Heute möchte ich eine Freude mit meinen Lesern teilen. Ich bekam E-Mail-Post von einer jungen Dame aus Japan, die sich dort als Expertin für die Aufklärung von Smartphone-Sucht einen Namen gemacht hat und eine digitale Entgiftung und die Rückkehr zur analogen Welt propagiert.
Japan gilt auch in Sachen digitale Kommunikation als fortschrittlich. Man darf also annehmen, dass auch spezifische Probleme dort zu einem früheren Zeitpunkt akut werden. Das macht Stimmen wie jene von Mikan Oshidari auch für das 12.600 Kilometer entfernte Deutschland wertvoll.
Frau Oshidari hatte bei ihren Recherchen einen Text von Alexander-Wallasch.de gelesen und mir dazu spontan eine E-Mail geschrieben, die ich gern mit meinen Lesern teilen möchte. Selbstverständlich habe ich vorab um Erlaubnis gebeten.
Der besondere Charme dieser E-Mail wird noch verstärkt von der Übersetzung vom Japanischen ins Deutsche. Man spürt die tastende und höfliche Art dieser Kultur in jeder Zeile. Frau Mikan Oshidari schreibt:
Ich entschuldige mich für diese unerwartete E-Mail! Ich habe Ihren Artikel „Die digitale Entmündigung der Alten – Warum Oma und Opa systematisch ausgeschlossen werden“ übersetzt und gelesen. Deshalb schreibe ich Ihnen. Mein Name ist Mikan. Ich bin japanische Autorin. Ich fand Ihren Artikel sehr interessant. Vielen Dank für den hervorragenden Artikel.
Sie fragen sich vielleicht, wie ich als Japanerin einen Artikel eines ausländischen Online-Mediums gefunden habe. Ich engagiere mich in Japan für die Aufklärung über Smartphone-Sucht und propagiere digitale Entgiftung und die Rückkehr zur analogen Welt.
Ich bin 1994 geboren und 31 Jahre alt. Mit 19 kaufte ich mein erstes Smartphone und war etwa vier Jahre lang süchtig danach. Als ich erkannte, dass es meiner Gesundheit schadete, machte ich eine digitale Entgiftung und kehrte zur analogen Welt zurück.
Ich benutze mein Smartphone nicht mehr und verwende jetzt ein Klapphandy mit physischen Tasten und einen Computer. Ich nutze keine Video- und Musikstreamingdienste mehr und sammle jetzt physische Medien wie CDs und DVDs (In Japan gibt es Videotheken und DVD-Läden, und einmal pro Woche in einen zu gehen, ist ein Hobby von mir.).
Ich schreibe Notizen, Termine und Briefe handschriftlich in ein Notizbuch. Statt die Kamera meines Smartphones zu benutzen, habe ich mir eine Kamera gekauft, entwickle Fotos und erstelle Fotoalben. Ich lese Bücher und Zeitschriften aus Papier. Obwohl heutzutage alles auf Smartphones läuft, ersetze ich sie bewusst durch analoge Dinge. Das ist zwar aufwendiger als digitale Dinge. Aber ich fühle mich mit analogen Dingen wohler; es tut meiner Psyche gut.
Manche haben vielleicht Angst, den Kontakt zu anderen Menschen zu verlieren, wenn sie auf ein einfaches Handy umsteigen. Aber anstatt mich mit vielen Fremden in sozialen Medien anzufreunden, schreibe und telefoniere ich nur mit wirklich wichtigen Freunden und meiner Familie.
Ich habe ein Buch über meine Erfahrungen geschrieben: „Ich will mich von meinem Smartphone-Sklaven befreien.“ Es ist auf Japanisch und Chinesisch erhältlich. Mit diesem Buch möchte ich die Vorteile einer digitalen Auszeit und analoger Methoden aufzeigen. In Japan wird die Smartphone-Sucht noch immer stark unterschätzt. Länder wie Schweden, Finnland und Norwegen – Länder, die digitale Lehrbücher im Schulunterricht schnell eingeführt haben – kehren nun wieder zu gedruckten Lehrbüchern zurück.
Japan plant jedoch, bereits 2027 mit den Vorbereitungen zu beginnen und gedruckte Lehrbücher bis 2030 vollständig durch digitale zu ersetzen. Dies geschieht, obwohl andere Länder die negativen Auswirkungen auf Kinder erkannt haben.
Wenn ich in den Medien auftrete, um auf die Gefahren der Smartphone-Sucht aufmerksam zu machen, werde ich mitunter verleumdet und beschimpft. Das ist sehr traurig und schmerzhaft. Da ich selbst unter Smartphone-Sucht gelitten habe, möchte ich nicht, dass jemand anderes darunter leidet. Gerade weil ich selbst Smartphone-Sucht erlebt habe, weiß ich die Vorteile analoger Methoden so sehr zu schätzen.
Deshalb möchte ich diese Vorteile teilen. Deshalb engagiere ich mich in Japan, wo das Bewusstsein dafür noch gering ist. Weltweit ist die Smartphone-Sucht ein ernstes Problem, das viele Menschen betrifft, Kinder wie Erwachsene.
Und was mir derzeit Sorgen bereitet, ist Folgendes: … Wie Sie in Ihrem Artikel erwähnten … … führt die übermäßige Digitalisierung zur sozialen Isolation älterer Menschen und Menschen mit Behinderungen, die sich im Internet nicht wohlfühlen. Wir sollten Papier, Telefon und persönliche Beratungsgespräche beibehalten, die für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen unerlässlich sind. (Digitale Kluft)
Schweden, das die Digitalisierung vorangetrieben hat, hat Berichten zufolge ein Gesetz erlassen, das Barzahlungen an ältere Menschen vorschreibt. … Im US-Bundesstaat Oregon wurde eine Verordnung erlassen, die analoge Verfahren vorschreibt, und ich habe gehört, dass in San Diego begonnen wurde, Papiergutscheine zu verteilen, da elektronische Gutscheine allein als unfair gegenüber älteren Menschen angesehen wurden.
Analoge Dienstleistungen sind für die soziale Absicherung unerlässlich. Viele ältere Menschen weltweit haben damit zu kämpfen.
Japan ist eine überalterte Gesellschaft. Deshalb werden für behördliche Angelegenheiten immer noch Papier und Fax genutzt. Persönliche und telefonische Beratungen sind ebenfalls möglich. Japan versucht jedoch in letzter Zeit, diese Dienstleistungen durch Nachahmung anderer Länder einzuschränken.
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Dies führt zu Problemen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Ich denke, es wäre gut, einfache Mobiltelefone wiederzubeleben und sie Kindern und älteren Menschen zugänglich zu machen. Für diejenigen, die eine digitale Auszeit nehmen möchten, aber beruflich nicht auf ihr Smartphone verzichten können, ist es sinnvoll, sowohl ein Smartphone als auch ein einfaches Mobiltelefon zu besitzen.
In letzter Zeit höre ich viel über die Rückkehr zur analogen Technik im Ausland. Immer mehr Länder, wie beispielsweise Australien, schränken die Nutzung von Smartphones und sozialen Medien durch Kinder ein. In einem Prozess wegen Social-Media-Sucht gewannen die Kläger, die die durch die Sucht verursachten Schäden geltend machten.
Global betrachtet ist dies notwendig. Heutzutage ist alles digitalisiert, aber ich glaube nicht, dass das gut ist. Digitale Abhängigkeit ist ernst. Die Rückkehr zur analogen Welt ist notwendig. In einer Welt, in der Digitales unverzichtbar ist, ist eine digitale Entgiftung unmöglich.
Ich wünsche mir eine Rückkehr zur analogen Welt. Dieses Thema steht jedoch noch am Anfang. Es muss weltweit betrachtet werden. Mein Deutsch ist nicht sehr gut. Ich benutze ein Übersetzungsprogramm, daher kann mein Deutsch etwas holprig sein.
Ich schreibe diese E-Mail, weil ich dieses Problem lösen möchte. Ich wünsche mir Gesetze zum Schutz von Papier, Telefon, persönlichen Gesprächen und Offline-Diensten. Ich hoffe, diese Idee findet weltweit Verbreitung.
Bitte schreiben Sie weitere Artikel zu diesem Thema. Ich bin nur eine Frau aus einem kleinen Inselstaat namens Japan, ohne Macht oder Einfluss. Aber ich möchte dieses Problem wirklich weltweit lösen.
Vielen Dank fürs Lesen.
Mikan Oshidari(忍足みかん)
Etwas später schrieb mir Frau Mikan noch einmal, um ihr Anliegen zu präzisieren und weitere Hintergründe zu liefern:
Ich hoffe, dass die ganze Welt dieses Thema beachtet und das Bewusstsein dafür schärft. Ich hoffe, dass ältere und behinderte Menschen weltweit in der digitalen Gesellschaft nicht isoliert werden. Und dass sie nicht zur Nutzung digitaler Technologien gezwungen werden.
Ich glaube, wir sollten weltweit Richtlinien in Betracht ziehen, die ein Nebeneinander von Digitalem und Analogem, Online und Offline ermöglichen. Japan hinkt in der Digitalisierung angeblich hinterher. Noch immer werden Papierdokumente, Telefondienste und Steuerbescheide in Papierform nach Hause geschickt und können in Supermärkten bezahlt werden. Auch Bankschalter mit Personal gibt es noch. Fahrkarten gibt es immer noch entweder als Karten oder als Papiertickets.
Die japanische Regierung schämt sich, in dieser Hinsicht hinter anderen Ländern zurückzuliegen. Diese analogen Systeme sind jedoch wertvolle Mechanismen, die es älteren und behinderten Menschen ermöglichen, ein unbeschwertes Leben zu führen.
Ich glaube, dass Analoges eine Form der sozialen Absicherung darstellt. Deshalb sollten wir diese analogen Dienste nicht einstellen, doch sie werden nach und nach abgeschafft. Das ist traurig.
Ich hoffe, dass dieses Thema weltweit mehr Beachtung findet, damit jeder ein gesundes Leben führen kann, ohne abgehängt zu werden. Ich habe keine wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht, und meine Bücher sind nur auf Japanisch und Chinesisch erhältlich. Ich habe jedoch einen englischsprachigen Interviewartikel beigefügt.
Asahi Shimbun (Japanische Zeitung, Übersetzungsseite)
https://www.asahi.com/ajw/articles/14810896
Desiblitz (Britisches Medium)
https://www.desiblitz.com/content/mikan-oshidari-talks-japans-smartphone-addiction-problem
Es gibt auch einen englischsprachigen YouTube-Kanal.
https://youtu.be/eVb4zpKU_qw?si=1VEOZDbYN4Drt5A0
Was mich an Frau Mikans Worten besonders berührt, ist die Mischung aus persönlicher Erfahrung und dem klaren Blick auf gesellschaftliche Folgen. In Deutschland diskutieren wir oft nur über Datenschutz oder Kinder-Handy-Nutzung – die stille Ausgrenzung der Älteren und der Verlust analoger Infrastruktur kommt viel zu selten vor.
Vielen Dank an Mikan Oshidari!
Und wer ihr auf X folgen möchte:
@mikanoshidari
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Kommentar von Michael Himpelmann
nochmal @ TS:
Das Hauptproblem bzgl. Barrierefreiheit ist nicht die kleine Schrift, schwache Kontraste oder sonstiger physischer Kram, sondern die Komplexizität von digitalen Anwendungen: PINs und PUKs und TANs, 2-Faktor-Authentifizierungen, die Einloggerei, Anmelderei, das ganze Fachchinesich und Englischbegriffe, die permanenten Warnungen und Gefahren von Pishing, Fishing, SPAM-Müll, Newsletter-Müll und sonstiger massenhafter Informationsmüll, weiterhin die unintuitiven Programme und Bedienungshürden der Handies und Tablets... Was man anfassen kann, kann man leichter Begreifen... Seit Neuem kann ich ja nicht mal mehr mein Tablet am "An-Aus-Knopf" ein- u. ausschalten. Da muss ich eine Tastenkombination drücken! Wie soll das meine 85-jährige Mutter noch verstehen? DAS sind die Barrieren.
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Kommentar von Ombudsmann Wohlgemut
Ein schöner Artikel und eine willkommene Erfahrung, die man eigentlich jedem einmal wünschen würde.
Zwar stimmt es, dass nicht nur die Alten damit Probleme haben, sondern die komplette Gesellschaft davon betroffen ist. Ich würde sogar behaupten, dass die meisten Alten - zumindest in meinem Umfeld - es deutlich besser schaffen, sich von zu viel digitalen Medien abzuschotten, die haben oft schon mehr als genug mit Onlinebanking usw. zu kämpfen.
Leider ist es durch Politik und Medien anscheinend sogar gewollt, dass die Leute sich so leicht zu verschiedensten Dingen anstacheln lassen, um sie für oder gegen etwas einzuspannen. Gerade die durchgehende Flut an übelsten Provokationen in Social Media fördert die Aggression und man verliert zunehmend die Fähigkeit, gelassen über etwas zu reflektieren.
Das ist auch der Grund, warum die Leute teilweise so extrem reagieren, wenn man ihnen doch nur die Schädlichkeit aufzeigen will, sogar ohne grüne Verbote.
Deshalb kann ich nur hoffen, dass die Frau sich das nicht so zu Herzen nimmt.
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Kommentar von T S
@Michael Himpelmann: Lesen sie Text und Kommentar nochmal, dann verstehen sie ihn vielleicht auch.
Die Digitalisierung ist mitnichten ein Problem für die "Barrierefreiheit", denn eben diese ließe sich durch die technischen mittel - größere Schrift, Kontrastverstärkung, Sprachaus- und Eingabe, Erkennungs- und Vorlesefunktion, taktile Rückmeldung, etc. gezielt nutzerspezifisch verbessern.
Daß es daran krankt liegt nicht an der Digitalisierung an sich, sondern mangelndem kommerziellen Interesse der Anbieter die vor allem auf die konsumkräftigen Zielgruppen schauen sowie der Unfähigkeit der Regierungs-Bürokratur die jede vermeintliche Verbesserung zu einer Verschlimmbesserung macht (siehe z.B. das Bankenwesen, nur noch ein Grauen) - die plagt aber wiederum die gesamte Bevölkerung, nicht nur die Alten und Kranken die damit am meisten zu kämpfen haben.
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Kommentar von Michael Himpelmann
@TS: Ihre Einwendungen gehen am Thema vorbei. Der Brief thematisierte hauptsächlich die Ausgrenzung von alten und behinderten Menschen aus der gesellschaftlichen Teilhabe durch die übermäßige Zwangs-Digitalisierung aller Lebensbereiche. Hier hat Frau Mikan komplett recht. Überall ist von "Barrierefreiheit" die Rede, gefördert wird, vor Allem durch den unfähigen Staat, das krasse Gegenteil!
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Kommentar von T S
Schade daß auch hier am Ende wieder "die Alten" die es schon heute und absehbar erst recht zukünftig kaum noch gibt vorgeschoben werden. Dabei betrifft der Terror der totalen Erreichbarkeit, Abhängigkeit und Überwachung die gesamte Gesellschaft.
Da hilft auch der nostalgisch verklärte Blick auf das vermeintlich wertigere "analoge" wenig, denn auch eine CD/Schallplatte/Buch/... ist am Ende nur Plastik oder Papier in der Hand, der eigentliche Wert auch dort vor allem virtuell.
Wir brauchen keine "digitale Entgiftung", "Schutz der Kinder" oder ähnliche selbstbelügenden einfache Scheinlösungen, was es wirklich braucht sind Nutzer die wieder wissen wie die Maschine funktioniert und sie als Werkzeug kontrolliert einsetzen können. Nicht willig verführbare Konsumenten die nicht wissen was sie wirklich tun wie es heute der Fall ist.
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Kommentar von Maria Eing
Begeistert von diesem Artikel, von den sanften, klaren, eindringlichen Worten aus Japan, kann ich diesen Zeilen aus eigener Erfahrung zu stimmen.
Vor ca. zwei Jahren haben mein Partner und ich sich entschieden, das Smartphon zu verabschieden. Für unsere Freunde, Familien und Arbeitskollegen sind wir im Festnetz, via Mail, an der Haustürklingel und per Post zu erreichen und im persönlichem Austausch. Viele Briefe sind inzwischen verfasst und es ist klasse Post zu bekommen. Ein einfaches Klapphandy wird kaum benutzt.
Wir nehmen am Leben mehr denn je teil und unsere Entscheidung hat uns Freude, Freizeit, Freiheit, Frieden und zahlreiche persönliche Begegnungen geschenkt. Die überwältigende Flut der Nachrichten, sie ist vorbei.
Mit wachsender Begeisterung kaufe ich Bücher, CD `s und DvD`s. Streamingdiensten und Social Media Kanälen haben wir "adieu" gesagt und wir vermissen nichts und werden auch nicht vermisst.
Vor 4 Wochen waren wir in Wien. Mit einem Faltstadtplan haben wir zahlreiche liebenswürdige Wiener kennen lernen dürfen, die uns angesprochen haben, wenn wir mal wieder in unserem Faltplan den Weg suchten. Dabei bekamen wir individuelle Hinweise aus einem Mix aus Kultur und Kulinarik.
Es gibt soviel Schönes in der analogen Welt zu erleben, ergänzt durch einen "kleinen Cocktail" an aktuellen Kommunikationswegen.
Viele, liebe Grüße nach Japan und auch wir stecken mit unserer Entscheidung inzwischen den Ein oder Anderen an.
Antwort von Alexander Wallasch
Vielen Dank für Ihre so positiven Zeilen!