Der Ausgangspunkt lag schon vor dem 7. Oktober. Hamas fertigte den Großteil ihrer Waffen selbst, in Werkstätten über und unter der Erde. Ghazi Hamad, führender Funktionär der Hamas und Mitglied ihres Politbüros, sagte später, man habe die Produktion unter die Erde verlegt, weil man damit rechnete, dass die Zufuhrwege geschlossen würden. Das Drohnenprogramm war Teil davon.
Der tunesische Ingenieur Mohamed Zouari baute für die Kassam-Brigaden die Ababil-Reihe auf, eingesetzt bereits 2014. Am 7. Oktober reichten wenige Dutzend kleiner Sprengdrohnen, um Kameramasten, Funkanlagen und einen Merkava zu treffen. Das Institut für Nationale Sicherheitsstudien nannte das die Luftwaffe des armen Mannes. Die Hamas sprach von 35 Zouari-Kamikazedrohnen in der Eröffnungswelle.
Neben diesem noch kleinen Bestand lag ein Raketenarsenal, das der INSS-Forscher Yehoshua Kalisky auf 18.000 bis 30.000 Stück schätzte. In einem intakten Gaza wäre daraus kein qualitativer Sprung zu einer klassischen Luftwaffe geworden, sondern eine Stückzahlindustrie.
Das Vorbild steht auf anderen Fronten. Eine FPV-Drohne, gesteuert über eine Videobrille, kostet bei der Hisbollah 300 bis 500 Dollar und lässt sich in einem Zimmer montieren. Bauteile gehen als Hobbyware durch den Zoll, die Fertigung ist dezentral über Süden und Bekaa verteilt.
Die Ukraine kommt nach eigenen Angaben auf grob 7.000 solcher Maschinen am Tag. Gaza hätte dieses Tempo nicht erreichen müssen. Ein Bruchteil, über zwei oder drei Jahre in Tunnelwerkstätten und Lagern, ergibt bereits mehrere Tausend startbereite Flugkörper. Faseroptisch gesteuerte Varianten kommen ohne Funksignal aus und lassen sich kaum stören.
Das israelische Militär rechnet inzwischen damit, dass die Hamas genau diese Taktik von der Nordfront übernimmt, und sieht gegen faseroptische Drohnen keine vollständige Abwehr. Die Schlagkraft entsteht aus der Geometrie, nicht aus der einzelnen Maschine. Dutzende Orte des Gazagürtels liegen innerhalb von vier bis sieben Kilometern der Grenze, Sderot etwa einen Kilometer entfernt.
Dort lebten vor dem Krieg rund 62.000 Menschen. Eine kleine Drohne braucht für diese Strecke Minuten, oft weniger. Sie fliegt tief, langsam und ohne ballistische Bahn, mit geringer Radarsignatur. Kalisky beschreibt sie als wendig, höhenwechselnd und oft unter der Erfassung klassischer Systeme. Aus kurzer Distanz bleibt für die Abfangentscheidung kaum Zeit. In Grenznähe reicht die Vorwarnung für Iron Dome häufig schon gegen Raketen nicht. Die Abwehr ist auf wenige, teure Ziele ausgelegt, nicht auf eine beliebig große Zahl billiger.
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Eine Iron-Dome-Batterie trägt drei bis vier Werfer mit je etwa 20 Tamir-Flugkörpern und deckt rund 150 Quadratkilometer ab. Israel hat mindestens zehn Batterien. Ein Tamir kostet etwa geschätzt 40.000 bis 50.000 Dollar, eine einfache Rakete aus Gaza wenige hundert, eine FPV-Drohne noch weniger.
Die RAND Corporation beschreibt dasselbe Muster als Kostenauferlegung: Der Angreifer verstopft das Sensorbild und verbraucht endliche Magazine. Bei tausend Starts bedeuten fünf Prozent Durchbruch fünfzig Maschinen über dem Grenzstreifen. Das INSS behandelt Schwärme deshalb als eigenes Problem, weil die Wirkung in der Zahl liegt und nicht in der Plattform.
Militärisch wäre die sinnvollste Verwendung nicht der einzelne Treffer, sondern die Reihenfolge, die am 7. Oktober schon sichtbar war. Erste Welle gegen Kameramasten, Funk und Radaraufsätze, zweite gegen Bereitschaftsräume, Fahrzeuge und Straßensperren, parallel eine Raketensalve, die die Magazine bindet. Was eine durchgekommene Maschine in einem vollen Raum anrichtet, zeigte der 13. Oktober 2024 bei Binyamina: eine Hisbollah-Drohne, zuvor vom Radar verloren und im Schatten einer Raketensalve, traf einen Speisesaal. Vier Soldaten starben, 58 wurden verletzt.
Fünfzig solche Durchbrüche wären keine Entscheidungsschlacht, aber genug, um Sensorik und Bereitschaft an einem Morgen lokal auszuschalten. Dahinter stünde dann dieselbe Option wie 2023: ein Bodenvorstoß durch eine für kurze Zeit blinde Grenze.Neue Abwehrschichten verschieben die Kosten, nicht die Distanz. Iron Beam soll den Einzelschuss auf etwa ein bis zwei Dollar Strom drücken.
Die Reichweite liegt bei rund zehn Kilometern, jeder Laserdirektor kostet Dutzende Millionen Dollar, Wetter und Sicht begrenzen den Einsatz, und bei dichten Salven müssen Laser und Flugkörper parallel arbeiten.
IAI entwickelt deshalb eine mehrschichtige Schwarmabwehr aus Störsendern und kinetischen Abfangmitteln. Faseroptik bleibt davon weitgehend unberührt.
Ein intaktes Gaza hätte Israel also nicht mit einer rivalisierenden Luftwaffe bedroht. Es hätte, neben dem vorhandenen Raketenbestand, über wenige Jahre einen lagerfähigen Vorrat billiger Präzisionsflugkörper aufbauen können, deren Flugzeit in Minuten gemessen wird und deren sinnvoller Einsatz das Sättigen und Blenden der Grenzsensorik ist. Die Schlagkraft läge nicht darin, ob eine Drohne abschießbar ist. Sie läge darin, ob Tausende fast gleichzeitig erkannt, zugeordnet und neutralisiert werden können, bevor die ersten Wellen die Augen der Grenze schließen.
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