Jahresstag der Zerstörung von Dresden

Wie ich als kleiner Junge mit meiner Oma an die Ruine der Frauenkirche ging, und eine Kerze entzündete

von Alexander Wallasch

Dann stürzte die Frauenkirche mit einem riesigen Grollen in sich zusammen.© Quelle: Torsten Nitzsche, Pixabay/paulsteuber, Montage: Wallasch

Am 81. Jahrestag der Zerstörung Dresdens durch britische und amerikanische Bomberverbände am 13. Und 14. Februar 1945 sprechen mit einem Dresdner über seine Stadt. Torsten Nitzsche, Jahrgang 1975, ist Lehrer und Vorsitzender der Freien Wähler Dresden e.V.

Für die Dresdner ist heute ein besonderer Tag.

Wir haben heute den Jahrestag des Angriffs auf Dresden. In der Nacht vom 13. auf 14. Februar 1945 wurde Dresden angegriffen, einer der verheerendsten Luftangriffe, die es im Zweiten Weltkrieg insgesamt gegeben hat. Für ganz viele Dresdner ist es wirklich wie ein Fanal. Ein Ereignis, welches unvergleichbar in die eigene Biographie eingegriffen hat. Sehr viele erinnern sich an Tote aus ihrem Bekanntenkreis, aus ihrer Familie, die an dem Tag ums Leben gekommen sind.

Jetzt trafen die Bomben nicht nur Dresdner, sondern auch viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, die in Dresden Unterschlupf gefunden hatten.

Für uns als Dresdner sind es ganz häufig die Familienangehörigen, die Freunde und Verwandten, die ums Leben gekommen sind. Aber Dresden war aufgrund der Lage an der zentralen Eisenbahnstrecke aus dem Osten auch ein Ort, an dem sehr viele Flüchtlinge gerade aus dem Gebiet Schlesien, aber eben auch noch bis aus den Gebieten Ostpreußens Zuflucht gefunden haben und hier sich aufgehalten haben. Dresden war zentraler Verkehrsknotenpunkt in der Zeit. Wenn man Zeitzeugenberichte liest aus dieser Zeit gibt es sehr viele, die von einer überfüllten Stadt sprechen.

Wird Ihnen der Kloß im Hals über die Jahre kleiner oder dicker?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als kleiner Junge mit meiner Oma damals an die Ruine der Frauenkirche gegangen bin, wie wir dort Kerzen angezündet haben. Zur damaligen Zeit war das für einen kleinen Jungen kaum greifbar. Erst wenn man erwachsen wird, kann man dieses Ereignis in irgendeiner Art und Weise fassen bzw. einordnen.

Ich kann mich daran erinnern, dass wir große Brachflächen in der Innenstadt hatten. Da waren einfach keine Gebäude da bzw. nur eine große wesentliche Ruine, die Frauenkirche neben den Ruinen vom Schloss und noch ein paar anderen Gebäuden.

Aber sobald man erwachsen wird und sich einigermaßen mit Geschichte beschäftigt, ist es ein Thema, dass stärker präsent ist. Für mich als Mensch, der sich für Geschichte und Politik interessiert, ist es etwas, das mich über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg beschäftigt hat.

Die Frauenkirche spielt mit Bezug auf die Bombennacht eine spezielle Rolle.

Zunächst einmal hatte die Frauenkirche während des Angriffs in ihren Kellerräumen Schutz geboten. Nach dem ersten Angriff am 13. Februar hat sie am 14. Februar gebrannt, wohl weil dort unter anderem Filmrollen oder ähnliche Dinge im Keller gelagert wurden. Durch den Einfluss des Brandes von innen und die Zerstörung der Statik ist die Frauenkirche am 15. Februar eingestürzt.

Man muss sich die Frauenkirche wie einen markanten Punkt in der Innenstadt vorstellen, die vollkommen zerstört gewesen ist, aber zunächst sichtbar war. Und die dann auf einmal mit einem riesigen Grollen eingestürzt ist. Das soll für unheimlich viele Dresdner ein ganz erschreckendes Ereignis gewesen sein, wenn man die Zeitzeugenberichte dazu liest.

War die Frauenkirche für den Osten, was die Berliner Gedächtniskirche für den Westen war?

Die Frauenkirche war zunächst bis 1990 ein wichtiger Punkt als Mahnmal gewesen. Und auch dann noch, als man nach der „Wende“ gesagt hat: Wir bauen jetzt unsere Stadt wieder auf, wir befreien uns aus der Zeit des Sozialismus, in der so was nicht geplant gewesen ist. Und wir setzen ein Zeichen in die Welt hinaus, dass wir eine schöne Altstadt wieder entstehen lassen können.

Wenn man heute am Neumarkt ist, sieht man, die Frauenkirche als Mittelpunkt der historischen Architektur des wiederaufgebauten Ensembles und aus der Innenstadt Dresdens ist sie heutzutage nicht wieder wegzudenken.

Nun ist im Moment des Wiederaufbaus die Ruine als Mahnmal Geschichte.

Das stimmt. Und das ist ein wichtiger Punkt, den Sie ansprechen. Denn es ist ganz wichtig, dass wir auch in unserer Innenstadt ein geeignetes Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer der Angriffe von Februar 1945 haben. Das fehlt noch als geeigneter Punkt. Es gibt einen kleinen Gedenkort auf dem Altmarkt in Dresden, der aber dem Angriff und dem Leid dieser Zeit so gar nicht gerecht wird.

Ihre Familie kommt aus Dresden, bzw. dem Umland von Dresden. Wie ist es Ihrer Familie ergangen?

Unser Wohnort war 1945 noch nicht eingemeindet gewesen. Bei uns ist nur eine Bombe im ganzen Dorf niedergegangen und das auf der anderen Straßenseite von unserem Familienhaus. Das hatte dazu geführt, dass unser Haus zum damaligen Zeitpunkt des Krieges nur leicht getroffen wurde. Die Fenster straßenseitig waren zerstört, das Dach halb abgedeckt und die Fassade beschädigt. Das wurde geflickt und meine Vorfahren haben dann Flüchtlinge aus der Stadt aufgenommen.

Was erzählten ihre Vorfahren? Hat man denn den Feuerschein bis zu Ihrem Haus gesehen?

Man hat den Feuerschein sogar bis in die Lausitz, also 50 oder 80 Kilometer weit gesehen zur damaligen Zeit. Die Nacht war wohl so klar und der Feuerschein so riesig, dass es über eine unvorstellbare Entfernung zu sehen war.

Ich habe von meinem Haus aus einen sehr guten Blick auf die Stadt. Da kann ich mir gut vorstellen, dass man das zum damaligen Zeitpunkt sehr deutlich gesehen hat. Und aus Erzählungen und Zeitzeugenberichten ist bekannt, dass der Feuerschein sehr weit zu sehen war.

Der Feuersturm hat rund 80.000 Wohnungen zerstört. Die Innenstadt ist vollkommen deformiert gewesen. Und damit war für viele Menschen auch ein ganzes großes Stück Identität zerstört worden. Jeder hängt doch an seiner Heimat. Und Dresden war nicht bloß ein Mittel-, sondern ein Oberzentrum. Dresden die wichtigste Stadt in Sachsen und hat eine Strahlkraft, die weit über das nähere Umfeld hinauswirkt. Und wenn diese Stadt angegriffen wird und man sieht das, dann macht das etwas mit den Menschen.

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Wie lange dauerte es noch von der Bombardierung Dresdens bis zum Einmarsch der Roten Armee?

Zum damaligen Zeitpunkt im Februar 1945 war die Rote Armee noch nicht sehr weit auf deutschen Boden vorgerückt. Im Januar sind sie in Ostpreußen einmarschiert und sie befand sich dann etwa im Gebiet des heute mittleren Polens. Dresden selber ist erst am 8. Mai erobert worden. Die Amerikaner sind im April ungefähr bis Leipzig gekommen.

Wie ist die DDR mit der Zerstörung Dresdens umgegangen?

Die DDR-Führung hat immer den angloamerikanischen Bombenterror ganz markant nach vorn gestellt und gesagt, die Engländer und die Amerikaner sind es gewesen, die uns angegriffen haben. Hier wurde versucht, das auch ideologisch zu nutzen.

Es wurde zu DDR-Zeiten nicht in den Vordergrund gestellt, dass es um das Niederringen des Nationalsozialismus gegangen ist, sondern die haben eher betont, dass es die Engländer und die Amerikaner gewesen sind, die unser schönes Dresden zerstört haben.

Heute also der 81. Jahrestag dieser Bombardierung. Das ist ja ein ganzes Leben. Zeitzeugen sind rar geworden. Was macht das mit der Erinnerungskultur?

Ich halte es für ganz wichtig, dass man immer daran erinnert, was Krieg für Auswirkungen haben kann und dass man sieht, wie der Krieg auch dahin kommen kann, wo man nicht damit rechnet: in die eigene Heimatstadt.

Es gibt zahlreiche Berichte, Videoaufnahmen etc. So etwas muss unbedingt gesichert und an weitere Generationen weitergegeben werden. Und, wie schon erwähnt, wir brauchen in Dresden einen Gedenkort in der Innenstadt, der für viele Generationen auch in Zukunft an diesen Angriff erinnert und an das Leid, welches die Dresdner und die Flüchtlinge hier im Februar 1945 erlebt haben. Auch im März 45 übrigens, wo es noch weitere Angriffe auf Dresden gegeben hat.

Julian Reichelt, Chef von „Nius“, ehemaliger „Bild“-Chef, hat in etwa gesagt, diese Bombardierungen waren der Preis für die Freiheit, für die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Das ist schwierig zu beantworten. Ich weiß nicht, ob man von einem Preis sprechen sollte. Es trifft im Krieg viele Zivilisten. Menschenleben sind kein Wert, den man aufrechnen kann. Das halte ich für sehr wichtig, dass man das auf jeden Fall als Mahnung behält und dass man auch immer daran erinnert, wenn Krieg ist, dann leiden vor allen Dingen Zivilisten. Und genauso war das bei den Angriffen 1945 und in den Jahren davor auch auf andere deutsche Städte, aber eben auch auf andere Städte, wo Deutsche angegriffen haben. Es leiden immer zuerst die Zivilisten.

Eine Debatte geht auch darum, dass man sich fragt, ob es kriegsentscheidend war.

Aufgrund der Erkenntnisse, die ich habe, würde ich nicht sagen, dass der Angriff auf Dresden kriegsentscheidend gewesen ist. Denn es gab ja nur ganz unwesentliche Betriebe, die als Zulieferer für die Rüstungsindustrie aktiv gewesen sind.

Man spricht oft von diesem „moral bombing“. Ich glaube nicht, dass das wirkt. Man bombardiert niemanden und zerstört damit die Moral der Zivilbevölkerung. Denn dann kommt sehr häufig ein sogenannter „Jetzt-erst-recht-Effekt“, der die Zivilbevölkerung zusammenstehen lässt und einer Solidarisierung mit Herrschern, zu denen sie eigentlich ein negatives Verhältnis haben.

Werben Sie bitte für Ihre Stadt, hier ein paar Tage Urlaub zu machen.

Wir haben in Dresden eine sehr breite Kulturlandschaft mit unserer Elbe, mit der Sächsischen Schweiz in unmittelbarer Nähe, aber auch mit der Innenstadt und den anliegenden Stadtbezirken. Wunderschöne kleine Orte und große Plätze, an denen kleine und große Feiern und Feste gefeiert werden. Darüber hinaus leben hier viele sehr nette und gemütliche Menschen.

Wir haben eine reichhaltige Landschaft an Museen und kulturellen Einrichtungen, die sich zu besuchen lohnen. Also insoweit: Dresden ist immer eine Reise wert und nicht nur ein Wochenende, sondern wenn man die Stadt und die Umgebung entdecken will, sollte man noch länger bleiben.

Danke für das Gespräch!

(Bild: Pixabay/Pozhidaeva)

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