Immer wenn es im Nahen Osten knallt, wird zuverlässig der Journalist und vielfacher Bestsellerautor Peter Scholl-Latour angerufen – nach dem Motto: Wenn er noch unter uns weilte, hätte er die richtigen Antworten schon gefunden. Scholl-Latour hat in Deutschland einen Begriff allein auf sich vereint: den Welterklärer. Mit ihm starb dieses Genre aus.
Scholl-Latour starb 2014 mit 90 Jahren. Er war ganz früher auch mal Programmdirektor des WDR und Herausgeber des „Stern“. Aber immer wieder bereiste er die Welt und hier vor allem den Nahen Osten, wo er sich das Vertrauen etlicher bedeutender Protagonisten als fairer Berichterstatter erarbeiten konnte.
Um zu erklären, was Peter Scholl-Latour ausmachte, muss man zunächst darauf hinweisen, dass er ein Journalist der Vor-Internet-Zeit ist. Scholl-Latour ist dorthin gefahren, wo etwas passierte, er war am Platz, wo Weltgeschichte geschrieben wurde. Er führte Zehntausende von Gesprächen mit genau jenen Köpfen, die Weltgeschichte schrieben, ob nun hinter den Kulissen oder auf der Bühne.
Und Scholl-Latour gelang es zudem auf besondere Weise, sich trotz der besonderen Nähe zu den Protagonisten nicht vereinnahmen zu lassen.
An seinem neunzigsten Geburtstag wenige Monate vor seinem Tod, gab der Ausnahmejournalist noch ein Interview. Davon existiert eine Aufzeichnung bei Phoenix: Scholl-Latour vor einer Bücherwand, sein legendäres Verschlucken von Wort-Endungen inklusive – ja, man musste in den letzten Jahren des Welterklärers schon genau hinhören, aber es lohnte immer.
Bei der Gelegenheit erzählte Peter Scholl-Latour dem Interviewer, wie er Ayatollah Khomeini 1979 auf dessen Rückkehr nach Persien auf dem legendären Flug begleitete, der von Millionen Persern bei dessen Ankunft frenetisch bejubelt wurde – man kann rückblickend sagen, viele wussten nicht, was noch kommen sollte.
Noch während des Fluges aus dem französischen Exil, so erzählt es Scholl-Latour, sei vollkommen unklar gewesen, ob das Flugzeug nicht doch noch abgeschossen werde. Die Operation „Fliegender Teppich“ endete dann mit der triumphalen Heimkehr dieser „biblischen Figur“, wie Scholl-Latour Khomeini nannte.
Aber zuvor passierte noch etwas Außergewöhnliches, das den guten Ruf Scholl-Latours im Nahen Osten weiter festigte: Der Ayatollah wusste nicht, ob er nach seiner Heimkehr direkt verhaftet werden würde. Und damit es nicht in die falschen Hände fiel, übergab er dem Journalisten Scholl-Latour noch im Flieger einen gelben Umschlag mit der Bitte, ihm diesen nach einer sicheren Rückkehr doch bitte zurückzugeben.
Später erfuhr der Journalist, dass sich darin die neue iranische Verfassung befunden habe. Scholl-Latour war also, wie er es im Interview mit einem Lächeln sagte, „zwei Stunden lang der Wächter der Verfassung“ gewesen. Was diese Verfassung den Persern am Ende genutzt bzw. welches unendliche Leid für viele aus dieser Herrschaft hervorging, bleibt rückblickend allerdings unbestritten.
Scholl-Latour also 2014 im Interview: Und schon damals war die Frage nach einem Bestreben der Iraner nach der Atombombe ein allgegenwärtiges Thema der Nahost-Debatten.
Der Journalist erinnert im Gespräch daran, dass die Feindschaft zwischen Schiiten und Sunniten den überspringenden Funken des politischen Islam aus dem Iran verhindert habe. Es habe sich sogar eine „Todfeindschaft“ entwickelt, „die schlimmer ist als die Feindschaft gegenüber den Christen“.
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Scholl-Latour wird auch nach der Sorge um eine iranische Atombombe gefragt. Seine Antwort:
„Wahrscheinlich ist das ähnlich wie in Amerika, da gibt es Leute, die möchten bombardieren, und andere wissen, dass ein Bombardement ein totales Fiasko sein würde. Im Iran gibt es zweifellos welche unter den Revolutionswächtern, der Garde des Regimes, die Bomben bauen möchten.“
Khomeini sei nie besonders begeistert gewesen davon, fügt Scholl-Latour an. Und weiter:
„Was würde es ändern? Die Idee, dass die Iraner eine Atombombe auf Israel abwerfen, ist völlig blödsinnig. Das wäre die Selbstvernichtung des Iran. Zu Recht würden dann sowohl die Israelis, die auf ihren U-Booten ihre Bomben haben, als auch die Amerikaner den Iran auslöschen. Das ist alles dummes Gerede.“
Die Befürchtungen der Amerikaner richteten sich, so Scholl-Latour 2014, schon mehr auf Pakistan als auf den Iran.
Die Frage, die man Scholl-Latour hier gerne noch gestellt hätte: Aber wie fanatisch sind die Revolutionsgarden und die iranische Führung? Würden sie die Chance der Zerstörung Israels wahrnehmen, selbst wenn es dabei einem Suizid des gesamten Iran gleichkäme? Kanzler Merz hatte vor wenigen Tagen genau mit dieser Frage seine Unterstützung der USA und Israel erklärt: Nein, dieser Suizid ließe sich nicht ausschließen.
Wer ist der Scholl-Latour der Gegenwart? Wo sind die Welterklärer, die über dem Sessel und das Internet hinaus direkt vor Ort mit den Protagonisten sprechen, Unbequemlichkeiten und Risiken in Kauf nehmen, um der Wahrheit näher zu kommen?
Hier das Interview mit Scholl-Latour zum Nachschauen
Noch ein Ausschnitt von Scholl-Latour:
„Und dann dieses ständige Pöbeln gegen den Iran. Der Iran hat uns doch nichts getan. Das wäre für uns ein fabelhafter wirtschaftlicher Partner. Und ob die nun eine Atombombe bauen oder nicht, Pakistan hat eine Atombombe. Und die ist sicherlich sehr viel bedenklicher als alles, was die Iraner eines Tages konstruieren werden.“
Der Iran hat uns nichts getan? Der Interviewer fragt an der Stelle nicht nach, was die iranische Führung den Iranern angetan hat. Also danach, was Israel und die USA vorgaben 2026 neben der Sorge um eine iranische Atombombe zum Anlass genommen zu haben, den Iran anzugreifen.
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Fotograf und Autor Christian Witt ist gestern für Alexander-Wallasch.de in das Vierländereck Armenien, Aserbaidschan, Türkei und Iran aufgebrochen, dort, wo aktuell alles auf die Kurden schaut, die den Iran von Norden aus destabilisieren und iranische Kräfte binden sollen, so die Idee der Amerikaner und Israelis.