Zwei Jahre ist es her, seit Andy Ziegler mit Messerinzidenz.de eine der meistdiskutierten Projekte der alternativen Medienlandschaft gestartet hat. Was als Versuch begann, mehr Transparenz bei Messerangriffen zu schaffen, entwickelte sich schnell zu einer festen Größe mit einer loyalen Stammleserschaft – und anhaltender Kontroverse.
Im Gespräch mit Alexander Wallasch zieht Ziegler Bilanz: Wie viele Delikte werden wirklich gemeldet? Warum bleiben die Zahlen trotz Messerverbotszonen hoch? Und wie geht ein Herkunftsdeutscher mit der täglichen Flut an Gewalttaten um, ohne daran zu zerbrechen? Ein offenes, faktenreiches Interview zum Zweijährigen.
Zwei Jahre „Messerinzidenz.de“? Wird Deine erfolgreiche Seite noch gelesen?
Es wird definitiv noch gelesen. Wir haben eine Stammleserschaft von bis zu 6.000 Leser am Tag. Und wenn es mal wieder nachrichtenträchtige Verbrechen gibt, dann auch mehr. Wenn Medien das teilen, wenn irgendwo verlinkt wird, dann können es auch bis zu 10.000 am Tag sein. Aktuell.
Du bist sehr angegriffen worden in der Startphase. Wann fing Messerinzidenz.de an?
Das ist jetzt tatsächlich schon zwei Jahre her, die Seite ging im Juli 2024 online.
Du hast etwas sichtbar gemacht. Um was ging es?
Es ging darum, sichtbar zu machen, wie sich die Messerangriffe in Deutschland verteilen und wie darüber berichtet wird. Ich hatte das Gefühl, es gibt in Deutschland jetzt immer mehr Messerangriffe. Das gab die damalige Nachrichtenlage her. Und da wollte ich eben Transparenz reinbringen, um zu zeigen – konsolidiert über alle Pressemitteilungen der Polizei, deutschlandweit –, wie viele Messerangriffe haben wir hier täglich tatsächlich?
Jetzt habe ich aktuell auf deine Seite geschaut. Wir haben es 10:00 Uhr am Morgen, da war ein Messerangriff. Dann habe ich die gesamte letzte Woche genommen und mir werden 140 Messerdelikte angezeigt. Ist das zufällig so unfassbar viel oder eher die Regel?
Das ist der Standard, wobei auch noch sehr viel unterreportiert wird. Wir weisen auch die Dunkelziffer aus im Vergleich zur offiziellen polizeilichen Kriminalstatistik. Und da haben wir aktuell ungefähr 85 Prozent Dunkelziffer – bedeutet, wir melden im Schnitt so 10 bis 11 Delikte am Tag auf Messerinzidenz, aber letztendlich sind es eigentlich noch etliche Delikte mehr, die an jedem einzelnen Tag passieren laut offizieller Kriminalstatistik.
In Zahlen bitte nochmal.
Zehn am Tag melden wir und 69 melden wir nicht.
Wir haben jetzt über zwei Instanzen die Angabe der Nationalitäten von Tätern gegenüber der Presse eingeklagt, weil wir immer wieder von Polizei und Staatsanwaltschaften die Antwort bekommen haben, dass die Nationalität mit der Tat in keinem Zusammenhang steht. Und wir haben hier tatsächlich ein Grundsatzurteil erwirkt, dass diese Auskunft gegeben werden muss. Deine Meldungen basieren ja auch auf Polizeimeldungen. Wie ist es denn da mittlerweile mit der Nennung der Nationalitäten der Messerstecher?
Du hast recht, das sind Pressemitteilungen der Polizei. Und das hat man jetzt über die Jahre gesehen, dass es gewisse Bundesländer gibt, bei denen die Täterherkunft eher nicht genannt wird. Andere hingegen nennen das schon sehr deutlich. Nordrhein-Westfalen beispielsweise nennt das fast immer und gefühlt ist es insgesamt ein bisschen transparenter geworden. Wobei sich das schwer in Zahlen messen lässt aktuell. Denn oft kommen Umschreibungen vor. Wenn man etwa davon ausgeht, es war ein deutscher Staatsbürger, dann wird der Herkunftshintergrund nicht weiter nachgebohrt.
Den Migrationshintergrund haben wir auch nicht freiklagen können. Wir haben für die Angabe der Nationalität erreicht. Was ist denn aktuell Deine Prognose? Hast du denn das Gefühl, dass sich irgendwas geändert hat, was Messer angeht? Es sind ja nun auch Messerverbotszonen eingerichtet worden. Was sagen Deine Statistiken?
Die internen Ermittlungen zeigen, dass die Zahlen ziemlich konstant geblieben sind. Das widerspricht aber den offiziellen Polizeikriminalstatistiken, aus denen deutlich hervorgeht, dass der Deliktbereich Messerangriffe stark steigt, also mit zweistelligen Prozentzahlen pro Jahr und auch in anderen Altersgruppen. Der Schnitt verschiebt sich nach unten, immer mehr Jugendliche und Kinder, die da Opfer und Täter von Messerangriffen werden.
Die These von mir ist, dass die Pressestellen der Polizei, die über diese Taten berichten, an ihrem Leistungsmaximum angekommen sind, was täglich berichtet werden kann, weswegen wir hier keine Trends nach oben sehen, obwohl aus den Polizeistatistiken deutlich hervorgeht, dass die Trends steigen und Maßnahmen wie Messerverbotszonen usw. eher nicht helfen.
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Gibt es Polizeien bestimmter Bundesländer, die schneller oder weniger häufig melden?
Meldefaul sind definitiv Berlin und Hamburg. So gibt es auch Äußerungen aus Krankenhäusern in Berlin, die über Stichverletzungen usw. berichten, dass passt nicht zu den vereinzelten Meldungen, die über die Berliner Polizei rausgehen. Das melden sie, wenn wirklich mal jemand stirbt. Aber die dutzenden Delikte, die täglich etwa in Berlin passieren, die tauchen als Pressemeldung überhaupt nicht auf, wäre wahrscheinlich tatsächlich vom Aufwand her nicht machbar. Es sei denn, man hat ein ganzes Team von Leuten, die nur darüber schreiben, auf Polizeiseite.
Das heißt, wir können aus deiner Statistik nicht ablesen, wie hoch der Anteil von Deutschen mit Migrationshintergrund ist.
Ich versuche jedes Mal aus der Pressemeldung herauszulesen, wer ist Täter und wer ist Opfer? Aber das ist eben nicht genormt. Manchmal ist es nicht dabei, manchmal steht nur „drei Leute waren Täter, eine Person war Opfer“. Das könnte man nur grob überschlagen. Aber da kann man immer noch nichts Eindeutiges rauslesen.
Musstest du das händisch machen oder hast du mittlerweile zusätzliche Möglichkeiten?
Die ganze Analyse lief von Anfang an mit KI, die auch immer besser wurde. Ich schaue täglich noch rein und prüfe alle Meldungen seit zwei Jahren. Aber ich muss weniger korrigieren. Da muss man sagen, auf jeden Fall ist es toll, dass die KI besser geworden ist und auch teurer. Aber dafür leistet sie bessere Arbeit.
Wir haben in den vergangenen zwei Jahren immer wieder miteinander gesprochen. Und ich habe nicht den Eindruck, dass du hier psychisch eine Talfahrt hingelegt hast.
Du machst auf mich nach wie vor einen stabilen Eindruck. Wie belastend ist denn diese Arbeit?
Ich denke, das geht allen Leuten ähnlich, die im Kriminalkontext arbeiten. Am Anfang war es schon schwieriger, alles zu lesen, weil man sich dachte: Hilfe, was gibt es denn für Leute, warum macht man so was? Mittlerweile ist es leider schon Alltag geworden, dass man dann darüber liest. Man stumpft fast ab. Natürlich gibt es immer noch schockierende Taten, wo man sich dann schon denkt: brutal! Vor allem, wenn es gegen Kinder geht. Aber ansonsten hat man schon gelernt, mit so einer großen Anzahl an Meldungen professionell distanziert umzugehen,
Du bist, was man Herkunftsdeutscher nennt, also jemand mit parallel verlaufender deutscher Familiengeschichte. Gab es bei Dir in der Schule Konflikte, die mit dem Messer ausgetragen wurden? Sind deine Freunde mit Messer rumgelaufen? Hast du irgendwann Messerkriminalität mitbekommen?
Ich bin Jahrgang 1992, da war die Welt noch in Ordnung. Aber in Anführungszeichen. Denn auch mir ist es als Jugendlicher passiert, dass mal jemand ein Messer dabei und auch gezückt hatte. Und als ich vor sechs Jahren in Berlin gelebt habe, ist es mir auf der Straße passiert, dass einer mit Messer gedroht hatte. Aber wurde nie wirklich gewalttätig. Es war immer nur Angst als Druckmittel. Es hat also schon existiert damals. Aber wie man es heute liest oder mitbekommt, in was für einer Häufigkeit das passiert oder dass Leute sogar mit Macheten rumlaufen in Frankfurt auf der Zeil, das ist ein ganz anderes Kaliber.
Warum bietest Du nicht Medien gegen eine Grundgebühr an, dass man dein Portal dort einbinden kann? Wäre das nicht ein zusätzliches Geschäftsmodell für dich – möglicherweise im Paket mit regelmäßigen Artikeln zum Stand der Dinge?
Eigentlich war diese Seite – und ist sie auch bis heute – wirklich non-profit, so als quasi gesellschaftliches „Okay, ich tue hier meine Pflicht“. Es kann mal interessant sein, darüber nachzudenken, wie man es monetarisieren und noch intensiver betreuen kann. Aber den Schuh hatte ich mir bisher nicht angezogen, weil ich gesagt habe, ich mache damit kein Geld, das soll einfach eine neutrale Information sein. Macht man es lukrativ, dann müssen auf jeden Fall die Glaubwürdigkeit und die Inhalte stabil bleiben.
Danke für das Gespräch!
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Kommentar von Marcus Thiemann
Stimmt, jetzt erinnere ich mich wieder. Es muss 1995 gewesen sein. Ich war gerade nach Berlin gezogen und fuhr in der Tram durch Friedrichshain. Ein untersetzter Mann pöbelte eine Ausländerin an. Sie solle gefällst aufstehen wenn ein Deutscher käme. Ich habe ihn seinerzeit zurechtgewiesen. Die Frau konnte sitzen bleiben. Als ich ausstieg spürte ich plötzlich eine Messerklinge in meinem Rücken. "Das machst Du nicht noch einmal." Ich ignorierte die Drohung. Es blieb dabei.
Ich finde das Projekt sehr wichtig.
Durch Alexander-Wallasch.de habe ich bereits zu früh davon erfahren und besuche die Seite gelegentlich. Was ich mich frage ist ob es nicht eine Datenbank bei der Polizei in Berlin gibt, in der alle aufgenommenen Anzeigen hinterlegt werden und ob diese nicht relativ einfach nach Suchbegriffen wie *Messer ausgelesen werden kann. Und ob diese nicht, da von öffentlichem Interesse, zumindest in Teilen, zugänglich gemacht werden müssen.
So müsste sich ein noch präziseres Bild erzeugen lassen.