Eine kritische Selbstüberprüfung

Wer ist mehr Opfer: Geimpfte oder Ungeimpfte?

von Alexander Wallasch (Kommentare: 33)

„Der Aufruhr der Geimpften lässt noch auf sich warten … Sie wären ja auch aus Sicht der Ungeimpften letztlich die Hauptgeschädigten, oder?“© Quelle: Pixabay/ imageneserik

Gestern am späten Abend stellte ich eine Frage bei Twitter, die einen Nerv getroffen zu haben scheint, jedenfalls gemessen an den vielen wütenden, interessanten und nachdenklichen Antworten.

Vorsicht, meine Twitter-Frage hat das Potenzial, Ungeimpfte zu triggern:

„Der Aufruhr der Geimpften lässt noch auf sich warten … Sie wären ja auch aus Sicht der Ungeimpften letztlich die Hauptgeschädigten, oder?“

Vorab als Leitplanken zwei in ihrer Intention ganz unterschiedliche Antworten.

Twitter-Nutzer „Protocol of Life“ mutmaßt einen Glückszustand bei einigen Geimpften:
„Es wird sich zeigen, ob die Geimpften im Nachhinein den Charakter eines Ungeimpften besitzen oder weiter alles stillschweigend über sich ergehen lassen. Einige scheinen ja glücklich mit ihrer Wahl zu sein. Ein Aufruhr kann ich in der Ferne nicht erkennen.“

Und Userin Sylvi schreibt demgegenüber mit deutlichen Worten:
„Die Antworten hier kotzen mich gerade an. Jetzt wird pauschal über die Geimpften gehetzt? Ihr seid dann auch nicht besser. Ich bin zweimal geimpft, habe nie ein böses Wort über die Ungeimpften verloren und #IchbereuedieImpfung. Und ja, ich habe ne scheiß Angst. Noch Fragen?“

Schaut man zunächst, was beide Kommentare hier eint, dann ist es eine kritische bis sorgenvolle Einstellung zur Impfung.

Aber vielmehr ist die Tiefe des Grabens sichtbar, wenn „Protocol of Life“ Geimpften Charakterlosigkeit unterstellt und damit die stigmatisierte Sylvi sehr aufregt.

Bleiben wir bei den Ungeimpften. Ihnen ist über mehr als zwei Jahre hinweg übel mitgespielt worden. Ich habe in einer Vielzahl von Artikeln und selbst oft sehr wütend darüber berichtet: Ungeimpfte wurden ausgegrenzt, diffamiert und eine nicht unerhebliche Zahl von ihnen musste um Job und Einkommen bangen - Stichwort „einrichtungsbezogene Impfpflicht“. Existenzieller kann ein Übergriff doch kaum sein.

Jetzt kommt das berühmte „Aber“: Für die meisten mRNA-Injektionskritiker gilt ihr Kampf der Vermeidung einer - aus ihrer Sicht - brandgefährlichen bis tödlichen mRNA-Injektion. Die aber haben alle Geimpften längst bekommen.

Und vollkommen unabhängig von der Frage, warum sich die Geimpften nun haben impfen lassen, müssten sie doch mindestens aus dem Blickwinkel der Ungeimpften die viel größeren Opfer sein als jene, die sich erfolgreich gegen die mRNA-Injektion gegen so viele Widerstände haben zur Wehr setzen müssen.

Mit einer gehörigen Portion Zynismus müsste man hier anmerken: Der Glückliche ist der Ungeimpfte, er wird überleben!

Überleben? Tatsächlich behauptete eine hochrenommierte Medizinwissenschaftlerin aus dem angelsächsischen Raum relativ früh und direkt in die ersten staatlichen Impfkampagnen hinein, dass spätestens in drei Jahren alle Geimpften tot sein werden.

Daran glauben heute selbst viele Ungeimpfte nicht mehr. Diese Aussage erinnert zudem auf fatale Weise an die Aussagen des damaligen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU), der noch im November 2021 allen ungeimpften Bürger dieses Landes mit dem Tod drohte - jeder sei bald "geimpft, genesen oder gestorben" - und gleichzeitig, wie der größte Quacksalber aller Zeiten, hielt Spahn das mRNA-Fläschchen hoch und rief: Ich habe das Gegengift! Frenetischer Jubel? Blieb bei vielen Menschen aus.

Aber nochmal zurück zur Fragestellung via Twitter. Ich wollte wissen, wo der Aufruhr der Geimpften bleibe und ob die Geimpften über diese so unangenehme aufstoßende „Selbst-schuld-Häme“ hinweg nicht die viel größeren Opfer seien, als es die Ungeimpften je für sich reklamieren könnten.

Ich habe dazu ein interessantes, prominentes Beispiel gefunden. Roland Tichy, der von mir geschätzte Erfinder der Alternativen Medien, titelte am 4. August 2021, also auf dem Höhepunkt der Impfkampagnen und im Angesicht einer drohenden allgemeinen Impfpflicht: „Mit der Zwangsimpfung fällt die letzte Schranke vor der Unfreiheit“.

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In seinem Essay schrieb Tichy einen Absatz, den man zukünftig laut aufsagen kann, will man diese totalitäre Übergriffigkeit des Staates in wenigen Worten beschreiben:

„Jetzt geht es um die letzte Grenze – die zwangsweise Behandlung des Körpers. Das mehr oder weniger zwangsweise Einbringen von hochwirksamen Chemikalien soll an die Stelle der bisher als heilig geltenden Unverletzlichkeit des Menschen treten. Die Fremdbestimmung oder Staatsnutzung des Körpers wird total. Wer sich wehrt, lebt verkehrt, wird behauptet, ist asozial und und bald draußen vor der Tür, vor Restaurants, Geschäften, Friseuren und ohnehin geschlossenen Konzertsälen.“

Aber Roland Tichy schrieb im selben Artikel auch folgende Sätze:

„Nun bin ich ja selbst geimpft, allein mein Glaube an die allein seligmachende und Glück bringende Maßnahme schwächelt. (…) Als Geimpfter sollte man für die Rechte derjenigen eintreten, die sich aus welchen Gründen auch immer nicht impfen lassen wollen: Das gebietet der Anstand. Es ist eines jeden Menschen Recht, über seine Gesundheit und seinen Körper sowie über medizinische Behandlung selbst zu entscheiden. Dieses Recht zu verteidigen ist der letzte Imperativ, und ich verteidige dieses Recht, obwohl ich anderer Meinung bin.“

Festzustellen ist, dass sich auch „Tichys Einblick“ im Kampf gegen die Ausgrenzung von Ungeimpften verdient gemacht hat.

Zurück zu Twitter: Ich habe mich an der Diskussion im Thread beteiligt und dort auch meine weit über 80-jährige geimpfte Mutter erwähnt. Sie hat sich entschieden wie Roland Tichy. Und beide haben für ihre Überlegungen Argumente hin und her gewendet. Aber sicher nicht in der gleichen Intensität und sicher nicht im Sinne von „Alle Geimpften in drei Jahren tot“ versus „geimpft, genesen oder gestorben".

Irgendwo bei einem der verdienten Anwälte der Corona-Maßnahmenkritik in dessen Telegram-Accounts fand ich neulich eine Werbung für ein Mittel, das angeblich mRNA aus dem Körper „ausschleichen“ kann. Also ein Wundermittel. Da war im Begleittext die Rede davon, diese Medizin sei für Menschen ratsam, die sich „dummerweise“ haben impfen lassen.

Damit ist alles gesagt: Der Geimpfte ist dumm, der Ungeimpfte hatte den Durchblick. So schmerzhaft es jetzt über alle Diffamierungen und Ausgrenzungen von Ungeimpften hinweg sein mag, diese Einteilung ist grober Unfug.

Ich habe in den Jahren seit 2020 bestimmt tausend Artikel oder mehr geschrieben, viele davon als Kritiker der mRNA-Injektionen und Corona-Maßnahmen.

Und ich kann ein Lied davon singen, wie sich das anfühlt, zu jedem getwitterten Artikel eine Meldung von Twitter zu bekommen, gesperrt zu werden, persönlich angegriffen zu werden bis hin zu Ausgrenzungen in Teilen des Bekanntenkreises. Ich war mir allerdings immer meiner prädestinierten Stellung bewusst und sehr dankbar dafür, dass ich meine Wut unmittelbar tausenden Lesern mitteilen durfte, Betonung auf „teilen“.

Es ist gespenstisch, aber um sich die Stimmung dieser Zeit in Erinnerung zu rufen, reicht es, sich einen x-beliebigen Artikel der Mainstream-Presse zur Wiedervorlage zu nehmen, wie beispielsweise diesen taz-Artikel aus Januar 2022, der via Foto eine Kinderimpfung suggeriert und mit folgender Schlagzeile zur mRNA-Injektion daherkommt: „So gefährlich wie ein kleines Steak“.

Ich frage mich ernsthaft, ob sich die Kollegin Kathrin Zinkant heute dafür schämt. Denn bei aller Betonung der unterschiedlichen Argumente gab es während der Corona-Jahre noch eine dritte Haltung: Die aggressive woke links-grüne Ideologie, welche das Thema mRNA-Impfen so weit inhaliert hatte, dass kriminelle Banden im Namen der Bundesregierung auf die Straßen gingen und im Antifa-Ornat „Impfen ist Liebe“ brüllten und Kritiker mit Gewalt bedrohten.

Es gehört für mich zum journalistischen Selbstverständnis dazu, diese Fragen zu stellen. Und meine Leser haben mich immer darin bestärkt, mich nicht verbiegen zu lassen. Auch deswegen mute ich uns diese Selbstüberprüfung zu.

Eine Bemerkung noch zum Schluss. Es gibt tatsächlich einen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften, der nicht unmittelbar mit der mRNA-Injektion zusammenhängt:

Viele Ungeimpfte, die ich kenne, sind Aktivisten oder setzen sich aktivistisch mit der Problematik auseinander. Aber die wenigsten Geimpften sind Aktivisten. Der Aktivismus der Geimpften geht vom Staat und den staatlichen und staatsnahen Medien aus.

Aber auch hier kann man den Spieß wieder umdrehen, alles spiegelt sich: Die wenigsten Ungeimpften sind Anhänger der flachen Erde, aber fast alle Flate-Earther sind ungeimpft.

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