Im Rahmen einer Ringvorlesung der Universität Hamburg fand am 2. Juni 2026 in der Mennonitenkirche ein öffentlicher Vortrag der Journalistin und Publizistin Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz statt.
Nach einer Begrüßung durch Pastor Schmitz-Bethge – in den Räumen seiner Mennonitengemeinde fand der Vortrag statt – und einer Einleitung des zuständigen Professors Dr. Fernando Enns begann Krone-Schmalz mit ihrem Beitrag unter dem Titel „Feindbilder dekonstruieren“.
Krone-Schmalz eröffnete mit dem Hinweis, dass sie vor rund einem halben Jahrhundert bereits ihre Magisterarbeit und Dissertation zu Freund- und Feindbildern verfasst habe. Damals habe sie nicht erwartet, dass diese politische Technik, Feindbilder zu erschaffen und zu pflegen, „in dieser Weise auferstehen würde, wie es jetzt der Fall ist“. Sie habe gehofft, die Menschen würden sich das künftig nicht mehr bieten lassen, da sie die Erfahrung gemacht hätten, „wie hohl die Sache mit den Feindbildern ist und wie gut man damit eine ganze Gesellschaft manipulieren kann“.
Sie betonte, sich nicht mit der Frage beschäftigen zu wollen, „wer auf diesem Wege wann was falsch gemacht hat“, obwohl sie Anhängerin von Chronologien sei. Wichtiger sei es, „im Jetzt anzusetzen und über Perspektiven nachzudenken“. „Denn aus meiner Sicht sind wir auf einem völlig falschen Weg. Der ist nicht nur falsch, der ist hochgefährlich.“
Zur Dekonstruktion von Feindbildern seien zwei Punkte besonders zu beachten: die Analyse der Mittel, mit denen sie geschaffen werden, und die Auseinandersetzung mit dem demokratischen System, das nur mit mündigen Bürgern funktionieren könne. „Die werden aber nicht automatisch so geboren. Die muss man machen. (…) Die muss man bilden.“ Bildung sei neben umfassender Information „das A und O für mündige Bürger“.
Damit meine sie nicht nur bestandene Prüfungen, sondern auch das, was ihre Oma „Herzensbildung“ genannt habe: Verständnis, Gespür dafür, was man tut und was man nicht tut, obwohl es erlaubt sei, den Wert von etwas zu erkennen, ohne sich um den Preis zu scheren, und die Erkenntnis, dass sich nicht alles messen und in Zahlen pressen lasse. Wenn diese Bildung dazu führe, dass jeder Einzelne sich das Recht herausnehme, „selber zu denken und nicht gängige Narrativen (…) blind zu folgen“, sei schon viel gewonnen. Zusätzlich brauche es die Möglichkeit umfassender, nicht einseitiger Information und „ein bisschen Mut (…) im Sinne von Zivilcourage“.
Sie zitierte den Aufklärer Jean Paul: „Man darf mit Erlaubnis der Obrigkeit dumm, aber nicht ohne sie klug sein.“ Diese über 200 Jahre alte Aussage habe „eine beängstigende Aktualität“. Ein gebildeter Mensch wisse, dass sich die Welt „nicht in Gut und Böse einteilen lässt“. Es gebe „in der Regel Mischformen“. Auf dieser Grundlage müsste er eigentlich „immun gegen Feindbilder“ sein.
Krone-Schmalz berichtete von ihren Erfahrungen unterwegs: Viele Menschen wollten den Kontakt zu Russland behalten und äußerten Sorge angesichts der „Unversöhnlichkeit in Politik und Medien“. Noch sei es nicht gelungen, „das Feindbild Russland flächendeckend zu zementieren“, doch auf Dauer würden die Bemühungen Wirkung zeigen. „Wehret den Anfängen!“
Feindbilder entfalteten zerstörerische Wirkung in doppelter Hinsicht, so die Rednerin. Entscheidungsträger in „irgendwelchen Blasen“ riskierten, ausschließlich auf dieser Grundlage zu entscheiden. Andere, die das demokratische System nicht begriffen hätten – „Das Volk ist der Souverän, nicht die Regierung“ – schafften und instrumentalisierten Feindbilder, um Entscheidungen durchzusetzen.
Im Fall Russlands bedeute das, Angst zu schüren, „dass die Russen demnächst in Berlin stehen“, ungeachtet der tatsächlichen Möglichkeiten, mit Ideologie und moralischer Aufladung zu arbeiten und Sätze zu etablieren wie „Unsere Freiheit wird in der Ukraine verteidigt“ – was genauso wenig stimme wie damals die Behauptung, sie werde am Hindukusch verteidigt. Jeder habe „das Recht auf seine eigene Meinung, so Krone-Schmalz weiter. „Es gibt nicht die eine Wahrheit.“ Das System müsse das aushalten. „Sobald in einer Demokratie mit Feindbildern hantiert wird, geht die DNA der Demokratie verloren.“
Besonders skeptisch äußerte sie sich zum „veränderten Selbstverständnis von Journalismus (…) von Berichterstattung zum Haltungsjournalismus“. Manche erklärten diesen sogar zur demokratischen Pflicht. Sie aber halte das Gegenteil für richtig: „Haltungsjournalismus ist Gift für demokratische Systeme. Das hat eher was mit Missionieren zu tun.“ Journalisten seien „weder die besseren noch die klügeren Menschen“, sondern im besten Falle „Profis, die wissen, wie man recherchiert“. Sie seien „Dienstleister“, um Bürger mit Informationen zu versorgen, „aber sich eben nicht zum Ausmalen von Feindbildern missbrauchen zu lassen“. Wenn Journalisten aus politischen Argumenten moralische machten, verliere die Gegenposition „von vornherein ihre Legitimität“. Das sei „eine besonders hinterhältige Form von Respektlosigkeit“.
Zur Analyse der Mittel nannte sie drei Punkte und lieferte Beispiele:
Als Beispiel nannte sie die Meldung vom September des Vorjahres, wonach Russen das GPS-System des Dienstjets von Ursula von der Leyen lahmgelegt hätten und die Landung nur mit Papierkarten gelungen sei. Die Geschichte habe sich als falsch erwiesen. Die Berichterstattung darüber sei, wenn überhaupt, nur „kleckerweise und an nicht so prominenter Stelle“ erfolgt. Besonders peinlich sei die Behauptung einer einstündigen Verspätung durch Kreisen gewesen – die Zeitzonenunterschiede zwischen Warschau und dem bulgarischen Zielflughafen seien schlicht übersehen worden.
Der Krieg in der Ukraine habe nicht erst 2022, sondern 2014 begonnen – „aber nicht durch einen russischen Angriff (…), sondern durch die sogenannte Antiterroroperation Kiews gegen Gebiete im Osten der Ukraine“. Ursache und Wirkung dürfe man nicht verwechseln.
Auch die Behauptung, Russland habe 2008 Georgien angegriffen, sei falsch. Eine EU-Fact-Finding-Mission und der Internationale Gerichtshof in Den Haag hätten bestätigt, dass Georgien in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 mit einer Großoffensive auf die schlafende Zivilbevölkerung in Zchinwali der Angreifer gewesen sei. 162 Zivilisten seien dabei ums Leben gekommen, bevor Russland reagiert habe. Trotzdem werde in der westlichen Wahrnehmung Russland zum Aggressor und Georgien zum Opfer gemacht. „Passt einfach besser ins Feindbild.“ Einzelheiten und Fakten störten dieses Bild; sie verwies auf ihr Buch Eiszeit mit Quellen.
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Ähnlich sei es bei der Behauptung, der hohe Industriestrompreis sei durch den „russischen Angriffskrieg“ ausgelöst worden: „Nein, wir haben auf russisches Gas verzichtet (…). Es war eine bewusste Entscheidung.“
In Nachrichten heiße es „Präsident Trump“, aber oft „Machthaber Putin“. Westliche Politiker „sagen“ etwas, Putin „behauptet“; bei den „Guten“ seien unbewiesene Dinge „wahrscheinlich“, bei Russen „angeblich“. Putin sei „angeklagt wegen Kriegsverbrechen“, Netanjahu wegen „angeblicher Kriegsverbrechen“. Ukrainische Drohnen über Polen seien „verirrte Objekte“, russische „dringen ein“. Auch journalistische Fragen wie „Glauben Sie, dass es gelingt, das russische Vermögen für die Ukraine nutzbar zu machen?“ oder „Wie kann man Trump da stoppen?“ seien keine journalistischen, sondern parteiische.
Dieses Verhalten funktioniere „ganz automatisch“, wenn es bequemer und sicherer sei, mit dem Strom zu schwimmen. Sie erinnerte an den Spruch „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“, der in den Studentenprotesten der 1960er/70er Jahre als Handlungsanweisung im Sinne der Aufklärung gedient habe, und zitierte aus dem Vorwort ihrer Dissertation von 1977, in dem sie bereits vorurteilsbeladene Bilder kritisierte. Sie habe gedacht, fünfzig Jahre später seien wir weiter.
Hinderlich sei die semantische Umwidmung des Begriffs „Verstehen“: Als „Russland- oder Putinversteherin“ zu gelten, sei nicht anerkennend gemeint. Doch „etwas zu verstehen, zu begreifen ist die Voraussetzung für sinnvolles, intelligentes Handeln“. Verstehen werde mit „Verständnis haben“ verwechselt, Erklären mit Rechtfertigen. Ähnlich sei der Begriff „Querdenker“ von etwas Positivem – in Stellenanzeigen gesucht – zu etwas Negativem gewandelt worden. „Warum lassen wir uns diesen schönen, aussagekräftigen Begriff klauen?“
Der Feind von Feindbildern sei Differenzierung. Man müsse sich vom „Entweder-Oder-Denken“ verabschieden, das sie als westlich geprägt beschrieb: Entweder gut oder böse. In Russland habe sie eine andere Fähigkeit zur Differenzierung erlebt. Trotz des unvorstellbaren Leids durch Deutsche im Zweiten Weltkrieg (27 Millionen Tote) seien sie und ihr Mann (Jahrgang 1928) zwischen 1987 und 1991 „kein einziges Mal als Nazi oder Scheißdeutscher beschimpft worden“. In westlichen Ländern Europas sei ihnen das passiert, in Russland nie. Dort habe man Menschen gesehen und sich nicht von der Nationalität beeindrucken lassen.
Diese Denkweise erkläre auch das russische Verhalten gegenüber Deutschen heute – trotz martialischer Äußerungen deutscher Politik und Medien und trotz russlandfeindlichen Verhaltens. „Wie schaffen die das?“ Vielleicht, weil politische Führung und Bürger „zwei Paar Schuhe“ seien und die veröffentlichte Meinung nicht mit der öffentlichen übereinstimmen müsse. Zur Wahrheit gehöre allerdings, dass sich die Stimmung in Russland nun spürbar ändere und Ablehnung entstehe.
Feindbilder brauche man, „wenn rationale Argumente nicht ausreichen“. So erklärten sich Forderungen deutscher Politiker, die Bevölkerung müsse davon überzeugt werden, „dass die Russen unser Feind sind“ und man „kriegstüchtig“ werden müsse. „Was ist das (…) für ein Demokratieverständnis. Nicht die Bevölkerung muss von irgendetwas überzeugt werden, sondern die Regierung muss davon überzeugt werden, auf der Basis realer Gegebenheiten im Interesse derjenigen zu handeln, die sie gewählt haben. Wir sind keine Untertanen.“
Ein weiteres Mittel sei das Messen mit zweierlei Maß. Die Bombardierung Serbiens durch die NATO 1999, der US-Einmarsch im Irak 2003 oder der Angriff auf den Iran durch Israel und die USA seien genauso völkerrechtswidrig wie der russische Einmarsch in die Ukraine – „so genannt werden sie aber nur bei den Staaten, die in der Schublade mit der Aufschrift Feindbild einsortiert sind“. Sie nannte Beispiele einseitiger Stellungnahmen und UNO-Resolutionen sowie die Berichterstattung über die US-Aktion in Venezuela.
Man solle sich dieser Mechanismen bewusst sein und fragen: „Wem nützt das eigentlich?“ Das helfe, sich gegen Feindbilder zu immunisieren. Sinn und Zweck von Feindbildern sei es, „Menschen mit ihrem Verhalten in eine ganz bestimmte Richtung zu drängen“.
Zum Abschluss zitierte sie Hermann Göring aus dem Jahr 1946 – im Gespräch mit dem Gefängnispsychologen während der Nürnberger Prozesse: „Nun, natürlich, das Volk will keinen Krieg, aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen. Und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen (…). Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen (…). Diese Methode funktioniert in jedem Land.“
Und von Arthur Schopenhauer: „Jeder Einzelne von uns ist nicht nur dafür verantwortlich, was er tut, sondern auch dafür, was er widerspruchslos hinnimmt.“
Mit den Worten „Danke, dass Sie mir so lange zugehört haben“ beendete Krone-Schmalz ihren Vortrag.
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Kommentar von stephan manus
"Zum Abschluss zitierte sie Hermann Göring aus dem Jahr 1946"
Dann zitiere ich mal Hitler. In seiner Denkschrift vom August 1936 zum "Vierjahresplan" umriss programmatisch das Ziel, Wirtschaft und Armee innerhalb von vier Jahren in Kriegsbereitschaft zu versetzen. Kommt einem bekannt vor und passt exakt zu den heutigen Narrativen und Forderungen der Altparteien.
"Russlandversteherin". Es gibt sie noch die Guten mit Verstand. Leider viel zu wenige. Übrigens, Wohlstand in Deutschland ohne Russland wäre schlichterdings unmöglich gewesen. Danke dafür.