Unsere 97-jährige Tante Anneliese ist auf dem Weg der Besserung. Was in den ersten Tagen wenig hoffnungsvoll aussah, hat sich heute schon zum Positiven entwickelt. Die Wirkungen der Narkose, die Wirkung des Schocks sind verflogen und Anneliese ist auf dem Weg zurück ins Leben, zu alter Reststärke.
Wie hat sie es gemacht? So wie immer: Anneliese hat sich in den dunkleren Momenten an schönere Zeiten erinnert. Der Faden ist ihr nie abgerissen. Sie erzählte bei einem Besuch gestern, sie habe sich alte Gedichte und Lieder aufgesagt und vorgesungen und dann eben abgewartet, was noch kommt. Das kann sich jeder denken: Mit 97 Jahren hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen ist wohl keine einfache Herausforderung.
Ich dachte an der Stelle, dass es sinnvoll ist, mal nachzuforschen, wo bisher meine schönsten Momente im Leben waren und wie diese aussahen. Das macht noch mehr Sinn in einer Zeit, die von politischen Wirrnissen angefüllt ist und von einer Kriegsgefahr, die von dieser gefährlichen deutschen Politik ausgeht, die unser Schicksal so eng mit dem der Ukraine verknüpft hat. Es ist die Zeit der Diffamierungen, Denunzierungen, Diskreditierungen und Ausgrenzungen, die Regierungskritiker bald schon routinemäßig widerfahren.
Was sind die schönsten Momente in Ihrem Leben? Haben Sie auch solche konservierten Augenblicke? Jeder der in seinem Gedächtnis nachschaut, wird wohl hoffentlich einen finden. Das müssen nicht diese stereotypen Momente sein, wie etwa die Geburten der Kinder. Die nämlich entpuppen sich beim genaueren Hinsehen als alles andere als schönste Momente. Sie werden es nur manchmal, weil sie samt Schmerzen der Frau irgendwann nach quälenden Stunden oder Tagen überwunden und überstanden sind und der maximal hohe Stresslevel mit dem ersten gesunden Kinderschrei einem Eimer voll Endorphinen Platz gemacht hat. Ich kann es mit vier Kindern aus Erfahrung sagen und meine Frau erinnert sich mit Grauen an die Strapazen der Geburten.
Also die Frage: Was ist Ihr schönster Moment? Vielleicht haben Sie in der Vorweihnachtszeit auch Spaß daran und Gelegenheit, diesen in ein paar Sätzen aufzuschreiben und hier zu kommentieren.
Aber Sie haben recht, wer auffordert, muss erst mal vorlegen: Ich möchte Ihnen von drei solchen schönsten Momenten in meinem Leben erzählen.
Moment Nummer eins liegt länger zurück und den werden besonders Ältere unter uns nachvollziehen können. Ich hatte zu dem Zeitpunkt Gastronomie. Café und Bar lagen in einem belebten Szeneviertel, bevölkert von Rotlicht und subversiven und spannenden Gestalten, die Mieten waren erschwinglich. Und da gab es diese eine Kneipe mit verruchtem Ruf, die man nach Feierabend der eigenen Gastronomie aufsuchte. Das war anziehender als die normale Eckkneipe oder einfach nach Hause zu fahren.
Ich saß also in dieser Kneipe. Die Musik waberte vor sich hin, das Licht leuchte warm und einladend in schmeichelndem Rot. Es gab genug zu trinken frisch aus dem Zapfhahn, es wurde geplaudert, es waren nette Frauen und gute Kumpels dabei. Und mit einmal stand die Zeit still. Ich saß am Tresen, trank mein Bier und war mir in dem Moment ganz sicher, dass das nun ewig so weitergehe. Natürlich graute dann doch irgendwann der Morgen und ich fand – ohne dass es dafür eines Wunders bedurfte – wieder den Weg nach Hause.
Aber über diese Stunden im „King George“, so hieß der verruchte Laden, kann ich sagen, das war ein schönster Moment, ich hatte ihn nicht angestrebt, er war einfach und ohne viel Aufsehen über mich gekommen.
Oder noch einfacher ausgedrückt in der Philosophie jeder Eckkneipe: Die Abwesenheit jedweder Probleme des Alltags, die der beste Grund dafür sind, ein Glas Bier zu leeren oder gleich drei.
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Das kommt Ihnen banal vor? Gut, ich habe noch zwei weitere Erlebnisse, die erstaunlicherweise beide etwas mit Wasser zu tun haben. Und die etwas mit Familie zu tun haben, was weniger erstaunlich ist, weil Familie der beste Generator für schönste Erinnerungen bleibt. Jedenfalls dann, wenn man Glück hat mit seinem Partner und wenn man Kinder hat, die einem grundsätzlich wohlgesonnen sind. Wenn man grundanständig mit seiner Familie umgeht, was ich von mir sagen will.
Also das zweite schönste Erlebnis entdecke ich in einem länger zurückliegenden Norwegenurlaub, ich hatte es irgendwo schon einmal aufgeschrieben. Das war der Moment, als wir eines sonnigen Morgens im August mit dem Motorboot ein größeres Wagnis eingingen und weit hinausfuhren bis zum letzten Leuchtturm. Die Frau blieb zu Hause, weil sie ungern Boot fährt, und ich saß nun mit den vier Kindern, die alle noch im Schulkindalter waren, in diesem so beladenen, nun doch recht klein erscheinenden Boot.
Jeder hatte eine Angel dabei und das Wasser war spiegelglatt. Die Sonne schien, was in Norwegen selbst im Sommer nicht durchgehend verlässlich ist. Wir hatten uns dieses weite Stück hinausgewagt. Die Wassertiefe zeigte hinter dem Leuchtturm 15 Meter, das Festland lag weit zurück, die hübschen Norwegerhäuschen erschienen viel kleiner als jene auf der Eisenbahnplatte im Keller. Dann machten wir unsere Angeln fertig, jeder half jedem. Und gleichzeitig fielen die Köder von allen Seiten des Bootes ins Wasser.
Und das Wunder geschah. Fast zeitgleich biss an jeder Angel etwas an und wir holten jeder unseren Fisch raus. Es waren sogar verschiedene Fischarten; das Wasser so klar, dass man tief hinunter- und zuschauen konnte, wie die Fische zuschnappten. Es waren große Fische. Und wir schauten uns an und lachten und strahlten um die Wette. Was für ein schönster Moment!
Ich kann noch von einem dritten schönsten Moment erzählen. Wahrscheinlich gibt es etliche mehr, aber das sind jene, die mir spontan einfallen. Ich bin gespannt, welche Ihnen gleich einfallen.
Im dritten schönsten Moment war ich mit mir ganz allein. Irgendwo in Schweden. Hier wiederum auf dem Wasser, in einem Ruderboot an der weitläufigen schwedischen Schärenküste. Auch hier war das Wasser spiegelglatt. Ich ruderte gemütlich, dann ließ ich das Boot eine Weile vor sich hintreiben. Und auf einmal erschien es mir als risse eine neue Dimension auf: Durch die Spiegelung des Himmels im Wasser war die Wasseroberfläche einfach verschwunden und mir stellte sich das unvergleichliche Gefühl ein, mit meinem kleinen Ruderboot einfach durch die Luft zu schweben, wie der kleine Häwelmann auf seiner Reise zum Mond.
Ein kaum wahrnehmbares feines musikalisches Summen und ein Dahingleiten im Nichts. Kein Wassergeräusch war zu hören. Eine stille fließende unendliche Bewegung. Entsprechend laut war natürlich der Knall. Denn die Gewissheit hatte sich nach einer Zeit des Fliegens eingestellt – ich erinnere mich immer noch gut – dass es an der Zeit war, wieder zurückzufinden, wenn es für mich kein Ikarus-Ende nehmen sollte. Als ich also endlich wieder die Ruder ins Wasser stellte und diese Szene abbrechen musste, um an mein ursprüngliches Ziel zu kommen, hatte ich einen besonders schönen Moment erlebt.
Was sind Ihre schönsten Momente?
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Kommentar von Edlosi
Ein schöner Augenblick ist, wenn man Wallasch liest und sieht, er schreibt noch und zwar Tatsachen, Wahrheiten und das unverdrossen und aufrichtig.
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Kommentar von Micaelle Walden
Es muss im Sommer 1982 gewesen sein. Ich studierte in einer, sagen wir mal gefühlt mittelgroßen deutschen Stadt, eher Kleinstadt mit katholischem Flair. Zuhause war ich in einer heruntergekommenen Studentenbude mit Kohleofen, in einer als prekär bezeichneten Ausfallstraße, zwischen einem Mix aus Tankstellen, alten Fabrikgebäuden und, wie man es oft in diesen Städten nahe der Grenze findet, einem Eros-Center. Ich wohnte dort zum Entsetzen meiner Eltern allein, aber ich liebte es. Ein wichtiger Grund dort zu leben war, dass ich 2 Katzen hatte, die ich abgöttisch liebte und die ich in einer der schickeren Einzimmerwohnungen als Studentin niemals hätte offiziell halten dürfen. Die Katzen hörten auf die Namen Waltraud und Siggi. Der Letztere war ein Berserker und lungerte nur dort herum, wo er nicht sollte. Die Wohnung lag im 4. Stock und befand sich Seite an Seite mit dem Eros-Center, nur getrennt durch einen Hof, in dem sich zur Sommerzeit die Damen arrangierten. Ab und zu winkten wir uns von meinem Küchenfenster aus zu, ich von oben, die Damen von unten. Eines Tages stand das Küchenfenster offen, normalerweise hielt ich es streng geschlossen wegen Siggis Fisimatenten. Um Waltraud musste ich mich dabei nicht sorgen, sie sprang nie auf den Fenstersims. Es kam also dazu, wozu es kommen musste. Siggi fiel aus dem Fenster und landete im Hof des Eros-Centers. Keine der Damen war
sichtbar. Er lag unten und ich raste in Panik aus dem Haus um die Ecke und musste jetzt irgendwie in das Eros-Center hinein.
Das war aber Frauen, die nicht dort arbeiteten, streng untersagt. Am Eingang befand sich eine breite Einfahrt, wo die Freier, ohne erkannt zu werden, einfahren konnten. Es war mir alles egal, ich wollte nur zu meinem Siggi. Autos fuhren neben mir in das Center und ich sah mich wohl in Strickpulli und Latzhose außer Gefahr, sodass ich todesmutig an eine Autoscheibe klopfte, ob mich jemand der Herren mitnehmen würde. So war es. Happy end. Was für ein glücklicher Moment. Siggi lebte wie durch ein Wunder, er war nur leicht an der Pfote verletzt und eine der Damen hatte ihn bereits gefunden und in die Räume gebracht. Ich schloß mein Tier in die Arme und saß nun mit ihm auf einem goldsamtenen Sofa in meiner Latzhose und heulte in Siggis Fell wie ein Bergquell. Man bot mir ein Likörchen zur Beruhigung an, das ich dankend annahm. Ich wohnte gerne dort und Siggi lebte noch viele Jahre. Er zog dann mit mir und Mann nach Hamburg und ist dort gestorben. Leider durfte ich ihn nicht in Ohlsdorf begraben.
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Kommentar von Maria Eing
Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel
Mit der Tram aus dem "Vorderen Westen" fahren mein damals 3-jähriger Enkel Luca* in den großen Park. Durch das große Panoramafenster des letzten Wagens genießen wir auf der Ablage sitzend die Reise aus der Stadt in den Bergpark. Luca singt und malt mit den Fingern "unsichtbare Formen" auf das klare Glas. In der Kiepe auf meinem Rücken ist Luca begeistert von den vielen, intensiven Eindrücken. Langsam steckt er mich an und ich empfinde tiefes Glück . Wir klettern in die aus ladenden Baumkronen der imposanten Baumwesen, uralt und tief ruhend, genießen unser Picknick und beobachten die Menschen unter uns. Im Sonnenlicht wiegen uns lange Äste, die Vögel schmettern. An diesem Nachmittag falle ich in Glückseligkeit. Es gab zahlreiche Ausfüge und die Erkenntnis, die Glückseligkeit ist da - mir ganz nah, wie in diesem Augenblick des Schreibens.
* Name geändert
Vielen herzlichen Dank für diese belebende Einladung und den inspirierenden Artikel
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Kommentar von Charlotte Hinterhuber
Einen glücklichen Moment spürt man nur selbst. Ich hätte mich auf jeden Fall nicht glücklich gefühlt, einem Fisch den Garaus zu machen.
Ich habe da mal eine Grundschul Session gesprengt.
Die lieben Kleinen angelten einen Fisch und johlten, während er verendent auf dem Boden lag und die Lehrerinnen euphorisch jubelten. Ich sagte: Schluss aus over und ihr meine Kinder kommt sofort zurück, wir machen da nicht mit. Die Feier löste sich in Minutenschnelle auf und zu den zwei verbleibenden mit ihren Kindern sagte ich: Ich hätte da noch Sekt im Kühlschrank, wollen wir? Sie sagten, aber wir wollen sowas von.
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Kommentar von Rolf-Dieter Knoop
Ein kurzer Moment des Daseins
Es ist mehr als 20 Jahre her. Ich lernte eine Frau kennen, die heute meine Frau ist. Wir waren über eine seriöse Kuppelagentur zusammengekommen. Wir hatten viele Emails ausgetauscht und telefoniert. Wir waren bereit für die erste Begegnung. Ich trieb mich damals in Bremen rum, sie lebte mit ihren beiden Kindern in Lübeck. Klar also, dass nur Hamburg als Treffpunkt infrage kam. Ich hatte da so etwas wie ein Heimvorteil, weil ich seit Jahren die Entwicklung in der Hafencity verfolgte, und auch sonst einer war, der sich zwischen Elbbrücken und Teufelsbrück diverse Paar Schuhe zuschanden gelaufen hatte.
Es war November. Wir starteten in der Speicherstadt und schafften es vorerst einmal bis Ovelgönne. Da kriegten wir Hunger.
Ich war erstens Architekt und zweitens ziemlich nervös. Wenn ich nervös bin, rede ich zu viel. Als Architekt war ich an der Elbe natürlich in meinem Element. Zu jedem alten und modernem Gebäude konnte ich was erzählen. Und, das tat ich dann auch. Nach dem Hunger sind wir dann noch stundenlang an Elbe und Alster unterwegs gewesen. Es war längst dunkel geworden. Ein gelungener Abend, dachte ich, wo ich doch so unendlich viel Qualifiziertes von mir gegeben hatte.
Wochen später, wir waren inzwischen unzertrennlich, sprachen wir über diesen ersten Abend. Meine Frau gestand mir, dass sie kaum etwas von dem wahrgenommen hatte, was so eloquent aus mir herausgesprudelt war. Sondern, wie meine Stimme und meine Art zu sprechen auf sie gewirkt hat, hatte in ihr ein Wohlgefühl, ein Gefühl des Vertrauens ausgelöst.
Ich war überwältigt – Nicht mein vermeintlich qualifiziertes Gerede hatte sie beeindruckt, sondern der Klang meiner Stimme und die Art meines Sprechens. Ich hätte also den ganzen Abend ebenso gut über das Kuchenbacken oder das Wechseln von Autoreifen dozieren können.
Es war das erste Mal, dass mir eine Frau deutlich machen konnte, dass wir mehr sind, oder mehr sein sollten als die Summe unserer Fähigkeiten, die wir uns angeeignet haben. Ich habe mich in diesem Moment als echten und liebenswerten Mann empfunden. Scheinbar haben wir jenseits unserer Expertise auch Wesensmerkmale, die etwas über uns aussagen. Die sich im Laufe unseres Lebens herausbilden, und die zeigen, wer wir eigentlich sind.
Natürlich leben wir immer noch zusammen. Sind längst verheiratet, und lassen uns von unserem Hund an der Nase herumführen.
Eine Frau, die einem so schöne Dinge sagt, ist einfach die Frau fürs Leben. Das muss auch der tollste Architekt der Welt begreifen.
Antwort von Alexander Wallasch
Lieben Dank für die Geschichte!
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Kommentar von Eugen Karl
Tut mir dann leid für den "stereotypen Bericht", aber mein Moment war der im Kreißsaal mit dem Söhnchen auf dem Arm. Anders könnte ich es mir auch im Nachhinein gar nicht vorstellen. Unvergeßlich. Und für immer.