Bei Anne Will: Markus Söder schaltet ab, bevor die verstimmte Jazz-Trompete laut wird

Wie nachhaltig wirken Anti-Corona-Maßnahmen?

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Bei Anne Will: Markus Söder schaltet ab, bevor die verstimmte Jazz-Trompete laut wird
Die Gäste der ARD-Diskussionssendung ANNE WILL - sonntags im Ersten © Screenshot: ARD

Zuerst erschienen im November 2020 bei Tichys Einblick

„Es gibt auf der ganzen Welt kein anders Konzept, als Kontakte zu reduzieren,“ lobt Söder sich und die Kanzlerin. Mitlaufen war früher keine bayerische Politik-Disziplin. Statt sich kritische Tönen anzuhören schaltet sich Söder lieber aus der Sendung raus.

Das ist doch mal was: Markus Söder, der jetzt neben Bundesinnenminister Seehofer als zweiter bayerischer Ministerpräsidentenlöwe auf Angela Merkels Bettvorleger als Schnurrekätzchen gelandet ist, der unlängst in Gegenwart ihrer Durchlaucht auf einer Pressekonferenz mit fast schon kokettem Wimpernaufschlag Richtung Merkel ungefähr sagte, dieses Land sei in guten Händen, dieser Markus Söder braucht keine echten Gegner mehr. Da reicht bei Anne Will der leibhaftige Jazztrompeter Till Brönner um dem bayerischem Corona-Maßnahmen-Hilfssheriff der Bundesregierung den Marsch blasen.

Warum Brönner? Der hatte bemerkt, dass die zweite Welle zunächst nicht so fett in sein Wohnzimmer schwappt, zumindest was die Entschädigung der Regierung für Corona-Wirtschaftsopfer angeht. Zunächst sind die Gastronomen dran. Und das regt Brönner wahnsinnig auf. Konzerte fallen aus, die Kultur geht vor die Hunde.

Also melden sich nun auch mal die Vertreter der Deutschen Kultur zu Wort, fast so, als hätte es vor ihrer aufwallenden Armut keine Probleme in Deutschland gegeben, die diese Klientel betrifft. Und nett hat es der Till Bröner ja auch gemacht in seinem Klagevideo, netter jedenfalls, als die rüderen Xavier-Naidoo-Hildmann-Wendler-Versionen. Brönner kritisiert, aber dreht nicht zu sehr auf. Zimmerlautstärke eines einzelnen Kritikers, das verträgt die Einigkeit der Politik gerade noch.

Wer nur in Zimmerlautstärke trompetet, der darf dann auch ins öffentlich-rechtliche Fernsehen als vermeintlicher Gegenpart zu Markus Söder. Gut dass er da ist, dann muss man diese Störer von der AfD nicht einladen, diese Rabauken, die es gewagt hatten, eine Regierungserklärung der geliebten Bundeskanzlerin im Plenum durch Zwischenrufe zu unterbrechen. Nein, das darf nicht sein, an diesem heiligsten Verkündungsort der Kanzlerinnenbotschaft. Also Brönner nicht nur als Naidoo-light, sondern auch als AfD-light? Was für eine Last. Wir zeigen, dass wir kritisch auch können.

Till Brönner ist mit dem aus München per Flatscreen ins Studio zugeschalteten bayerischem Ministerpräsidenten bei Anne Will zu Gast. Thema sind die kommenden vier Wochen Stubenarrest-light für die Bundesrepublik, ausgerufen von Merkel, weil Deutschland unter der Maske nicht brav genug war. Anne Will will wissen: „Wie nachhaltig wirken die Anti-Corona-Maßnahmen?“

Und weil ein Kanzlerinnen-Söder nicht genug ist, wurde auch noch mit Helge Braun (CDU), der Chef des Bundeskanzleramts ein Tag nach Halloween eingeladen, die Maßnahmen der Kanzlerin zur besten deutschen Sendezeit am Sonntagabend unter die Leute zu bringen.

Ja schämen sich die Fernsehoberen des Zwangsgebühren-TV nicht, wo sie auf der einen Seite mit großer Geste mehr Vielfalt geloben, auch kritische Stimmen zulassen wollen, und dann alles so weiter machen? Es wohl so,  weil bald Wahlkampf ist und nachher kann man sich ja immer noch entschuldigen.

Nun sitzen Helge Braun, der Trompeter und die Moderatorin nicht alleine in den creme-farbenen Ledersesseln vor dem wuchtigen Fernsehbild aus Bayern, ebenfalls mit dabei ist dann auch noch Bundesjustizministerin a.D., Richterin am bayerischen Verfassungsgerichtshof Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), also ebenfalls eine unionskompatible regierungsnahe Person. Wird sie trotzdem stänkern?

Michael Ballweg, Chef der Querdenker ist ebenfalls … nein, natürlich nicht. Entschuldigen Sie die Verwechslung. Nein, nicht Ballweg darf, neben den drei Etablierten und der verstimmten Jazztrompete darf noch Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut und Stefan Willich, Epidemiologe von der Charité sowie Gründer und Dirigent des World Doctors Orchestra (WDO). Mehr Wissenschaft hatte jüngst die subventionierte Studie eines staatsnahen linken Instituts gefordert. Erfüllt.

Los geht’s. Aber halt: Till Brönner darf erst später dazu stoßen. Selbst das gedämpfte Blechgebläse könnte zu früh zu schiefe Töne machen. Unfassbar.
Die Freunde der Regierung Merkel jetzt unter sich. Mal reinhören, wer heute verabredet mal ausscheren darf, damit es nicht ganz so langweilig wird.

„Das Vollaufen der Krankenhäuser und am Ende hohe Todeszahlen“, fürchtet Markus Söder, so es keine Eindämmung der Kontakte gäbe, wie am Montag dann vorgeschrieben für fast alle Deutschen. Der Kanzleramtsminister verteidigt die neuerlichen Maßnahmen „um wieder in einen Kontrollzustand zurückzugelangen.“

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Nun ist Institutsdirektor Stefan Willich allerdings gar nicht so begeistert von den beschlossenen Maßnahmen. Und er weiß um „zwei wichtige“ neue Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Einmal dazu, wie gefährlich die Krankheit überhaupt sei, dabei wäre man auf eine Sterblichkeit von gerade einmal 0,2 – 0,3 Prozent gekommen, „was deutlich niedriger ist, als in der Öffentlichkeit immer angenommen wird“, so der Epidemiologe.

Und weiter hätte sich die WHO zur Frage nationaler Lockdowns und ihren Nebenwirkungen schlau gemacht und festgestellt, da gäbe es „gravierende Schäden, die Lockdowns haben können.“ Dennoch hält er die Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt für richtig, schränkt aber ein, was für Berlin gelte, könne nicht gleichermaßen für Mecklenburg-Vorpommern gelten.

Weil nun aber außerdem – selbst nach Robert Koch Institut – bei 75 Prozent der Ansteckungen nicht einmal klar wäre, woher diese denn kämen, will Anne Will von Söder wissen, was die Maßnahmen gegen Gastronomen und Kultur dann eigentlich für eine Logik hätten. „Es gibt aber auch keinen Gegenbeweis, man weiß es schlichtweg nicht.“, antwortet Söder auf die unbekannten Infektionsorte der überwiegenden Mehrheit der Infizierten. Und da sind beide noch nicht einmal dort angekommen, wo die Frage nach der Genauigkeit einer Infektionsfeststellung ebenfalls längst im Raum steht, wie ein Elefant, den keiner sehen mag.

Aber laut Söder müssten eben dreiviertel aller Kontakte runter um – ja, um was zu erreichen? Einen Rückgang der Infektionen. Also unabhängig davon, ob man davon krank wird oder nicht? Nein, schützt die Alten und Anfälligen und lasst die anderen endlich normal leben, ist für Markus Söder demnach keine Alternative. Der Kollateralschaden der Maßnahmen selbst interessiert die politischen Entscheider ebenfalls kaum bis nicht.

Tatsächlich hat sich Söder das Vokabular eines – sagen wir mal – angesehenen Mediziners einer kleineren bayerischen Gemeinde in Rekordtempo angeeignet, zwar nicht so flink, wie ein Chamäleon seine Farbe wechseln kann, aber es klingt schon wie die Diagnose am Montag morgen kurz vor dem gelben Schein.

Und der Onkel Doktor hat ja vorher gemahnt, erinnert er mit Dudu-Finger in der Stimme, die Hygienekonzepte einzuhalten. Aber die Leute da draußen wollten das nicht. Also muss der Zwang der bei Nichteinhaltung zu sanktionierenden Maßnahme her. Das hat schon etwas arg Lutheranisches beim evangelisch erzogenen Söder. „Es tut uns auch sehr leid, dass wir diese Maßnahmen treffen müssen.“, sagt Söder und klingt dabei wie der Vater der seine ungezogenen Kinder schlägt, aber betont ungern.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger soll Anne Will beantworten, ob die Maßnahmen wirklich „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ sind. Geeignet irgendwie ja, meint die Verfassungsrichterin. „Aber in vielerlei Ausgestaltung eben nicht erforderlich“. Da es aber dann auch keinen Beweis gegeben hätte, für eine Ansteckungsgefahr, hätten Gerichte festgestellt, dass die Maßnahmen nicht verhältnismäßig sind.

Das bayrische Oberverwaltungsgericht, so Leutheuser-Schnarrenberger mit Wink hin zum Monitor, auf dem Söder schon unruhig wird, hätte zwar einem Antrag zur Aufhebung des Beherbergungsverbotes nicht stattgegeben, aber die Begründung sei interessant: Das Gericht hätte quasi gesagt, man würde das jetzt mal so durchgehen lassen. Aber was sind das eigentlich für Gerichte, was ist das für eine Gutsherrenart, möchte man dazwischen fragen.

Söder findet es an der Stelle wichtig zu erwähnen, dass Gerichte in unserem Rechtsstaat das letzte Wort sprechen. Er wundert sich in dem Moment offensichtlich nur darüber, dass auf diese Selbstverständlichkeit hin kein Applaus losbrandet. Was für ein Basta-Politiker, der allerdings gegenüber der Bundeskanzlerin dann doch kein adäquates Basta zustande bekommt. Diese erfrischende bayerische Eigenart im Umgang mit Bonn und später Berlin ist lange passé.

Aber Söder hat eine Idee, wie man die ganze blöde hochrichterliche Diskutiererei umgehen kann: indem man das Bundesinfektionsgesetz noch einmal stärkt.

Das ist stark: Die Politik biegt sich also die Gesetze, die ihren Maßnahmen im Wege stehen. Was für eine Selbstermächtigung. „Endlose Rechtsstreitigkeiten bringen ja niemandem etwas.“ Die können also weg? Die Frage bleibt in der Luft hängen, ob diese endlosen „Rechtsstreitigkeiten“ denn auch dann weg könnten, wo abgelehnte Asylbewerber dank einer Asylindustrie in Deutschland Verfahren so lange ausdehnen können, bis das damit aufgezogene Zeitfenster eine Rückführung sowieso rechtens ausschließt. Auch hier Zurechtbiegungsbedarf? Auf jeden Fall ein anderes Thema.

Die ehemalige Justizministerin schüttelt mit dem Kopf und hält es für notwendig zu erwähnen, dass man das schon noch diskutieren dürfe, „Pandemie hin oder her.“ Helge Braun erinnert an die im Bundestag festgestellte „pandemische Lage von nationaler Tragweite.“ (Interessant was in Deutschlnad 2020 „national” ist: das Katastrophige?)

Viola Priesemanns (Max-Planck-Institut) Spezialdisziplin ist es, Ausbreitungsszenarien von Viren zu berechnen. Bringen die Maßnahmen etwas? Kann Weihnachten kommen? Für Priesemann ist der Lockdown eine Chance, die die Leute ergreifen sollten. Und die Sterblichkeit von 0,2 – 0,3 Prozent, so sagt sie Richtung Willich, wären ja Ergebnis der Maßnahmen des ersten Lockdowns. Wären die nicht gewesen, läge diese Sterblichkeit eher bei 1,5 Prozent. „Wollen wir zurück zu diesem stabilen Zustand?“ fragt sie rhetorisch.

Anne Will spricht tatsächlich konsequent von „Kolleg*innen“. Und man hört das Sternchen mit. Es klingt bei ihr professionell, so, wie ein klitzekleines Zwischenaufstößerchen. Prösterchen auf dieses gelungene verbale Kunstwerk.

Söder weiß nun, dass die Zahlen von heute eigentlich die von vor zwei Wochen sind. Der Söder kann das wirklich: Die aktuellste Lesart der Politik beratenden Wissenschaft so vortragen, als gäbe es keine Zweifel mehr. Die Gene für die politische Karriere sind ihm also auch an der Spitze des Bayernlandes nicht verkümmert. Verkümmert sind aber leider ganz andere Dinge.

„Es gibt auf der ganzen Welt kein anders Konzept, als Kontakte zu reduzieren, kein anderes Konzept.“ Bei niedrigeren Infektionszahlen hätte es mehr Todesfälle gegeben bei den Risikogruppen, das wäre dank Schutzmaßnahmen schon erreicht, so Söder.

Die Runde zitiert sich gegenseitig von Söder rüber zu Braun rüber zu Priesemann. Kontaktbeschränkung als Goldstandard. Wo bleibt der angesichts drohender prekärer Verhältnisse so rebellische Trompeter? Willich erinnert zwischenzeitlich noch einmal daran, dass es in Deutschland bisher noch keine Übersterblichkeit gäbe.

Der Ton von Söder ist unerträglich. Seine Ränkeschmiederei ist auch da unerträglich, wo er um Bundesgenossen wirbt. Priesemann wird auf peinlichste Weise von ihm über den Klee gelobt, Willich geht vorerst leer aus. Möglicherweise hat er in der nächsten Talkshow verstanden, wie es richtig geht.

Söder hatte vorher gesagt, er hätte „nicht endlos viel Zeit“, also bedankt sich Anne Will vor Ende der Sendezeit. Die bayerische Corona-Maßnahmen-Majestät schwebt also von dannen, der Bildschirm verlischt, weg ist er. Redezeit war aber auch in der verkürzten Anwesenheit mehr als genug. Ihro Gnaden schaltet sich weg, danke dass Sie sich überhaupt Zeit für uns genommen haben und dabei fällt auf: Erst jetzt kommt die kritische Trompete. Es war wohl Ihrer Durchlaucht nicht zuzumuten, sich Kritik anzuhören. Darf man jetzt, genau jetzt, Staatsfernsehen sagen?

Nein, besser kann man es nicht deutlich machen: Der klägliche Rest – entschuldigen Sie lieber Herr Brönner – der klägliche Rest an Opposition gegen den versammelten Söder-Corona-Maßnahmen-Fanclub kommt, wenn Söder weg ist. Trompeter und Fotograf Till Brönner spricht seine Kritik quasi in den leeren Raum.

„Ich komm da sicher irgendwie durch“, beruhigt Brönner zunächst. Na gut, das nimmt dem irgendwie egoistischen Anliegen ein bisschen den Bumms. Und Recht hat er natürlich damit, dass seine Branche eben keinen Lockdown light hätte. Aber es bleibt ein G’schmäckle. Er hätte auch schon im Kanzleramt gespielt mit seinem Gitarristen. Um Himmelswillen, aber Bilder eines Wunschkonzertes für Angela Merkel werden dankenswerterweise nicht eingeblendet.

1,5 Millionen Menschen in der Veranstaltungsbranche. Die wären alle quasi auf Hartz-4, so Brönner. Braun stellt klar, wo der Bürger auf sein Freizeitverhalten verzichten müsse, da trifft es eben jene, die dieses Freizeitverhalten professionell ausfüllen helfen. Ein Logiker der Gute Mann! Deshalb gäbe es eine Verantwortung für die Kulturschaffenden. Aber was will der Brönner da eigentlich? Die Kohle ist jetzt zugesagt für November und wohl noch darüber hinaus. Mehr geht kaum. Oder man sucht eben die Solidarität mit allen andern Kritikern der Maßnahmen. Wird da aktiv, wo es auch für den Soloselbstständigen unangenehm werden könnte.

Halten wir fest, die Ansteckungen sollen eingegrenzt werden. Nach wie vor wird an einer Nachverfolgbarkeit der Infektionsketten festgehalten, selbst dann noch wird das so ein, sollten auf dem Gesundheitsamt auf enger werdendem Raum immer mehr Leute arbeiten müssen, um am Ende möglicherweise festzustellen, dass es keinen Sinn mehr macht, was man da tut, aber offensichtlich gibt es keinen Plan B.

Brönner befindet, dass die kulturelle DNA seiner Truppe von der eigenen Regierung nicht verstanden wird. Nein Herr Brönner mitunter wird sie auch von vielen Bürgern nicht mehr verstanden. Insbesondere da, wo sich diese Kulturschaffenden immer mehr dem politisch-ideologischen Fach andienen, wo es immer noch mehr darum geht, noch im hinterletzten Kuhdorf eine Open-Air gegen Rechts zu veranstalten weil solche Bekundungen subventioniert werden, und Garantie sind für Aufmerksamkeit in den öffentlich-rechtlichen Medien.

Es ist ein bisschen spaßig, den Steuerzahlern und Bürgern so vehement überzeugen zu wollen, dass wir hier Künstler als geknebelte Unternehmer subventionieren sollen. Kaum eine Branche hängt bereits mehr am Subventionstropf als Brönners. Und die Kultur zeigt sich dafür gerne erkenntlich durch politische Opportunität. Mitleid für Till Brönner ist also eine echte Herausforderung. Also wenn schon über Nacht via Video zum Rebell mutieren, dann doch bitte überzeugender trompeten.

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