Mathias Döpfner, Miteigentümer und Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, hat der dpa eines seiner seltenen aber regelmäßigen Gespräche zur Erneuerung der Deutungshoheit gegeben. Ausgang von Wahlen will er nicht kommentieren, auch nicht Sachsen-Anhalt am 6. September. Über den Umgang mit der AfD spricht er dagegen sehr deutlich. Und über die Medien. Und über Peter Thiel. Kann man sich eigentlich noch tiefer in Widersprüche verwickeln?
Döpfner erklärt gegenüber der dpa: „Wir sind keine Erziehungsanstalt. Wir sind auch keine Weltverbesserungsanstalt. Wir sind keine Aktivisten.“ Journalisten sollten zuerst herausfinden, was ist, dann könne man auch provozierend, polemisch oder leidenschaftlich kommentieren, „aber nicht erziehen“. Gemeint ist der Vertrauensverlust der Medien. Statt das Publikum zu beschimpfen, plädiert er für eine selbstkritische Debatte. Sogar das Grundgespür hinter Wörtern wie „Lügenpresse“ und „Systemmedien“ sei „nicht so falsch“.
Im selben Atemzug erklärt der 63-Jährige, er lehne eine Regierungsbeteiligung der AfD und Koalitionen mit ihr ab. Für die Linke gelte dasselbe. Die Brandmauer-Rhetorik hält er allerdings für falsch: „Sie beleidigt viele Wähler und schafft Märtyrerlegenden.“ Besser sei es, rote Linien und die eigenen Werte zu definieren. „Wenn eine Partei sich zu diesen Werten glaubwürdig bekennt, kann sie auch ein Koalitionspartner sein. Wenn sie das nicht tut, dann nicht.“ Eine Minderheitsregierung auszuschließen, hält er für falsch. „Eine Koalition mit der AfD und der Linken auszuschließen für richtig.“
Hier spricht also der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, der zum einen meint, die Medien sollten nicht belehrend sein, und der zum anderen selbst zur Belehrung ausholt. Nebenbei erklärt er Peter Thiel zum „wahrscheinlich mit Abstand einflussreichsten Deutschen unserer Zeit“. Thiel sei ein „besonders mutiger Widerspruchsgeist“ und bekommt am 24. September den Axel Springer Award. Es ist exakt jener Peter Thiel, und das wird in diesem Gespräch nicht erwähnt, der auch der Arbeitgeber des Döpfner-Sohnes war. Moritz Döpfner war bei Thiel Chief of Staff.
Hinzu kommt: Der Sohn war nicht nur Angestellter Thiels. Thiel hat nach Recherchen des Manager Magazins 50 Millionen Dollar in den Risikokapitalfonds von Moritz Döpfner gesteckt. Dieser Fonds wiederum investierte in Stark Defence, einen Drohnenhersteller. Wir haben das Netzwerk bereits mehrfach beschrieben.
Führende Medienschaffende aus dem Springer-Haus sind inzwischen Marketingchefs bei Drohnenunternehmen geworden. Johannes Boie, einst Chefredakteur unter anderem der Welt am Sonntag und der Bild, ist Chief Marketing Officer beim Münchner Rüstungs-Start-up Helsing. Der langjährige Bild-Reporter Julian Röpcke wechselte zu einem deutsch-ukrainischen Drohnenhersteller, United Unmanned Systems.
Nun also erklärt Mathias Döpfner vollmundig, die Schwächung und „in Teilen auch das Versagen“ des politischen Zentrums besorge ihn seit Jahren. Der einzige Weg gegen das Abdriften an die Ränder sei, „die Kompetenz, Glaubwürdigkeit und den Erfolg des politischen Zentrums zu stärken“. Damit möchte er mutmaßlich, und jetzt wird es richtig platt, CDU, FDP und was von der Mitte noch übrig ist, retten – aus dem Hochhaus heraus, das selbst an den großen Konfliktthemen der Republik mitgeschrieben hat.
Dieselben Sprüche hört man zurzeit auch von Ulf Poschardt, der zwar noch den Rebellen spielt, aber klar gesagt hat, er sei bekennender FDP-Wähler und bleibe bei CDU und FDP.
Was passiert hier eigentlich? Was macht Springer, und was ist die Leitlinie?
Schauen wir auf die drei großen Konfliktfelder des vergangenen Jahrzehnts: die illegale Massenmigration, Corona und der Ukrainekrieg. Der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt hat es in einem Interview mit Giovanna Winterfeldt ziemlich klar gesagt: Friede Springer hatte die Führungsetage und Chefs der Medien des Hauses aufgefordert, umstandslos der Linie von Angela Merkel zu folgen – Corona also nicht zu kritisieren. Und es wurde erledigt.
Warum sollte das nicht auch für die illegale Massenmigration gelten? Hier war Julian Reichelt selbst, wie Ulf Poschardt zuletzt bei Maischberger erzählte, der Erfinder des großen „Refugees Welcome“-Rausches. Und warum sollte das nicht auch für den Ukraine-Kurs von Friedrich Merz gelten?
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Die drei großen existenziellen Themen für Deutschland wurden – und werden noch – von Springer regierungsnah begleitet. Wir wissen in mindestens einem von drei Fällen, dass Friede Springer explizit dazu aufgefordert hat – und dass Redakteure und Mitarbeiter diesem Kurs anstandslos gefolgt sind.
Döpfner spielt immer mal wieder den großen Zampano des Konservativen. In den letzten fünfzehn Jahren hat er immer mal wieder einen Leitartikel hervorgekramt, der sogar in der Vor-Zeitenwende noch ganz lesenswert erschien. Aber es bleibt am Ende, wie bei Poschardt, nichts weiter als eine Attitüde: eine Absicherung der konservativen Leserschaft. Man hat immer irgendwo noch einen Alibi-Text, den man später ziehen kann, um zu sagen: Wir waren doch an der Stelle vielfältig.
Das Grundrauschen dieser Medien ist eindeutig: Es ist regierungsnah. Es folgt dem Kurs der Regierung. Es bereitet ihn vor, wenn es ihn nicht sogar teilweise in Deutungshoheit zu diktieren versucht. Nur an der Stelle hakt und knirscht es, wenn das Pferd nicht weiß, was der Reiter will – und der Reiter glaubt, das Pferd zu sein. Oder umgekehrt.
Noch im November 2025 hatte Döpfner den Kriegskurs der Bundesregierung flankiert und propagandistisch begleitet, indem er wieder einmal zur Feder griff und erklärte, der Pazifismus wechsle die Seiten. Das ist als Schlagzeile zunächst in Ordnung, wenn man hier Richtung AfD und insbesondere auf Tino Chrupalla schaut. Aber Döpfner schrieb dann weiter von selbsternannten Friedensengeln, die jetzt rechts stünden, von einer Unterwerfung unter Putin und vom Scheitern der offenen Gesellschaft. „Die selbsternannten Friedensengel stehen heute rechts“, heißt es dort. Und: „Björn Höcke hat bisher die Speerspitze der pazifistischen Rhetorik verkörpert.“
Das kann man ja alles machen. Man kann diffamieren, denunzieren, diskreditieren und ausgrenzen. Es wird nur schwieriger, wenn die eigene Familie am Drohnengeschäft profitiert und auch der Springer-Konzern hier deftig mitverdient, wenn es darum geht, die Rüstungsindustrie mit der Politik zusammenzuführen – also Kontakte zu vermarkten.
Zum Beispiel beim WELT-Sicherheitsgipfel, der im Axel-Springer-Hochhaus stattfand und dessen weitere Konsultationen offiziell unter der Chatham-House-Regel laufen: Nichts darf namentlich nach außen dringen. Offiziell heißt es, das schütze die besseren Verhandlungen. Was Springer hier sein will, ist jedenfalls nicht mehr berichtendes Medium und Journalismus im Sinne einer vierten Gewalt.
Und damit allen klar ist, wie böse und gemein doch Pazifismus, also die Kriegsferne, sei, erklärte Döpfner Ende 2025: Die Speerspitze der pazifistischen Rhetorik verkörpere bisher Björn Höcke. Damit ist dann alles gesagt. Frieden ist Nazi. Und Krieg ist Frieden. Orwell ist 2026.
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