Springers immer unverhohlener publizierte Kriegspropaganda ist jetzt um eine Horrorgeschichte reicher. In jedem Krieg gibt es Gräuelmärchen, die mit Fortdauer des Konflikts oft immer drastischer und emotionaler wird.
Ein klassisches Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg waren die alliierten Behauptungen, deutsche Soldaten würden belgische oder französische Kinder bayonettieren, töten oder gar essen – Geschichten, die sich später weitgehend als übertrieben oder erfunden herausstellten, aber damals massiv mobilisierten. Vor diesem Hintergrund – und aus weiteren Gründen, wir kommen gleich dazu – ist auch die aktuelle „Welt“-Berichterstattung über Kriegsgräuel mit Vorsicht zu prüfen.
Der jüngste Beitrag von Johann Althaus stellt Stalins Befehl Nr. 227 vom 28. Juli 1942 – „Kein Schritt zurück!“ – und die damit verbundenen Sperreinheiten der Roten Armee in eine direkte Linie zu aktuellen russischen Praktiken im Ukrainekrieg. Der Bericht wiederum beruht auf einem vorhergehenden von Ibrahim Naber. Zu Naber gleich noch mehr, er bekam zuletzt den Ukraineverdienstorden für Propaganda – und er liefert massiv, wie hier zu sehen sein wird.
Besagter Stalin-Befehl ist historisch unbestritten: Er ordnete die Aufstellung bewaffneter Abteilungen hinter „instabilen“ Divisionen an, die bei Panik und ungeordnetem Rückzug „Panikmacher und Feiglinge an Ort und Stelle“ erschießen sollten. Sowjetische Memoiren, die Stalingrad-Protokolle und deutsche Feindaufklärungsberichte belegen Einzelfälle und den Einsatz solcher Einheiten. Historiker wie Orlando Figes sehen sie in verzweifelten Situationen bestätigt.
Der US-amerikanische Militärhistoriker Roger R. Reese hält das systematische Niedermähen mit Maschinengewehren allerdings eher für übertrieben und betont stärker die Funktion als Absperrung und Rückführung an Kriegsgerichte.
Was in keinem der genannten „Welt“-Propaganda-Artikel thematisiert wird: Die Ukraine war bis 1991 Teil der Sowjetunion – die Praxis gehört daher zur gemeinsamen sowjetischen Militärtradition beider heutiger Staaten. Der Artikel erwähnt diesen gemeinsamen Hintergrund nicht.
Unbestritten sind Befehlsverweigerung und unerlaubter Rückzug in praktisch allen Armeen und Kriegen strafbar. Das reicht von Disziplinararrest über Kriegsgerichte bis zu standrechtlichen Maßnahmen unter Extrembedingungen. Das gilt für die Rote Armee ebenso wie für westliche Streitkräfte oder die heutigen russischen und ukrainischen Truppen.
Seit dem Scheitern der großen ukrainischen Gegenoffensive 2023 und dem Ende der dynamischen Phasen 2022 ist der Krieg weitgehend positionell und eingefroren. Russland kontrolliert etwa 20 Prozent des ukrainischen Territoriums – einen großen Teil davon schon vor 2022. Die weiteren Gewinne seit 2023 beschränken sich auf langsame, kostspielige Vorrückungen im Donbas – einzelne Ortschaften und wenige Kilometer pro Monat oder Quartal etwa rund um Avdiivka, Pokrowsk und Kostjantyniwka.
Quellen wie das Institute for the Study of War, DeepState und The Economist zeigen, dass die täglichen oder monatlichen Gebietsveränderungen oft im ein- bis zweistelligen Quadratkilometer-Bereich liegen und zeitweise sogar rückläufig waren. Die Front besteht aus ausgebauten Schützengräben, Minenfeldern, Drahthindernissen und Artillerie-Todeszonen.
Das ist deshalb von Bedeutung, weil es in so einem Grabenkrieg kaum Raum für spontane Flucht vor einem Angriff gibt: Wer die Stellung verlässt, läuft entweder in eigene Sperrlinien, in freies, unter Feuer liegendes Gelände oder direkt in die Hände der nächsten eigenen Einheit. Rückzug ist logistisch und geografisch extrem erschwert – das erhöht den Disziplinierungsdruck auf beiden Seiten erheblich.
Auf ukrainischer Seite sind parallele Zwangs- und Disziplinierungsmechanismen dokumentiert. Die Praxis der „Busification“ – Бусифікація / Menschenfänger – bezeichnet das gewaltsame Aufgreifen wehrfähiger Männer auf Straßen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor Wohnungen und an Haltestellen, oft mit Gewalt und ohne klaren rechtlichen Ablauf, um sie zu Rekrutierungszentren (TCR) zu bringen. Der Begriff ist in der ukrainischen Öffentlichkeit etabliert.
Der Menschenrechtsbeauftragte der Ukraine und Berichte des Europarats dokumentieren tausende Beschwerden über Schläge, willkürliche Festnahmen, Verletzungen und Todesfälle. Präsident Selenskyj und der Verteidigungsminister haben das Problem 2025/2026 öffentlich eingeräumt und Reformen angekündigt; die Praxis hielt indes an, wie etwa BBC und Kyiv Independent berichteten.
Zu Beginn des Krieges fesselten die Ukrainer noch regelmäßig die eigenen Landsleute in einer Art Renaissance des Schandpfahls an Laternenpfähle um sie so via Pranger zu disziplinieren https://www.alexander-wallasch.de/gesellschaft/the-ukrainian-wrap-die-renaissance-des-schandpfahls
Parallel dazu verzeichnet die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft seit 2022 über 310.000 strafrechtliche Verfahren wegen unerlaubter Abwesenheit (AWOL) und Desertion – der Großteil ab 2024/2025. Schätzungen liegen bei 150.000–200.000 betroffenen Soldaten. Die gesetzlichen Strafen sind hart und sollen zwischen 5–12 Jahre liegen. Die praktische Durchsetzung ist allerdings nicht selten auch mit Amnestien oder Rückkehrmöglichkeiten verbunden.
Berichte über russische Truppenteile, die eigens Zurückweichende aufhalten sollen und den Begriff „obnulit“ – Kameraden „auf null setzen“ – kursieren seit 2022. Sie stützen sich vor allem auf Einschätzungen des britischen Verteidigungsministeriums. Die waren allerdings mit „möglicherweise „formuliert. Und sie stützen sich auf von ukrainischer Seite veröffentlichte Funksprüche, Aussagen von Kriegsgefangenen sowie Recherchen russischer Exilmedien wie „Verstka“.
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Die „Welt“ verschweigt seinen Lesern, dass diese Quellen klare Grenzen haben: Geheimdienstbewertungen sind nicht öffentlich überprüfbar, Funksprüche stammen von einer Kriegspartei, und Gefangene stehen unter Druck oder können strategisch aussagen. Oder kürzer: Es handelt sich um Hinweise und Indizien, nicht um gerichtsfest bewiesene flächendeckende Praxis. In einem Grabenkrieg mit minimalen Landgewinnen und hohen Verlusten wären solche Maßnahmen möglicherweise ein naheliegendes Mittel, um Angriffe trotz niedriger Moral zu erzwingen.
Aber entscheidender: Diese WELT-Berichterstattung steht in einem dokumentierten Interessenkontext. 2022 verlieh Präsident Selenskyj den ukrainischen Verdienstorden III. Klasse an den damaligen WELT-Herausgeber Ulf Poschardt, Julian Röpcke und Paul Ronzheimer (beide „Bild“, Ronzheimer lehnte den Orden später ab) für ihre Berichterstattung und den Beitrag zur Unterstützung der Ukraine inklusive Druck auf Waffenlieferungen.
Moritz Döpfner, Sohn des Axel-Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, ist über Fonds und Aufsichtsrollen mit Drohnenunternehmen wie Quantum Systems verbunden, die Aufklärungs- und Kampfsysteme an die Ukraine liefern und von deutschen Förderprogrammen („Build with Ukraine“) profitieren.
Julian Röpcke wechselte 2026 von Bild zu United Unmanned Systems (UUS), einem deutsch-ukrainischen Hersteller von Abfangdrohnen und ist dort als Marketing-Hauptverantwortlicher (CMO) tätig. Johannes Boie, der ehemalige Chefredakteur von Bild und Welt am Sonntag ist seit August 2025 CMO bei Helsing, dem Münchner Unternehmen, das der Ukraine Tausende KI-gestützte Kampfdrohnen vom Typ HX-2 liefert.
Diese Systeme werden unter realen Frontbedingungen erprobt – insbesondere gegen starke russische elektronische Störmaßnahmen. In der Ukraine erfolgt die Erprobung neuer Drohnentechnologie häufig direkt durch spezialisierte Fronteinheiten. Die Bureviy-Brigade der Nationalgarde und ihr Drohnenbataillon „Kondor“ gehören im Osten – unter anderem im Kupjansk-Sektor – zu den hochspezialisierten Unmanned-Systems-Einheiten, die Aufklärung, FPV-Angriffe und Todeszonen betreiben und organisieren und neue Systeme unter Kampfbedingungen einsetzen.
Das staatliche Cluster Brave1 und das Verteidigungsministerium nutzen solche Einheiten systematisch als Reallabore. Funktionierende Systeme gehen rasch in die Beschaffung.Cluster Brave1 ist eine zentrale Plattform und Schnittstelle, um Start-ups, Entwickler, das Militär, Regierungsbehörden und Investoren miteinander zu vernetzen.
Axel Springer bzw. die „Welt“-Gruppe profitieren wirtschaftlich enorm von der Vernetzung zwischen Rüstungsunternehmen und Politik. So auch über den von Media Impact – die Springer-Vermarktungsgesellschaft – organisierten und vermarkteten WELT-Sicherheitsgipfel. Schon zum zweiten Mal fand dieses Format im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin statt. Es bringt hochrangige Vertreter aus Politik, Minister, Ausschussvorsitzende, ukrainische und europäische Amtsinhaber, Militär und Nachrichtendiensten mit den Spitzenkräften der Verteidigungsindustrie wie etwa von Rheinmetall, Airbus Defence & Space, Vertreter von Quantum Systems, ARX Robotics, STARK, Helsing-nahe Akteure und weitere Defence-Tech-Firmen an einen Tisch.
Media Impact bietet Sponsoring- und Partnerschaftspakete mit crossmedialer Berichterstattung, Partner-Integrationen und Reichweiten-Garantien an. Solche Gipfeltreffen dienen als bezahlte Plattformen für Networking und Imagepflege der Rüstungsbranche unter dem Dach journalistischer Marken – ein zusätzlicher direkter wirtschaftlicher Anreiz, der die Ukraine- und Sicherheitsberichterstattung von WELT und Bild systematisch korrumpiert.
Wir haben diese Verflechtungen wiederholt und detailliert thematisiert. Und wir haben über die ukrainischen Orden an Poschardt, Röpcke und zuletzt an Ibrahim Naber als „Orden für Propaganda“ bzw. Hofberichterstattung berichtet.
Ausführlich haben wir auch die Investments der Döpfner-Familie in Drohnenhersteller beschrieben: Moritz Döpfner sitzt im Aufsichtsrat von Quantum Systems – dem Münchner Unternehmen, das durch Aufklärungs- und Kampfsysteme im Ukrainekrieg zu einem der wertvollsten deutschen Defence-Tech-Firmen aufgestiegen sei. Wir verknüpften dies mit den engen Verbindungen zu Peter Thiel und Palantir, der „Drehtür“ von Springer-Journalisten in die Rüstungsindustrie.
Diese wirtschaftlichen und personellen Interessen färben die Ukraine-Berichterstattung von „Welt“ und „Bild „systematisch ein und führen so unweigerlich hin zu einem „Springer-Palantir-Komplex“, der journalistische Unabhängigkeit untergräbt.
Insgesamt: Russische Disziplinierungspraktiken – in welchem Umfang es sie auch geben mag – sind weder historisch noch aktuell einzigartig. In einem seit Jahren weitgehend eingefrorenen Grabenkrieg mit minimalen territorialen Veränderungen, enormen Verlusten und Zwangsrekrutierung auf ukrainischer Seite ist harte Ahndung von Rückzug und Verweigerung die logische, wenn auch brutale Konsequenz beider Armeen.
Beide genannten „WELT“-Artikel blendet den gemeinsamen sowjetischen Hintergrund, die ukrainischen Parallelphänomene und die Springer-Interessen – Journalisten-Wechsel in die Drohnenindustrie, familiäre Investments sowie eigene kommerzielle Rüstungsgipfel mit Media-Impact-Erlösen – aus und bleibt damit eine propagandistische Veranstaltung noch dazu aufgeschrieben von einem ukrainischen Verdienstordensträger explizit für solche Kriegspropaganda.
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