Eine Arbeitsvermittlerin möchte helfen

Viele Leser reagierten mit Empörung und Trauer auf einen Artikel über eine junge Frau aus der Nachbarschaft

von Alexander Wallasch (Kommentare: 2)

Der Weg von der Schule über Bildungsträger zum Ausbildungsplatz© Quelle: Pixabay / Pixels

Viele Menschen hierzulande sind noch aneinander interessiert und sorgen sich um ihre Nachbarn, wenn es diesen schlechter geht. Sie nehmen Unrecht wahr, und sie haben ein Gefühl dafür, wer mittlerweile zu den Verlierern dieser woken Regenbogenideologie gehört.

Der Bericht rund um die Bewerbungsbemühungen einer jungen Frau hat viele von Ihnen bewegt.

Was ich aus der großen Zahl an Kommentaren und E-Mails herauslas, war ein großes Mitgefühl, das man 2023 auch so zusammenfassen könnte: Wir passen aufeinander auf. Was mich hier wütend gemacht hat, ist auch die Wut vieler Leser, die in ihrer Nachbarschaft ähnliches erleben.

Stellvertretend möchte ich die E-Mail einer Leserin herausgreifen, die Betroffenen helfen möchte, ihre Ohnmacht zu überwinden. Im Schreiben werden eine ganze Reihe praktischer Ansätze skizziert, die jungen Menschen und ihren Eltern Mut machen und dazu animieren wollen, nicht aufzugeben.

Eine engagierte Leserin schrieb an alexander-wallasch.de:

"Gerne möchte ich meine Erfahrungen aus dem Bereich der Ausbildungsberatung und -vermittlung teilen und ein paar Tipps weitergeben. Junge Menschen auf Ausbildungsplatzsuche, wie die Nachbarstochter, die durchs Raster rutschen, sind mir öfters als Arbeitsvermittlerin für Ausbildungsplatzsucher begegnet.

Nach zusätzlichen, unnötigen Ehrenrunden in weiterführenden Schulen – meist zur Erlangung besserer schulischer Leistungen, zur Überbrückung oder ähnlichem – landen die Jugendlichen nicht selten desillusioniert, manchmal auch motiviert, aber mit unspezifischem Berufswunsch in der Ausbildungsberatung und in der Berufsvorbereitung (BvB) bei einem Träger.

Lehrer kümmern sich kaum um Bewerbung und Jobsuche. Wenn ein Schüler in der Abschlussklasse keine Ausbildung hat, wird er zur weiterführenden (Berufsfach-) Schule zur „Überbrückung“ geschickt, wo wiederum eine hohe Quote an Abbruch, schlechten Noten etc. bittere Realität ist. Manche Schulen bieten Coaching und Bewerbungstraining an, durchgeführt von externen Trägern, die von der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter finanziert werden. Falls auch das nicht fruchtet, gibt es die Möglichkeit, bis zu einem Jahr an einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme in Vollzeit teilzunehmen.

Mit Unterstützung von Coaches, Sozialpädagogen, Dozenten sowie Ausbildern werden berufsbezogene, praktische und theoretische Kenntnisse vermittelt, ebenso wie die Möglichkeit, Berufe sowie Betriebe in Praktika kennenzulernen. Neben Sozial- und Bewerbungstraining finden Coachinggespräche zu Berufswünschen und umsetzbare Möglichkeiten der Ausbildungswünsche statt, inklusive Strategien zur Kontaktanbahnung zu Betrieben. Vermittlung von Praktika und Betreuung durch Betriebsbesuche werden durch engangierte Coaches umgesetzt.

Wer hier dennoch durchs Raster fällt, keine Arbeit oder Ausbildung gefunden hat, oder wegen Abbruch der Maßnahme aus diversen Gründen, wird / kann weiterhin durch anderweitige berufsbezogene Kurse betreut werden. Allerdings sollen Vermittlungen, Kurse usw. ausgerechnet in den genannten Bereichen ab 2024 durch Budget-Kürzungen bei den Jobcentern wegfallen
https://www.gffb.de/massive-budgetkuerzungen-der-jobcenter/
https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/jobcenter-bundeshaushalt-kuerzungen-bremen-102.html

Hier noch ein paar Tipps für Ausbildungsplatzsucher: Die Nachbarstochter scheint sich aufgrund ihrer Bewerbung für den Verkauf zu interessieren. Verkäuferin und Kauffrau im Einzelhandel ist nach wie vor ein Lieblingsberuf. Wenn man die Perspektive auf die Vielzahl an Möglichkeiten anderer Berufe lenkt, gibt es Branchen, die händeringend Azubis suchen und ähnliche Tätigkeiten anbieten. Bei der Frage, warum im Verkauf, kommt oft: „Ich möchte Kunden beraten“. An Warenverräumung und Kassiertätigkeit wird weniger gedacht.

Folgende Tipps hab ich für die junge Dame: Es gibt etliche Berufe mit Kundenkontakt (interessant für Berufswunsch „Verkauf“) , wie z. B. Augenoptiker, Hörgeräteakustiker, Goldschmied, Pflanzenfachberater, Floristin, etc. die auch (dringend) Azubis suchen.

Wenn es um Berufe mit Kundenkontakt geht, kann man die Suchmöglichkeit auf viele Branchen erweitern. So z.B. Physiotherapeut, Pflege, Bibliothekarin, Handwerksberufe mit Kundenkontakt etc. Das Berufsinformationszentrum oder die spezifischen Seiten für Ausbildung der Agentur für Arbeit bieten einen Überblick über sämtliche Berufe an. Dazu findet man bei den Kammern ebenfalls ausreichend Infomaterial zu den Berufen und Ausbildungsbetriebe wie die Handwerkerrolle der Handwerkskammer, Innungen und Kreishandwerkerschaften.

Zusätzlich empfiehlt es sich, auch Social Media zu nutzen und sich ein paar Videos etc. über den Wunschberuf anzuschauen. Sollten diese oder andere Berufe in Frage kommen, ist es sinnvoll, die junge Frau vorbereitet mit gezielten, tiefergehenden allgemeinen Fragen zum Ausbildungsberuf zum Ausbildungsort zu schicken. Bewerbungsunterlagen mit schlechten Zeugnissen müssen hier noch nicht mitgebracht werden. So ein Gespräch zeigt Interesse, macht neugierig und ein erster Kontakt und Eindruck kommt zustande. Es geht ja in diesem ersten Gespräch nur um das Sammeln von Informationen und darum, einen Einblick zu gewinnen.

In einem zweiten weiteren Gespräch und bei gutem Verlauf des ersten Kontaktes, kann es ratsam sein, zu erfragen, ob ein kurzes Schnupperpaktikum von ein paar Tagen möglich ist, um den Beruf in der Praxis kennenzulernen. Wenn es unbedingt der Einzelhandel sein soll, könnte sich die junge Frau zunächst auch zur Überbrückung einen Minijob suchen und sich darüber ggf. für eine Ausbildung qualifizieren.

Es empfiehlt sich auch, ältere Zeugnisse von vor Coronazeit mit in die Bewerbung hineinzulegen, wenn diese ein positiveres Bild vermitteln. Der Eine oder Andere ist wegen Schulschließungen ins Schleudern gekommen incl. schlechter Noten. Auch Kammern, wie Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Landwirtschaftskammer bieten persönliche Ausbildungsvermittlung und Beratung an. Viel Erfolg!“

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