Vor Jahren hätte man auf die Frage nach lesenswerten Kolumnisten oft spontan Martenstein und Schupelius genannt. Der eine literarisch-beobachtend, alltagsnah, von kleinen Absurditäten ausgehend. Der andere direkter, zorniger, als Stimme eines „kleinen Mannes“, der sich nicht alles gefallen lässt. Beide wortgewandt, beide anspruchsvoll in jedem Satz.
Inzwischen sind die beiden Vorzeige-Kolumnisten bei „Bild“ und „Nius“ gelandet bzw. angekommen. Martenstein hat den Platz des legendären Franz Josef Wagner übernommen und tut sich erkennbar schwer mit den ausgetretenen Pfaden.
Schupelius ist bei Nius angekommen und schlug bei Reichelt auf dem weißen Sofa auf wie der verlorene ältere Bruder Nummer zwei – Kissler war ja schon da. Zusätzlich bastelte man ihm mit „Zwei Helle“ ein eigenes Format gemeinsam mit Waldemar Hartmann.
Und genau bei den zwei Hellen kam es zuletzt zu einem sehenswerten Disput über die Ukraine, wie man ihn auf einem Reichelt-Kanal nicht unbedingt erwartet hätte.
Oder doch: Denn Gunnar Schupelius verstand schneller, was das Haus will, oder er tickt einfach genauso. Hartmann, dem man ansah, dass er sehr wohl wusste, wie wenig Nius-kompatibel seine Haltung war, sagte stark verkürzt in etwa: Russland ist nicht mein Feind. Er rang dabei sichtbar mit der Deutlichmachung seiner Position.
Schupelius dagegen wiederholte nur Klischees und die bekannten regierungsnahen und Ukraine-freundlichen Springer-Bild-Grundhaltungen, ohne sich die Mühe zu machen, auf Waldis Argumente einzugehen. Ein Dialog sieht anders aus. Nein, die beiden haben sich nicht geschlagen, sie bleiben sympathisch – das ändert aber nichts daran, dass der eine um Klarheit rang und der andere eine Haltung zum Besten gab, von der er wusste, dass sie im Haus die Nummer eins ist.
Besonders bemerkenswert ist, dass Schupelius auch im Nachgang nicht ansatzweise über die Situation nachzudenken schien. Stattdessen setzte er nahtlos fort, wo er geendet hatte und schoss in seiner Kolumne „Guten Morgen Deutschland“ https://nius.de/guten-morgen-deutschland/afd-chef-chrupalla-israel-russlandfrontal gegen Tino Chrupalla.
Der AfD-Chef hatte nämlich in der Sache etwas Ähnliches getan wie Hartmann: Er hatte die klassischen Statements der Bundesregierung in Frage gestellt und erklärt, Deutschland müsse der Regierung in Israel auch mal auf die Füße treten, weil sie Grundsätze des Völkerrechts genauso verletze wie Russland.
Die Überschrift von Schupelius lautete „AfD-Chef Chrupalla irrt: Israel ist nicht Russland, sondern das Gegenteil“.
[Man kann den Vergleich diskutieren, man darf ihn ziehen, wenn man nicht gleichsetzt, und es wäre angeraten, hier die besondere Rolle Deutschlands gegenüber Israel mitdenken. Und wer noch irgendeinen Sinn in der UN und im Völkerrecht sieht, kann weitere Fragen stellen, bevor er die Angemessenheit der israelischen Reaktion auf den brutalen Hamas-Terror erörtert.
Schupelius behauptet stattdessen, keine Regierung der Welt werde in der deutschen Öffentlichkeit so andauernd und heftig verurteilt wie die israelische – vor allem aus dem linken, aber auch aus dem rechten Lager. Das sei der Grund, warum Chrupallas Vergleich falsch sei.
Genau hier liegt der blinde Fleck. Denn keine Kritik an einer Regierung wird so schnell geframed – hier als antisemitisch –, von der Platte gewischt, mit persönlichen Denunziationen belegt und ausgegrenzt wie Kritik an Israels Politik.
Das hat mit der Geschichte der Bundesrepublik zu tun: Eine deutsche Regierung hat sechs Millionen Juden industriell vernichtet. Das muss man mitdenken, und das muss auch Chrupalla mitdenken. Die pragmatischere Lösung hat schon Helmut Kohl etabliert: In Fragen, die Israel betreffen, muss Deutschland nicht immer selbst antworten, sondern kann als teil der EU den Franzosen, Italienern, Spaniern oder Briten den Vortritt lassen.
Ob das eine berechtigte Kritik an Chrupalla ist, sei dahingestellt – Schupelius führt sie jedenfalls nicht. Er verliert sich in Allgemeinplätzen und wiederholt Regierungsverlautbarungen, deren Simplizität nicht zusammengehen mit seinen früheren Kolumnen.
Russland habe die Ukraine mit dem Ziel überfallen, das Land zu annektieren und das große russische Reich wiederherzustellen, schreibt er. Das ist Märchenbuchgeschichte. Ja, ein wahrer Kern mag darin stecken, ihn nicht weiter zu deklinieren und jede Vorgeschichte vom Tisch zu wischen, ist zu wenig.
Ebenso pauschal ist hier Schupelius Behauptung, der Gegenschlag Israels gegen die Hamas nach dem Massenmord sei kein Völkermord, sondern ein Akt der Notwehr. In dieser Absolutheit ist die Aussage wirklich falsch. Man darf auch als Deutscher auf die Zehntausenden palästinensischen Opfer schauen, darunter tausende Kinder. Diese Opfer gab es, auch wenn die israelische Seite zu Recht auf Tunnel, menschliche Schutzschilde und andere Umstände verweist.
Man kann und sollte diskutieren, warum so brutal zurückgeschlagen wurde. Etwa deshalb, weil womöglich die Drohnentechnik in wenigen Jahren die Iron Dome überfordert hätte, oder weil es um viel mehr ging als reine Notwehr. Man sollte aber nicht im Gestus eines Regierungssprechers pauschale Propaganda-Sätze verbreiten, die bei der eigenen Leserschaft Empörung erzeugen und den Eindruck erwecken, genau darauf angelegt zu sein.
Noch deutlicher wird es bei der Behauptung des Kolumnisten, Russland sei von der Ukraine und der NATO zu keinem Zeitpunkt bedrängt worden; die russische Darstellung entbehre jeder Grundlage.
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Das ist in seiner Endgültigkeit leider wirklich Unsinn. Es ist der klassische „Bild“-Springer-Stil: Man haut die These raus, und wenn sie später widerlegt oder differenziert wird, erinnert man sich nicht mehr an die eigenen Worte. Das beleidigt die Intelligenz der Leser.
Natürlich hat Schupelius recht, wenn er darauf hinweist, dass sich Anrainer zu Israel das Ziel gesetzt haben, Israel auszulöschen, und das auch offen sagen. Jeder weiß aber auch, dass eine existenzielle Bedrohung Israels existenzielle Folgen für jeden Angreifer hätte – mit den USA als automatischem Verbündeten und dem klaren deutschen Versprechen, an Israels Seite zu stehen. Dieses Versprechen lässt sich auch nicht wegreden mit dem Hinweis, Deutschland habe bisher schon nichts gegen die Palästinenser oder die Hamas getan oder autonome Gebiete finanziell gefördert.
All das ist Teil einer Gesamtstrategie, und das weiß auch Schupelius.
Klar doch: Überall liegen hier Tretminen auch für Schupelius. Er tritt nur dann nicht hinein, wenn er sich bemüht, Argumente auszutauschen, statt die Hausmeinung oder die vermutete Haltung von Julian Reichelt zu übernehmen.
[Es gab nie eine Vorgeschichte bei der Ukraine, behauptet Schupelis im Kern, und das massenhafte Sterben im Gazastreifen sei eine Notwendigkeit gewesen – nicht einmal „bitter“ kommt hier als Adjektiv vor.
Im Schlussabsatz wirft er AfD-Chef Chrupalla vor, all das nicht erwähnt zu haben. Das ist besonders bemerkenswert, denn Schupelius selbst lässt fast alles aus. Chrupalla hat sich zumindest die Mühe gemacht, sich mit diesem kontaminierten Thema auseinanderzusetzen. Das heißt nicht, dass er in allem richtig liegt. Aber er traut sich und ist sich seiner Rolle als Vorsitzender einer großen und wachsenden Partei bewusst.
Die AfD habe noch kein Konzept vorgelegt, wie man die Feinde Israels in Schach halten könne, schreibt Schupelius. Er selbst hat aber auch keines vorgelegt. Er hat gesagt, es sei alles in Ordnung gewesen – und dann mit der Frage nach dem Konzept nachgereicht, dass man doch etwas konkreter werden müsse.
Wenn Schupelius dann noch schreibt, die Feinde Israels seien von Muslimen gesteuert, die den islamischen Gottesstaat errichten wollten, und diese Leute würden auch auf deutschen Straßen marschieren, argumentiert das gegen nichts und für nichts. Chrupalla ist nämlich ein klarer Gegner der illegalen Massenmigration, die überwiegend von der CDU-geführten Merkel-Regierung implementiert wurde.
Genau dieser Regierung haben Leute wie Schupelius, Reichelt und Poschardt mutmaßlich über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, angehangen. Selbstkritik oder der Versuch, das zu hinterfragen, fehlen bei Schupelius vollständig. Und dann kommt dieser besonders auffällige Satz: Chrupalla scheine das böse Spiel gegen Israel und den Westen nicht durchschaut zu haben.
Chrupalla hat es also nicht verstanden, Schupelius mit seinem banalen Text und Reichelt schon?
Am Ende des Textes steht kursiv die Frage: „Hat Schupelius recht?“ Samt Aufforderung, dem Autor zu schreiben. Die Zuschriften würde man gerne einmal sehen. Vielleicht ist Schupelius so nett und fasst sie zusammen.
Bis dahin bleibt der Eindruck, dass aus dem klugen, beobachtenden Kolumnisten ein Verkünder der erwarteten Linie geworden ist – und dass genau das der eigentliche Verlust ist.
*Ja, ich weiß, dass die Schlagzeile doppeldeutig klingt. Und nein, Klugheit ist nicht die Hausmeinung bei „Nius“.
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