Wie Nius die Ukraine-Linie von Merz und Springer übernimmt – und dafür die AfD moralisiert

Reichelts großes Outing: Bis zur letzten Patrone für die Ukraine

von Alexander Wallasch (Kommentare: 2)

Zwei Ukraine-Freunde bis in den Fremdscham-Tod: Mit Dieter Stein im Schützengraben der Meinungen© Quelle: Nius.de/Screenshot

Auf dem Sofa von Nius vollzieht Julian Reichelt öffentlich, was er lange vermieden hat: das klare Bekenntnis zur Ukraine-Linie von Merz und zum Springer-Komplex. Dieter Stein liefert dafür die moralische Munition gegen Weidel, während Reichelt die Szene als notwendige Empathie und Anschlussfähigkeit rahmt. Was wie eine Debatte wirkt, ist auf der Meta-Ebene eine Inszenierung – zwei Figuren, die ihre Positionen endlich in Besitz nehmen und dabei genau die Moralisierung betreiben, von der sie sich sonst distanzieren.

Um das Ganze nicht zu düster erscheinen zu lassen, beginnen wir mit dem positivsten Moment. Julian Reichelt, ehemaliger Bild-Chefredakteur sowie Gründer und Chefredakteur von Nius, hat sich in den großen Themen unserer Zeit – illegale Massenzuwanderung und Corona- und Impfmaßnahmen – vom regierungsnahen Befürworter zu einem der schärfsten und beliebtesten Kritiker gewandelt.

Beim dritten großen Thema unserer Zeit blieb er allerdings bisher weitgehend stumm: dem Ukrainekrieg. Vor allem dort, wo Kanzler Merz die Schicksalsfrage Deutschlands so unverbrüchlich an die Ukraine gekoppelt hat.

Für Reichelt war das offenbar ein zunehmend quälender Spagat. Kurz vor der Wahl noch Merz-Befürworter (man erinnere sich an Brechtkens „Danke, Merz“), wurde er mit Nius unter Geburtsschmerzen zum Merz-Kritiker – hielt aber gleichzeitig an der Ukraine-Linie des Kanzlers fest und vermied gegenüber seinen Lesern, die überwiegend keine Befürworter dieser Schicksalsfrage Deutschland–Ukraine sind, eine klare Position.

Nun folgt nach quälenden Jahren des Versteckspielens das Outing: ein klares Bekenntnis zur Unterstützung der Ukraine, wie sie der Springer-Palantir-Komplex und der mediale-politisch-militärische Komplex beanspruchen. Eine regierungsnahe Position, die Achse Merz–Döpfner.

Reichelt bekennt sich heute deutlich und klar – samt seiner Chefredakteurin und anderen verbundenen Akteuren – zur Unterstützung der Ukraine, also zu Merz’ Schicksalsfrage, die unüberbrückbar mit der Ukraine verknüpft sein soll.

Was ist passiert? Das Coming-out begann auf der ganz rechten Seite, bei Dieter Stein, Herausgeber der Jungen Freiheit. Stein, der über Jahrzehnte von der Alten hinüber in die Neue Rechte publizierte und auch als eine Art Geburtshelfer für ehemalige Redakteure wie Götz Kubitschek und die Schnellroda-Szene gelten kann, hatte nie Probleme damit, ähnlich wie Compact, für die AfD zu werben, Pro-AfD-Petitionen zu starten und den Wackelpeter-Switch vom Journalismus zum Aktivismus zu vollziehen.

Dieter Stein schrieb jetzt einen scharfen Kommentar gegen Alice Weidel samt Ankündigung auf X..

In einem Interview hatte Weidel die AfD-Position noch einmal klargemacht: den Ukrainekrieg mit allen Mitteln beenden, keine weitere finanzielle und militärische Unterstützung in Milliardenhöhe, Diplomatie vor dem illusorischen Wunsch, Russland zu besiegen oder in eine bedingungslose Kapitulation zu zwingen.

Kurz zum Kontext: Merz will die deutsche Wirtschaft eng an die Rüstungswirtschaft binden, um den Wirtschafts- und Wohlstandsrückbau von Merkel über die Ampel umzukehren und mit Rüstungsgütern Gewinne machen – Stichwort etwa Volkswagen.

Bei Merz‘ Reise nach Kiew begleiteten ihn zehn Vertreter von Rüstungsunternehmen – ausschließlich! Der Blick ging hier auch in die USA, wo der eigentliche Ukraine-Kriegsgegner Donald Trump den Krieg laufen ließ, weil die Rüstungsindustrie – Stichwort Make America Great Again – Zuwächse von 270 Prozent und mehr verzeichnete und allein nach Westeuropa neuerdings 35 Prozent der Rüstungsproduktion gehen. Merz orientiert sich daran: Keine deutsche Wirtschaftssanierung ohne den Ukrainekrieg – das dürfte der Hintergrund sein.

Stein also mit scharfer Kritik am Friedenskurs der AfD. Derselbe Stein, der bei Jasmin Kosubek erklärt hatte, er würde notfalls auch seine Söhne für das Land opfern – eine patriotische Erklärung –, und der kein Verständnis dafür hat, dass die Wehrpflicht nicht wieder eingeführt wird. Abgeschafft wurde sie unter einer CDU-Regierung, unter von Guttenberg, einem Merkel-Minister. Die Wiedereinführungsforderung genau in dem Moment, in dem man langfristig deutsche Soldaten für den Ukrainekrieg gegen Russland braucht.

Ja, man kann allgemein für die Wehrpflicht sein – wie es auch im AfD-Programm steht – und gleichzeitig aber sagen: jetzt und an dieser Stelle nicht, weil die Gefahr besteht, dass wir sie nur wieder einführen, um deutsche Soldaten in der Ukraine verheizen zu können.

Dieter Stein kommt also mit einem moralisierenden, pro-ukrainischen, AfD-kritischen und teilweise diffamierenden Artikel ums Eck. Wenige Stunden später wird er von Ulf Poschardt, dem ehemaligem Chefredakteur und Herausgeber der Welt und jetzt „freiester Mitarbeiter“, hochgelobt: Stein müsste in allen Fernseh-Talkshows vertreten sein.

Stein erhält hier als Belohnung Anerkennung, die Aussicht auf einen Weg zu den Etablierten, nach Jahrzehnten als rechtsnationaler Paria endlich Einlass beim Mainstream.

Aber weiter geht’s: Poschardts Forderung nimmt nun der ehemalige Springer-Kollege Reichelt auf. Prompt sitzt Stein auf dem Sofa von Julian Reichelt in der Morgenshow und darf seinen Weidel-Schmähartikel ein zweites Mal mündlich aufsagen, erweitert von Kommentaren von Reichelt.

Und als wäre das nicht genug, kommt die Vize-Chefredakteurin von Nius, Pauline Voss, mit einem Kommentar via X ums Eck, der das Ganze noch einmal in einfacher Sprache zusammenfasst. Auch sie wiederholt nur die These von der Realitätsverweigerung der AfD, solange man noch keine Regierungsverantwortung habe – danach werde alles wieder gut. Das sei eine kitschige Idee von Siegmund, eine psychologische Entlastungsstrategie, um von einem Dilemma abzulenken. Derselbe Kitsch, den Merz benutze, wenn es um die Milliarden geht, „die wie Honigquellen im Paradies sprudeln“.

Die von der Wehrpflicht als Frau kaum betroffene Reichelt-Vize endet mit dem Satz, es sei Aufgabe der Bürgerlichen, eine Vision zu entwerfen, wie unser Land seine Fähigkeit zurückerlangen kann. Kein Gedanke daran, dass diese neue Wehrpflicht dem Ukrainekrieg dienen und mit patriotischem deutschem Denken so gar nichts zu tun haben könnte. Es geht hier nicht um Landesverteidigung, sondern um einen möglichen Einsatz an der ukrainisch-russischen Front.

Was Stein, Poschardt, Reichelt und Voss verbindet, ist die Einsicht, dass erst das deutsche Engagement und Merz’ Verknüpfung der Schicksalsfrage mit der Ukraine das mutmaßliche Gefahrenmoment erschaffen hat, das es vorher nicht gab. Denn Russland hat kein grundsätzliches Interesse, sich mit Deutschland kriegerisch auseinanderzusetzen – jenseits früherer wirtschaftlicher Interessen, inklusive Nord Stream 2.

Das Interesse wächst allerdings damit, dass Deutschland als größter Unterstützer der Ukraine zur Gefahr für russisches Territorium wird, sobald ukrainische Angriffe mit deutschen oder von deutschen Geldern finanzierten Waffen auf Russland zunehmen. Alles andere – Angriffe auf Zivilisten usw. – ist Kriegsgeschehen oder Propaganda. Das wissen auch diese Protagonisten.

Im Gespräch bei Nius am Morgen monieren Stein und Reichelt immer wieder eine Empathielosigkeit – hier explizit bezogen auf Alice Weidel, die die Ukraine verloren gegeben und damit, so Stein, den heroischen Kampf der Ukrainer abgeschrieben habe. Reichelt rahmt das zum Ende des Gesprächs noch einmal explizit.

Was machen die beiden da? Sie sagen vorher, man wolle nicht so sein wie die Linken mit ihrem Moralisierungsterror – und macht es dann exakt genau so. Reichelt sagt wörtlich, die AfD könne nur anschlussfähig sein, wenn sie nicht unempathisch über den Freiheitskampf von Menschen hinweggehe. Das ist nichts anderes als Merkels humanitärer Imperativ 2.0: Wer die Ukraine nicht unterstützt, ist ein Schwein.

Dieter Stein, ein alter Militarist aus militärischer Familientradition, braucht nur wenige Minuten auf dem Nius-Sofa, um in seine Familiengeschichte zurückzuschwenken, in Schützengrabennostalgie zu versickern und vom Opa zu erzählen, der 1916 in Verdun gefallen sei – als gäbe es nicht in jeder deutschen Familie solche Blutmühlen-Geschichten.

Stein meint weiter, Weidel könne die Ukraine nicht so kritisieren, weil man dann kleinere Länder am Rande Europas wie Finnland, Polen und die baltischen Staaten brüskiere und ihnen sage, sie seien nicht wehrhaft gegen Russland. Dann führt er den mutigen Kampf der Finnen gegen Russland auf. Das mag Geschichte sein, aber Großmächte spielten damals wie heute eine Rolle.

Bei der Ukraine ist es eben kein Fall heroischer Verteidigung: Milliarden aus dem Westen halten den Krieg am Leben, während wöchentlich tausend oder mehr Menschen sterben – in einem Krieg, den man nicht beenden will, weil man daraus Wirtschaftswachstum generieren will? Und währenddessen streifen die Häscher durchs Land auf der Suche nach Kriegsdienstverweigerern, die sie einfangen wie streuende Hunde um sie zum Verrecken an die Front zu karren.

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Wo andere in ihrer Kindheit Asterix-Hefte lasen, hat Stein offenbar Landser-Hefte verschlungen. Finnland habe im Zweiten Weltkrieg die Eroberung durch die Sowjetunion aufgehalten. A ber gleichzeitig wird behauptet, die USA und die Sowjetunion hätten Deutschland vom Hitlerregime befreit. Was ist nun richtig? Hätte man die Sowjetunion auf dem Marsch nach Berlin aufhalten müssen, um das Naziregime zu verteidigen? Was für schräge historische Diskurse sind das?

Stein hat keine Argumente, Reichelt hat keine Argumente. Waldemar Hartmann guckt pikiert – man meint zu erkennen, dass er versteht, was in der Runde schief läuft. Waldi ist halt ein gerader Charakter.

Auch Alexander Kissler macht fast diabolisch gute Miene zum bösen Spiel und amüsiert sich – irgendwie. Stein und Reichelt sind im selben Moment politische Aktivisten mit dem Ziel, die Regierung, also Merz, bei seiner Ukraine-Unterstützung weiter zu stützen.

So missachtet man gemeinsam den gesunden Menschenverstand und führt ein halbseidenes Argument nach dem anderen auf – alles nachzuschauen auf dem Nius-Kanal.

Der Familienmilitarist Dieter Stein stellt sich hin und spricht von einem von pazifistischem Wunschdenken befallenen Deutschland. Oder war es Reichelt? Dieter Stein, der am liebsten wieder Uniformen auf der Straße sehen möchte, stolz hinterherschauend. Es ist alles so piefig, so miefig, so jenseits jeder Moderne, dass einem gruselt.

Julian Reichelt ist allerdings schon eine moderne Gestalt mit brillantem Verstand – das darf man nicht unterschätzen. Er gefällt sich in der Rolle, ein bisschen laut, ein bisschen punkig, ein bisschen rechts.

Und weil Stein alles gerade so brav aufsagt und auf der Zielgeraden seines Lebens mit der Jungen Freiheit endlich positiv ankommen möchte, liefert Reichelt die ersehnten Worte:

„Von meiner Seite freue ich mich wahnsinnig, dass Sie heute hier sind. Das ist aus meiner Sicht gerade unter dem Absender Junge Freiheit eine über viele Jahrzehnte tapfer, mühsam und großartig aufgebaute Medienmarke.“

Die Gegenleistung für den Stein-Text.

Die AfD sei mitleidslos, so Stein, in ihrer Politik gegenüber angegriffenen Staaten. Bombardierung der Zivilbevölkerung spiele keine Rolle mehr. Dann kommt die unerhörte Watsche gegen die Ostdeutschen: Als westlich geprägter Konservativer gehe er das schlichtweg nicht mit. Der Siegestaumel der Ost-Wahlen habe zu einer Verhärtung und unmoralischen Art geführt, die Dinge zu betrachten.

Reichelt unterstellt den Ostdeutschen sogar einen im bürgerlichen Lager verankerten Antisemitismus. Beides habe die CDU früher immer absorbiert, aufgehalten und Deutschland auf Kurs gehalten. Das verändere sich fundamental, wenn die AfD übernimmt – und diese Debatte werde in der AfD bisher nicht laut genug geführt.

Mit anderen Worten: Man ist für Reichelt auch noch Antisemit, wenn man sich der Ukraine-Unterstützung widersetzt. Hier wird alles gezogen, was man aus linken Diffamierungskampagnen kennt. Eine Kampagne, die Stein dient, der endlich dazugehören möchte, und Reichelt ermöglicht, sein Schweigen zur Ukraine zu brechen – geschützt, so glaubt er, weil er einen der großen Medienmacher der Rechten im Boot hat. Man kann die Leser kaum falscher für blöd erklären.

Es gibt Scheinargumente: Die Milliarden brauche man zu Hause, aber sie würden für Bürgergeld für Ukrainer ausgegeben – als falle der Ukrainekrieg mit 100 Milliarden Euro nicht viel schwerer ins Gewicht. Und Stein erwähnt die wehrfähigen Ukrainer: Warum seien die nicht längst zurück in der Ukraine, an der Front zum Verrecken? So einfach ist das. Erst moralisieren, Merkels elitären Imperativ bemühen – und gleichzeitig der Meinung sein, man könne diese Menschen einfach an der Front verrecken lassen.

Das ist keine Moral, nicht einmal Doppelmoral, sondern Abwesenheit von Moral: Heuchelei.

Vielleicht agiert Stein wirklich aus altem militärischem, miefigem Idealismus heraus. Oder er unterstützt den politisch-medial-militärischen Komplex, den Springer-Palantir-Komplex, der an diesem Krieg verdienen will. Da könnte man sich auch mal das Aktienpaket bestimmter Herren anschauen – Merz, und warum nicht auch Reichelt, falls er eins hat.

Weiter wird in der Runde von verschiedenen Flügeln der AfD philosophiert – transatlantisch, russisch usw. Das spiegelt zwar nur die neue Pluralität innerhalb der AfD, der neuen und einzigen großen Volkspartei, der größten Oppositionspartei. Aber Reichelt und Stein wollen diese Pluralität nicht erhalten. Man will, dass die AfD ihren Standpunkt aufgibt, Friedensbemühungen aufgibt und den Krieg weiter befeuert. Dass sie die etablierte Position übernimmt und am Ende keiner mehr in der Opposition gegen diesen Krieg zurückbleibt.  Kein Theater mehr, wenn die nächsten 100 Milliarden in den Krieg und den Wiederaufbau fließen, den dann auch Deutschland bezahlen muss.

Stein sagt, was in Deutschland wirklich fehle – und man könne sich von der Ukraine oder anderen osteuropäischen Staaten eine Scheibe abschneiden – sei ein wirklich existierender Wehrwille.

Aber Deutschland führt keinen Krieg, wird nicht angegriffen, unterstützt aber mit Milliarden einen Krieg. Dagegen wehrt sich die AfD. Dass genau diese Unterstützung am Ende zur Bedrohung für Deutschland wird, und Stein dennoch einen fehlenden Willen beklagt – es kann kaum bigotter und verdrehter daherkommen. Man kann dafür kein Verständnis haben, ohne selbst moralisieren zu wollen.

Aber bleiben wir positiv: Ein Vorteil ist das Outing von Julian Reichelt, der endlich klarstellt, wes Geistes Kind er ist: ein klarer Unterstützer des Merz’schen Ukraine-Kurses und des Springer-Komplexes. Der Mann, der klare Standpunkte vermarktet, hatte lange keinen. Seinen neuen in der Ukrainefrage muss er jetzt mit seinen Lesern ausmachen.

Da wird ihm am Ende auch kein Dieter Stein helfen. Denn Stein ist in seinen Kreisen längst als das erkannt worden, was er ist: ein älterer – oft verbittert wirkender — Herr mit schiefen nostalgischen Gefühlen für den soldatischen Vater und Großvater. Ein von den Schußverletzungen der Ahnen Getriebener der in den militärischen Komplex zurück will, samt eine Sehnsucht nach seinen Landser-Heften. Soll er sie lesen. Aber seine Kriegsphantasien soll er bitte für sich behalten.

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