Julian Reichelt hat heute auf Paul Ronzheimer geantwortet. Zehn Punkte, zuerst auf X, Stunden später als Artikel bei Nius: „Warum man die Ukraine-Politik von Merz nicht nur kritisieren darf, sondern muss.“
Bemerkenswert ist schon, dass er antwortet. Das Thema Ukraine hat er nämlich bei Nius in der öffentlichen Wahrnehmung lange klein gehalten. Und das bei einer Leserschaft, der mit hoher Wahrscheinlichkeit die Idee fremd ist, Deutschlands Schicksal entscheide sich ausgerechnet im Donbass oder die Freiheit werde an der Ostfront verteidigt.
Aber Achtung: Wer darin eine Zäsur sieht, liegt falsch. Es wäre verfrüht und ohne Bezug zu dem, was Reichelt tatsächlich schreibt. Er justiert. Er passt den Ton an eine mutmaßlich mehrheitliche Skepsis seiner Leser an. Die Linie bleibt.
Man muss die Vorgeschichte nur so weit kennen, wie sie Reichelts Antworten erklärt: 2019 wurde Ronzheimer unter Reichelt stellvertretender Chefredakteur bei Bild.de, zuständig vor allem für Reportagen. In der Redaktion galten sie als enges Duo, in einer Doku über ein Jahr bei Bild treten sie oft im Zwiegespräch auf.
Im Mai 2020 beschrieben sie das Verhältnis in einem Doppelinterview mit Horizont als ungewöhnlich eng. Reichelt sprach von einer „wirklich tiefen Freundschaft“ und nannte Ronzheimer die Stimme, auf die er höre und die ihn vor Fehlern schütze. Als Reichelt über unterstellten Machtmissbrauch bei Bild stolperte, ohne juristische Konsequenzen und ohne Schuldnachweis, stellte sich Ronzheimer öffentlich hinter ihn. Bei Bild TV sagte er, den Tränen nahe: „Julian, wir denken an dich.“ In einem Tweet soll er ihn einen der besten Journalisten genannt und mit „Danke, mein Freund!“ geschlossen haben.
Drei weitere Namen gehören in dieselbe Bruderschaft: Julian Röpcke, Ulf Poschardt und Johannes Boie, allesamt Springer-Leute oder – wichtig –ehemalige! Röpcke kam über Reichelt zu Bild. Im Februar 2015 sprach Reichelt, damals Chef von Bild.de, ihn auf Twitter an. Röpcke begann unter ihm als Multimedia-Redakteur. Der Spiegel zählte ihn zum engen Kreis um Reichelt, der auf dessen Rauswurf mit „scheinbarer Nibelungentreue“ reagierte.
Boie ist der Nachfolger, kein Weggefährte. Öffentliche persönliche Nähe ist nicht dokumentiert.
Beide sind hier trotzdem von Bedeutung, weil sie aus diesem Umfeld in die Rüstungskommunikation gewechselt sind: Boie als Marketingchef zu Helsing, Röpcke als CMO zum deutsch-ukrainischen Drohnenbauer United Unmanned Systems, nachdem er als Bild-Mann genau diese Systeme zuvor intensiv besprochen hatte.
Parallel floss Geld aus dem Umfeld der Familie Döpfner, darunter 50 Millionen von Peter Thiel an den Fonds des Sohnes, unter anderem in den Drohnenhersteller Stark. Thiel wurde mit dem Springer Award ausgezeichnet.
Nachzulesen ist das alles hier, hier und hier.
Bleibt noch Poschardt. Der führte parallel zu Reichelt die andere große Marke des Hauses, die „Welt“. Er lobte zuletzt immer wieder „Nius“. Und Reichelt revanchierte sich mit Werbung für Poschardts „Shitbürgertum“, obwohl Poschardt ihn darin als Verantwortlichen für Merkels Propagandaabteilung „Welcome Refugees“ bei Springer benannt und das später bei Maischberger erneuert hatte. Möglicherweise hatte Reichelt keine Zeit gehabt vor dem generalisierten Lob mal hineinzulesen.
Röpcke, Poschardt und später Ibrahim Naber bekamen von Selenskyj den Verdienstorden dritter Klasse. Ronzheimer lehnte ab. Man darf davon ausgehen, dass Reichelt den Orden ebenfalls bekommen hätte, wäre er noch im Haus gewesen. Kriegsberichterstattung war sein Fach. Bei Massenzuwanderung, Corona und Ukraine folgte er der Linie des Verlags.
Was Ronzheimer geschrieben hatte, ist kurz. Merz werde „von rechtsaußen und linksaußen“ dafür kritisiert, dass er in der schwersten Zeit der Ukrainer nach Kiew reise, Solidarität zeige, weitere Hilfe ankündige und Putin klarmache, man lasse sich nicht einschüchtern. Was die Kritiker wollten? Dass Putin den Krieg gewinne und Millionen Flüchtlinge auch Richtung Deutschland strömten? Dass ein gestärktes Russland weitere Länder angreife? Dass Diktatur über Demokratie siege? Merz habe recht, genau jetzt in der Ukraine zu sein.
Merz war einen Tag nach dem Tag der Deutschen Einheit nach Kiew gereist und hatte die Schicksalsfrage Ukraine schon zum Feiertag erneuert.
Reichelt war an diesem Sonntag noch nicht dort. In einem früheren Post zeigte er sich zunächst solidarisch mit Poschardt, der mit Blick auf die illegale Massenzuwanderung von „Austausch“ gesprochen und damit einmal mehr einer Haltung gefolgt war, die zum Konzept Remigration geführt hatte.
In einem weiteren Post blieb er bei der bisherigen Nius-Linie, sich nicht klar zur Ukraine zu stellen. Er habe aber schon immer vor Putin gewarnt, als Merz im Februar 2022 noch erklärt habe, Russland sei nicht der Feind, sondern ein europäischer Partner.
Vorsichtig fragte er dann noch, ob es denn kommunikativ klug sei, am Tag der Deutschen Einheit und am Tag eines 18-Prozent-Tiefs nach Kiew aufzubrechen, und ob man über die Energieversorgung der Ukraine sprechen solle, während die Deutschen unter einer historischen Energiekrise ächzten.
Man kann ihm direkt dabei zusehen, wie er die Reaktionen auf diese Versuchsballons liest und den Ton dann Post für Post nachjustiert.
Erst Ronzheimers Post zieht die zehn Punkte nach sich. Der „Nius“-Artikel folgt Stunden später, gegen 14:50 Uhr, dem Erfolg des Ballons auf X.
Reichelt wiederholt die Frage, was sich die Kritiker der Ukraine-Hilfen wünschten, und erklärt sie für nicht ernst gemeint. Das erkenne man an den mitgelieferten Antworten in Form von Verunglimpfungsparolen. Die rhetorische Frage wolle keine Antwort, sondern Deutungshoheit über die Kritiker einer gescheiterten Politik. Deshalb nun seinen – Reichelts – Antworten, ganz genau in zehn Punkten:
Die ersten drei bleiben ausweichend. Da geht’s zunächst um Journalisten und Politiker, die nicht auf jede Kritik mit der Wahl zwischen Leben und Tod, Demokratie und Diktatur kämen. Man könne Kritik äußern, ja, aber ohne für den Untergang verantwortlich zu sein, wie man in der Pandemie hätte lernen können.
Eine Haushaltspolitik, die abseits der Ukraine-Hilfen Zahlungen für Ausländer einstelle, solange für das eigene Land kein Geld da sei, und die nicht mehr Begeisterung für die Ukraine als für Deutschland zeige. Eine Energieministerin, die sich um deutsche Atomkraftwerke kümmere, wenn sie sich um ukrainische kümmere.
Was Reichelt da so tastend schwadroniert, ist reine Fairnessrhetorik und überhaupt keine Absage an die milliardenschweren Ukrainehilfen.
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Im Umkehrschluss heißt es: Küsst Merz auch die deutsche Fahne und ist genug Steuergeld übrig, darf er auch nach Kiew und den dicken Maxe spielen. Und weiter bei Reichelt: Niemand soll frieren, beiden Ländern Kraftwerke, beiden billiger Strom.
Aber das bleibt ein lupenreines Bekenntnis zur Schicksalsfrage Ukraine, nur an ein Fairnessgebot gekoppelt. Zum Corona-Satz ließe sich übrigens noch anmerken, dass Reichelt bei Bild selbst lange brauchte, bis er begriff, wie Kritiker ausgegrenzt wurden. Er hat später bei „Nius“ einmal erzählt, bei Springer habe es eine klare Ansage gegeben, dem Regierungskurs in Sahen Corona zu folgen. Das ändert aber an den zehn Punkten nichts.
Ab Punkt 4 wird die eigentliche düstere Reichelt-Position sichtbar. Im Idealfall einen Bundeskanzler, auf den man sich verlassen könne. Man müsse wahnsinnig sein, Merz noch zu verteidigen, wenn man einen Krieg mit Putin fürchte. Er sei der unfähigste, unzuverlässigste, wankelmütigste und labilste Kanzler der deutschen Geschichte, denkbar ungeeignet als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt.
„Wer Krieg fürchtet, muss Merz fürchten.“ Merz habe Angst vor Lars Klingbeil. Wie solle er Wladimir Putin standhalten? Reichelt bestreitet den Krieg nicht! Er bestreitet den Feldherrn. Er will den Waffengang nicht unter diesem Kanzler führen, sondern unter einem, der Putin standhält! Wer das sein könnte, bleibt er schuldig. Klar ist nur, dass die Erörterung keinen Sinn hätte, wenn er den kommenden Konflikt für gegenstandslos hielte.
Punkt 5 und 6 ziehen nach. Eine Strategie, die nicht fortsetze, was erkennbar gescheitert sei und den Krieg nur verlängere. Milliardentransfers ohne Kontrolle seien keine Strategie. Ukrainische junge Männer mit Bürgergeld nach Deutschland zu locken, schwäche die Ukraine. Und eine EU-Politik, die nicht mehr Geld an Russland als an die Ukraine überweise: im vergangenen Jahr 21,9 Milliarden an Russland, 18,7 an die Ukraine, 2026 rund zwanzig Milliarden an den Kreml.
Reichelt:
„Das ist keine Kriegsstrategie, sondern die Definition von politischem Wahnsinn. Sollte Putin wirklich die NATO angreifen, dann haben wir unter der Führung von Friedrich Merz dafür bezahlt.“
Hier wird er deutlich. Russland ist der Feind, den es zu besiegen gilt. Die Transfers sollen besser überwacht, die wehrfähigen Ukrainer im Land gehalten, die Zahlungen an Moskau gestoppt werden. Das ist keine Absage an die Unterstützung. Das ist die Forderung, sie kriegstauglich zu machen. Bemerkenswert ist nur die Verpackung: so verdreht, dass Leser glauben können, hier habe ein Sinneswandel stattgefunden.
Punkt 7 ist der Kern – oder besser: Die Kernschmelze! Reichelt fodert eine Verteidigungs- und Rüstungspolitik, die den Namen verdient. Seit den Megaschulden habe es keinen intelligenten Satz zur Strategie, zur Abschreckung, zur Bundeswehr der Zukunft gegeben. Und exakt null Reformen in einer dysfunktionalen Armee.
Dafür Panzer für Milliarden, die in einer Auseinandersetzung mit Putin innerhalb weniger Minuten durch Drohnen vernichtet wären. Auch gebe es kein Gremium, das die Verteidigung zukunftsfähig machte. Und dazu Beschaffungswege, die für Deutschland gefährlicher seien als Putin.
Das alles sei ein Haushalt, den Merz selbst „Blackbox“ nennt, ohne dass er wisse, wofür die Milliarden verpulvert werden. Auch gebe es keine Wehrpflicht, weil die Angst vor den Sozialdemokraten größer sei als die vor dem russischen Angriff.
Wer das nicht sehe, so Reichelt, sei vor Propaganda und Selbstergreiftheit erblindet. Auch das ist keine Kritik an der Aufrüstung. Das ist die Kritik am falschen Feldherrn, an den falschen Waffen und daran, dass es nicht einmal gelingt, die Wehrpflicht durchzusetzen. Spätestens hier ist Reichelt bei Döpfner, Poschardt und den Drohnenleuten aus dem alten Umfeld. Das Zeichen an den medial-polit-militärischen Komplex, aus dem er kommt, lautet: Nius ist auf Spur!
Punkt 8 und 9 legen nach. Hohle Sätze wie „wir lassen uns nicht einschüchtern“ solle man lassen, wenn für Putin seit Tag eins der Regierung Merz klar sei, dass Merz sich einschüchtern lasse. Wo seien die Taurus, die er mit Ultimatum liefern wollte? Warum ein Kulturhaus mit ein paar Spionen schließen, wenn Russland versuche, den wichtigsten Flughafen für militärische Logistik in die Luft zu jagen? Den mutmaßlichen Vorfall von Leipzig liest Reichelt ganz selbstverständlich so.
Wer behaupte, Merz lasse sich von Putin nicht einschüchtern, täusche sein Publikum. Putin spreche Deutsch, lese jeden Tag Bild, und sollte er einen Krieg gegen die NATO planen, wünsche er sich keinen Gegner mehr als diesen Schwächling. Wer genau sei „wir“? Klingbeil, Amthor, Schneider, Böhning? Die wären eingeschüchtert und in Sicherheit. Sterben dürften andere.
In Punkt 9 wird die Ansage dann vollständig. Putin habe er immer für gefährlich gehalten. Er wolle Revanche für das Ende der Sowjetunion und werde die NATO zu Lebzeiten herausfordern, nicht gleich im großen Krieg, sondern mit dem Grüne-Männchen-Szenario im Baltikum, um zu beweisen, dass Artikel 5 wertlos sei und „Mourir pour Dantzig?“ in Deutschland mit Nein beantwortet werde. Umso mehr fürchte er Totalversager wie Merz an der Spitze.
Ja: Putin will nach dieser Lesart den Konflikt mit der NATO, also auch mit Deutschland. Das deutsche Bekenntnis ist Reichelt nur noch nicht stark genug. Diese Sätze überlagern jede Bemühung, zuerst so zu tun, als ginge es um Deutschland zuerst.
Punkt 10 dreht die Pointe nach der üblichen — hier fast teuflischen – Springer-Art. Putin würde Merz zum Frühstück auf zwei Bliny verspeisen. Umso gefährlicher, ihm als Journalist bei jeder Kritik zur Hilfe zu eilen und ihn mit der Parole zu verteidigen, die Kritiker wollten die Diktatur. Wer Kritik an Kritik mit „von rechtsaußen“ beginne, mache Propaganda.
Wer hier als Leser nicht aufpasst, könnte herauslesen, hier würden die Kritiker des Ukrainekurses verteidigt, also mutmaßlich die Mehrheit der Nius-Leser. So ist die Mogelpackung von Reichelt aber nicht gemeint. Er meint die Merz-Nahen! Sie sollen den Kanzler nicht decken, sondern dafür kritisieren, dass er gegenüber Putin zu wenig Eier zeigt und Deutschland nicht kriegsfit macht.
Zusammengenommen ist das keine Absage an den Ukrainekurs. Es ist die Ansage, dass der Kurs mit diesem Kanzler, diesen Panzern und dieser Wehrpflicht-Feigheit nicht zu gewinnen sei.
Die Verpackung – Deutschland zuerst, kein Geld, keine kalten Wohnungen – richtet sich an die Leser. Der Inhalt richtet sich an den polit-medialen Komplex, aus dem Reichelt kommt: Nius ist auf Spur. Eine Zäsur ist es nicht.
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