so einfach und es galt zu allen Zeiten: Angebot und Nachfrage.

Ja, es gibt auch viele Deutsche, die gern in 1-Euro-Läden einkaufen. Aber ich war gestern in so einem, sie sind beliebtes Ziel der Zuwanderer, es war ein Verhältnis ähnlich jenem im Bus. Was wollte ich da? Ich habe versucht, preiswert den Adventskalender für den Enkel zu bestücken.

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Aber dann habe ich mich daran erinnert, dass es diesen Laden für hochwertiges Kinderspielzeug gibt, irgendwo zwischen Hochgarage und leerstehendem Galeria-Kaufhof-Gebäude, das früher „Horten“ hieß und Karstadt Konkurrenz machte, aber beide Kaufhäuser waren rappelvoll. Der Laden war noch da und die Preise für Qualität und Handarbeit erstaunlich moderat!

Karstadt dekorierte in den 1970er und 1980er Jahren zu Weihnachten die gesamte Schaufensterfront für Handwerker, denen man hinter der Scheibe beim Herstellen von Weihnachtssachen zuschauen konnte. Der Specksteinschnitzer war ebenso dabei wie der Krippenbauer und die weißhaarige Dame, die auf eine so kompliziert erscheinende Art kleine Deckchen klöppelte, indem sie dutzende von Holzgriffchen – vielleicht hunderte – über einer Rolle in Höchstgeschwindigkeit hin und her warf.

Auch ein Kerzenmacher war zu sehen, die Braunschweiger drückten sich einmal um das Karstadthaus herum regelrecht die Nasen platt. Woher ich das so genau weiß? Weil ich zwischen Realschule und Erwachsenengymnasium dort eine Lehre als Schaufenstergestalter machte.

Der Vater hatte empfohlen: Erst was Praktisches lernen, dann das Abitur nachholen. Der Bruder lernte bei Volkswagen Werkzeugmacher. Warum? Weil der Vater dort schon tätig war und weil immer ein Kind der Familie von Werksangehörigen bevorzugt eingestellt wurde.

Heute wäre das undenkbar, es gäbe einen Aufschrei wegen Ungleichbehandlung! Oder noch schlimmer: Die Assessment-Center der großen Unternehmen liefen Sturm, sie fürchteten darum, ihre Bestenauslese so kontaminiert zu sehen. Aber wenn es darum geht, hunderttausende Zugewanderte – viele Analphabeten – irgendwie in Ausbildung zu bringen, dann erscheint jede Bevorzugung geeignet, Hauptsache, die Statistik verbessert sich. Aber mein Bruder war kein Analphabet. Er hat sogar während seiner Tätigkeit bei Volkswagen sein Abitur in Abendschule nachgeholt.

Wir müssen uns unsere Art zu leben zurückholen! Und das funktioniert vollkommen unabhängig vom Alter. Es geht darum, physische Präsenz zu zeigen und auch um eine Überwindung der Bequemlichkeit. Fährt jemand nicht mehr in die Stadt, weil er sich unsicher fühlt oder weil er es für Erledigungen nicht mehr so zwingend muss wie früher?

Erobern wir uns unsere Städte zurück, indem wir sie wieder positiv besetzen mit Menschen, die diese Städte wertschätzen. Die sich dort schon als Kinder an den Händen ihrer Eltern die Nasen an Schaufenstern plattgedrückt haben. Fahren wir wieder in die Stadt, auch wenn es – bei Älteren – nicht der Arztbesuch oder der Termin beim Optiker oder Hörgeräteakustiker erforderlich macht.

Macht es gemeinsam oder trefft Euch auf einen Kaffee mit alten Freunden. Wer sich dort über die große Zahl an Migranten aufregt, der hat so die beste Gelegenheit, für neue alte Verhältnisse zu sorgen, indem er sich wieder einbringt, physisch Präsenz zeigt und sagt:

Wir sind noch da. Wir leben noch. Und nicht nur irgendwo versteckt dort draußen in den Vorstädten, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen!

Das ist unsere Stadt. Sie wurde nach dem Krieg von unseren Urgroßeltern und Großeltern wieder aufgebaut. In dieser Stadt bin ich zuhause. Sie ist meine Heimat.

Ich habe sogar den Verdacht, dass es eine Reihe von Zuwanderern gibt, die so viel besser begreifen, wohin sie gekommen sind. Die schneller verstehen lernen, dass hier Menschen leben, die ihr Land und ihre Städte lieben. Nette Menschen, gastfreundliche Menschen.

Es ist Samstag, wie wäre es? Früher war um 13 Uhr Schicht, heute kann man bis zum Abend einkaufen. Und bequemer als mit dem Bus kommt man kaum dort hin. Auf geht’s!

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