Bei Anne Will wurde zur Corona-Politik mehr gelächelt als geklärt

Nicht verbieten braucht Mut

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Bei Anne Will wurde zur Corona-Politik mehr gelächelt als geklärt
Die Gäste der ARD-Diskussionssendung ANNE WILL - sonntags im Ersten © Screenshot: ARD

Zuerst erschienen im September 2020 bei Tichys Einblick

Wieder ein kleines Wunder, dieses Mal am Sonntagabend bei Anne Will: Trotz des x-ten Durchgangs in den deutschen Talkshows rund um die Corona-Maßnahmen und das Verhalten der Bevölkerung finden noch Gäste zusammen, die in dieser Kombination so noch nicht zuvor öffentlich-rechtlich getalkt haben.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) ist gekommen, ebenso, wie Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP). Zu den Politikern gesellen sich – und das ist schon ein kleines Novum – gleich drei Mediziner. Nun hatte das gerade erst eine linke Studie von den Öffentlich-rechtlichen gefordert: u.a. mehr Wissenschafter in Talkshows, hier wird die Studie gleich üppig bedient. Gekommen sind Melanie Brinkmann, sie ist Professorin für Virologie in Braunschweig, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Professorin für Medizinethik Alena Buyx und Andreas Gassen, Mediziner und Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Alle Fünf gemeinsam sollen nun verhandeln, wie es weitergeht mit den Corona-Maßnahmen. Lockern oder verschärfen? Die von Karl Lauterbach schon seit vielen Wochen geradezu herbeigesehnte zweite Corona-Welle kommt eher schleppend in Gang, aber noch sind die Tage kühler, noch nicht richtig kalt. Und Kälte, das wissen wir aus den kontaminierten Tönnies-Schlachthäusern, soll Partystimmung bei den Corona-Viren verursachen.

Am Dienstag ist Schaltkonferenz zur Corona-Lage der Länder mit Kanzlerin und Vizekanzler. Was wird dort neues zur Lage beschlossen werden? Alkoholverbot im Freien? Wieder engere Gruppenzahlen für Zusammenkünfte?

Andreas Gassen war bereits am vergangenen Montag bei Hart aber fair und hatte dort den pessimistischen Gesundheitsexperten Lauterbach (SPD) verbal geteert und gefedert. Zu Unrecht? Denn die Infektionsraten sollen wieder gestiegen sein, und aktuell befinden sich 50.000 Schüler in Deutschland präventiv in Quarantäne, erzählt ein Einspieler und fragt: „Waren wir uns zu sicher?“

Weihnachtsmärkte werden abgesagt, der Straßen- und Sitzungskarneval ebenfalls und Winterurlaub gibt es, wenn, dann nur sehr eingeschränkt und ohne Après-Ski, Gesundheitsminister Spahn empfiehlt – ebenfalls per Einspieler – doch mal „die Schönheit Deutschlands zu genießen.“

Möglicherweise den Vogel abgeschossen, jedenfalls sicher aus Sicht der Maßnahmenkritiker, hat wohl der Arbeits- und Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann (CDU), der nämlich hat gerade für den 1. Oktober angekündigt, dass private Feiern in öffentlichen Räumen mit mehr als 50 Personen zwei Wochen vorher beim Ordnungsamt angezeigt werden müssen samt Namens- und Adressliste der teilnehmenden Gäste. Der Städtebund möchte gar auch private Feste in privaten Räumen auf fünfzig Personen begrenzen. Warum nicht 51 oder 49, das weiß kein Mensch, irgendwie musste die Zahl wohl festgelegt werden. Ausnahmen werden dann wieder wie zuletzt schon durch die Presse gehen, wenn die nächste Großhochzeit ansteht oder irgendwo in Deutschland ein Clan-Mitglied das Zeitliche gesegnet hat und hunderte Personen eng an eng zur Beisetzung erscheinen.

Wolfgang Kubicki erinnert gleich mal daran, dass es aus den letzten fünf Monaten mittlerweile über fünfzig Gerichtsurteile gibt, „die dem Staat bescheinigen, dass seine Maßnahmen offensichtlich rechts- und verfassungswidrig sind. Das muss jemandem dem der Rechtsstaat am Herzen liegt, zu Denken geben.“ Kubicki fordert in die Runde gesprochen: „Wir sollten den Menschen in Deutschland mehr vertrauen, als es von den Regierenden gelegentlich getan wird.“

Die Braunschweiger Virologin erinnert daran, dass uns jetzt die dunkle Jahreszeit bevorsteht und sich die Menschen wieder mehr in Innenräumen aufhalten werden, was der Verbreitung des Virus entgegenkommen soll. Jede Maßnahme aber, so Melanie Brinkmann, „muss Sinn machen.“

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erinnert seinerseits daran, dass wir keine „Horde von uneinsichtigen Regelverletzern“ erlebt hätten. Der Deutsche würde sinnvolle Maßnahmen mitmachen. Wie brav er ist der Michel oder nicht?

Olaf Scholz lächelt auch brav und lächelt und sagt dann was und lächelt dann wieder. Das muss so eine SPD-Marotte sein, der Kollege Thomas Oppermann kann das identisch. Ob es weitere betroffen(e) lächelnde Sozialdemokraten gibt? Kurz schweift der Gedanke … Karl Lauterbach, Ralf Stegner, Saskia Esken. Nein, schon gut.

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Scholz also sagt was, die Lippen bewegen sich, aber was sagt er, das hängenbleiben könnte? Irgendwas davon, dass irgendwer ganz intensiv diskutiert über irgendwas rund um Corona. Warum fällt es eigentlich so schwer, dem Vizekanzler zuzuhören? Alles was Scholz sagt, wabert so durch, so, als würde er selbst nicht daran glauben. Ist das der Merkel-Effekt, der sich einstellt, so man über Jahre mit der Kanzlerin zusammensitzend das Land verwalten soll? „Wir werden immer vorsichtig gucken müssen, was jetzt die Lage ist“, sagt Scholz noch beruhigend. Aber wen will er damit beruhigen?

Alena Buyx, die Vorsitzenden des Ethikrates, erinnert daran, dass Maßnahmen nicht verhältnismäßig wären, wenn das Regionale dabei nicht bedacht wird. Es müsse immer regional nachgesteuert werden können. Buyx sieht in den privaten Feiern, insbesondere den Hochzeitsfeiern, die größte Gefahr. Diese zu beschränken wäre doch eigentlich besser, als wieder Restaurants und Läden zu schließen.

Für Maßnahmenkritiker muss das klingen wie Gängelung. Die Medizinethikerin möchte, dass wir „nicht die Fernreisen machen und nicht drei Mal Skifahren.“ Aber in welcher Welt lebt die Frau eigentlich? Die meisten Zuschauer vor dem Fernseher kennen Fernreisen sicher nur vom Traumschiff und wandern im Harz, wenn sie dort wohnen: Also von der Wohnung zur Arbeit und zurück, so sie noch Arbeit haben.

Herrlich gemein, wie vermeintlich milde lächelnd Wolfgang Kubicki Worte aus dem Mund von Olaf Scholz begleitet, der gerade sagt: „Wir haben die App“. Ja, die haben wir, also manche von uns. Wer kennt wen mit der App? Wer kennt wen mit Corona? Wer in der Runde hat wohl die App? Immerhin 18 Millionen Bundesbürger sollen die App bereits installiert haben. Aber erst 5.000 positive Testergebnisse sind über die App gelaufen. Und das sind gerade mal fünf Prozent aller Neuinfektionen seit Einführung der App. Ach du je.

Und weil es sich gerade so angenehm ins Nichts hinein verplaudert bei Anne Will, darf festgestellt werden, dass Wolfgang Kubicki aus Braunschweig kommt, ebenso wie die Infektionsbiologin Brinkmann und sogar der Autor hier, was doch insgesamt ein Grund für eine Verschwörungstheorie sein muss, aber gar keiner ist.

„Ich habe das Gefühl, dass sich die Bürger und Bürgerinnen im großen Ganzen sehr gut schützen.“, sagt der Vizekanzler ganz gefühlig. Aber wie will man so etwas erfühlen? Einen Eindruck, ja, den kann man gewinnen. Aber auch der macht keinen Sinn, wenn der Satz auch sonst nichts taugt. So überflüssig der Satz, so möglicherweise bald die ganze Partei des Sprechenden. „Es gibt in dieser Frage keine endgültigen Wahrheiten“, hören wir dann noch. Aber, möchte man jetzt nachsetzen, das befreit Euch, liebe Regierenden, sicher nicht davon, Verantwortung für Eure Entscheidungen zu übernehmen. Denn so gar nichts richtig zu wissen, ist kein Alibi, es ist ein Rücktrittsgrund in normalen Zeiten. Und explizit einer ohne Haftungsausschluss.

Melanie Brinkmann erinnert daran, dass mittlerweile Corona-Schnelltests auf dem Markt sind und wir in Zukunft sicher von „allen möglichen Anbietern damit überschwemmt werden“ würden. Aber es sei noch nicht wirklich klar, wie verlässlich diese Tests heute schon sind. Anfang nächsten Jahres vielleicht gäbe es diese Abstrichtests, die nach fünfzehn Minuten ein Ergebnis liefern könnten, ob der Getestete im Moment akut infiziert ist. Wenn der Test positiv ist, dann ist man auch positiv, so Brinkmann, andersherum nicht. Andreas Gassen spricht von einer zehnprozentigen Unsicherheit.

Wenn es nun doch noch einen Satz gibt, der noch herausstechen könnte, dann vielleicht der vom Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der sagt: „Für Politik wird’s im Moment die Frage sein, ist man mutig genug, mache Dinge nicht zu verbieten?“ Nun sticht auch Andreas Gassen in der Runde nicht sonderlich hervor, aber der Redaktion von Anne Will muss er bei Talk-Mitbewerber Plasberg vergangenen Montag aufgefallen sein, als er Karl Lauterbach pulverisierte. Lauterbach aber ist nicht eingeladen und Olaf Scholz ist schon pulverisiert von Merkel, von der SPD, von Arbeitern und Bauern und von wem sonst noch alles sowie vielen offenen Fragen zu Cum-Ex und Wirecard. Und was nun?

„Frau Buyx, stimmen sie zu?“ fragt Frau Will. Das ist die Geschwindigkeit der Sendung. Wo sonst die Idee einer Talkshow sein könnte, seinen Unmut sogar mal durch Unterbrechen zu äußern, muss die Moderation hier helfen. Und wenn es nur darum geht, Zustimmung einzuholen. Der Widerspruch scheint auszusterben in Deutschland. Der Deutsche wird gefügig, vor dem Widerstand steht der Widerspruch und der bleibt aus. Zwar ebenso, wie die Fernreise für Besserverdienende, aber noch kann man ja bei Penny und Lidl und Aldi für einhundert Euro den Wagen prallvoll machen. Gibt es eigentlich schon Studien, die belegen, inwiefern die Corona-Maßnahmen bei wieviel Prozent den Deutschen auf den Hüften Kilos aufspecken?

Diese Sendung jedenfalls kommt, was den Unterhaltungswert angeht, maximal abgespeckt. Zuletzt dann noch eine große umfassende Werbeveranstaltung für die Corona-App. Anne Will vergisst leider zu fragen, wer sie in der Runde – Hand aufs Herz – auf dem Handy hat. Wer also gerade nur Lippenbekenntnisse abgibt und einfach weiter lächelt.

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