Too much für die Alternative?

Zu schwul, zu türkisch, zu anti-muslim: Die AfD verscheucht Influencer Ali Utlu

von Alexander Wallasch (Kommentare: 8)

Mein Wunsch, in die AfD einzutreten, war eine Art Notwehr.© Quelle: Privat

Influencer Ali Utlu ist, was man früher einen Bürgerschreck nannte: Utlu ist schwul, türkisch-stämmig und Atheist. Und er wollte in die AfD eintreten. Aber offenbar wollten Teile der AfD das nicht. Auf X kochte die Debatte über. Ali Utlu im Interview bei Alexander-wallasch.de

Maximilan Krah, der EU-Spitzenkandidat der AfD, reagierte via X auf eine Kritik an seiner Liebeserklärung für Erdogan so:

„Wallasch & Utlu – es wächst zusammen, was zusammengehört.“

Diesen Vorschlag nehmen Utlu und Wallasch gern auf. Im Interview sprechen sie auch über Maximilian Krahs wilde Erdogan-Schmuserei:

Sie wollten in die AfD eintreten und sind dort nicht angenommen worden?

So könnte man es ausdrücken, wobei viele in der Partei für mich waren, aber ein anderer Teil war eben nicht sehr zufrieden mit meiner Personalie und hat zwei Wochen lang heftigst gegen mich geschossen.

Jetzt ist es ja nicht so, dass ihnen der Parteieintritt verweigert wurde. Sie hatten ja auch ein Gespräch mit Frau Storch. Sie haben von sich aus dann gesagt, der Gegenwind war unerwartet ...

Dass ich Gegenwind bekomme, das war mir bewusst. Die Menge an Gegenwind hat mich überrascht. Und wenn ich in eine Partei eintrete, möchte ich mich für diese Partei einsetzen und für ihre Themen. Wenn aber alles darauf hinausläuft, dass ich innerhalb dieser Partei Grabenkämpfe führen muss oder nur damit beschäftigt bin, mich zu verteidigen, dann finde ich in dieser Partei keine Heimat, dann möchte ich das einfach nicht.

Sie sind eine Größe auf X. Wie würden Sie sich da selbst definieren?

Neumodisch sagt man Influencer. Das hat sich bei mir über Jahre aufgebaut. Ich war auch in anderen Parteien, das ist ja bekannt. Darüber werden viele Witze gemacht. Ich war beispielweise bei den Piraten der Queerbeauftragte und ich habe da regelmäßig meine Erdogan-Kritik geäußert und einen Fanclub oder eine Gefolgschaft aufgebaut, wie man das auch immer nennen will.

Sie sprachen von ihrer Erdogan-Kritik. In der Sache sehen wir einen Graben innerhalb der AfD. Sie sprechen einerseits mit Beatrix von Storch, die sie zum Gespräch einlädt. Und dann haben wir auf der anderen Seite Maximilian Krah, Spitzenkandidat der AfD zur EU-Wahl, der Erdogan gerade unaufgefordert einen Strauß Rosen angereicht hat. Wo stehen sie da zwischen diesen beiden Stühlen?

Ich bin ein absoluter Erdogan- Gegner. Erdogan hat mich zweimal verklagt. Ich kann aus diesem Grund seit 14 Jahren nicht mehr in die Türkei reisen. Ich wurde vom deutschen Staatsschutz gewarnt, in die Türkei einzureisen. Die hatten mir erklärt, dass ich eben diese Klagen von Erdogan am Hals habe. Ich stehe als türkischer Demokrat auf der Erdogan gegenüberliegenden Seite. Das war ein Schock für mich. Diese Sache mit Herrn Krah, die war mir überhaupt nicht bewusst gewesen bei meiner Antragsstellung. Ich wusste auch nicht, wer das ist. Ich habe das zunächst am Rande mitbekommen, bis ich dann ein Video von ihm gesehen habe, wo er gesagt hat, Erdogan ist nicht unser Feind, Patrioten sind nicht unsere Feinde. Das hat mich schockiert.

Ein Haus am Bodensee und eines in Antalya. Welches würden Sie lieber nehmen?

Da, wo ich in Freiheit leben kann. Also natürlich am Bodensee und am besten mit Blick auf die Insel Mainau.

Lieben sie Deutschland?

Natürlich liebe ich meine Heimat.

Sie sind in Deutschland geboren ...

Ich bin hier geboren, ich bin Hesse. Odenwälder, um genau zu sein. Und Deutschland ist meine Heimat. Deutsch ist meine native Sprache, und darum bin ich diesem Land sehr verbunden.

Sind sie traurig darüber, dass sie nicht so gut türkisch sprechen?

Das Türkisch setze ich kaum ein, eigentlich überhaupt nicht mehr. Ich habe keinen Bezug mehr zu diesem Land.

Wie teilt sich ihr Freundes- und Bekanntenkreis auf, was Deutsche und Türkischstämmige betrifft? Fünfzig-Fünfzig?

(lacht) Ich habe einen türkischen Bekannten, ansonsten habe ich mit Türken privat überhaupt nichts mehr zu tun seit dieser Sache mit Erdogan.

Ist es noch schwieriger, als türkischstämmiger Deutscher schwul zu sein?

Da ist auf keinen Fall dasselbe, weil einfach der kulturelle Hintergrund noch mit hineinspielt und man von türkischer Seite zu 90 Prozent Ablehnung und Hass bekommt. Das hat man auf deutscher Seite nicht, weil hier Schwule mehr oder weniger dazu gehören und auch nicht mehr speziell sind. Das spielt im Privatleben fast keine Rolle mehr, ob ich jetzt schwul bin oder hetero. Das kann man von der türkischen Community nicht sagen. Leider müssen die Schwulen und Lesben in der Türkei immer noch für ihre Rechte kämpfen. Die liegen damit zwanzig oder dreißig Jahre hinter uns.

Gibt es nicht in Istanbul und anderswo in der Türkei eine starke schwule Community?

Es gibt in der Türkei Schwulenbars, Schwulensexclubs, Schwulendiscos, Schwulensaunas. Ja, das gibt's dort alles. Aber seitdem Erdogan an der Macht ist, wird gegen Schwule gehetzt. Was merkwürdig ist, denn es existieren von der AKP Broschüren, die sich explizit an diese Community wenden, die explizit um die Stimmen dieser Menschen geworben haben.

Als Schwuler kann man sich sein Schwulsein ja nicht aussuchen. Haben sie manchmal das Gefühl, dass es irgendjemand mit ihnen ein bisschen zu gut gemeint hat: Türke in Deutschland, Atheist, schwul ...

(lacht) Es macht mich zumindest einzigartig ...

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Oder hängt das eine mit dem anderen zusammen?

Natürlich. Dass ich meine Religion verlassen habe, hängt auch mit meiner Homosexualität zusammen. Ich kann nicht einer Ideologie oder einer Religion angehören, die mich verachtet oder gar töten will.

Nochmal zurück zu ihrem Versuch, in die AfD einzutreten. Haben Sie hier nicht ein bisschen zu früh den Schwanz eingezogen?

Das könnte man meinen, aber ich bin jetzt alt genug, um zu sagen, dass ich nicht mehr innerhalb einer Partei kämpfen will. Ich möchte in einer Partei arbeiten, die Themen voranbringen. Und wenn es da so viel Ablehnung gibt und ich in dieser Ablehnung praktisch nur auf meine Nationalität und Sexualität reduziert werde, dann sehe ich leider in dieser Partei keine Zukunft. Natürlich hätte ich auch eintreten können, aber was hätte mir das denn gebracht?

Was war denn überhaupt der Anlass, eintreten zu wollen? Das würde mich mal interessieren. Als schwuler, atheistischer Türke ist die AfD nicht unbedingt die erste Wahl. Da denkt man eher an die Grünen oder die Linkspartei ...

Nein, das sind die, die mich eher ablehnen, weil ich dem Islam ablehnend gegenüberstehe. Es gibt in Deutschland keine Partei, die sich dem Islamismus und dem politischen Islam entgegenstellt. Im Gegenteil, fast alle Parteien sind selber verseucht von Islamisten, das sind ja sehr viele ...

Welche Parteien sollen das sein? Die CDU?

Ja, selbst in der CDU. Herr Wüst und sein Vorgänger Laschet haben sich beispielsweise mit Vertretern der Grauen Wölfe getroffen. Auch mit Islamisten. Da gibt es Bilder, wie man gemeinsam feiert. Deswegen war für mich der Wunsch, in die AfD einzutreten, eine Art Notwehr. Ich wollte damit zeigen, dass sich alle anderen Parteien dem Islam anbiedern und sogar Kritik an den Auswüchsen des Islams verbieten. Da wird man als Nazi dargestellt. Die AfD – so dachte ich jedenfalls – ist die einzige Partei, die dieses Themenfeld genauso bearbeitet hat wie ich auch.

Wenn man diesen Streit um Ihren Aufnahmeantrag bei der AfD in den sozialen Medien mitverfolgt hat, hätte man auch den Eindruck kriegen können, dass Ihre Gegner in der AfD doch eine gewisse Minderheit sind. Hätte man die nicht isolieren können? Zum Beispiel die Abgeordnete Beatrix von Storch hat mit ihnen ein längeres Gespräch geführt und so signalisiert, dass man zu Ihnen steht. Haben Sie die Flinte zu früh ins Korn geworfen?

Haben sie einen Tweet eines Mandatsträger gesehen, der mich in Schutz genommen hat, der gesagt hat, der Herr will uns beitreten, wir begrüßen das, lasst ihn in Ruhe?

Warum glauben Sie, haben bestimmte AfDler Sie abgelehnt? Weil Sie ein türkischstämmiger schwuler Atheist sind? Oder doch mehr, weil Sie ein streitbarer Influencer sind? Hat die AfD vielleicht mehr Angst vor einem streitbaren Geist als vor einem schwulen türkischstämmigen Mann?

Im Nachgang kann ich wohl sagen, dass man wohl Angst davor hatte. Ich bin bekannt dafür, auch Parteien zu kritisieren, in denen ich Mitglied bin. Wenn ich sehe, dass da eine Entwicklung ist, die falsch läuft, dann spreche ich das an. Da kenne ich keine Vasallentreue. Wenn eine Partei sich zum Besseren wenden muss, muss sie auch Kritik ertragen. Und natürlich gab oder gibt es Teile der AfD, die ich kritisiert hätte, auch innerhalb der Partei. Ich hätte das direkt angesprochen. Zum Beispiel, was den „Flügel“ der AfD angeht.

Jetzt haben Sie ja mit Ronai Chaker, der Frau des AfD-Bundestagsabgeordneten und Gesundheitsexperten Martin Sichert, eine starke Mitstreiterin gewonnen, die Ihnen zur Seite gesprungen ist und die selbst einen Antrag zur Aufnahme in die AfD gestellt hatte aber abgelehnt wurde. Da muss man sich dann schon ein bisschen wundern ...

Ja, wobei ich sagen muss, dass der Fall Chaker und meiner komplett getrennt sind. Sie sind gleichzeitig aufgetreten, aber völlig unabhängig voneinander. Ich kenne Ronai privat überhaupt nicht, ich kenne sie nur über X. Sie hatte dort auf diese Hasspostings gegen mich solidarisch reagiert. Ich finde es allerdings merkwürdig, dass sie schreibt, dass ihr Antrag abgelehnt wurde, und veröffentlicht das Schreiben dazu, und am nächsten Tag war das alles nur ein Kommunikationsfehler. Sie hat ihren Post gelöscht, und ja, das riecht komisch.

Kann es sein, dass die AfD sie unterschätzt hat? Hätten Sie der Partei nicht auch ein paar neue Communitys öffnen können?

Natürlich. Dass ich einen gewissen Impact habe in Deutschland, merkt man ja auch daran, dass vieles, was ich mache, auch von der Presse immer wieder begleitet wird, ohne dass ich auf die Presse zugehe. Als ich den Rücktritt von der Mitgliedschaft twitterte, haben ja direkt mehrere Zeitungen und Magazine darüber berichtet. Der AfD sollte bewusst sein, dass sie durch mich jemanden verloren haben, der einen positiveren Blick auf diese Partei nach außen hätte senden können.

Was konkret schätzen Sie an der AfD, warum ist die AfD wählbar? Warum soll man sie wählen? Geht es nur um Zuwanderung? Was sind da Ihre Themen?

Wie schon gesagt, erst einmal natürlich die Islamkritik. Was die Einwanderung anbetrifft, ist die AfD eine Partei, die das beschränken will und diejenigen, die ausreisepflichtig sind, dann auch wirklich ausreisen zu lassen. Das sieht man ja bei allen anderen Parteien nicht. Ich komme ja von der FDP, ihr gegenüber ist auch die AfD sehr neoliberal. Sie ist programmatisch neoliberaler als die FDP. Man mag es nicht glauben, das ist aber so. Und auch von der Außenpolitik war ich angetan. Das sind so die Hauptthemen.

Wo sehen sie die AfD in zehn Jahren? Wo sehen sie Deutschland in zehn Jahren? Wo sehen sie sich selbst in zehn Jahren?

Das ist schwierig zu sagen. Bei der AfD werden bald offen Grabenkämpfe ausgetragen werden. Also, das wird schwierig. Die AfD kann auch abstürzen. Wenn diese Kräfte, die gegen mich gearbeitet haben, die Oberhand gewinnen, wird diese Partei für viele Menschen unattraktiv werden.

Wie kann man solche Grabenkämpfe innerhalb von Parteien beenden?

Das hat fast jede Partei schon probiert. Das wird einfach nicht funktionieren, und die Anonymität im Internet verleitet dazu, Dinge zu tun oder zu sagen, die man im normalen Leben Angesicht zu Angesicht nicht machen würde. Da wird mitunter das Schlechteste in den Menschen rausgekitzelt. Es funktioniert leider einfach nicht.
Die AfD-Führung hätte in meinem speziellen Fall einfach mal ein Machtwort reden sollen und ihre eigenen Leute zurückpfeifen. Das hat sie nicht getan. Daran kann man dann sehen, dass man so etwas nicht verhindern kann, wenn die Partei es nicht will.

Ist die AfD für Sie die letzte Chance für Deutschland?

Nein. Vielleicht die Partei von Krall oder die von Wagenknecht.

Ist die Massenzuwanderung unser größtes Problem?

Natürlich, das ist ja das, wofür ich auch kämpfe. Aber das betrifft ja nicht nur Deutsche, das verwechseln ja viele. Das betrifft ja auch die Migranten, die vor vielen Jahren hierhergekommen sind. Die leiden ebenso darunter. Die finden auch keine Wohnung mehr, die finden auch keine Arbeit mehr, oder ihre Töchter werden bedroht, wenn sie abends durch die Straßen laufen. Das ist ja nicht nur ein urdeutsches Thema, das betrifft ja jeden, der hier lebt.

Wenn mögen Sie besonders als AfD-Politiker?

Frau von Storch und Frau Weidel.

Danke für das Gespräch!

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