Großer Presserummel rund um die Eröffnung eines „Ukraine-Museums“ in der Schöneberger Straße im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nahe des Anhalter Bahnhofs. Die etablierten Zeitungen berichten von der symbolträchtigen Eröffnung zum vierten Jahrestag des Ukrainekriegs. Alexander-Wallasch.de ist ebenfalls hingefahren. Wir haben uns umgeschaut.
Rund um dieses „Museum“ gibt es einige Besonderheiten. Zunächst befindet sich die Ausstellung in einem alten Weltkriegsbunker und wird privat betrieben. Hinter dem Vorhaben steckt eine zwielichtige Person, über die gleich noch zu berichten ist. Positiver ausgedrückt könnte man Enno Lenze, so heißt der Mann, auch als eine Art Tausendsassa bezeichnen.
Auf jeden Fall ist er eng verstrickt in die ukrainische Sache. Seine Ausstellung, die er gemeinsam mit dem 76-jährigen Wieland Giebel kuratiert und verantwortet, ist eigentlich auch kein Museum, sondern ein 110-prozentiges Bekenntnis zur Ukraine. Das sollten auch Schulen und Bildungseinrichtungen wissen, die eventuell planen, hier womöglich Schüler und Interessierte durchzuschleusen.
Das Ukraine-Museum befindet sich in einem Untergeschoss des Hochbunkers. Wenn man sich nicht jede Schautafel einzeln durchliest, ist man mit den Exponaten in maximal einer halben Stunde durch. Der Eintrittspreis liegt bei 18 Euro und muss mit Karte bezahlt werden.
Schon einige Zeit länger untergebracht ist in den weiteren Etagen des Hochbunkers eine Dauerausstellung über den Nationalsozialismus, über den es prahlerisch auf der Webseite des Bunkers (Berlinstory.de) heißt:
„Die weltweit führende Dokumentation über den Nationalsozialismus und Hitler – in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.“
Die Besonderheit hier: Diese Ausstellung, die auch von einem im Preis enthaltenen Audioguide-Leihgerät begleitet wird, kommt ohne nennenswerte Exponate aus und besteht im Wesentlichen aus Schautafeln. Der Bunker selbst ist hier das Exponat. Ansonsten ist Lesestunde angesagt. Ein illustriertes und begehbares Buch über den Nationalsozialismus – geschrieben von den privaten Organisatoren des Museums.
Wieland Giebel ist am Nachmittag anwesend, er erzählt von der Presseführung am Vormittag. Ukrainische Offizielle seien anwesend gewesen, auch aktive Militärs. Von deutscher Seite sei aber kein Regierungsmitglied erschienen. Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sei schon mehrfach eingeladen worden, aber bisher nicht erschienen.
Über Enno Lenze berichtet eine große Online-Enzyklopädie, er habe nach Beginn des Kriegs in der Ukraine mit gepanzerten Fahrzeugen gehandelt. Die Belegstelle dafür ist dann ein älteres Podcast mit dem Springer-Autor Paul Ronzheimer; auch Lenze soll als Kriegsreporter unterwegs gewesen sein. Man kennt sich gut, Ronzheimers Arbeit wird im Ukraine-Museum ebenfalls per Schautafel gewürdigt. Das Intro im Ronzheimer-Podcast erzählt schon einiges über die eingangs erwähnte „Zwielichtigkeit“ des „Museumsdirektors“. Ronzheimer schreibt über Lenze:
„Was treibt ihn an, immer wieder „einfach so“ im Urlaub in den Irak oder die Ukraine zu reisen? Wie kann man im Krieg Geld verdienen?“
Wie kann man mit dem Krieg Geld verdienen? Mit einem Kriegsmuseum? Man könnte auch Propaganda-Museum schreiben. Denn was die Besucher hier geboten bekommen, ist genau das: Ein Museum für die ukrainische Sache:
In einem Bunkerraum der Ukraine-Etage werden auf den besagten Schautafeln die ÖRR-Moderatorin Sandra Maischberger, FDP-Politiker Christian Lindner, SPD-Politiker Ralf Stegner und BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht mit Aussagen zur Ukraine vorgestellt, die den Ausstellungsmachern zu ukrainekritisch sind. Von der Decke hängt ein Schild, wie eine Eselsmütze über den Genannten:
„Helfen oder Arschloch sein? Du hast die Wahl. Jeden Tag.“
Und dazu ein dicker gelber Pfeil hinüber zu Wagenknecht und Co.Dort, wo das „Arschloch“ Christian Lindner (damals Bundesfinanzminister) vorgeführt wird, zitiert die Schautafel den ehemaligen ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk wie folgt:
„„Das war das schlimmste Gespräch in meinem Leben“, so Andrij Melnyk, „ein Knock-out. Ich habe das Gespräch dann nach 30 Minuten abgebrochen. Ich weine nicht oft, aber nach dem Gespräch mit Christian Lindner sind mir die Tränen nur so übers Gesicht gelaufen.““
Was hatte Lindner gesagt? Er soll Melnyk empfohlen haben, eine Niederlage zu akzeptieren, Russland könne man nicht abwehren. Kommentar der Museumsmacher auf der Schautafel über Lindner:
„Ein Aufruf zur Unterwerfung, wie er nur von Feiglingen kommen kann, die den Schwanz einziehen, statt zu kämpfen.“
Lindner zeige ein Verhalten, heißt es weiter, welches nur Menschen ohne Rückgrat zeigen könnten. Entsprechend auch die Kommentierung der Aussagen von Wagenknecht, Stegner und anderen. Das seien alles „Putin-Protagonisten im öffentlich-rechtlichen TV“. Der private Museumsmacher und Ukraine-Geschäftemacher Enno Lenze sei einmal ausgeladen und dafür „SED-Gysi“ eingeladen worden.
Lenze sei „In Rekordzeit“ von der Front in Butscha zurückgekehrt um „als Augenzeuge“ bei Maischberger „über die Kriegsverbrechen“ auszusagen. Dann wurde er ausgeladen. Ihm sei zudem ein vierstelliger Betrag von der Maischberger-Redaktion angeboten worden, wenn er nicht über die Ausladung spreche.
Steht da alles so im von den etablierten Zeitungen positiv besprochenem „Ukraine-Museum“ zwischen der Ronzheimer-Hymne, Spendenaufrufen für Militärausrüstungen und Danksagungen an das ukrainische Militär. So heißt es im Eingangsbereich etwa „Über dieses Museum“:
„Dieses Museum wurde nur durch die vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium möglich, insbesondere mit dem Nationalen Militärhistorischen Museum der Ukraine in Kyiv.“
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Und in einem weiteren Raum hängt eine Danksagung an den Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, der Lenze oder wem auch immer mal ein T-Shirt mit ukrainischer Flagge unterschrieben hat, das hier ebenfalls gerahmt ausgestellt wird. Dazu heißt es dann:
„Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte bedankt sich mit diesem signierten T-Shirt beim Berlin Story Bunker für die anhaltende Unterstützung der Ukraine“.
Am Ausgang steht zur Verabschiedung:
„Eine solche Ausstellung ist nur möglich, da uns viele Personen und Organisationen im Laufe der vergangenen Jahre bei unserer Arbeit in der Ukraine auf vielfältige Art geholfen haben.“
An anderer Stelle im privaten „Ukraine Museum“ wird auf einer Schautafel erzählt, was man bereits in die Ukraine gespendet habe: 1700 Schutzwesten, 10 gepanzerte Fahrzeuge, 20 Power Stationen, 900 Erste Hilfe Sets, 800 Helme, 15 Störsender, 2500 Weihnachtsgeschenke, 11 Drohnen, 1000 Leichensäcke und noch einiges mehr.
Dazu heißt es:
„Seit Beginn der russischen Invasion reisen wir jeden Monat in die Ukraine, berichten von dort und liefern Hilfe.“
Ronzheimer erzählte 2024 im Podcast, er wäre als Kriegsreporter immer mal wieder in verschiedenen Kriegsgebieten über Lenze „gestolpert“, es wäre aber nie ganz klar gewesen, was der da eigentlich mache: „bisschen als Journalist, aber irgendwie auch nicht so richtig“.
Man duzt sich. Und man sei sich zufällig begegnet, als Ronzheimer gerade etwas mit Vitali Klitschko besprochen habe, erklärt Ronzheimer beinahe angeberisch.
Ronzheimer war es übrigens, der den Verdienstorden der Ukraine für Waffenlieferpropaganda abgelehnt hatte, weil er Journalist bleiben wollte. Der also Ex-Journalist und damalige Welt-Chef Ulf Poschardt allerdings hatte das Blech gern angenommen und seitdem gelegentlich stolz vorzeigt, so auch bei einem Besuch der „taz“ in seinem Springer-Büro über Berlin.
Schon damals, im März 2024, sammelte Enno Lenze „Artefakte“ für sein Ukraine-Museum, wie er Ronzheimer in dessen Podcast erzählt.
Lenze erzählte damals, er finanziere sein Reisen auch dadurch, das er Unternehmen berate, die in Kriegs- und Krisengebiete gehen und denen er Personenschutz und gepanzerte Fahrzeuge anbiete. Da die Preise für diese Fahrzeuge so „pervers“ hoch seien, habe er überlegt, den Handel damit dafür zu nutzen, ein Museum aufzubauen.
Lenze meinte weiter, eine öffentliche Förderung bekäme er ja nicht, das sei hoffnungslos. Das wäre dann die Gelegenheit, das bizarre Wissen, das er im Laufe der Zeit erlangt habe, zu monetarisieren.
Ronzheimer fasste es im Podcast so zusammen:
„Das heißt, Du hast Dir am Anfang des Krieges eine goldene Nase verdient mit Panzerfahrzeugen und Schutzwesten und allem möglichen und das Geld, das du dabei eingenommen hast, investierst du jetzt in ein Museum, wo es um den Krieg in der Ukraine geht.“
Lenze widersprach nicht, beschreibt seine Geschäfte mit diesen Dingen als „ein Zickzack wie Aktienhandel“. Pickups für 7000 Dollar gekauft, seien später für 60.000 Dollar verkauft worden. Seine Provisionen für einen Auftrag, prahlte Lenze weiter, lägen im fünftstelligen Bereich.
Das alles klingt wie Stoff für eine Hollywood-Produktion mindestens als B-Movie, aber Enno Lenze macht ein Museum daraus und vergisst auch die Ehrentafel für Ronzheimer nicht.
Die „taz“ fasst die Ausstellung – durchaus noch wohlwollend – so zusammen:
„Wer hier hinkommt, soll sich überwältigen lassen. Es ist eine Gratwanderung zwischen schonungsloser Dokumentation und effekthaschender Inszenierung.“
Die weiteren berichtenden Zeitungen enthalten sich überwiegend jedweder Kritik. Der Spiegel schreibt am Rande einer Glorifizierungsarie unfreiwillig komisch:
„Im Keller des Bunkers war bis in die Neunzigerjahre ein Gruselkabinett mit Geisterbahn für Kinder untergebracht, dann stand er leer. Heute steht »Ukraine Museum« am Eingang zur Schau über Europas heftigsten Krieg seit 1945.“
Am Eingang werden für einen Euro blau-gelbe Sticker verkauft: „Slava Ukraini!“