„Seenotrettung“: Ein aufsässiger Pfarrer gegen den EKD-Vorsitzenden

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„Seenotrettung“: Ein aufsässiger Pfarrer gegen den EKD-Vorsitzenden
In Seenot geratene Flüchtlinge © Foto: Pixabay / Bonnie Ferrante

Zuerst erschienen im Oktober 2020 bei Tichys Einblick

Matthias Dreher veröffentlichte unter der Rubrik „Aussprache“ einen dreispaltigen Einseiter in einem Korrespondenzblatt des Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins der evangelischen Kirche in Bayern.

Ein freundlich ausschauender Pfarrer Dreher aus Nürnberg stellt sich auf der Internetseite seiner Gemeinde mit Foto vor, ebenfalls eine Pfarrerin Dreher. Der Name kann hier genannt werden, weil beispielsweise der Spiegel ihn bereits in seine Headline gesetzt hat.

Warum? Pfarrer Matthias Dreher hat es gewagt, seiner Kirche in der Frage der so genannten Seenotrettung zu widersprechen, und sich dafür unter anderem den Zorn des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zugezogen. Heinrich Bedford-Strohm war offensichtlich außer sich, anders lässt es sich nicht erklären, dass er die Kritik des bayrischen Pfarrers unter anderem mit Bezug auf die Oxford-Studie abschmettern wollte. Eine Studie, die belegen soll, dass es keinen Pull-Faktor gibt, die aber auch in etablierten Kreisen als nicht aussagefähig bezeichnet wird. So hatte selbst Gerald Knaus, der von Soros co-finanzierte Vordenker des Türkei-Deals im Interview mit TE und zuvor schon im Gespräch mit dem Welt-Redakteur Robin Alexander diese Studie in Zweifel gezogen beziehungsweise als unrichtig befunden.

Für Bedford-Strohm ist das allerdings offenbar kein Grund, diese Studie nicht trotzdem gegen einen kritischen Pfarrer aus den eigenen Reihen zu verwenden. Geht man davon aus, dass Bedford-Strohm um die Fehler der Studie weiß, muss die Wut über diese öffentliche Kritik tatsächlich eine große sein beim EKD-Chef, wenn er sie dennoch zitiert, also zu einem unsauberen Mittel greift.

Aber was genau hatte der couragierte Nürnberger Pfarrer in Sachen Seenotrettung gesagt oder geschrieben, was seinen Kirchenoberen so in Wallungen gebracht hat und zudem eine Reihe der etablierten Medien noch dazu? Matthias Dreher veröffentlichte unter der Rubrik „Aussprache“ einen dreispaltigen Einseiter in einem Korrespondenzblatt des Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins der evangelischen Kirche in Bayern mit dem Titel „Ein Christ kann ertrinken lassen“.

Trotz provokanter Überschrift eigentlich nicht erwartbar, dass so einen Artikel in einem auflagenschwachen Spezialblättchen eine solche Welle macht. TE ruft bei Dreher an, bittet um Rückruf, die Stimme auf dem Anrufbeantworter ist freundlich, fast sanft. So der Rückruf kommt, soll eine Frage an Dreher sein, wie viele Anrufe bereits auf seinem Anrufbeantworter sind, ob die berichtenden Medien überhaupt mit ihm sprechen wollten und ob gar die professionalisierten so genannten Seenotretter rund um den EKD-Chef bereits ein paar fiese Fingerabdrucke hinterlassen haben. Zu spaßen ist ja mit dieser Klientel kaum, eine einflussreiche Dresdner Organisation wird von Aussteigern gar als linksextrem bezeichnet, Seenotrettung ist auch ein Antifa-Ding, wird beispielsweise von Rebecca Sommer von Lesbos aus berichtet.

Also der Blick ins kleine evangelische Blättchen, das so dröge und frei von Fotos daherkommt. Zwanzig Seiten Text für Pfarrer von Pfarrern im 135. Jahrgang für Oktober 2020. Die Ausgabe endet mit einem Witz von einem Pfarrer, der Probleme mit seinem Mikrofon hat und murmelt: „Mit dem Mikro stimmt etwas nicht.“ Und die Gemeinde antwortet ihm: „Und mit Deinem Geist.“ Das ist offensichtlich, was Pfarrer untereinander spaßig finden. Oder auch nicht.

Nach einem Artikel über den Dialog der Kirche mit dem Islam, wo zur Mission unter Muslimen aufgefordert wird, also Matthais Dreher mit „Ein Christ kann ertrinken lassen“.

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Für Dreher ist es ein „deprimierend unterkomplexes Todschlag-Argument“, welches in der „ethischen Frage nach privater oder kirchlicher Seenotrettung“ immer öfter gezogen wird. Die Argumente der Befürworter seiner Kirche nennt er ein „übliches populistisches Verfahren.“ Klar, dass das seinen Oberhirten massiv auf die Palme gebracht hat, denn Populismus ist ja normalerweise reserviert für Rechte, für Kritiker der Regierung Merkel und auch für Kritiker des Schlepperwesens vor der libyschen Küste, vor Lesbos und anderswo.

Schnell stellt Dreher in seinem Artikel aber auch klar, das er selbstverständlich, stände er an der Reling eines Schiffes und blicke auf einen Ertrinkenden hinunter, diesen sofort retten würde. Nun wäre es nach Dreher aber so, dass selbst noch „akademisch hochgebildete Ethiker auch in der Kirchenleitung“ Probleme auf einmal nicht mehr strukturell und systemisch angehen würden, sondern damit, dass sie die Szene an der Reling „aus dem Kontext der Notsituation einfach herausschneiden.“

Ja, der Pfarrer ist schon ein wenig ein Verkopfter, aber man kann ihm folgen. Seine Kritik geht dahin, dass es „ungern eingestanden“ wird, dass sich die zu Rettenden zunächst auf seeuntüchtigen Booten mit Sprit für wenige Seemeilen bewusst in Lebensgefahr bringen würden. Und weiter, dass die Seenotretter zwar nicht mit den Schleppern operieren würden, man aber von einander wisse (Red.: Tatsächlich haben Festnahmen auf Lesbos eben doch diesen Verdacht einer Zusammenarbeit genährt) und die jeweiligen Seefahrt-Bewegungen aufeinander abstimme.

Dreher zitiert den Politologen Egbert Jahn, welcher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Geschäft der Schlepper und das Zusammenspiel mit den Schiffen der Nichtregierungsorganisationen (NGO) beschreibt. Die Betrachtungsweise von Bedford-Strohm – Dreher nennt hier jetzt explizit den „Ratsvorsitzenden der EKD“, der Angriff erfolgt also direkt – die systemische Betrachtungsweise des Vorsitzenden würde lauten: „Die Schlepper seien menschenverachtende Verbrecher während die Seenotretter Ausbund christlicher Verantwortung seien.“

Und Dreher beschuldigt Bedford-Strohm, dieser wolle nicht, dass den Menschen bewusst wird, dass „beide in ein und dieselbe Migrations- und Transport-Struktur eingespannt sind.“ Man beachte hier die Wortwahl Drehers, der Mann macht keine Gefangenen, bringt seinen EKD-Chef vorsätzlich zum Toben.

Dreher möchte wissen, was das nun für Menschen seien, die da gerettet werden, mit denen man laut Bedford-Strohm nun „teilen“ müsse. Dreher zitiert dazu weiter aus einem Spiegel-Interview mit Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz, der von Männern zwischen 20 und 30 Jahren erzählt, vergleichsweise gut gebildet und nicht arm. Klingholz sagte, zitiert Dreher: „Die vielbeschworene Armutsmigration nach Europa ist also ein Mythos.“

Also fragt der Pfarrer weiter: „Warum also reden die Seenotretter und ihre Befürworter von diesen Menschen als von minderbemittelten, aus größter Not fliehenden, desinformierten, bestenfalls naiven, also quasi unmündigen Individuen?“ Vielmehr müsse gesagt werden, dass diese Männer auch die Frauen und Kinder gleich mit ins Risiko ziehen.

Der Text ist bald vorbei, aber der Bezug zur zum Aufreger gewordenen Überschrift ist immer noch nicht hergestellt. Dann aber wird Dreher konkreter. Die Boot-Migranten „verfolgen ihren Wunsch nach einem besseren Leben. Das gibt ihnen aber weder das Recht, diesen Wunsch erfüllt zu bekommen, noch verpflichtet es uns ethisch zu entsprechender Erfüllungshilfe – erst recht nicht jenseits deutscher Hoheitsgebiete zu Wasser und zu Land.“

Klar, dass ist die Argumentation eines Kirchenmannes. Dieser Umweg ist aber vollkommen unnotwenig. Denn es gibt nationales, europäisches und internationales Recht, die diese Form der Zuwanderung nach Europa bzw. Deutschland nicht gestatten, schlicht, weil sie illegal ist. Und also automatisch bei Zuwiderhandlung die Exekutiv-Organe beauftragen.

Dreher betont es im Abgang seines Artikels: Selbstverständlich sei es „christliche Aufgabe, auf das Ertrinken im Mittelmeer mahnend und dezimierend einzuwirken“. Der Pfarrer aus Nürnberg möchte aber lieber, dass die Afrikaner schon in ihren Heimatländern davon abgehalten werden, sich auf einen illegalen Weg zu machen.

Dreher sagt es deutlich: Die operative Struktur-Politik soll dem Staat überlassen werden getreu dem Motto, so Dreher: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Und dann folgt doch noch der Stein des Anstoßes aus der Überschrift: Dreher befindet am Ende seiner Erörterung, dass ein „Christenmensch, soweit er nicht wie der Samariter einen Sterbenden vor sich sieht, Verantwortung vernachlässigende Migranten ertrinken lassen“ kann.

Matthias Dreher findet das im Übrigen nicht zynisch, sondern „traurig und ärgerlich und kontinuierlich systemisch zu verringern.“ Das alles ist für den Pfarrer auch ein Kennzeichen „der gefallenen Welt.“ Und er schließt mit dem Satz:

„Nur wer den Bau des Reiches Gottes nicht Gott überlassen kann, sondern es selbst bewerkstelligen muss, wird weiter unverantwortlich mit Rettungsschiffen mehr Migranten aufs Wasser ziehen.“

So sehr man den Mut und die Courage des Pfarrers gegenüber Heinrich Bedford-Strohm hier hervorheben darf, so ärgerlich ist dann doch der Vortrag von Dreher selbst. Warum? Weil er im eigenen Saft schmort. Denn es braucht ja dieses christliche Innengestrampel gar nicht, wo Recht und Gesetz bereits eine klare Antwort geben.

Nein, es geht nicht darum, was irgend Gott selbst regeln will oder nicht oder regeln wird oder doch nicht. Es geht auch nicht um eine gefallene Welt. Das ist alles nur eine große Ablenkung. Und sogar eine, die eine Lösung maximal erschwert. Denn ob Dreher Bedford-Strohms mutmaßliche Schlepperhilfe kritisiert oder nicht, sie bleibt eine Aktion der Kirche der beiden Herrn, die sich damit über geltendes Recht stellt und nur deshalb dafür rechtlich noch nicht zur Verantwortung gezogen wird, weil der Einfluss der Kirchen offensichtlich immer noch zu groß ist.

Drehers interne Diskussion mit dem EKD-Chef mag ja interessant sein, aber sie bleibt innerkirchlich, wurde allenfalls von linkspopulistischen ehemaligen Leitmedien aufgenommen um damit eine Art Solidarität mit Bedford-Strohms No-border-no-nation-Ideologie zu zeigen, die man offensichtlich teilt und die hier eine Schnittmenge hat.

Dennoch: Illegal bleibt nun mal illegal und sollte nicht sch…egal sein. Das darf uns dann eher der Streit zwischen zwei Kirchenleuten sein – so sympathisch man den Underdog auch finden mag, sollen sie sich halt hinter verschlossenen Türen im Pfarrhaus balgen, zur Problemlösung tragen beide nicht bei, sie sind viel mehr Teil des Ganzen.

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