Surfen bis nach Andros: Wie ein Abend bei Irene Papas' Villa landete

Von Diktaturen, Sirtaki und einem verborgenen Traum auf den Kykladen

von Alexander Wallasch

Sind wir nicht alle ein bisschen Grieche?© Quelle: https://www.oliveandloveretreats.com/touchstonehouse, Screenshot

... und am Ende des Surfs steht man vor einem 18.-Jahrhundert-Farmhaus auf Andros, das Irene Papas gehörte – jetzt renoviert, ausgezeichnet und wartend. Mit Freunden teilen, Zeit vergessen, die Welt der Götter spüren.  

Gestern Abend ließ ich mich beim Surfen im Internet etwas treiben. Dabei habe ich eine wundervolle Entdeckung gemacht, die ich gern mit Ihnen teilen möchte.

Alles fing zunächst damit an, dass ich mich mit Blick auf Venezuela und den Iran gefragt hatte, welche Regime-Wechsel es in Europa vor 1989 gegeben hat. Dabei fiel mir zunächst die Nelkenrevolution in Portugal ein und der Übergang zur Demokratie nach dem Tod Francos in Spanien. Aber auch in Griechenland endete Mitte der 1970er-Jahre die Militärjunta, die dort nach einem Putsch bald ein Jahrzehnt geherrscht hatte.

Spanien und Griechenland hatte ich wenige Jahre später mit Freundin und Freunden und einer Interrailkarte bereist. Wir waren gerade 16 Jahre alt geworden, hatten die Realschule beendet und waren so mutig wie wir es später nie mehr sein sollten. Man könnte es auch unbedarft nennen.

Diese Interrailkarte kostete 365 Mark. Dafür konnte man einen Sommer lang durch ganz Europa reisen und wir reisten, weil die Mutter es erlaubt hatte. Die Eltern waren geschieden und mit dem Auszug des Vaters zog eine Freiheit ein, die einen 15-Jährigen schon mal überfordern kann, aber wir nahmen den Raum ganz selbstbewusst ein – schon nach wenigen Tagen durfte die Freundin das erste Mal bei mir übernachten, die Mutter hatte am Morgen sogar Frühstück gemacht.

Als Familienvater entdeckte ich Schweden und später Norwegen als Traumurlaubsland. Aber in der Jugend war Griechenland das Land meiner Träume. Hier hatte der Vater auf Reisen den Blick auf die Welt der Götter und auf die Antike gelenkt und ihn als eine Art Kinderglauben verankert.

Womöglich spürte ich mit der Interrailkarte in der Hand den Urlaubsreisen der Kindheit nach, als ich der ersten Freundin und Freunden zeigte, was ich zuvor schon mit den Eltern gesehen hatte. Als meine eigenen Kinder später reisefähig waren, fuhr ich ein drittes Mal und wieder in neuer Reisebesetzung nach Epidaurus, einer antiken Kulturstätte an der Wiege Europas.

Aber das habe ich alles schon einmal erzählt. Also beim Surfen von Venezuela über den Iran nach Griechenland zum Ende der Junta. Schon landete ich beim griechischen Volkshelden Mikis Theodorakis. Er war viel mehr als der Komponist des Sirtaki in „Alexis Zorbas“. In jungen Jahren war er Widerstandskämpfer gegen die Nazis, er kämpfte nach 1945 in einem längst vergessenen griechischen Bürgerkrieg auf Seiten der Linken und wurde in einem Lager interniert und schwer gefoltert.

Gegen die Militärdiktatur ging er ebenfalls in den Widerstand und wurde erneut schwer gefoltert. Bis 1974 lebte Theodorakis im Pariser Exil. Seine triumphale Rückkehr nach Griechenland im selben Jahr macht bis heute Gänsehaut, wenn man die erhaltenen Filmschnipsel seines Auftritts im Karaiskakis-Stadion Athen anschaut. Eine Art erstes Volkskonzert nach der Diktatur.

Der Jubel der Griechen kannte kein Ende, als Mikis Theodorakis mit seinen Weggefährten die selbstkomponierten Lieder sang, die uns über den Film „Alexis Zorbas“ noch im fernen Braunschweig erreicht hatten. Mindestens über die vielen griechischen Restaurants, die damals den Wienerwald ersetzt hatten und zu jedem Gyrosteller rauf und runter gespielt wurden.

Wer ein paar Minuten dieses umjubelte Konzert nachschauen will, das so viel über die Griechen erzählt, der kann das hier tun.

Ich erinnere mich noch an die Griechenlandreise mit der eigenen Familie als auf der Autobahn plötzlich die Mautstationen von Linken besetzt waren, die gegen die EU protestierten und kurzerhand die Gebühren für die Nutzung der Autobahnen abgeschafft hatten. Wilde Typen, die wilde Lieder in Moll sangen und ihre roten Fahnen schwenkten. Unsere Kinder fanden es natürlich wunderbar aufregend.

Aber ich surfte weiter auf dem Sofa, unser Familienfernseher ist längst hinter wuchernden Zimmerpflanzen verschwunden – Surfen, das ist dann, was man eben ersatzweise macht, wenn man noch nicht bettfertig ist.

Und wer schon bei Theodorakis gelandet ist, der findet unweigerlich zur Schauspielerin Irene Papas. Sie spielte die Witwe Surmelina in „Alexis Zorbas“, die den Männern in dem abgelegenen Dorf auf Kreta den Kopf verdreht, wenn sie nur die Dorfstraße hinuntergeht. Ihr Schicksal ist besiegelt. Und dort in diesem abgelegenen Teil Europas wurde die Bibel noch beim Worte genommen, suggeriert der Film und die Witwe gesteinigt, damit wieder Ruhe einkehrt – hier explodiert die Brutalität einer kollektiven Moralhybris und Rache.

Als der Film 1964 auf Kreta gedreht wurde, waren die Dorfbewohner vor Ort allerdings ziemlich überrascht, was man ihnen da andichtete. Die Steinigung einer Witwe wegen eines außerehelichen Verhältnisses entsprach nicht wirklich der gelebten Realität. Die letzte echte Steinigung in Europa liegt Jahrhunderte zurück.

Natürlich verliebten sich Millionen Kinozuschauer weltweit in das griechische Glutauge und wer nicht lockerließ, der entdeckte damals auch die Sängerin Papas, die für Theodorakis dessen Lieder gesungen hatte und später mit Vangelis traditionelle griechische Volkslieder aufnahm, während Vangelis sie mit seinen charakteristischen elektronischen, fast kosmischen Arrangements neu interpretierte.

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Und wenn man abends auf dem Sofa mit offenem Zeitfenster am Surfen durch die Weiten des Worldwide Web ist, dann surft man eben weiter: Vangelis heißt eigentlich Evangelos Odysseas Papathanassiou. Und der war in den 1960er-Jahren Gründer der Prog-Rock-Band „Aphrodite’s Child“ – übrigens gemeinsam mit Demis Roussos. Die späteren Populärmusiker waren in jüngeren Jahren also durchaus so etwas wie schlimme Finger. Aphrodite’s Child veröffentlichte 1972 unter dem Label „Progressive Rock“ ihr Konzeptalbum „666“, eine musikalische Interpretation der Offenbarung des Johannes, die manchen Drogentrip der 1970er-Jahre noch eine Runde weitergedreht haben mag.

Und ja, Irene Papas war auch hier schon dabei, sie sang auf dem Album mit den teuflischen Zahlen den hypnotischen, ekstatischen Part „∞“ (Infinity) – ein fünfminütiger „kosmischer Orgasmus“-Gesang, der damals für besonders große Aufregung sorgte, die Plattenfirma wollte ihn zunächst gar nicht veröffentlichen.

Aber Entschuldigung, jetzt habe ich mich in der Nacherzählung bald verloren, ich wollte doch von einer Entdeckung erzählen, die ich bei diesem langen abendlichen Surfgang gemacht hatte. Ich war also bei Irene Papas und Vangelis angelangt. Hier fand ich ein älteres Video zum Stück „Neranzoula“, das die Schauspielerin und Sängerin im wallenden traditionellen Gewand über das weiträumige Gelände einer Villa schweifen lässt.

Diese Villa erinnert an die mächtige steinerne Filmkulisse eines Monumentalfilms – womöglich über das Leben der Götter im Olymp, aber hier ganz irdisch verankert. Vielleicht eine griechische Insel? Im Hintergrund war das Meer und eine Reihe schroffer Inseln zu sehen.

Also surfte ich weiter im Internet. Und tatsächlich handelte es sich bei der Örtlichkeit im Musikvideo um die ehemalige Privatvilla der Schauspielerin auf Andros, der nördlichsten der griechischen Kykladeninseln. Die Villa baut auf einem renovierten 18.-Jahrhundert-Farmhaus inmitten von Zitrus- und Olivenbäumen.

So wie Hydra für Leonard Cohen oder Skorpios für Maria Callas war Andros der persönliche Rückzugsort für die Papas. Wer sich das zuletzt aufwendig renovierte und preisgekrönte Anwesen anschaut, der muss sich sofort verlieben.

Aber das Beste zum Schluss: Dieser emotional so aufgeladene Ort wird auf Airbnb angeboten! Und man kann die Villa einfach mieten!

Ja, es ist nicht billig, irgendwas um 500 Euro am Tag, aber wer mit guten Freunden fährt, teilt sich den Preis, Schlafzimmer sind ja ausreichend vorhanden.
Nun gehört zur Idee von Traumzielen dazu, dass sie ein Traum bleiben. Andererseits zeigen die dichten Reservierungen, dass sich andere diesen Traum einfach erfüllen. Ab Mitte März ist alles ausgebucht. Ist früher zu kalt? Oder dann halt im nächsten Jahr. 2027 ist ab Juli noch alles frei, aber wer plant schon so weit im Voraus?

Zuletzt bleibt dann alles eine Frage der Zeit. Und es gehört viel Mut dazu, der Zeit entschlossen entgegenzutreten. Aber den Mutigen gehört die Welt. Und das weiß heute auch kaum noch jemand: Dieser inspirierende Satz soll 1918 die Parole der Kieler Matrosen gewesen sein, die sich weigerten, in einen aussichtslosen Kriegseinsatz zu fahren – ein Aufruf zu Zivilcourage und Aufbruch. Und damit wären wir dann schon wieder beim griechischen Volkshelden Mikis Theodorakis. Wer sind die deutschen Volkshelden?

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