Churchill, Putin und der unnötige Krieg: Köppels Zäsur

Wie Roger Köppel im Alleingang die deutsche Friedensbewegung rettet

von Alexander Wallasch

Ein Mann, ein Mut, eine Message.© Quelle: Gregor Leip

Weltwoche-Chef Roger Köppel erklärt den Konflikt zum Fehler des Westens wie des Kremls, rechnet mit Churchill und westlicher Propaganda ab – und liefert der Friedensbewegung eine klare Steilvorlage.

Da ist sie nun endlich: die verbale Aufmunitionierung der deutschsprachigen, deutschen und europäischen Friedensbewegung. Durch keinen Geringeren als Roger Köppel.

Gerade erst war der Chefredakteur der Weltwoche in Istanbul auf einer kleineren Friedenskonferenz – dem East-West-Forum aufgetreten, hinter den Bemühungen auch kleinerer Gruppen hergereist – in diesem Fall um Ulrike Guérot – und hatte dort seine Stimme erhoben.

Nun, am 25. September, folgt der Leitartikel. Er gehört zu jenen Texten, die eine Zäsur markieren im Ringen um eine klare Position im Ukrainekrieg. Eine klare Position der Friedensbewegung. Denn die andere Seite hat längst eine: die Kriegstreiber, die Befürworter, die Finanziers, die Milliardenschenker, jene, die die Bundeswehr entkernen und sie anschließend wieder aufmunitionieren müssen – zum Nutzen der Rüstungsindustrie.

Köppel liefert die Steilvorlage. Sie gipfelt in dem Satz:

„Dieser Konflikt ist mindestens so sehr der Fehler des Westens wie des Kremls, doch gegen die westliche Propaganda kommt die Propaganda Putins nicht an.“

Rund um diesen Sprengsatz wird es historisch. Köppel bettet die Behauptung in einen Abriss, der auch Churchill nicht schont – Churchill, der Mitte der fünfziger Jahre den Karlspreis in Aachen erhielt, tatsächlich ein Preis für Bemühungen um die europäische Einigung. Der Mythos vom Befreier gegen die Deutschen in zwei Weltkriegen wird hier in den Boden gestampft. Churchill erscheint bei Köppel auf der Bühne als großer Kriegstreiber, als Verteufler, der den Gegner entmenschlicht, jede Mitverantwortung verneint, die eigenen Kräfte mobilisiert.

Die Eskalation der Worte treibe die Eskalation der Gewalt voran, so Köppel. Später erhält derselbe Mann den Literaturnobelpreis. Im übertragenen Sinne erinnert Köppel daran, dass diese Kriegstreiberei alle mitgerissen hat, bis keiner mehr stehen blieb und alle zu den Waffen griffen. Das ist die Geschichte zweier Weltkriege. Köppel konzentriert sich dabei vor allem auf den Ersten, der sich leichter deklinieren lässt. Er macht keine Gefangenen – zumindest nicht in der Rückbetrachtung.

„Schafft es Europa diesmal rechtzeitig, die Apokalypse abzublasen?“ fragt Köppel und beantwortet sich die Frage selbst: Noch deute wenig darauf hin. Alle seien sich ihrer Sache tödlich sicher. Die Russen sähen sich nicht als Angreifer, sondern als Verteidiger ihrer Souveränität in einem Kampf der existenziellen Selbstbehauptung gegen den „westlichen Imperialismus“ der NATO. „Sie haben einen Punkt.“

Man stelle sich vor, was umgekehrt los wäre, würden die Russen oder die Chinesen Militärbasen und Nuklearstützpunkte an die US-Grenzen in Mexiko oder Kanada verlagern.

Putin habe sogar acht Jahre gewartet, so Köppel bis er seine Armee in Gang setzte. Die Amerikaner machten kürzeren Prozess, wenn sie ihre strategischen Interessen bedroht sähen. Notfalls schreckten sie auch vor der Erfindung von Kriegsgründen nicht zurück, wenn es ihnen helfe, ein anderes Land zu attackieren. Unwiderlegbar erwähnt Köppel zudem, dass die Amerikaner zahlreiche völkerrechtswidrige Kriege geführt haben und führen.

Köppel bleibt aber auch nicht in der pessimistischen apokalyptischen Betrachtung hängen. Er bietet eine Lösungsidee an, wie der Supergau zu verhindern wäre: Richtig wäre es, nach einem Jahrhundert der Katastrophen alles, aber wirklich alles daran zu setzen, eine neuerliche Katastrophe zu vermeiden, den Gegner weder zu demütigen noch zu verteufeln, sondern ehrlich zu verhandeln, um einen weiteren unnötigen Krieg zu stoppen.

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Schaut man allerdings auf die Bemühungen der EU unter von der Leyen, stellt man fest: Es gibt nicht einmal einen Ansatz. Alles ist auf Krieg gestellt. Niemand kümmert sich darum, die Dinge zu beenden. Wenn Wadephul am Rande eines Gipfels mit dem russischen Außenminister zusammentrifft und dabei keinerlei inhaltliche Bemühung zeigt, sondern lediglich die Wähler zu Hause bedienen will – von denen er weiß, dass sie mehrheitlich Friedensbemühungen wollen, während der Kriegskurs der CDU mittlerweile bei 19 Prozent bewertet wird –, dann ist das ein Punkt für Roger Köppel. Ein faustgroßer.

Köppel setzt seinen Satz von den Amerikanern und den erfundenen Kriegsgründen nicht ohne Grund ans Ende: Er verweist auf den Ukrainekrieg und auf Kriegsgründe, die im Licht von Fakes und Erfindungen stehen.

Köppel gebührt hier uneingeschränkte Anerkennung. So souverän und sicher, wie er hier abliefert, kann es aktuelle kein zweiter. Das bürdet dem Schweizer auch ein gehöriges Maß Verantwortung auf.

Zurück zu Köppels Auftritt in Berlin, als der ehemalige Welt-Chefredakteur zum Springer-Award von Peter Thiel geladen war. Gegenüber Alexander-Wallasch.de  erklärte er im Kurz-Interview, er gebe keinen Kommentar zum Springer-Palantir-Komplex ab. Das klang zunächst enttäuschend, hängt aber wohl damit zusammen, dass Köppel den Sitz und die Arbeit der Weltwoche nach Berlin verlagern will – die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Möglicherweise hält er sich also eine Finanzieurngsflanke zu Springer noch offen.

Aber nur das zählt für den Frieden: In seinem Leitartikel „Churchill, Putin und der unnötige Krieg“ ist Roger Köppel ohne Wenn und Aber positioniert. Diese Stellungnahme lässt sich unmissverständlich auch als Message an die Springer-Kriegstreiber lesen: als Debattenbeitrag.

Hier wäre Ulf Poschardt gefragt, sich stellvertretend für Springer und Döpfner einmal hinzusetzen mit Roger Köppel und genau diese Dinge zu debattieren. Poschardt kann hier nur gewinnen. Köppel ist bereits Gewinner. Eine Win-Win-Situation.

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