Nach Protesten: Ukrainer dürfen Haustiere mit in EU bringen

Tausende Hunde und Katzen an ukrainischer Grenze ausgesetzt

von Alexander Wallasch (Kommentare: 1)

Haustiere haben bei der Massenzuwanderung von Menschen aus Syrien, Afghanistan oder vom afrikanischen Kontinent kommend bisher keine Rolle gespielt.

Wenn es um Haustiere ging, dann allenfalls um Spürhunde amerikanischer Soldaten, die in einigen Einzelfällen unter großer Anteilnahme wieder mit ihren Hundeführern zusammengebracht wurden. Aber diese Tiere sind nicht zum Kuscheln auf dem Sofa angeschafft worden, sondern Arbeitstiere ausgestattet mit militärischen Aufgaben.

Schon einen Tag nach Kriegsbeginn in der Ukraine hat die private Tierrechtsorganisation Peta auf ein besonderes Problem hingewiesen, dass in den kommenden Tagen und Wochen von wachsender Bedeutung sein könnte:

Es geht um die Haustiere der zu Millionen aus dem Land flüchtenden Ukrainer. Bekommen ihre Halter spätestens an den Grenzen oder im späteren Zufluchtsland Probleme?

Peta schrieb Freunde und Mitglieder an und erzählte von ausgesetzten Haustieren, weil gesetzliche Bestimmungen die Einreise der Vierbeiner aus der Ukraine in EU-Mitgliedsländer verhindern würden.

Hunde- und Katzenbesitzer werden von Peta sicher direkter erreicht als Menschen, die selbst keine Haustiere halten. Bei Letzteren kann die Vorstellung eines vor dem Kriegsgeschehen flüchtenden Ukrainers mit einem – nehmen wir ein besonders exotisches Beispiel - Papagei auf der Schulter oder mit einem Hamsterkäfig unterm Arm, sicher befremdlich wirken.

Aber warum eigentlich? Was sollten die Besitzer solcher Tiere machen? Sie mit etwas Futterreserve einfach ihrem Schicksal überlassen? Das bringen wohl die wenigsten übers Herz.

Peta schreibt am zweiten Tag der Invasion: „Aus Polen, Rumänien, der Slowakei und Ungarn erreichen PETA derzeit unterschiedliche Meldungen über die Verfahrensweise an den Grenzen zur Ukraine. Meist werden offenbar mitreisende Tiere nicht in die EU gelassen, wenn sie nicht gechipt oder tätowiert und gegen Tollwut geimpft sind.“

Aber was dann? Bindet man seinen Hund notgedrungen am Grenzzaun fest oder lässt seine geliebten Wellensittiche einfach fliegen?

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Wir befragen eine alte Dame ursprünglich aus Schlesien kommend, wie das eigentlich 1945 auf der Flucht gewesen sei. Sie erinnert sich tatsächlich gut an die vielen Hunde, die in den verlassenen deutschen Dörfern umherliefen.

Und sie weiß auch noch um die Schmerzen und Schreie der Kühe, die nicht rechtzeitig gemolken werden konnten. Ab und zu hätte sich mal einer erbarmt, aber viele hatten auch keine Gefäße dabei und gingen einfach vorbei.

Die schon über Neunzigjährige erinnert sich auch an den Schäfer im Ort, der gleich mit seiner ganzen Herde und seinen Hunden auf der Flucht gewesen sei und es tatsächlich geschafft hat die meisten Tiere zu retten.

Peta schreibt über fünfundsiebzig Jahre später:

„Die Tierrechtsorganisation forderte heute in einem dringenden Schreiben unter anderem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf, „die gesetzlichen Einreisebestimmungen für tierische Mitbewohner temporär außer Kraft zu setzen und Quarantänestationen einzurichten, damit nicht auch noch die Familienverbände zwischen den Menschen und ihren tierischen Begleitern zerstört werden.“

Und weiter heißt es bei der Organsisation: „Es ist wichtig, den Menschen und den Tieren zu helfen und ihnen Sicherheit vor den Angriffen Russlands zu bieten.“

Und um es hier für den Leser aufzulösen: Tatsächlich wurde schon nach wenigen Tagen dem Begehren unter anderem dieser großen privaten Organisation nachgegeben. So konnte Peta jetzt vermelden, dass die Einreise für Haustiere in die EU vereinfacht wurde.

Die Organisation hat sich auch der Versorgung der Tiere vor Ort angenommen und gestern einen ersten LKW mit 20.000 Kilogramm Tiernahrung über die Grenze in die Ukraine organisiert. Die Geschäfte in der Ukraine sind zu, Vorräte gehen zur Neige.

Peta schreibt weiter, im Landesinneren der Ukraine wären sie bereits von Tierschützern erwartet worden, welche händeringend auf Tiernahrung warteten.

Tatsächlich mag neben der Rettung von Menschenleben die Rettung eines Hundes oder einer Katze wie ein Luxusprobelm ausschauen. Aber wer selbst ein Tier in seinem Haushalt hält, es pflegt, beschützt und füttert, der weiß um die große Verantwortung und gegenseitige Zuneigung. Und der weiß, dass sich das Tier nicht alleine wird helfen können.

Die Berliner Zeitung berichtete gerade von tausenden an der ukrainisch-polnischen Grenze ausgesetzten Hunden und Katzen die zu Beginn des Krieges noch wegen der gelten EU-Bestimmungen abgewiesen und also ausgesetzt wurden.

Nach aktuellen Reisebestimmungen galt bisher, das Hunde und Katzen geimpft und gechippt sein müssen und einen Antikörpertiter für Tollwut vorwiesen sollen. In der aktuellen Kriegssituation ist das für Flüchtende aber vielfach unmöglich zu bewerkstelligen.

Wäre es nicht ein weiteres Armutszeugnis, wenn die EU zwar Flüchtlinge aus der Ukraine aufnimmt, aber bei deren Haustiere kein Pardon kennen würde, wenn beispielsweise die Tätowierung fehlt?

Es wird in diesen Tagen wieder viel über Humanität und humanitäre Hilfe erzählt. Humanität bedeutet Menschlichkeit. Aber was ist Tierliebe eigentlich anderes als ein Erbe dieser Humanität?

Wer sich der Menschlichkeit verpflichtet fühlt, kann vor der Liebe zum Tier nicht halt machen. Noch weniger, wenn es sich dabei um Haustiere handelt, die vielfach ohne die Hilfe des Menschen nicht überlebensfähig wären.

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass das domestizierte Tier auch auf dem Schlachtfeld immer wieder einen hohen Blutzoll für jene Menschen geliefert hat, denen es bedingungslos vertraute.

Tierische Schicksale, die weit entfernt sind vom beschaulichen Bild eines Bernhardiners mit einem Fass mit Rum um den Hals gebunden.

Das Dresdner Militärmuseum der Bundeswehr hat darüber in seinen Ausstellungsräumen eindrucksvoll Zeugnis abgelegt. Dort nämlich wird ein Themenparcour „Tiere im Krieg“ gezeigt, der eine lange „Tradition“ der Nutzung von Tieren in Kriegen von der Antike bis zu zeitgeschichtlichen Entwicklungen zeigt.

Besonders abscheulich hier sicher der Hund, eingesetzt zur Sprengung von Panzern – hier wurden die Tiere als lebende Bomben genutzt. Allein im ersten Weltkrieg sollen laut Ausstellung insgesamt 14 Millionen Tieren im Einsatz gewesen sein.

Und die ältere Dame, die wir zum zweiten Weltkrieg befragten, erinnert sich in dem Zusammenhang an die vielen getöteten Pferde am Wegesrand, aus dem sich die Flüchtenden in ihrer Not mit kleinen Taschenmessern Stücke heraustrennten, um nicht zu verhungern.

Peta jedenfalls vermeldet jetzt, dass aufgrund einer Empfehlung der Europäischen Kommission, der bürokratischen Aufwand für ukrainische Bürger bis auf weiteres ausgesetzt wurde. Und das gelte auch für die Haustiere der Flüchtenden.

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Kommentare

Kommentar von Martin Haimböck

Ein sehr Interessanter Beitrag, Danke dafür.