Ulrich Siegmund hat bei Jasmin Kosubek auch auf Nachfrage erklärt, man könne „deutsch Denken“ nicht definieren. Nun ist Siegmund der wahrscheinlich aktivste Kandidat für das Ministerpräsidentenamt, sein Pensum ist im Vergleich zu dem seiner Mitbewerber das mit Abstand umfangreichste. Da wäre es ein Wunder gewesen, wenn der immer so auskunftsbereite und verbindliche Siegmund, der auch im Gewühle der Menschenmengen immer eine Antwort parat hat, an irgendeiner Stelle nicht auch mal sprachlos bleibt. Zumal Kosubek nicht zu den Etablierten gehört, also erst einmal eine Komfortzone für den AfD-Kandidaten bedeutet.
Worum geht’s? Der Slogan „#deutschdenken“ soll nach den Vorstellungen der AfD-Landtagsfraktion die bestehende Landeskampagne „#moderndenken“ in Sachsen-Anhalt ersetzen, falls die AfD das Land führt. Die AfD hatte dazu im Mai 2025 einen Antrag im Landtag eingereicht.
Wenn also Frau Kosubek im Gespräch meint, sie habe lange darüber nachgedacht, was es für die AfD bedeutet – dann ist das eine legitime Interviewtechnik der gespielten Ahnungslosigkeit. Denn sicherlich hat Kosubek die eine Minute gegoogelt, um selbst zu erfahren, was die AfD Sachsen-Anhalt dazu meint. Im Antrag heißt es nämlich unter anderem:
Die Kampagne „#deutschdenken“ werde als Ersatz für die Landeskampagne „#modern-denken“ als neues Markenzeichen für Sachsen-Anhalt eingeführt. Dadurch soll ein grundsätzlich bejahender, unbelasteter, respektvoller und wertschätzender Umgang mit der deutschen Geschichte etabliert werden.
Und diese Kampagne ist umfassend ausformuliert worden. Sie gliedert sich in folgende Themen:
a) Die Merseburger Zaubersprüche – die Anfänge unserer Sprache;
b) Otto in Magdeburg – das Zentrum des Reiches;
c) Eike von Repgow und der Sachsenspiegel – die Entstehung des deutschen Rechts;
d) Martin Luther – die Renaissance des deutschen Christentums;
e) Friedrich Nietzsche – die Geburt einer deutschen Philosophie;
f) Goethe-Theater in Bad Lauchstädt – Weimarer Klassik in Sachsen-Anhalt;
g) Die Altmark – Bismarck und Preußentum in Sachsen-Anhalt.
Und dann wird im Antrag jeder einzelne Punkt durchdekliniert. Als Begründung erklären die Antragsteller:
„Sachsen-Anhalt hat mit seiner Geschichte maßgebliche Impulse für die Entwicklung deutscher Sprache, Kultur und Identität gesetzt.“
Formal hatte Oliver Kirchner als Fraktionsvorsitzender den Antrag unterschrieben. Inhaltlich und rhetorisch trägt der Antrag sehr deutlich die Handschrift von Hans-Thomas Tillschneider. Im Landtag hatte zudem nicht Kirchner, sondern der AfD-Abgeordnete Tillschneider den Antrag eingebracht. Das Protokoll der 40. Sitzungsperiode sagt ausdrücklich: „Einbringen wird diesen Antrag der Abg. Herr Dr. Tillschneider".
Und Tillschneider hat zudem in der Landtagssitzung klar gesagt, um was es ihm geht. Unter anderem Folgendes:
„"Deutsch denken“ heißt zunächst, auf deutsche Weise denken, also in deutschen Begriffen denken in dem Sinne, wie die Sprache das Denken prägt, also auf Deutsch denken. Sodann aber heißt „Deutsch denken“ auch, die politischen Verhältnisse aus deutscher Sicht zu durchdenken, die deutsche Sache abzuwägen, das deutsche Interesse zu berücksichtigen und bei jeder Entscheidung an Deutschland zu denken. Dieses „Deutsch denken“, das „an Deutschland denken“ und das „auf Deutsch denken“ verbindet und soll unser Landesimage sein.“
Aber nun gibt es doch eine Annäherung zwischen Siegmunds Aussage, man könne es nicht definieren, und der Rede von Tillschneider im Plenum. Auch der hochgebildete Tillschneider – er studierte Islamwissenschaften, Philosophie und Deutsche Literaturgeschichte – erkennt an, dass einer Definition gewisse Hürden gestellt sind:
„Die Frage, was denn deutsch sei, scheint sich in dieser Mannigfaltigkeit zu verlieren. Diese Mannigfaltigkeit aber ist die Mannigfaltigkeit einer ganzen Welt. (…) Die Frage ist doch nicht, was in unserer deutschen Welt angetroffen wurde und angetroffen werden kann, sondern eher, was diese unsere Welt mit ihrem ganzen Inventar zu einer deutschen Welt macht. Eben darauf hat unsere Kampagne eine Antwort. Frage: Was ist deutsch? – Antwort: deutsch denken.“
Jetzt also Siegmund bei Kosubek mit einer Nichtantwort. „Man kann es nicht definieren“ klingt vorsichtig, fast demütig. Und bald abgrenzend zu Tillschneider, der den Versuch ja zumindest unternommen hatte. Es ist aber auch bequem von Siegmund. Denn was man nicht benennt, kann man weder kritisieren noch fortführen.
Interessant ist hier, dass Siegmund „deutschdenken“ damit auf eine Meta-Ebene hebt, die der Antrag gar nicht vorsieht. Da geht es im Wesentlichen fast dröge um Geschichtsunterricht und noch dröger um eine „Straße des Reiches“, die – analog zur Weinstraße vielleicht – als touristische Route historische Orte von „nationaler Größe“ miteinander verbinden soll.
Die Erklärung liegt also auf dem Tisch, aber Siegmund lieferte nicht. Tatsächlich passt dieser schulmeisterliche und historische Erklärungsansatz kaum zum so gegenwärtigen Siegmund. So betrachtet hat er alles richtig gemacht.
Also warum nicht stellvertretend für Siegmund einmal die Meta-Ebene erforschen, was kann denn #deutschdenken bedeuten, ohne zu Karl dem Großen zurückkehren zu müssen, sondern ganz bei den Menschen in Sachsen-Anhalt zu bleiben, die nicht alle Geschichte studiert haben?
Man kann den Begriff #deutschdenken nämlich sehr wohl positiv, präzise und ohne völkische Mystik fassen – als eine historisch gewachsene Denk- und Lebensform, nicht als Blutsmerkmal. #deutschdenken könnte hier zuerst eine Sprache bezeichnen und eine deutsche Art, Probleme anzugehen.
Die deutsche Sprache selbst zwingt zu Komplexität. Sie bietet die Möglichkeit, Unterscheidungen fein zu machen, sie zu ziselieren. Das hat immer eine bestimmte deutsche Geisteshaltung begünstigt: Dinge nicht nur zu benennen, sondern sie ausgiebig zu durchforsten wie einen Waldspaziergang.
Kurt Tucholsky, der große Schriftsteller der Weimarer Republik, hat das in den zwanziger Jahren so zusammengefasst: Die Engländer wollen etwas zum Lesen, die Franzosen etwas zum Schmecken, die Deutschen etwas zum Nachdenken.
#deutschdenken heißt also nicht zwangsläufig, patriotische Gefühle zu haben. Es heißt, eine Sache so lange zu durchdenken, bis sie entweder trägt oder bricht. Klingt das nicht wunderbar passend zur Lebenshaltung der Deutschen im Allgemeinen und jenseits der grauen Jogginghosenkultur?
Und auch, wenn es zum Klischee verkommen ist, die Zuschreibung, als Deutscher besonders gründlich zu sein, trifft es rückblickend schon: Kant zerlegte die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, Hegel den ganzen Weltprozess in Begriffe, Humboldt die Bildung des Menschen, Max Weber die Entstehung des Kapitalismus, Planck und Einstein die Grundlagen der Physik.
Derselbe Impuls steckt auch im Maschinenbau, im deutschen Ingenieurswesen und im Verwaltungsrecht. Der Deutsche will wissen, wie etwas wirklich zusammenhängt, nicht nur, wie es wirkt. Klar hat das auch eine Schattenseite: Langsamkeit, Überkomplexität, die Neigung, das Leben in Systeme zu pressen.
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Und wieder positiv gewendet ist es die Weigerung, bei der Oberfläche stehenzubleiben. Hier muss der eine oder andere schmunzeln, weil jeder jemanden kennt, auf den es passt: Wer deutsch denkt, fragt nicht nur „Funktioniert das?“, sondern „Was setzt das voraus und was folgt daraus für die Freiheit und die Würde des Einzelnen?“ Wer damit nichts anfangen kann, sagt despektierlich: „Laberrhabarber“. Auch so eine wunderschöne deutsche Wortschöpfung.
Und hier könnte man schon wieder – typisch deutsch – langatmig werden und ausschweifen: Denn „Laberrhabarber“ kommt vom Theater, wo das Stimmengemurmel einer Menschenmenge dadurch simuliert wird, dass jeder Einzelne das Wort „Rhabarber“ in Endlosschleife aufsagt. Durch die weiche Abfolge der Konsonanten und Vokale (R-bh-rb-r) entsteht ein perfekt diffuses, gleichmäßiges Hintergrundgemurmel. Für das Publikum klingt das wie ein echtes, aber unverständliches Stimmengewirr.
Deutsch denken kann auch bedeuten, dass Schule und Studium den Menschen nicht nur für einen Job fit machen. Sie sollen den ganzen Menschen bilden – selbstständig, weltoffen und innerlich gefestigt. Deshalb gehören Forschen und Lehren zusammen, deshalb zählt Allgemeinbildung, und deshalb nimmt man Literatur, Musik und Philosophie ernst: Sie formen den Charakter, nicht nur das Fachwissen. Jedenfalls in der Theorie und Tradition. Nein, diese Idee ist nicht exklusiv deutsch, aber sie hat hier eine besonders dichte Ausprägung gefunden.
Und wieder findet sich dafür eine wundervolle deutsche Wortschöpfung: Die Verbindung von Innerlichkeit mit Weltzugewandtheit. Darüber nachgedacht hat schon der preußische Gelehrte Wilhelm von Humboldt und später Thomas Mann.
Man kann hier schon mal festhalten: Deutsch denken kann unweigerlich in eine Weitschweifigkeit führen, das nächste tolle deutsche Wort. Dabei verliert man sich in Wortkaskaden, wo man sich doch ins Nachdenken zurückziehen wollte, um draußen vor der Tür des Elfenbeinturms handlungsfähiger zu werden.
Deutsch denken kann man durchaus assoziieren mit Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und einer besonderen Achtung vor dem gemachten Ding. Der Handwerker, der Ingenieur, der Richter, der Lehrer, der den Gegenstand ernst nimmt und nicht nur die eigene Selbstdarstellung. Der Begriff Pflicht spielt hier im positiven Sinne eine Rolle. Der Philosoph Kant hat sich damit befasst.
Deutsch denken definiert sich auch über den Stolz auf Meisterschaft im Besonderen. Der großen aufgeblasenen Geste wird das solide und stabil gebaute Haus gegenübergestellt, die präzise Maschine, der durchdachte Paragraph, das durchgearbeitete Argument.
Das Mittelstandsideal und die duale Ausbildung sind praktische Ausläufer derselben Haltung: Würde liegt in der Qualität der Arbeit, nicht nur in der Höhe des Status. All das soll jetzt zugunsten einer Vielfalt abgeschafft werden. Die duale Ausbildung überfordert den Bildungsstand von Zuwandererbiografien? Also weg damit? Wer Zugang und Abschlüsse erleichtert, ohne Sprache, Schulstoff und Prüfungsniveau zu halten, entwertet den Gesellenbrief, überfordert Betriebe und Berufsschule und erzeugt formal Qualifizierte ohne die tatsächliche Leistungsfähigkeit des dualen Systems.
Und nochmal auf die Meta-Ebene zurück: Deutsch denken hat auch eine starke dialektische Ader. Widersprüche werden nicht sofort aufgelöst oder weggeredet, sondern ausgetragen. Das hat uns doch stark gemacht!
Heute wird es von vielen mit der Schwäche einer Entscheidungsfindung assoziiert. Hier kann der alte Nietzsche helfen: Der bemerkte nämlich bereits („Jenseits von Gut und Böse“, 1886), dass bei den Deutschen die Frage „Was ist deutsch?“ niemals ausstirbt. Das ist kein Defizit, sondern eine Stärke, wenn sie nicht in Selbsthass umschlägt.
Und wem dazu der Nationalsozialismus einfällt, der in das Verbrechen des Holocaust führte, für den hat der Literaturnobelpreisträger (1929) Thomas Mann mal formuliert: Es gibt nicht zwei Deutschlands, ein gutes und ein böses. Das böse ist das fehlgegangene gute. Wer deutsch denkt, muss daher die eigene Tradition einschließlich ihrer Abgründe mitdenken, ohne sie zu leugnen und ohne sich in ihr einzurichten.
Und in dem Kontext wird’s spannend. Wie rassistisch ist es denn von der AfD, #deutschdenken zu formulieren? Alles Quatsch! Denn #deutschdenken ist keine ethnische Größe. Ein Mensch mit beliebiger Herkunft kann in dieser Form denken, wenn er die Sprache, die Texte, die Maßstäbe und die Arbeitsethik ernst nimmt. Umgekehrt garantiert Abstammung nichts – damit sind wir wieder bei den grauen Jogginghosen, die das Unkulturmerkmal unserer Zeit geworden sind von Neapel bis Oslo.
Und zum Schluss eine hoffnungsvolle Vorausschau: Deutsch denken war immer dann am stärksten ausgeprägt und am leistungsstärksten, wo dieses Denken auf Widerstände traf. Ja, „deutsch denken“ ist auch eine Herausforderung, denn wer „deutsch denken“ nur als Abgrenzungsformel benutzt, der ist wieder dort angekommen, wo sich der Nachbar mit dem Nachbarn über den Gartenzaun hinweg darüber auseinandersetzt, wem nun die über den Zaun hängenden Kirschen gehören. Das kann ja ganz putzig sein, aber es wird gefährlich, wenn man es skaliert.
Einigen kann man sich im Sinne Nietzsches vielleicht darauf: Zum deutsch Denken gehört wohl am intensivsten dazu, dass man nie an ein Ziel kommt. Und an Ulrich Siegmund gerichtet: Ja, Sie haben Recht, man kann es nicht definieren. Aber es exakt deshalb versuchen zu wollen, ist der Kern von #deutschdarübernachdenken.
Und für alle, denen dieser Text wieder zu lang war, kann ich mit einem breiten Grinsen antworten: Dieser Text lebt davon, dass er die deutsche Neigung zur Wortkaskade nicht nur behauptet, sondern vorführt.
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