Im Interview: Filmemacher Alexander Tuschinski über die Drehtage bei den Niehoffs

Zu spät für Entschuldigung – Stefan Niehoff ist tot

von Alexander Wallasch (Kommentare: 2)

Familie Niehoff und ein Filmemacher© Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=2xvAFT-7jJo, Screenshot

Stefan Niehoff, der Rentner, der wegen eines Memes über Robert Habeck zur Zielscheibe wurde, ist tot. In einem berührenden Gespräch erzählt der Filmemacher Alexander Tuschinski von fünf intensiven Drehtagen, von Humor inmitten der Belastung und von einer Familie, die trotz allem aufblühte.

Stefan Niehoff ist tot. Der 65-Jährige, der 2024 durch eine Hausdurchsuchung wegen eines satirischen Memes über Robert Habeck bundesweit bekannt wurde, erlag den Folgen eines schweren Schlaganfalls.

Zuletzt entstand ein intimer Dokumentarfilm, der die Familie Niehoff in den Mittelpunkt stellt: einen humorvollen Familienvater, der trotz juristischer und medialer Belastung positiv blieb.

Im Gespräch erzählt der Filmemacher Alexander Tuschinski von spontanen Drehs, von der besonderen Beziehung Niehoffs zu seiner behinderten Tochter Alexandra und davon, warum er bis zuletzt auf die guten Stimmen hörte. Und davon, dass eine Entschuldigung nun für immer ausbleiben wird.

Sie sind mit Stefan Niehoff über ein Filmprojekt zusammengekommen. Um was ging es da?

In den Medien wurde 2024 immer wieder berichtet, dass Stefan Niehoff eine Karikatur geteilt hatte, auf der der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zu sehen war, darunter „Schwachkopf Professional“ in Anlehnung an die Marke „Schwarzkopf Professional“. Und ich sah in Videos darüber auch immer wieder kurz die Familie Niehoff und mich interessierte: Wer ist eigentlich Stefan Niehoff?

Ich hatte schon öfter Dokumentarfilme gedreht, Biografien, und dachte, dass Stefan Niehoff und seine Familie sicher sehr interessant wären. Also schrieb ich Stefan Niehoff an. Wir kamen sehr schnell ins Gespräch und dann entstand der Film. Es war immer mein großer Gedanke, dass ich den Menschen hinter der „Schwachkopf-Affäre“ den Zuschauern näherbringe über diesen Film.

Sie haben eine Weile bei den Niehoffs verbracht.

Ich habe zuerst drei Tage gefilmt und dann noch einmal zwei Tage. Der Film entstand ganz spontan: Ich kam an und habe sofort begonnen, am Smartphone zu filmen. Unser ganzes Kennenlernen ist auch in diesem Film zu sehen. Bevor der Film begann, wusste ich auch noch nicht einmal, wie lang er wird oder wie die Struktur wird. Das ist alles aus dem Augenblick heraus entstanden. Das waren fünf sehr intensive Tage. Seitdem hielten Stefan, seine Familie und ich den Kontakt und ich freute mich immer wieder, sie zu sehen.

Stefan Niehoff ist gestern verstorben. Wie man gehört hat, Gehirnblutung nach Schlaganfall. Glauben Sie, dass Stefan Niehoff ohne die Schwachkopf-Affäre jetzt noch am Leben wäre?

Das kann ich ganz schwer sagen. Das wären medizinische Spekulationen. Es ist natürlich eine sehr stressige und unangenehme Sache gewesen mit den juristischen Dingen. Zugleich, aber das sieht man auch im Film, war Stefan Niehoff allerbester Dinge und hat sehr, sehr viele positive Rückmeldungen bekommen.

Sehr viele Menschen haben ihn kontaktiert, haben ihm sehr viel positive Rückmeldungen gegeben. Ich finde das also sehr schwer zu sagen. Die juristische Thematik war natürlich unangenehm. Zugleich hat Stefan immer auch geschafft, das mit Humor zu nehmen und wirkte entspannt. Er hat in seinem Leben auch sehr viel Positives gehabt.

Ich hatte heute ein Gespräch mit Hans-Georg Maaßen, der wörtlich sagte, das Herausziehen von Personen, die nie in der Öffentlichkeit standen, ins Rampenlicht und in das öffentliche Anprangern, das könne schon tiefe psychische Verletzungen hinterlassen, und das stelle ein Stück weit auch eine Form der psychischen Körperverletzung dar.

Was ich zum Beispiel immer ganz entsetzlich fand, und das war auch ein Punkt, warum ich diesen Film gemacht habe: Wie polemisch oft berichtet wurde, und auch wie polemisch oft Leute in sozialen Medien über Stefan hergezogen sind, ohne den Fall überhaupt genau zu kennen. Und da hatte ich gedacht, durch diesen Film zeige ich den Menschen dahinter.

Ich muss sagen, ich sehe jetzt sehr, sehr viele positive Rückmeldungen und Menschen, die sehr schön und empathisch schreiben. Es gibt aber auch immer wieder, zum Glück viel seltener, hässliche Stimmen, also Leute, die polemisch sind, die schlimme Kommentare abgeben.

Das ist ein Phänomen, das sicher sehr belastend sein kann. Ich habe mit Stefan Niehoff viel auch über solche Dinge gesprochen. Für ihn war es zu Beginn nicht leicht, wenn es immer wieder auch so negative Stimmen gab. Nur, als wir den Film gedreht hatten, das war schon Mitte 2025, da hatte er die Einstellung, sich auf die positiven Stimmen zu konzentrieren und die negativen wie ein "Grundrauschen" zu ignorieren. Er hat das immer auch so ausgestrahlt. Das ist wahrscheinlich eine Fähigkeit, die man im Leben entwickeln muss oder die man auch einfach hat.

Ich würde keinen Freispruch für die aussprechen wollen, die ihm das angetan haben, nur weil Stefan Niehoff in besonderer Weise offensichtlich in der Lage war, diesen Schmerz und das, was ihm widerfahren ist, positiv zu deckeln in irgendeiner Form.

Das würde ich auch in keiner Weise so sagen, dass es deshalb weniger schlimm sei. Ich glaube, Stefan Niehoff hatte eine besondere Fähigkeit, mit Schwierigkeiten im Leben umzugehen. Und das war mir auch in dem Film wichtig. Ich habe darin nicht gewertet, nicht gesagt, etwas sei schlimm oder nicht, sondern ich habe einfach gezeigt: Was ist ihm widerfahren, wie geht er damit um, und wer ist er eigentlich? Und alle Schlüsse kann dann der Zuschauer selber daraus ziehen. Das ist für mich ein wichtiger Ansatz. Ich finde immer wichtig, den Menschen zuzuhören und die Menschen reden zu lassen.

Als ich Ihren Film das erste Mal sah, hatte ich den Eindruck, dass diese spezielle Familiensituation mit der auf bestimmte Hilfestellungen angewiesenen Tochter, dass hier womöglich grundsätzlich die Fähigkeit zur positiven Programmierung entwickelt wurde. Ihr Film hat eine besondere Beziehung zwischen Vater, Mutter und Tochter eingefangen.

Ich war ganz beeindruckt. Ich habe auch immer wieder gedacht, jedes Kind kann sich nur wünschen, solche Eltern wie Daniela und Stefan zu haben. Ich hatte das Gefühl, die beiden Eltern hat nichts aus der Ruhe gebracht und Stefan hat immer etwas Positives ausgestrahlt. Und das war mir auch im Film so wichtig zu zeigen.

Man sieht ja, wie Alexandra, die Tochter, sich entfaltet, wie glücklich sie zeigt, was sie alles Kreatives macht. Und die Eltern fördern alle ihre Interessen und haben viel Geduld. Und man merkt es einfach daran, wie Alexandra bei ihren Eltern aufblüht.

Ich glaube, Stefan hatte eine Fähigkeit, immer das Positive zu sehen und Situationen, die andere Leute vielleicht als anstrengend bezeichnen, so wirken zu lassen, als seien sie ganz einfach. Das war mir, bevor ich den Film produzierte, gar nicht so bewusst. Und während der Dreharbeiten entdeckte ich das und freute mich umso mehr, diesen besonderen Menschen da porträtieren zu können.

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Ist Stefan Niehoff auch Opfer, weil er einfach nicht so gewieft, nicht so verschlagen, nicht so gerissen ist wie andere Menschen? Ist er dieser klassische Mitteleuropäer, der in seinem Häuschen wohnt, der seine Ruhe haben will, der mit seinen Lieblingsmenschen leben will und dann plötzlich in so eine Situation kommt, der gegenüber er so hilflos ist?

Das ist sehr schwierig zu sagen. Er will eigentlich nur in Ruhe mit seiner Familie dort leben. Er hatte in seinem Leben nie die Öffentlichkeit gesucht, aber als dann diese Hausdurchsuchung war, wollte er sich das nicht gefallen lassen.

Ich denke, es gibt ganz viele Leute, denen so etwas widerfährt, die dann nie an die Öffentlichkeit gehen und eingeschüchtert sind. So was habe ich zumindest immer mal wieder gehört. Und bei Stefan war es ja so, dass er das direkt als ungerecht empfunden hat und sich sofort an die Medien gewandt hat. An alternative Medien. Auch an große Medien, die dann teilweise nicht reagiert haben. Also, ich würde sagen, er wollte eigentlich seine Ruhe haben. Es hat ihn nicht an die Öffentlichkeit gedrängt, aber wenn ihm etwas widerfährt, was er als Unrecht empfindet, dann möchte er das auch bitte geklärt haben.

Das heißt, da schlummert schon eine starke Kraft der Empörung, wenn man dieses Idyll des eigenen bescheidenen Lebens stört in irgendeiner Form. So vielleicht?

Was ich an Stefan sehr beeindruckend fand, das ist auch etwas, was ich selber als ein Ideal sehe: Er hat nie groß empört reagiert. Ich hatte das Gefühl, er ist sehr, sehr gut darin, seine Gefühle mit dem Verstand zu klären. Er war auch sehr aufmerksam, wie er die Dinge formuliert. Gerade nachdem es diese Anzeigen gab wegen einigen Posts auf X. Und auch als wir den Film drehten.

Er hat nie geschimpft, sondern sich immer sehr gewählt ausgedrückt. Und auch gerade durch seinen Humor, hatte ich das Gefühl, konnte er die schwierigen Zeiten noch einmal besser meistern. Er hat den Humor nicht verloren bei all diesen Dingen, und das sieht man auch in dem Film sehr schön.

Mit der traurigen Nachricht des Todes von Stefan Niehoff habe ich auch an diejenigen denken müssen, die ihm das angetan haben. Nämlich Leute wie Robert Habeck, der jenen Strafantrag stellte, der zu einer Hausdurchsuchung bei der bis dahin unbescholtenen Familie Niehoff führte. Für Habeck ist es jetzt zu spät, die Niehoffs um Verzeihung zu bitten. Was für eine schwere Last.

Als wir den Film drehten, saßen wir öfters in der Küche der Niehoffs am Küchentisch. Und ich glaube, im Wahlkampf gab es Videos, in denen Habeck zu Leuten nach Hause geht und am Küchentisch diskutiert.

Stefan und ich haben immer wieder gelacht und gesagt: Es wäre doch ganz lustig, wenn Robert Habeck zu ihnen an den Küchentisch zum Reden käme. Und Stefan meinte: Ja, wenn er möchte, soll er gerne kommen und dann würden sie sprechen. Also, Stefan wäre einem Dialog nicht abgeneigt gewesen. Aber diese Gelegenheit ist leider jetzt vorbei. Jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr, sich mit Stefan Niehoff auszusprechen.

Sie haben die Lebenssituation der Familie Niehoff näher kennengelernt. Sehr eindringlich auch die Szene, wie Stefan Niehoff sich ein paar Euro zur Rente dazu verdient. Wie wird es nun weitergehen mit Mutter und Tochter?

Ich denke viel darüber nach, wie es weitergeht mit ihnen. Es ist ja so, dass Stefan auch einen Sohn hat, der kurz im Film zu sehen ist. Ich bin in Gedanken ganz viel bei der Familie und ich weiß leider nicht, was als Nächstes kommt. Ich bin aber sicher, sie werden es hinkriegen. Es ist natürlich eine wahnsinnig schwierige Zeit.

Etwas, was mich sehr berührt, ist gerade auch Alexandra, die Tochter. Im Film sieht man ja, wie eng sie mit Stefan ist und auch mit ihrer Mutter. Der Gedanke geht mir sehr nahe, wie es Alexandra jetzt gehen muss. Egal, wie es materiell mit der Familie ist. Für Alexandra war ihr Vater sehr, sehr wichtig. Sie war auch immer so glücklich, Filmausschnitte mit ihrem Vater zu sehen und hat sich darüber immer sehr gefreut. Und beide Eltern fördern sie bei allem. Ich hoffe, dass viele Leser auch positiv an die Familie denken, der Familie positive Gedanken schicken. Und je nachdem, wie es weitergeht, wenn es Möglichkeiten gibt, sie zu unterstützen, dann wird das sicher auch sehr wichtig sein.

Danke für das Gespräch!

 

Schwachkopf-Affäre (Tale of a Meme) von Alexander Tuschinski

 

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