Demnächst kommt Cem Özdemir mit der Waage vorbei ...

Bei GNTM gewinnt eine Dralle und Bild schreibt über ein „Pummel“, das 40 Kilo verloren hat

von Alexander Wallasch (Kommentare: 18)

Ein Bild-Reporter schreibt: „Vom Pummel zum absoluten Männertraum und Figur-Vorbild für die Damen.“© Quelle: Pixabay/ mojzagrebinfo

Bei den vier Buchstaben „GNTM“ wissen die meisten bereits, was gemeint ist: Die TV-Show „Germany's Next Topmodel" mit Heidi Klum. Diese Sendung wird seit 2006 ausgestrahlt und hier dreht sich seitdem alles um junge Frauen, die Model werden wollen. Entsprechend ist auch das Publikum aufgestellt.

Hier ging es aber von Anfang an nicht nur darum, wer nun die Schönste, die Eleganteste und Schlankste ist, was die Zuschauerinnen viel mehr fesselt, sind die Zickigkeiten, die Streitereien und die großen Diven-Dramen am Rande der Show. Entsprechend verlagerte sich das Format über die Jahre konsequent in diese Richtung.

Heidi Klum ist so etwas, wie die Dieter Bohlen der TV-Shows. Auch Bohlen hat vier Buchstaben berühmt gemacht, sein DSDS steht für „Deutschland sucht den Superstar“ und startete noch vier Jahre früher als GNTM.

Elisa David schreibt bei Tichy Einblick über die aktuell fertig ausgestrahlte 18. Staffel:

„Wie schon seit mehreren Jahren, geht es bei GNTM nicht mehr in erster Linie ums Modeln. Gut, Kritiker würden jetzt sagen, das tat es noch nie. Jetzt hat das Ganze allerdings seinen Höhepunkt erreicht. Wo früher hauchdünne Persönchen die Krone holten, laufen heutzutage Transpersonen, Gehörlose, Übergewichtige und Omas über den Laufsteg. Das Feuilleton ist happy - die Einschaltquoten auf einem historischen Tiefstwert.“

Ein Fazit von Frau David zeigt übrigens auch eindrucksvoll, dass man als Mann über solche Sendungen eigentlich nicht schreiben sollte, weil man emotional wohl auch mit gutem Willen nie so tief in die Materie eindringen kann, um umfänglich zu begreifen, was die Attraktion dieses Formats ausmacht, Elisa David schreibt:

„Am meisten tut es mir für Selma leid. Selma ist mit langem seidigen braunem Haar in die Sendung gekommen. Heidi hat aus ihr eine pinke Schreckschraube gemacht. Schulterlang, mit so vielen Stufen, dass sie aussehen wie abgerissen. Dazu platinblond gebleichtes Haar mit leichter pinker Tönung. Ihr Haar ist so in der Struktur angegriffen, dass sie sich wahrscheinlich anfasst wie Stroh.“

Okay, das interessiert nur bestimmte Mädchen und Frauen und – sollte man heute dazu sagen – vielleicht auch Transmänner.

T-Online hat den Vogel abgeschossen und titelt via Google: „Die Dicke hat gewonnen“. Hier erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass es sich eigentlich um einen zitierten Hater-Kommentar gegen das propere oder vollschlanke Siegermädchen handelt. So weit so egal. Was aber viel interessanter ist, ist die ansteigende Verwirrung darum, was nun woke okay ist, was erlaubt, was erwünscht, was politisch unkorrekt, was richtig und was demgegenüber voll total falsch ist.

Vor vier Tagen feierte BILD die Siegerin: „Vivien ist 'Germany’s Next Topmodel'!“ Ganz anständig gabs hier keine Zotigkeiten, keine Diskussion darum, ob ein wenig dürres Modell nun ein Gewinn für das Format ist oder nicht. Was hätte wohl Julian Reichelt getitelt, wäre er noch Bild-Chef?

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Wieder T-Online schreibt jetzt viel braver:

„Mit ihrem Sieg will das Curvy-Model zeigen, 'dass die Modebranche im Wandel ist und dass Frauen, die an sich glauben und sich von nichts und niemandem unterkriegen lassen, alles schaffen können'.“

Der Anlass hier überhaupt über diese vielbeachtete Nichtigkeit „GNTM“ zu schreiben, ist aber ein ganz anderer. Kaum nämlich sind ein paar Tage vergangen, präsentiert sich die Bildzeitung mit einem schlimmen Rückfall in die Zeit der Hungermädchen. Die Schlagzeile dazu lautete gestern: „Schöne Jo enthüllt Diät-Geheimnis: TikTok-Star nimmt 40 Kilo ab.“

Und dann kommt’s noch dicker: Zeigte das Aufmacherfoto eine schlanke Jo, die als bekannte Influencerin vorgestellt wird, wird im Verlauf des Artikels ein Foto der Frau vor der Diät präsentiert mit der Bildunterschrift: „40 Kilo mehr: So pummelig sah die Influencerin früher aus“. Der Witz: Auch dort ist eine attraktive junge Frau zu sehen, die Schönheit ausstrahlt und alles andere, als die Vermutung, dass es sich hier etwa um eine krankhafte Form von Adipositas handeln könnte.

Blöd auch, dass der Text nun ausgerechnet noch von einem Mann geschrieben wurde. Stefan Schneider weiß in seinem Artikel – Achtung, es wird noch blöder! – Folgendes zu berichten: „Diese schöne, junge Frau wird nicht nur von Männern bewundert!“ Und weiter: Sie wurde vom „Pummel zum absoluten Männertraum und Figur-Vorbild für die Damen“.

Natürlich darf eine junge Frau abnehmen, wenn sie sich zu gewichtig fühlt, wenn sie sich in ihrem Körper nicht mehr wohl fühlt. Aber das kann ja nicht souffliert oder begleitet werden von einem sabbernden Bild-Redakteur, der eine erfolgreiche, selbstbewusste Frau als „Pummel“ bezeichnet.

Jo selbst sagt über ihr Abnehmen:

"Es war eher eine Kombination aus ungesunden Essgewohnheiten und einem Mangel an Bewusstsein für eine ausgewogene Ernährung. Es war wichtig für mich zu erkennen, dass ich die Kontrolle über meine Entscheidungen habe und dass ich die Macht habe, positive Veränderungen vorzunehmen.“

Viel interessanter ist aber auch hier noch etwas ganz anderes: Wenn uns die Bundesregierung über ihren vegetarischen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir vorschreiben will, weniger Fleisch zu essen, am besten gar keines oder wenn, dann nur noch doppelt und dreifach zertifiziertes Bio-irgendwas-Fleisch, dann ist der Weg nicht mehr weit bis hin zur Feststellung, dass Übergewicht beispielsweise klimaschädlich sei, weil ein höherer Kalorienbedarf eben auch mehr Nahrungsprodukte bedeutet.

Dann folgt als nächstes vielleicht ein höherer Krankenkassen-Beitrag, aufbauend auf diesem belohnenden Punktesystem für die Teilnahme an Sport- und Diätkursen. Und das wiederum kann dann zum bösen Widerspruch zur Öffnung von „GNTM“ für kräftigere Frauen werden.

Pro Sieben schreibt freundlich über die Siegerin:

„Mit ihrer Teilnahme bei 'Germany's Next Topmodel' möchte sie vor allem jungen Frauen zeigen, dass jede auf ihre eigene Art und Weise schön ist – egal, welche Körper- und Kleidungsgröße oder welches Alter.“

Na hoffentlich kommt dieser netten Idee demnächst nicht der Landwirtschaftsminister in die Quere.

Pro Sieben weiter:

„Auch wenn wir uns von alten Schönheitsidealen wie eine schlanke Figur, keine Cellulite oder keine Makel immer mehr verabschieden, braucht es Models, die zu ihrem Körper und ihren Kurven stehen.“

Und damit ist die Altersschranke aber noch gar nicht angesprochen worden. Denn 75-Jährige Transmenschen könnten sich nun ebenfalls diskriminiert fühlen. Und wo sind eigentlich bei Heidi Klum die Trisomie-21-Modelle und die Querschnittgelähmten? Will Heidi etwa bestreiten, dass man auch im Rollstuhl einen eleganten Catwalk hinlegen kann?

Aber hier präsentiert sich schon wieder das nächste Problem: Wenn man Rollstuhl und Trisomie-21 mit kräftigeren Models in einem Atemzug nennt, dann kann auch das sofort missgedeutet werden. Ja, es ist kompliziert und wird wahrscheinlich noch viel komplizierter werden.

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