„Deutschland (ist) ein hormonell weiblich gesteuertes Land, in dem das Dunkle und Eruptive, das Raunende und Beschwörende, das Ekstatische und das Gefühlige immer noch den Ton angeben.“

Deutscher Sohn

von Alexander Wallasch

„Deutscher Sohn“ ist ein Roman von Alexander Wallasch und Ingo Niermann. Das erste deutschsprachige belletristische Werk über deutsche Heimkehrer aus dem Afghanistankrieg wurde nach seinem Erscheinen kontrovers diskutiert und gehörte zu der Zeit rasch meist besprochen deutschsprachigen Roman.© Quelle: © Quelle: Freepik.com / bestvector083, Bildmontage: Alexander Wallasch

Der Roman über einen bei einem Anschlag in Afghanistan verletzten Bundeswehrsoldaten zielt vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum deutscher Verhältnisse. Hartz IV, Taliban und Parsifal – die Verstrickungen deutscher Gegenwart und deutschen Erbes rücken so schamlos nah, dass man sich nicht entziehen kann.

Christopher Schmidt rezensiert für die Süddeutsche Zeitung:

„Niermann und Wallasch erzählen voller Wut und Witz von einer traumatischen Realität, die wir gerne wegmoderiert und austherapiert haben möchten, die wir an Profis delegieren, und für die wir gerne eine konsensfähige Lösung hätten, ohne beunruhigende Rückstände, wie sie zuletzt das kleine Fernsehspiel mit dem Heimkehrer-Film ‚Nacht vor Augen‘ geboten hat. Man kann es aber auch ganz anders sagen: Die Autoren legen den Finger in die Wunde, und das tut eben weh.“

Ingeborg Harms für die Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung:

„‚Deutscher Sohn‘ lebt von einem Realismus, der vor keinem menschlichen Faktum zurückschrecken muss, weil er über die Kraft verfügt, es vor dem Klischee zu retten.“ Und „Mit seinen Wahlperioden, seinen Volksbegehren und seinem Erregungsjournalismus, so scheint der Roman zu sagen, ist Deutschland ein hormonell weiblich gesteuertes Land, in dem das Dunkle und Eruptive, das Raunende und Beschwörende, das Ekstatische und das Gefühlige immer noch den Ton angeben.“

Jan Süselbeck befand in der taz:

„Junge NPD-Wähler dürften diesen Text mindestens genauso genießen können wie unbelehrbare Popliteraturdandys.“

Nach Protest des Verlages Blumenbar und der Autoren über diesen Teil der Rezension einigte man sich, die Vorwürfe im Rahmen einer Diskussionsrunde im tazcafé neu zu besprechen.

Und darum geht’s:

Der invalide Afghanistanheimkehrer Toni lebt mit einer offenen Wunde im ehemaligen Zonenrandgebiet Niedersachsens. Sein Tagesablauf wird bestimmt von Verbandswechseln und schmerzlindernden Opiaten, Web-Porno, Traumatherapie und psychedelischen Alpträumen. Seine Freunde in der Nachbarschaft sind sympathische Messies, und die höchste Erhebung weit und breit ist ein Müllberg. Sein Leben ändert sich, als er die 19-jährige Helen kennenlernt …

Hier bestellbar

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Ein Textauszug:

Kapitel: „Kiss me, Angelina!“

Die vernarbten Punkte sehen aus wie entzündete Pocken oder wie schlecht verheilte Einschusslöcher einer Schrotflinte. Nur nicht so willkürlich gestreut; meine sind pervers ordentlich untereinander aufgereiht. Sollte mir ausnahmsweise mal nichts wehtun, werde ich am vertrauten Jucken erkennen, dass ich noch am Leben bin. Meine Pocken markieren den Tag, an dem mir die Unfallchirurgen im Koblenzer Bundeswehrkrankenhaus die acht Pins entfernten. Pin ist ein schrecklich niedlicher Name für diese hässlichen messingfarbenen Quälgeister, die sich in meinem Oberschenkelknochen verkrallt hatten, jedenfalls in dem, was davon noch übrig war. Der redselige Militärarzt muss sofort erkannt haben, dass sich da ganz übel was entzündet hatte.

Schlimmer noch, ich bilde mir bis heute fest ein, ich hätte es durch die Narkose hindurch gerochen. Jedenfalls habe ich seit damals einen bestialischen Gestank abrufbereit, den ich nicht anders zuordnen kann. Die Pins und das Gestell bekam ich erst in Koblenz verpasst. An die medizinische Erstversorgung im Bundeswehrlazarett Mazar-i-Sharif kann ich mich nicht erinnern.

Das Erste, was ich wieder nach dem großen Bäng hörte, waren die unerträglich laut surrenden Rotorblätter eines Hubschraubers. Anfangs behauptete ich noch steif und fest, ich wäre in einem Helikopter nach Koblenz ausgeflogen worden. Aber der begleitende Arzt versicherte mir, dass die Hubschraubersequenz sicher nur eine Überreaktion der Hörnerven auf die starken Schmerzmittel sei.

Ich weiß nicht, aber die Sache macht mich unruhig, also zwinge ich mich, nicht mehr dran zu denken. Mein erster zusammenhängender Satz auf deutschem Boden jedenfalls soll aus nur zwei durch die Zähne rausgezischten Worten bestanden haben: „Mehr Morphium!“

Der Äthiopier stützt sich auf seinem Knie auf. Er hält meinen Arm in der Hand, schaut kurz prüfend und klopft dann mit seinen wunderschönen Klavierspielerfingern zart und ausdauernd auf meinen Venen herum. Ist Helen mit dabei, bettelt sie immer eine Weile, weil sie das auch gerne mal übernehmen würde. Aber Kanell bleibt auch heute unnachgiebig.

Zum Trost darf Helen die Spritze in den Gummideckel der durchsichtigen Metronidazol-Flasche drücken und das Antibiotikum aufziehen.
Nachmittags und abends bekomme ich zusätzlich noch eine Dröhnung Vancomycin – insgesamt sind es also fünf Injektionen täglich. Tröstlicherweise ist Kanell ein Künstler auf dem Gebiet der intravenösen Verabreichungen. Mich erinnert das, was er da treibt, an eine asiatische Teezeremonie, die ich mal versehentlich auf Arte gesehen habe.

Immer wenn Kanell die Haut über meinen Venen mit Desinfektionsmittel besprüht, zucke ich zusammen, ohne es zu wollen, und muss albern lachen wie ein Schuljunge. Das freut auch den Äthiopier. Einmal hat er mir übermütig das Sweatshirt hochgezogen und etwas von dem kalten Zeug auf meinen nackten Bauch gesprüht. Eigentlich eine süße Geste, hätte ich dem Armen nicht reflexartig mit dem gesunden Fuß unters Kinn getreten.

Das muss wirklich wehgetan haben. Aber nichts. Der Äthiopier ist nicht nur
Afrikaner, sondern auch noch ein verdammter Asiate: Er hat sich nur kurz das Kinn gerieben und einfach weitergearbeitet.

Meistens hab ich noch gar nicht richtig registriert, dass er die Nadel wieder herausgezogen hat, schon schmecke ich den grausigen Metallgeschmack, den ich seit Koblenz nie ganz wegbekommen habe. Dutzende Flaschen Mundspülung, erst die grüne Sorte, dann die blaue, mussten dran glauben, bis ich resigniert habe. Es ist, als würde man auf warmem Blei kauen, oder schlimmer, an einem dieser Pins herumlutschen wie an einem beschissenen Dauerlutscher.

Als ich kurz nach der Injektion mit Kanell über diese unangenehme Nebenwirkung spreche, wird Helen hellhörig. Sie wolle gerne einen Kuss, um zu prüfen, ob da wirklich etwas Metallisches zu schmecken sei. Einen Kuss finde ich sehr okay, und auch Kanell verdreht grinsend die Augen, also ist es abgemacht. Ich mache es mir in meinem Kippsessel bequem und spitze gehorsam die Lippen in ihre Richtung.

Helen läuft allerdings um meinen Sessel herum und nimmt meinen Kopf von hinten in ihre kleinen Hände. Ganz vorsichtig und mit viel Gefühl streckt sie meinen Hals weit über die Nackenlehne und nähert sich, bis ihr Kinn fast meine Stirn und mein Kinn fast ihre Stirn berührt. Ich lasse es geschehen.

Dann bittet sie mich, ein wenig zu dramatisch flüsternd, meine Augen zu schließen, und legt ohne weitere Umschweife ihre Lippen auf meine. Es fühlt sich so schön warm und feucht an, als wäre Angelina Jolie heimlich ins Zimmer geschlüpft und hätte mir ihre Zunge in den Hals gesteckt, nur um darin herumzuirren wie ein Kind mit klebrigen Fingern in der bunten Tüte.

Mir wird schwindelig. Ich weiß nicht, ob es am Kuss oder der überdehnten Stellung liegt, jedenfalls spüre ich eine so elementare Geborgenheit, dass mir die Tränen kommen, während ich nun ebenfalls beginne, mit meiner Zunge in Helens Mund herumzuwandern.

So wunderschön es ist, so unfassbar einsam ist es auch. Ich habe auf einmal das Gefühl, dass wir uns, je länger dieser Kuss dauert, immer weiter voneinander entfernen. Als sie sich dann endlich löst, schleckt sie mir quasi noch als Zugabe in einem einzigen gierigen Zug alle meine Tränen weg. Mir fällt das Kinn wieder auf die Brust.

„Cool, oder?“, fragt Helen lächelnd. „Das ist ein alter Trick, den mir ein Mädchen im Ferienlager beigebracht hat.“ Zur Demonstration hebt Helen die Hände an den Hals, umfasst mit den Fingern ihren Nacken und drückt sich mit beiden Daumen auf die Halsschlagadern. „So fließt kein Tropfen Blut mehr. Wie ein ganz kurzer geiler Ecstasytrip!“

Ich frage sie nach dem Metallgeschmack, aber da lacht sie nur und erklärt keck, dass sie es die nächsten Tage ja noch einmal ausprobieren könne. Kanell hat schon seine Sachen zusammengepackt, ein bisschen aufgeräumt und mir eine MST hingelegt. Ich verlange die zweite Morphiumtablette für nachmittags gleich mit, in der Hoffnung, Angelina käme dann noch einmal zurück. Sicherheitshalber lege ich mir auch noch die Hände um den Hals, aber die fallen mir gleich wieder runter.

Hier bestellen

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.