Die unheiligen Ordensbrüder

„Welt“-Chefreporter Naber erhält den Ukraine-Orden – Springers Medien-Rüstungskomplex eskaliert weiter

von Alexander Wallasch

Journalistische Ethik im Klosett© Quelle: https://www.welt.de/autor/ibrahim-naber, Wikipedia/Zaslugi-3.jpg, Montage: Wallasch

Jüngst verleiht Kiew Ibrahim Naber den Verdienstorden – die „Welt“ meldet nichts. 2022 feierte dasselbe Haus denselben Orden für Poschardt und Röpcke noch stolz. Ronzheimer lehnte ab. Röpcke wechselt zum Drohnenhersteller, den er zuvor beworben hat. Dazu Döpfner-Investitionen in Rüstung und der Wechsel von Johannes Boie zu Helsing. Ein immer dichteres Netzwerk aus Medienmacht und direkter Beteiligung an der Rüstungsindustrie.

Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Juni 2026 dem „Welt“-Chefreporter Ibrahim Naber den Verdienstorden dritter Klasse verlieh, blieb sein Blatt dazu stumm. Die offizielle Mitteilung aus Kiew würdigte Nabers Frontberichterstattung und seine Dokumentation über Bachmut, doch weder die „Welt“ noch andere Springer-Medien griffen die Nachricht bisher auf.

Das steht in scharfem Kontrast zu November 2022, als dieselbe Zeitung unter der Überschrift „In eigener Sache“ stolz verkündete, dass Chefredakteur Ulf Poschardt sowie die Bild-Journalisten Paul Ronzheimer und Julian Röpcke denselben Orden erhalten hätten.

Poschardt feierte die Auszeichnung öffentlich als große Ehre und bedankte sich im Namen des gesamten Teams, zu dem er ausdrücklich auch Naber zählte. Röpcke zeigte sich ebenfalls erfreut. Nur Ronzheimer und lehnte den Orden ab, weil er ihn mit der journalistischen Unabhängigkeit für unvereinbar hielt. Diese klare Haltung hat die Kollegen in eine spürbare Bredouille gebracht. Denn während der eine die staatliche Ehrung einer Kriegspartei als unvereinbar mit dem Beruf des Reporters betrachtet, haben die anderen sie angenommen und damit die Frage nach ihrer Unabhängigkeit aufgeworfen.

Journalistische Ethik-Kodizes, vom deutschen Pressekodex bis zu internationalen Standards, verlangen Distanz zu staatlichen Interessen und den Verzicht auf den Anschein von Parteinahme. Eine Auszeichnung durch eine Kriegspartei berührt genau diesen Kern. Ronzeimer ist hier die Ausnahme. Poschardt und Röpcke 2022 und Naber 2026 haben sich für den Orden und gegen den Journalismus entschieden. Ein Orden, der das Wesen des freien Journalismus schwer beschädigt.

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Besonders düster wird das Bild durch den weiteren Weg von Julian Röpcke. Der frühere „Bild“-Militärexperte und Leiter des „Lagezentrums“, der jahrelang positiv und detailliert über ukrainische Drohnen und deren Hersteller berichtet hatte, wechselte 2026 als Chief Marketing Officer zu United Unmanned Systems, einem deutsch-ukrainischen Drohnenbauer und einem der größeren Lieferanten an die ukrainischen Streitkräfte.

Der direkte Übergang von der Berichterstattung über Waffensysteme in eine Führungsposition beim Hersteller selbst verstärkt den Eindruck von Verflechtungen, die weit über den Orden hinausgehen. Korruption ist hier durchaus ein Wort der Wahl. Da überrascht es wenig, dass Naber selbst eng in dieses Netzwerk eingebunden ist. Mit Paul Ronzheimer verbindet ihn eine enge kollegiale und persönliche Nähe: Die beiden Kriegsreporter kennen sich seit Jahren, treffen sich regelmäßig an der Front in der Ukraine und tauschen sich in mehreren Folgen von Ronzheimers Podcast ausführlich über gemeinsame Erlebnisse und die Risiken der Arbeit aus. Ronzheimer hat Naber nach dessen Verletzung durch einen russischen Drohnenangriff 2025 als langjährigen Bekannten und Team-Kollegen vorgestellt.

Zu Ulf Poschardt besteht eine klare hierarchische und fördernde Beziehung: Naber arbeitet seit 2022 als Chefreporter unter Poschardt bei der Welt, der ihn bei seinem Masterstudium am King’s College London ausdrücklich unterstützte und ihn 2022 öffentlich als Teil des ausgezeichneten Teams nannte.

Mit Julian Röpcke teilt Naber dasselbe pro-ukrainische Springer-Umfeld und denselben thematischen Fokus. Beide bewegen sich im Netzwerk der Frontberichterstattung, retweeten und verbreiten gegenseitig Inhalte und gehören zu dem Kreis, den Ronzheimer schon 2015 mit in den Verlag gebracht hatte. Was als Anerkennung riskanter Reporterarbeit begann, endet in einem Geflecht aus Orden, positiven Berichten über Waffenlieferungen, späteren Industriekarrieren und engen persönlichen wie redaktionellen Verflechtungen.

Die journalistische Ethik steht zwar formal über dem redaktionellen Alltag, doch in der Praxis des Ukraine-Kriegs scheint sie bei Axel Springer im Klosett gelandet zu sein – je nachdem, wer den Orden annimmt, wer ihn ablehnt und wer anschließend den Schreibtisch gegen einen Posten beim Drohnenhersteller tauscht.

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