Bei Anne Will surfen Söder, Lindner und Müller auf düsterem November-Wellenbrecher

Etablierte Politik im Rausch der Inzidenzzahl

von (Kommentare: 1)

Bei Anne Will surfen Söder, Lindner und Müller auf düsterem November-Wellenbrecher
Die Gäste, unter anderem Söder, Lindner und Müller, der ARD-Diskussionssendung ANNE WILL - sonntags im Ersten © Screenshot: ARD

Zuerst erschienen im November 2020 bei Tichys Einblick

Zur besten Sendezeit weiß der Regierende Bürgermeister Michael Müller plötzlich, wo die ganzen Corona-Ansteckungen herkommen: Schuld sind die Würstchenbuden auf den Parkplätzen vor den Baummärkten.

Bei Anne Will um 21:45 Uhr am Sonntagabend nach dem Tatort ein weiterer Durchgang rund um Covid-19 und die Maßnahmen der Bundesregierung. Also wen haben wir bei Anne Will, um Angela Merkels nun offiziell vom Parlament ermächtigte Corona-Maßnahmen zu besprechen und zu verteidigen? Denn von Kritik wird ja kaum die Rede sein, wenn der bayrische Ministerpräsident Markus Söder mit von der Partie ist, den gerade erst ein couragierter RTL-West Kommentator kritisiert hat, als Jörg Zajonc zum Erstaunen vieler sedierter Fernsehzuschauer in die Kamera sprach:

„Vernunft? Fehlanzeige. Stattdessen: weiter Angst und die schrille Warnung vor überfüllten Krankenhäusern mit immer mehr Toten. Jeden Tag soviel, wie bei einem Flugzeugabsturz sagt der bayrische Ministerpräsident. Das ist vorsätzliche Panikmache! In Deutschland sterben jeden Tag etwa 2.600 Menschen. Immer. Auch ohne Corona. Mal mehr, mal weniger. Zuletzt übrigens weniger. Im Oktober dieses Jahres gab es bei uns weniger Tote als vor einem Jahr trotz Corona, sagt das statistische Landesamt. Und die Intensivstationen haben viele Betten frei, seit Wochen, aber ebensolang wird vor einer Überlastung gewarnt.“

Also der bayrische Panikorchester-Chef Markus Söder (CSU) mit dabei. Weitere Gäste sind – und jetzt bitte die Füße fest auf die Pantoffeln stellen, bevor diese gegen den Fernseher geworfen werden, bleiben Sie tapfer – ebenfalls dabei ist Trauerkloß Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Berlin und Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, dem immerhin die Ehre zu Teil wird, dieses Nach-Wende-Berlin endgültig wiedervereinigt zu haben:

Dank Müller sitzen jetzt alle gemeinsam im untergehenden rot-rot-grünen Boot und das Ergebnis ist eine gegängelte Polizei am Rande des Nervenzusammenbruchs zwischen Rechtsextremismusverdacht, Clan-Terror und einzelnen prügelnden Kollegen, die am Furor der Querdenker die Nerven verlieren.

Also Merkels gehorsame Statthalter im so genannten Corona-Gipfel ihrer Majestät aus den Provinzen bei Anne Will in der ersten Reihe. Fehlt noch eine Wissenschaftlerin, die das Halbwissen von Söder und Müller soufflieren kann, diesmal übernimmt das Viola Priesemann, sie ist Forschungsgruppenleiterin am Max-Plank-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und war schon bei Plasberg oder in einer der anderen drei Talkshows zu sehen. Fehlt noch wer? Ach ja, die Vertreterin der Medien. Also Spiegel, Welt oder Süddeutsche? Nein, diesmal darf die Zeit-Redakteurin Vanessa Vu.

OK, einen haben wir absichtlich ganz ans Ende gestellt, nur um ihn ein bisschen zu ärgern: Der wahrscheinlich beste Redner (stilistisch, nicht inhaltlich) neben Gottfried Curio (AfD) im Deutschen Bundestag ist auch eingeladen: Christian Lindner. Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag darf ein bisschen so tun, als verträte er eine im Bundestag sitzende oppositionelle Partei.

Und wenn wir Müller mal rausnehmen, weil der so empfindlich scheint gegen Testosteronwallungen, dann werden wohl Söder und Lindner ein wenig spiegelboxen für die Sofa-Logen zu Hause, nur um nachher wahrscheinlich doch wieder gemeinsam für die Regierung Merkel gegen die AfD ins Feld zu ziehen.

Gar nicht erst anschalten? Ach, wenn wir schon mal dabei sind… Also Blick starr auf die beigen Ledersessel und einmal kurz Anne Will zugezwinkert, sie kann ja nicht zurückzwinkern. Markus Söder ist allerdings wieder nur zugeschaltet. Das wird das Maskentheater mit Lindner etwas schwieriger gestalten, gibt dem Franken aber das gewisse Entrückte.

Im Großteil von Deutschland dürfen zehn Bürger gemeinsam Weihnachten feiern, in Berlin nur bis zu fünf. Anne Will möchte von Michael Müller wissen, warum wir Deutschen jetzt nicht belohnt werden dafür, dass wir den November durchgehalten haben, der neue Lockdown sollte doch nur den November über gelten. „Ist das fair?“, fragt die Moderatorin. „Wir haben immer noch schlechte Zahlen“, antwortet Müller mahnend. Aber wir hätten im November einen großen Schritt nach vorne gemacht. Nur wie will er das eigentlich wissen, wenn die Gegenprobe dazu nicht mehr möglich ist?

Müller wie Söder orientieren sich weiter an der 50er Inzidenz (Inzidenz von 50 Corona-Infektionen je 100.000 Einwohner), wobei Müller sich schon bemüßigt sieht zu behaupten, der Berliner Senat würde alles andere tun, als sich an abstrakten Zahlen zu orientieren: Die ganz realen Belegzahlen der Intensivbetten in der Berliner Charité würden ihm Sorgen machen.

In Berlin liegt die Inzidenz bei über 200, weiß Anne Will. In Bayern – sagt sie Richtung Söder-Bildschirm – hingegen läge sie bei 174. Bei Müller dürfen bis zu fünf Weihnachten feiern, in Bayern zehn.

Ihre Unterstützung zählt

Ohne Sie ist hier alles nichts. Ihre Unterstützung ist wichtig. Sie gewährleistet uns weiterhin so kritisch und unabhängig wie bisher zu bleiben. Ihr Beitrag zählt für uns. Dafür danken wir Ihnen!

„Teilentwarnung kann man geben, es gibt kein exponenzielles Wachstum mehr nach oben“, teilt Söder mit. Aber die nächsten zwei Wochen würden entscheiden, oh es bei den zehn Personen bleibt oder doch – wie in Berlin – nur fünf zusammenkommen dürfen. Da kann man bald froh sein, dass bestimmte Berliner Großfamilien kein Weihnachten feiern, die des Rassimus verdächtigte Polizei müsste dann schon wieder ein paar Augen zudrücken.

Und Söder wiederholt es: die Zahl der Todesfälle würde wachsen. Das würde ihn bestürzten, dass das in Deutschland so wenig beachtet wird. Dabei stört es Söder kein bisschen, dass er den Deutschen zur besten Sendezeit möglicherweise einen Unsinn auftischt – denn beispielsweise lagen die Todeszahlen im Oktober 2019 im Vergleich zu 2020 höher, RTL West berichtete bereits darüber. Ob jemand im Laufe des Abends in der Lage ist, dem Ministerpräsidenten mal ein Update zu geben?

Söder setzt einen Teil seiner Hoffungen in die Impfzentren, sagt er. Besser allerdings, er würde sie mal in den Impfstoff setzen, denn eines ist doch auch sicher: Die Bürger mögen der Politik dieser Regierung noch willig folgen, wenn es etwa darum geht, die Nachbarn zu denunzieren, bei denen elf statt zehn Leute um den Weihnachtsbaum sitzen, aber spätestens, wo Eltern entscheiden müssen, ihren Kindern einen zusammengeschusterten Hauruck-Impfstoff verpassen zu lassen, könnte die Gefolgschaft dünner werden als etwa noch bei der Idee einer Zwangsmasernimpfung. Zu einem möglichen Protestpotenzial sollte schnellstmöglich eine stichhaltige Prognose eingeholt werden, bevor das Zeugs in Ampullen auf Minus 70 Grad zur Verteilung lagert.

Söder und Müller also beide im „Impfen ist Liebe“-Team. Man könnte sagen, schwierge Zeiten brauchen besondere Allianzen, aber das klingt viel positiver, als es sich tatsächlich anfühlt. Hier entsteht eher das Bild einer unterwürfigen Kumpanei in kurzen Hosen mit Holzgewehr unterm Betonthron von Merkel.

„Innerhalb der staatlichen Verantwortungsgemeinschaft“ bestände doch Einigkeit über Kontaktbeschränkung, Maske, Hygienekonzepte usw., befindet Christian Lindner. „Aber ich erlaube mir schon die Frage, wie ist eigentlich die längerfristige Strategie?“, fragt Lindner. Er will auch jene Virologen zu Wort kommen lassen, die ins Gespräch gebracht hätten, dass man sich mit den Corona-Maßnahmen mehr auf die wirklichen Risikogruppen konzentrieren sollte. Lindner sieht den Zeitpunkt gekommen, die vulnerablen Gruppen stärker zu schützen. Aha. Söder nickt bei Lindners Vortrag, läßt dem Oppositionsschauspieler sein Stück Kuchen auf dem Teller.

Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut will ein klares Ziel kommunziert haben. Kamera auf Söder, der merkt es, nickt also auch bei Priesemann einvernehmlich überväterlich wie schon bei Lindner.

„Bei niedrigen Fallzahlen ist eine Kontrolle einfach, bei höheren nicht“, weiß die Wissenschaftlerin. Deswegen würde es sich wirklich lohnen, die Fallzahlen einmal runterzubringen. Nun ist kein echter Kririker der Maßnahmen im Raum oder am zugeschalteten Bildschirm. Aber ab wann darf man eine Haltung zu einem offenen Problem für immer ausschließen?

Hier nochmal zwischenerwähnt: Anne Will ist tatsächlich die einsame Meisterin des gesprochenen Gendersternchens. Wo bitte übt man so etwas? Flüssiger kann keiner diese Millisekunde hinüber zum *innen verschleppen – Klasse.

Vanessa Vu von der Zeit ist dran und weiß zu berichten: Vietnam ist Corona-frei, lediglich bei der Einreise würden noch Fälle auftauchen, die eine gewisse Fallzahl noch erklären. Beispielsweise Taiwan sei auch ohne Lockdown vollständig Corona-frei, so Frau Vu weiter fast schwärmerisch. Dort würden sogar Festivals gefeiert mit Tausenden, die Karaoke-Bars seien voll, die Großfamilien gingen gemeinsam Essen. Da wird auch nicht gemeckert, drückt Vanessa Vu ihre Begeisterung für den kollektiven Geist der Asiaten aus. Aber da wird es schon wieder gefährlich. Denn die westlichen Demokratien sind vor allem eines, wenn man es pathetisch ausdrücken mag: Tempel des Individualismus. Hier kann man zynisch anmerken, dass es sicher auch in der weiland deutschen Volksgemeinschaft schneller möglich gewesen wäre, auf die Pandemie zu reagieren, und in der DDR sicher ebenso – aber das ist beides düstere deutsche Geschichte.

„Man schränkt sich freiwillig ein, um eine freiheitlichere Situation für alle zu ermöglichen.“, sagt Vu über den Ein-Parteienstaat Vietnam. Der Zuhörer schluckt und sucht den Fehler, weil es gerade so nach Angela Merkels Regierungserklärung kurz nach ihrem China-Besuch geklungen hatte. Anne Will spürt immerhin die Klemme und hilft der Strauchelnden, bevor die Herren der Runde zuhacken können: „Taiwan und Japan sind aber Demokratien!“

Müller weiß an der Stelle – und hört man hier noch ein Bedauern heraus? – dass das Tracking von persönlichen Daten bis hin zur Kreditkartenabrechnung „bei uns wahrscheinlich nicht so einfach möglich“ wäre. Ach, schade.

Söder betont die Todesopfer, Vu macht es ebenfalls und dann auch der Regierende von Berlin. Aber was sagt das aus? Nichts, wenn der Jahresvergleich bisher überhaupt keine steigenden Todeszahlen erkennen lässt. 400 Tote pro Tag klingt schlimm, aber dann sollten den Zuschauern auch gesagt werden, wieviele Menschen auch ohne Corona jeden Tag in Deutschland sterben, um sich selbst ein Bild zu machen. Beispiel: Im Jahr 2018 verstarben in Deutschland insgesamt knapp eine Million Menschen. Und das ohne jede außergewöhnliche Katastrophe. Die häufigste Todesursache war wie schon in den Vorjahren eine Herz-/Kreislauferkrankung. 36,2 Prozent aller Sterbefälle waren darauf zurückzuführen.

Lindner glaubt, dass die Menschen zu Hause viel schlechter geschützt sind als in der Gastronomie mit Hygienekonzept. Sein Vorschlag also: 24/7 in der Kneipe. Es wird immer verrückter, wo jeder noch mal am Sonntagabend mit einem Vorschlag punkten will.

„Ministerpräsident-schluck-Pause-Gendersternchen-innen-konferenz“, einfach klasse Frau Will!

Wo bleiben eigentlich die tapferen Bayern, die so einem Söder in ihren Reihen auf die Füße treten? Kein Verlass mehr auf nichts. Und Söder setzt noch einen drauf, als er sich unterhakt bei der Schwärmerei von Vu für die im Totalitären geprägten Vietnamesen. Doch Söder muss sich vorsehen, vielleicht schlummert ja noch ein Rest echter Demokratiegeist und Individualismus in den Bajuwaren, die dann mir nichts dir nichts mit der Mistgabel ganz flott sein können.

Markus Söder lobt die „Brillanz“ von Viola Priesemann. Nun mag sie brillant sein, aber wie Söder das Prädikat von oben herunter verleiht, löst schon Fremdscham aus. Bei Plasberg zuvor hatte er es bei der selben Dame schon einmal getan.

Zu den vulnerablen Gruppen gehören in Deutschland übrigens 27 Millionen Bürger. Keine kleine Zahl und nebenbei der Hinweis auf die Überalterung der Gesellschaft.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin sieht das Problem der Ansteckungen mit Covid-19 zum Ende der Sendung hin dann tatsächlich bei den Würstchenbuden auf den Parkplätzen vor den Baummärkten. Und das ist dann so ein Moment, wo man sich die letzten Minuten dieser Sendung auch als Rezensent einfach schenken muss. Zum Schluss an dieser Stelle also wie zuletzt öfter die gleiche Bitte: Wenn doch wider Erwarten noch was Vernünftiges gesagt worden ein sollte, teilen Sie es bitte in den Kommentaren mit, danke.

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Kommentare

Kommentar von Eddy Nova

Die Absurdität des Covid Wahns ist leicht statistisch enttarnbar.400 Tote über einen längeren Zeitraum müsste ja Auswirkungen auf die Gesamttodeszahlen haben...wie vom Autor erwähnt gibt es die Erhöhung aber nicht.
Interessant ist die jüngst veröffentlichte Statistik der Grippetoten der letzten
Jahre.Von März 2020 bis November 2020 absolut 0.270 Tage 2020 mit einem bis zu 99,9% Rückgang der Grippetoten im Vergleich zum Mittelwert der Vorjahre.
Die täglich BILD veröffentlichten Zahlen der CoronAnanas Toten entsprechen dagegen beinahe exakt dem bis zu 99,9% Rückgang der Grippetoten!
Addiere ich Corona & Grippe Tote 2020 Tag für Tag liebe ich im Bereich der Jahre zuvor,mangels Grippe Epedemie sogar noch darunter.