Toll, Ulf Poschardt hat entdeckt, dass fünfzehn Jahre Ausgrenzung Narben hinterlassen. Was als Erkenntnis um die Ecke kommt, ist konkret nur ein Geständnis mit Verspätung. Verbunden mit der sofortigen Anweisung, wer seine Wunde bitte schön zu verbergen hat.
Die Rechte, schreibt Poschardt, habe „heulsusig“ beklagt, wie linke Medien mit ihr umgegangen seien. Der Umgang sei „vollkommen inakzeptabel“ gewesen. Aber was will der Ex-„Welt“-Herausgeber erzählen? Weil das so war, müsse die AfD jetzt ihre „rechtswoken Heulsusen“, ihre „Pfeifen, Nieten und verrückten Vögel“ und ihre „mittelalterliche Freakshow“ entsorgen. Sonst wäre keine Regierungsfähigkeit in Sicht, keine Souveränität. Alles bleibe unappetitlich.
Politik als frittierte Wellwurst im Berliner Borchardt? Steht dort wirklich auf der Speisekarte. Und diese Wurst ist symbolisch: das bodenständige Kochwurstgericht, appetitlich hochgetunt für die Mittagsgäste von Springer, die die konzerneigene Tochter PACE Paparazzi Catering & Event GmbH meiden, weil sie sich dort unter ihresgleichen nicht adäquat öffentlich inszenieren können.
Poschardts Heulsusen-Analyse ist tatsächlich eine Moralpredigt von jemandem, der jahrelang mit am Tisch saß, an dem entschieden wurde, wer noch salonfähig ist und wer als Vorfeld, als Radikalisierung, als Traumaerzeuger durchgereicht wird.
Poschardt war von 2016 bis 2024 Chefredakteur von WeltN24, danach Herausgeber. Genau in dem Zeitraum, den er selbst als Epoche der Ausgrenzung beschreibt. 2017 schrieb er in der WELT über die Notwendigkeit, die AfD zu „dekonstruieren“, noch als Chefredakteur, erklärte er zur Brandenburg-Wahl: Die AfD stilisiere sich gern zum Opfer, statt zu erkennen, dass sie sich mit radikalnationalen Haltungen selbst ausgrenze. Wer AfD wähle, bekomme am Ende eine linkere Regierung.
Das ist nicht die Stimme eines Außenstehenden, der nachträglich Mitleid übt. Poschardt hat die Brandmauer zur AfD lange für das kleinere Übel gehalten – jedenfalls wollte er diesen Eindruck erwecken, als diese Sichtweise im eigenen Haus noch Mehrheitsmeinung war.
Rückblickend sei das ein Fehler gewesen? Gut. Dann gehört zur Ehrlichkeit aber auch dazu, dass Fehler nicht nur „die Linken“ und „der ÖRR“ gemacht haben. Denn die Welt war nie Spiegel, nie taz, nie Correctiv. Aber was war sie dann?
Sie war viel gefährlicher für jene, die Poschardt jetzt „die Rechte“ nennt. Die Welt hat sich als bürgerliche Alternative inszeniert und gleichzeitig – Daumen hoch, Daumen runter – entschieden, welche Stimmen man zitieren, welche man pathologisieren und welche man als „Vorfeld“ verdammen durfte.
Unabhängige Portale wurden bei Springer über Jahre hinweg als rechtspopulistisch, als AfD-nah, als schmuddelig und nicht ganz koscher behandelt. Währenddessen hat sich das Haus als lupenreine Propagandaschmiede der Regierung verkauft: Welcome Refugees, Corona, Ukraine. Migrations-, Corona- und Klimakritik wurde in der eigenen Redaktion erst spät überhaupt thematisiert – und immer erst dann, als klar war, dass die Welt kurz davorstand, auch von der Masse der Leser als Teil des Problems gelesen zu werden.
Poschardts Welt kommentierte etwa Tichys Einblick 2016 mit der typischen Springer-Herablassung: Bei manchen Autoren sei unklar, ob sie liberale Konservative, konservative Liberale oder nichts von beidem seien. Dass „Tichys Einblick“ inhaltlich streckenweise so schrill daherkommen müsse, sei bedauerlich.
Genau so funktioniert Diffamierung mit abgespreiztem Finger an der knuffeligen Espressotasse im Borchardt: statt Klartext nur das große Geraune, die Andeutung, hier stimme irgendetwas nicht. Und ganz wichtig: Hier gehöre jemand nicht richtig dazu.
Das allerdings sah die Regierung auch immer so. Was man aber besonders verachtenswert ist: Wenn Poschardt die Repression gegen die „Heulsusen“ jetzt mehr oder weniger als Fakt anerkennt, verlangt er im nächsten Satz bereits, die Geschädigten sollten sich bitte anständig benehmen. Wie drückt man das am besten aus? Es ist die Ethik desjenigen, der den Schaden beschreibt und die Rechnung lieber den Opfern präsentiert, bevor sie in seinem Briefkasten landet.
In eigener Sache: Als „Heulsuse“ schreibe ich das als jemand, dem man über Jahre hinweg nicht widersprochen, sondern die Existenzgrundlage genommen hat bzw. nehmen wollte.
Mir wurden Bankkonten gekündigt, weil die politische Markierung gereicht hat. Sogar Konten von Dienstleistern im Umfeld wurden mitgezogen – Kontaktschuld als Geschäftsmodell. Aber wer ohne Konto dasteht, kann keine Leserunterstützung mehr annehmen. Das ist eine wirtschaftliche Exekution. Nicht ohne Grund müssen meine Unterstützer bis heute auf ein Anwaltskonto einzahlen.
Mir wurde die Google-Werbung gestrichen. Nicht mit einem Schlag, sondern Artikel um Artikel, Woche für Woche weiter eingeschmolzen. Gleichzeitig wurden VG-Wort-Zahlungen einfach eingefroren – also genau jene Urheberrechtsausschüttungen, von denen freie Autoren ein paar Rechnungen bezahlen, wenn sie nicht auf einem Springer-Gehalt sitzen.
Wer unbequem schreibt, soll isoliert und zahlungsunfähig werden. Zwei Landesämter und mutmaßlich drei Verfassungsschutzämter legten Akten an. Was macht das mit einem Menschen? Wird man so zur Heulsuse?
Wikipedia wurde zur Munitionskammer gegen mich: erst die Zuschreibung, dann die Weiterverwertung als „Beleg“. Die Autoren mutmaßlich am selben Schreibtisch; viele Journalisten sind auch Wikipedia-Autoren. Immer wieder dasselbe Framing: Rechtsaußen, AfD-nah, unseriös.
Dann kamen fünf Landesmedienanstalten gleichzeitig. Eine „Prüfgruppe Wallasch“ war gegründet worden. Drei Artikel reichten für eine Beanstandung, für eine Untersagung „in der beanstandeten Form“, für 2.500 Euro Verwaltungsgebühr und 500 Euro Zwangsgeld pro Beitrag. Zusätzlich verlangte man von mir, ein Archiv von mehr als 3.000 Texten selbst auf „Sorgfalt, Inhalt, Herkunft und Wahrheit“ durchzuprüfen. Und man stellte mir dafür eine Frist von vier Wochen. Von da an habe ich heulsusig beschlossen, dagegen zu klagen. Von Welt oder Poschardt dazu keine Silbe, keine Nachfrage, es traf ja die Richtigen. Erst viel später, als Ben Berndt bei den Landesmedienanstalten an der Reihe war, reagierte Springer.
Ist das jene Diffamierung, von der Poschardt so unappetitlich im Konjunktiv spricht? Nein, gar nicht „heulsusig“, sondern dokumentiert. Und sie trifft bestimmt nicht den robusten Streamer mit dem Mikrofon in Merseburg zuerst, sondern jene Portale, die Poschardt und seinesgleichen jahrelang als unappetitliches Vorfeld einsortiert haben, damit man selbst als Deutungshoheit der Mitte wahrgenommen wurde.
Mich schreiben Leute an – auch Freunde der Seite: Warum diese Fixierung? Warum immer Poschardt? Aber hey, warum denn verdammt noch einmal nicht? Von Poschardts Seite kommt fast nichts. Keine hinreichende Klarstellung seiner Person. Kein Satz darüber, was er in den Jahren als Chefredakteur und Herausgeber selbst mitgetragen, mitformuliert, mitgerahmt hat. Kein: Das habe ich falsch gemacht, das war zu billig, das war Teil der Ausgrenzung. Stattdessen der dauerhafte Anspruch auf Deutungshoheit. Über alles. Über uns. Über das, was noch bürgerlich ist und was schon Vorfeld. Über das, was Trauma war und was jetzt bitte entsorgt gehört.
Das ist der Kern. Poschardt will Richter bleiben, ohne Angeklagter gewesen zu sein. Er sortiert das Feld, vergibt die Etiketten, erklärt die Lernziele – und wenn jemand nicht mit Watte gepudert ist, nicht artig genug distanziert, nicht fein genug im Ton, dann hängt das Damoklesschwert schon da: Im Zweifel kommt man in denselben Sack wie der robuste Herr „Aktivist Mann“. Unappetitlich. Niete. Freakshow. Vorschein der Macht. Eine Drohung, die wie Kritik aussieht.
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Aber genau so funktioniert Kontrolle nach dem Machtverlust der alten Mehrheiten: Man kann uns nicht mehr ignorieren, also erklärt uns Poschardt stellvertretend, unter welcher Bedingung wir existieren dürfen. Wer widerspricht und Poschardt an seine eigene Rolle erinnert, ist nicht Gegenstimme, sondern Belegstück für die These, dass „die Rechte“ nichts gelernt hat. Und nein, ich will nicht mit ihm befreundet sein wie Reichelt, und ich schaue auch nicht zu ihm hinauf wie Teile der jungen Neuen Medien.
Also nochmal: Warum Poschardt? Weil er der Mann mit Reichweite ist, der die Repression halb zugibt, die eigene Rolle ausspart und trotzdem das letzte Wort über uns behalten will.Poschardt liebt grobe Vokabeln, solange er sie verteilt. „Shitbürgertum“, „Heulsusen“, „Pfeifen“, „Nieten“, „verrückte Vögel“, „unappetitlich“, „Freakshow“. Gleichzeitig verlangt er von der AfD „ein absolutes Minimum bürgerlicher Benimmregeln“. Die Ironie ist Methode. Wer selbst von Beleidigungen lebt, Provokation zur Marke macht und jetzt als „freiester Mitarbeiter“ von Springer durch die Formate getrieben wird, sollte nicht so tun, als sei Anstand eine Einbahnstraße von Merseburg nach fucking Axel-Springer-Haus.
Poschardt fordert Gelassenheit, wenn Politiker „Lügenfritz“ genannt werden, und Empörung, wenn ein Streamer Spiegel-TV-Reporter robust verbal anfasst. Das eine ist Meinungsfreiheit, das andere der Vorschein der Macht. Die Unterscheidung ist nicht moralisch. Sie ist standortabhängig. Und Poschardt vergisst dabei – übrigens wie im Ukrainekrieg, aber das Thema spare ich heute aus – die Vorgeschichte. Wie wird man denn, wenn man sich nicht mehr auf eine Demo traut, weil die Antifa am Straßenrand mit dem Hammer winkt? Aber nicht gegen etablierte Journalisten.
Übrigens: Poschardts Vergleich des Streamers mit „arabischen Clans“ ist besonders aufschlussreich. Natürlich sind körperliche Attacken auf Journalisten zu verurteilen. Aber viel wichtiger: Poschardt bläst hier einen einzelnen Auftritt hoch zur Ästhetik einer ganzen Bewegung. Was ist das? Lupenreine Hetzpropaganda? Mir fällt dazu leider kein anderes Wort ein.
„So sieht das aus, wenn diese Leute die Macht haben werden“, schreibt Poschardt weiter. Wie bitte? Genauso haben doch linkswoke Medien fünfzehn Jahre lang gegen jede Regierungskritik angeschrieben: Ein Höcke-Satz, ein Compact-Cover, ein Reichsbürger am Rand einer Demo – und schon war „die Rechte“ als Paket geschnürt.
Nein, nein, Poschardt hat dieses Vernichtungsprozedere nicht erfunden. Er wendet es jetzt nur in die andere Richtung an, mit „appetitlicherer“ Prosa. „Aktivist Mann“ ist Matthäus Westfal, ein Livestreamer, der etablierte Journalisten bedrängt hat, der „Lügenpresse“ skandiert und sich als Gonzo-Journalist inszeniert hat.
Das mag erklärungsbedürftig sein. Aber dann muss man diese Erklärung suchen – möglicherweise vor der Brandmauer. Die wurde nämlich nicht nur von der Politik aufgestellt, sondern immer wieder auch von den etablierten Medien. „Aktivist Mann“ ist der Beweis, dass eine Partei, die vom etablierten Mediensystem über Jahre als Unberührbare behandelt wurde, ihre Öffentlichkeit woanders organisiert: bei Leuten, die keine Akkreditierung, keine Feuilleton-Manieren und keine Angst vor dem Spiegel haben.
Poschardt geriert sich als lauter und Böser. Er spielt nur. Seine Schrillheit besteht darin, dem Publikum entgegenzuschleudern, er habe sich vom Honorar von Shitbürgern einen weiteren Ferrari gekauft. Er hätte sich auch eine blaue Aufblasbare kaufen können, es ist seine Sache. Aber es spiegelt einmal mehr die Verachtung für jene, denen er sich zugewandt hat.
Wer Leute wie „Aktivist Mann“ als Degeneration der Branche beschreibt und nicht als Produkt der eigenen Medienpolitik, lügt sich was in die Tasche. Poschardt weiß das ganz genau. Er schreibt selbst, Hass auf Eliten in Medien und Politik sei „nicht ohne Grund“ so groß, dass kein Ausfall einen AfD-Wähler verschrecke. Aber die AfD soll doch bitte ihr Vorfeld sortieren, sonst gäbe es keine Macht. Poschardts Angebot richtet sich an Politik und Medien und ist an der Stelle absolut eindeutig: Werdet so wie wir. Oder wenigstens so, dass wir unsere Deutungshoheit behalten. Bestimmte Formate der Neuen Medien sind mit dem Deal bereits einverstanden und verweigern jede Kritik an der kontaminierten Welt von Poschardt.
Poschardts Botschaft in einem Satz: Eine Rechte, die Umfragen gewinnt, muss sich jetzt so zurechtschneiden lassen, dass sie unseren Vorstellungen entspricht. Die Radikalen nach hinten. Die Heulsusen raus. Die Ästhetik bürgerlich. Die Sprache gemäßigt. Weidel darf „Flachzangen“ sagen, aber bitte nicht zu oft und – hüstel – um Gottes willen nicht noch im falschen Outfit.
Aber was ist das nun? Das ist die Brandmauer in neuer Verpackung. Früher hieß sie: Mit denen redet man nicht. Heute heißt sie: Mit denen redet man, wenn sie uns nicht mehr peinlich sind. Wenn sie unsere Deutungshoheit nicht gefährden.
Fünfzehn Jahre lang durfte man in großen Teilen des deutschen Journalismus migrationskritische und coronakritische Positionen nur mit Distanzierungsritual vortragen. Wer es doch tat, war rechts. Wer rechts war, war gefährlich. Wer gefährlich war, durfte ausgegrenzt, beruflich zerstört, öffentlich denunziert werden. Und ich erzähle das hier nicht vom Hörensagen.
Poschardt pathologisiert es nun. Er nennt es ein „Heulsusen“-Trauma. Aber Hilfe naht: Die Traumatisierten dürfen die Therapie nach Poschardts Stundenplan absolvieren. Noch mal zu „Aktivist Mann“: Der ist doch letztlich ein echtes Poschardt-Produkt. Wer Menschen jahrelang als moralisch minderwertig behandelt, darf sich nicht wundern, wenn sie den Benimmkodex der Behandelnden nicht mehr anerkennen.
Tichys Einblick und Portale wie meines haben einen hohen Preis dafür gezahlt, dass Poschardt uns heute Heulsusen schimpfen darf. Und nochmal: Poschardt weiß das alles genau. Und weil er mit einer Kritik wie dieser hier rechnen musste, hat er unter seinen „Heulsusen“-Artikel gleich mal ein paar Knoblauchzehen als Disclaimer aufgehängt. Er schreibt:
„Ach ja, ich weiß auch, wie im rechten Vorfeld auf so einen Kommentar reagiert wird. Ich freue mich schon auf die ewig gleichen Tweets. Aber nur, weil man jahrzehntelang schlecht behandelt wurde, heißt das nicht, dass alles okay ist, was man jetzt selbst an Mist baut.“
Welchen Mist? Meint er meine Kontokündigungen, Werbestopps, eingefrorenen VG-Wort-Gelder, Verfassungsschutz-Akten und eine behördliche Sonderkommission gegen einzelne Artikel?
Wir wurden „heulsusig“, weil wir Themen besetzt haben, die der Mainstream erst für dreckig, dann für gefährlich und in der Abenddämmerung plötzlich spät für diskutabel erklärte. Die Diffamierung war gigantisch und hat den Deutungskorridor geschlossen. Und jetzt kommt Poschardt und erklärt der stabil gebliebenen Seite, sie habe aus ihrer eigenen Misshandlung nichts gelernt – „jedenfalls nicht im Sinne einer aufgeklärten Souveränität“. Wie sagte einst Elon Musk? GFY. Aufgeklärte Souveränität, übersetzt: Bitte so auftreten, dass die WELT weiterhin den Schiedsrichter spielen kann.
Poschardt freut sich schon auf „die ewig gleichen Tweets“. Poschardt ist der Mann aus dem Establishment, der den Aufstieg der Rechten mit einer frittierten Wellwurst auf dem Teller begleitet. Aber es braucht keinen Kulturkampf-Lehrer aus dem Springer-Verlag, der erst die Ausgrenzung mitorganisiert, dann ihre Folgen diagnostiziert und schließlich noch die Therapie verordnen will.
Wer Teil des Problems war, hat es verwirkt, den Ton anzugeben. Und wer damit zurechtkommt, dass Kollegen Konten gesperrt, Werbung gekillt, Tantiemen einbehalten und Behörden gegen einzelne Journalisten in Stellung gebracht werden, der wird am Ende mit seinen Benimmregeln wie die besagte Wellwurst: Wenn sie gekocht ist, ist es ganz gleich, an welcher Stelle man reinsticht, überall spritzt und quillt die braune Masse heraus. Aber man kann sie frittieren, dann passiert das nicht mehr. Es bleibt dennoch, was es ist: eine Wellwurst.
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