W:O:A – Das Wacken Open Air als Bericht und Galerie

Ein Wogen, ein Beben - Eine endlose Landschaft aus Menschen

von Alexander Wallasch (Kommentare: 2)

Dieser Ort ist gesegnet, er wird einmal im Jahr für eine Woche von Hunderttausenden geflutet, die Millionen von Euro mitbringen, als wären die Äcker um Wacken ägyptisches Schwemmland des Nils.© Quelle: Foto Alexander Wallasch

Ja, ich war einen Abend lang in Wacken. Und ich habe tatsächlich bis kurz vor Sechzig gewartet, mir selbst ein Bild zu machen von diesem legendären Heavy-Metal-Spektakel, das unter der Kurzbezeichnung „W:O:A“ (Wacken Open Air) für hartgesottene Fans dieses Genres in aller Welt zum Mekka gehört. Zur Pflichtveranstaltung gleich einem Initiationsritual.

Gleich vorweg, ich bin kein ausgewiesener Fan dieser Musik, ich bin kein Wackenraner, mich treibt aber immer eine journalistische Neugierde auf Plätze wie diesen, wo Menschen sich zu Hundertausenden versammeln und ein paar Tage gemeinsam glücklich sind oder nur vorhaben, es zu werden.

Was ich dort nördlich von Hamburg gestern Abend erlebt habe, lässt sich am ehesten bildlich so zusammenfassen: Eine endlose Landschaft aus Menschen.

Zuletzt hatte ich Ihnen die dreiteilige Serie „Absolutes Fiasko – Woodstock ‘99“ auf Netflix empfohlen. Nach der Neuerscheinung dieser atemberaubenden Festivaldoku bei Netflix war es nicht mehr möglich, „Nein“ zu sagen, als Herman Vieljans, einer meiner ältesten und besten Freunde, mir die Gelegenheit eröffnete – auch noch als VIP-Gast – gemeinsam mit Zwillingsbruder und AW-Autor Gregor Leip quasi meinen Jungferngang nach Wacken zu unternehmen.

Erlauben sie mir ausnahmsweise, mich an der Stelle selbst zu zitieren. Vor einer Weile schrieb ich eine Rezension über eine filmische Indienreise von Jutta Winkelmann, Rainer Langhans und anderen. Die Gruppe trifft auf dem Kumbh Mela ein, dem größten religiösen und hinduistischen Fest der Welt:

„Jutta und Rainer gehen eine breite, unbefestigte, baumlose Straße entlang. Es ist Abend, das Licht staubig. Rechts und links stehen Buden und Zelte. Die beiden wandern ziellos die unendliche Guru-Strecke ab. Sie sind orientierungslos. Wo soll man nun schauen, wo verweilen? Menschen huschen vorbei wie Schatten. Die Endzeit ist angebrochen.“

Ich schließe hier mit den Worten: „Ein großartiges filmisches Requiem auf das Leben.“

Die beiden werden verzeihen (R.I.P. Jutta), aber daran musste ich denken, als ich, nach fast vier Stunden Fahrt aus dem Harz kommend, am Abend in Wacken ankam. Nachdem wir unsere speziellen Einlass-Bändchen bekommen hatten, irrten wir zunächst in einem Areal herum, das sich quadratkilometerweit einmal um ganz Wacken gelegt hatte.

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Die Ordner vor Ort wussten nicht weiter, auch ihre aufgefalteten Karten brachten wenig Erkenntnis, als wir nach dem „VIP-Bereich“ fragten. Von allen Seiten wabberte oder schrillte schon Metal-Musik über das flache Land. Es schien uns so, als käme es aus den meterhohen sattgrünen Maisfeldern – was die Bauern hier später wohl bei der Ernte alles finden, was hier ursprünglich nicht hergehört – wir lachten, schon ganz bekloppt vom Suchen, beim Ideenaustausch, was das sein könnte.

Allerdings: Die Einheimischen hier werden sich an Überraschungen gewöhnt haben. Dieser Ort ist gesegnet, er wird einmal im Jahr für eine Woche von Hunderttausenden geflutet, die Millionen von Euro mitbringen, als wären die Äcker um Wacken ägyptisches Schwemmland des Nils – dort lag die Wiege des Ackerbaus und das Nilwasser war ein Geschenk des Himmels.

Nach einer halben Stunde des Suchens öffnete sich uns der Blick auf den Hauptplatz mit Hauptbühne. Die Aufnahmen, welche wir hier mit erhobenen Handyarmen machten, können diesen mächtigen Eindruck nicht ansatzweise abbilden. Eine Landschaft aus schwarzgekleideten Menschen, die sich von den jeweiligen Bands auf den Bühnen freiwillig fernsteuern lassen – ach was, es ist keine Fernsteuerung, es ist mächtige beabsichtigte Synchronisation. Sie ist sogar das Ziel der ganzen Übung.

Ein Schwingen, ein Beben, ein Aufbäumen, dem sich auch der weniger geübte Fan nicht entziehen kann. Die große Zahl der Wacken-Wiederkehrer fungiert hier als Leuchttürme für alle anderen, sie sind erste Kraftquelle des Ortes, an ihnen orientieren sich die Wacken-Novizen aus aller Welt.

Würde man Wacken zuschauermäßig mit Woodstock ‘99 vergleichen wollen, dann ist Wacken das Festival der Eltern dieser ausgerasteten Woodstock-Zerstörer. So martialisch und unbedingt hier alles von der Bühne kommt, so liebenswert – ja, das kann man so sagen – ist hier jeder Einzelne. Spontane Gespräche an den Bars und auf den Plätzen sind immer Bestätigung eines Einvernehmens, warum man hier ist:

Es geht um das gemeinsame Schwingen, das viele hier durchs Jahr trägt, bis es erneut nach 365 Tagen zur Neuaufladung kommt, Wacken ist ihre Tankstelle. Und diese Tankstelle war zwei Jahre lang pandemiebedingt geschlossen.

Wir treffen hier also überall auf leere Batterien. Auf Verdurstende, denen jeder neue dröhnende Riff neues Leben einflößt.

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Das Email- und Nachrichten-Portal GMX brachte heute einen Kurzbericht über den Start von Wacken und zeigte dazu eine junge Barbusige in spärlichem BDSM-Leder. Sorry, Kollegen, deutlicher kann man nicht danebenliegen.

Das prägende Bild sind hier im Gegenteil die gemütlichen Bierbäuche unter den Bärten, die tätowierten Oberarme und das obligatorische, ausgeblichene schwarze Wacken-Shirt aus einem der Vorjahre, getragen zur schwarzen Jeans – alles gebührend angeranzt, durchlebt, kutenartig.

Hier erlebt man zudem den seltenen Fall, dass sich die Stimmung der Besucher nicht von der Kommerzialisierung kontaminieren lässt: Die Masse bleibt nahezu stoisch resistent gegenüber den Avancen der Getränke- und Tabakindustrie oder wer hier noch mitmischen darf. Auch die Liveberichterstattung von Telekom Entertain via Magenta TV kann hier niemandem etwas anhaben.

Ach, es gibt so viel zu berichten, wenn man zum ersten Mal schaut. Wacken hat auch ein olympisches Feuer in Gestalt des Stierkopfs, hier auch „Pommesgabel“ genannt, die sogar als Handzeichen – ausgestreckter kleiner Finger und Zeigefinger – Symbol der Metalszene insgesamt geworden ist. Feuer auch gegenüber der Bühne aus zwanzig Meter hohen Türmen. Mit jedem Feuerstoß trifft die Hitzewelle die VIP-Emporen wie eine Ermahnung:

Diese wundervolle Hölle auf Erden ist unser Paradies, sorgfältig aufgebaut und geplant über ein ganzes Jahr hinweg, also bleibt auf dem Boden. Wir landen alle in der gleichen Hölle, ganz egal, ob VIP-Bändchen oder ohne Privilegien.

In der Nacht wanken wir – betrunken nicht von Alkohol, sondern von den Erlebnissen – an den kilometerweit dicht an dicht aufgebauten Zelten und Wohnwagen vorbei und suchen jenen Parkplatz, wo wir unser Auto abgestellt hatten. Aber wo war das bloß?

Am Rande des Weges immer nur noch mehr Interimsschlafplätze auf Rädern, hier trifft die deutsche Campingseele auf den Metall-Fan, der deutsche Wacken-Veteran auf den Erstbesucher aus Frankreich, Kanada, Australien oder von wo immer.

Einer erzählt, sein Kumpel sei fast jedes Jahr mit seinem Zelt dabei gewesen, aber dieses Mal hätte er gepasst: Er hätte keine der verlosten (!) Einzeltoiletten mehr bekommen, welche die Gewinner mieten und neben ihre Zelte und Wohnwagen stellen können. Aber bei seinem Bier-Konsum und seinem Alter ginge es für den Kumpel nicht mehr ohne eigene Toilette.

Ob wahr oder nicht, es sind diese Wacken-Geschichten, die Teil eines Mythos geworden sind von der Idee, was passiert, wenn Rockstars in der norddeutschen Provinz auf Eingeborene treffen.

Mittlerweile hat sich allerdings etwas umgedreht: Heute machen die Eingeborenen Stars. Wer in Wacken auf der Hauptbühne auftreten darf, für den wird dieser Auftritt nicht selten zu einer Art Jungbrunnen, einer Erneuerung.

Die Opener hießen 2022 „Slipknot“. Die Band ist in etwa so alt wie das Wacken-Festival, das Anfang der 1990er Jahre als belächeltes Metal-Nerd-Festival mit wenigen hundert Eingefleischten begann. Heute bedankt sich Sänger Corey Taylor euphorisch von der Bühne herunter bei weit über einhunderttausend Fans dafür, hier in Wacken am Ziel seiner Träume angekommen zu sein.

Und dann beginnt auch schon wieder dieses Wogen und Beben.

Hier meine Galerie:

Ankunft Wacken (Quelle: privat)
Wacken on Stage (Quelle: privat)
Wacken 2022 (Quelle: privat)
Herman Vieljans und die Mutter und der Bruder des Veranstalters, Familie Hübner (Quelle: privat)
(Quelle: privat)

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Kommentare

Kommentar von Arno Nühm

Von der Musik kann man halten, was man will -- aber eins zeigt sich auf jeden Fall klar und deutlich: Es können sich Millionen auf engstem Raum ohne Masken treffen, ohne dass danach alle an der Erkältung sterben.
Lauterbach in die Gummizelle!

Kommentar von Susann Liehr

Grausam. Wie abgestumpft muss man sein um diese "Musik"
tagelang unbeschadet und ohne Agressionsschub zu überstehen?
Ich glaube einfach nicht dass dieser Wahnsinn!!! (Heavy Metal,
Horrorfilme, Kriegsspiele etc.) keine Spuren hinterlässt.
Das Anthropozän währt hoffentlich nicht allzu lang!!!!!
(auch in Anbetracht aller aktuellen Ereignisse) Over and out.