Warum Kubitschek die Sex-Szenen zu sexy fand und wie die Messe-Absage das Buch boostet

Leipziger Buchmesse erteilt Auftrittsverbot: Perfekte Werbung für Roman von Maximilian Krah

von Alexander Wallasch

Deutschlandfunk schwärmt vom ersten aktiven Politiker mit Romanveröffentlichung© Quelle: Maximilian Krah, Montage: Wallasch

Die Leipziger Buchmesse streicht Krahs Lesung aus „Sicherheitsgründen“ – der AfD-Bundestagsabgeordnete lacht befreit: Die Messe ist Teil jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Ein Gespräch über Kunst vs. Künstler, Sinnesfreude im Katholizismus, Selbstverwestlichung und warum Cancel Culture die beste PR ist.

Die Leipziger Buchmesse arbeitet Ihnen gerade fleißig zu. Wie ist es denn dazu gekommen?

Ich hatte die Dummheit der Buchmessen-Verantwortlichen tatsächlich unterschätzt. Ich ging davon aus, dass sie sich an die Spielregeln halten und ich, wie vertraglich vereinbart, die große Bühne dort bekomme. Dass man erst zusagt, dann absagt, das nicht kommuniziert, den schwächsten denkbaren Grund für die Absage wählt, das war für mich tatsächlich nicht vorhersehbar und hat mich auch überrascht.

Wenn ich Ihr Manager wäre, hätte ich gesagt: Bitte, bitte nicht dagegen protestieren. Was Besseres hätte dem Buch nicht passieren können, als dass es jetzt nicht vorgetragen werden darf auf der Leipziger Buchmesse.

Die Buchmesse ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Ich bin guter Laune.

Jetzt ist es ja nicht so, dass Sie der erste dem konservativen Lager zugeordnete Autor sind, der auf der Buchmesse Probleme bekommt. Da gibt es ein ganz langes Vorspiel. Sie sind die aktuellste Perle auf dieser Kette. Sie sind ja auch Autor bei Götz Kubitscheks Antaios-Verlag, der im Zentrum von Buchmessen-Auseinandersetzungen stand.

Ich habe bei Antaios veröffentlicht, da war das Buchmessen-Thema schon durch. Und jetzt bin ich ja, nachdem Antaios meinte, dass bei ihnen die Autoren das Glaubensbekenntnis der Remigration unterschreiben müssen, zu „Castrum“ gewechselt und habe jetzt meinen Roman, den ich über sechs Jahre in Teilen geschrieben habe, veröffentlicht.

Und es ist tatsächlich etwas anders als bei den anderen Autoren. Denn wie ich jetzt aus dem „Deutschlandfunk Kultur“ erfahren habe, bin ich der erste aktive deutsche Politiker, der in seiner politischen Zeit einen Roman veröffentlicht. DLF Kultur hat – zumindest in so einer Grob-Rezension – gesagt, es sei gerade keine Politik, die da drinsteht. Wie man es literarisch bewertet, das wollten sie nicht sagen, aber es sei schon was Eigenständiges.

Und von einer Buchmesse erwarte ich, dass sie einen solchen Gegenstand problematisiert oder überhaupt thematisiert, ohne dass man dann sagt, weil uns der Autor nicht gefällt, wollen wir das nicht. Bei Literatur wie bei jedem Kunstwerk gibt es eine Differenz zwischen Kunstwerk und Künstler, und wer die nicht kann, wer das Kunstwerk allein nach dem Künstler beurteilt, der sollte aufhören, sich intellektuell zu schimpfen.

Ich muss es ein wenig einschränken. Sie sind doch nicht der erste Politiker mit Roman, sondern vielleicht der erste prominente Politiker. Denn Sie haben gerade Julian Adrat vergessen, der mutmaßlich demnächst ins Berliner Abgeordnetenhaus einzieht und mit „Familie B.“ zuletzt einen Roman veröffentlicht hat.

(Lacht)

Sie sprachen eben von einem „Glaubensbekenntnis Remigration“. Aber Ihr Buch wurde ja von Antaios auch deshalb abgelehnt – bzw. von Götz Kubitschek –, weil er dort offenbar das katholische Glaubensbekenntnis mit Blick auf die strenge Sexualmoral nicht wiedergefunden hat. Es soll gar zu sexuell sein, habe ich gehört.

Das katholische Glaubensbekenntnis ist, wenn man das Buch liest, sehr wohl enthalten. Aber zum Katholizismus gehört eben auch die Sinnesfreude. Und offensichtlich pflegt man in Schnellroda einen eher puritanischen Katholizismus, der meinem römischen Katholizismus, was das Sinnliche angeht, eindeutig unterlegen ist. Religion muss auch erotisch sein!

Wir haben das Wichtigste zu weit noch nach hinten geschoben. Um was geht es denn überhaupt in Ihrem Roman?

Es ist letztlich ein Entwicklungsroman. Es geht darum, dass ich die Hauptfigur … Maik mit a, i – am Anfang des Buches, wenn Sie so wollen, auf Null setze. Maik hat sich selbst aus seiner Herkunft als ostdeutsches Funktionärskind heraus selbst emanzipiert, indem er sich massiv verwestlicht hat.

Und das Produkt seiner Selbstverwirklichung – eine schöne Stelle in einer amerikanischen Großkanzlei – endete, weil er einer Umstrukturierung zum Opfer fiel. Das heißt also, wir haben einen Protagonisten, der am Anfang des Buches an sich gescheitert ist, obwohl er schlau ist, alles richtig gemacht hat, immer funktioniert hat.

Und auf dieses leere Blatt wird nun durch Erfahrungen der Orte, des Geistes, aber auch der Sinne etwas aufgebaut im Schillerschen Sinne: Der innere Mensch formt den äußeren Menschen. Und diese Entwicklungsgeschichte ist der Plot des Buches.

Haben Sie mit KI gearbeitet?

Null. Das Buch ist geschrieben zwischen 2015 und 2021. Da gab es die KI noch nicht. Und im Übrigen, wenn es da Probleme gäbe, würde ich auch einen Schwur schwören, dass da jedes Wort aus meiner Hand in die Tastatur geflossen ist.

Sie sind vom Wähler ins politische Amt gewählt worden. Der Wähler möchte hundert Prozent Krah. Aber er bekam einen Politiker und Autor.

Wie ich sagte: Das Buch ist geschrieben zwischen 2015 und 2021. Gewählt wurde ich 2019. Damit reden wir nur noch von einem Drittel des Buches, das rein rechnerisch in der Mandatszeit geflossen ist. Im Übrigen glaube ich, dass Abgeordnete, wenn es um die Frage geht, wie sie ihre Überzeugungen, und zwar auch ihre grundlegenden philosophischen und kulturellen Überzeugungen kommunizieren, alle Kommunikationsmittel nutzen sollten.

Es gibt nicht nur das Rednerpult im Plenarsaal, sondern jeder Abgeordnete macht Social Media. Jeder Abgeordnete macht seine 30-Sekunden-Clips. Die mache ich auch. Damit bin ich groß geworden. Aber es gibt eben nicht nur einen 30-Sekunden-Clip, es gibt auch einen 600-Seiten-Roman. Und insofern gehe ich selbstbewusst davon aus, meine Wähler möchten einen Abgeordneten haben, der sowohl die 30-Sekunden-Clips wie die 600-Seiten-Bücher kann. Weil es zeigt, dass er eben die ganze Klaviatur bespielt. Und das ist sicher nichts, was schädlich ist für einen Politiker.

Die leichtere Antwort wäre gewesen: Ich habe ja auch noch Freizeit.

Ich habe keine Freizeit. Es ist ein großes Problem, dass Sie als Politiker immer Politiker sind. Zumal, wenn man so sichtbar ist wie ich, gibt es die Unterscheidung nicht. Wenn ich in meiner Freizeit im Urlaub in irgendein Hotel gehe, werde ich erkannt. Es gibt keine Freizeit. Gewählt ist die Person Maximilian Krah. Und die kann sich nicht aufspalten. Selbst wenn ich in Deutschland irgendwo mit der Regionalbahn fahre. Sogar im Zoo werde ich erkannt. Es gibt die Aufspaltung nicht. Das ist leider eine Fehlvorstellung.

Wie politisch ist Ihr Buch?

Es ist politisch im Sinne von Andrew Breitbarts „Politics is downstream from culture“. Es geht auf die Grundlagen. „AfD“ kommt darin nicht vor. Und wenn ich es richtig erinnere, auch das Wort „Bundestag“ nicht.

Das Buch ist im Sinne eines Politikbegriffs, der den Politikbetrieb betrifft oder den Parteienstreit, völlig unpolitisch. Wenn es um die Frage geht: Was macht den Menschen zum Menschen, was prägt ihn? Was sind die unterschiedlichen Ansichten? Was macht Europa aus? Wie ist das Zusammenspiel von Geschichte, Kultur und Religion? Dann ist es natürlich hochpolitisch.

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Der Titel Ihres Buches lautet „Die Reise nach Europa“. In Ihrem Fall ist es eine Rückreise nach Europa: Sie sind als gewählter Abgeordneter von Brüssel nach Berlin gegangen.

Ja, aber ich bin nicht die Hauptperson, ich bin Maximilian Krah, und ich kenne Europa. Meine Hauptperson muss es noch erkennen und erfahren. Und deshalb fährt Maik B. auch nicht nach Brüssel, sondern nach Czernowitz, in den magischen Ort der deutschen Literatur.

Wie viel Krah steckt denn wirklich in Ihrem tragischen Helden?

Es stecken sicherlich Beobachtungen und Erfahrungen drin, die ich gemacht habe. Aber wenn Sie mich kennen und Sie vergleichen das mit den Protagonisten, werden Sie feststellen, es ist jemand anders.  Es ist explizit keine Autobiografie, sondern das Produkt auch von Beobachtungen von Menschen in meinem Umfeld, die ich da zu einer Person amalgamisiert habe.

Jetzt kommt mir unser Interview gerade so ein bisschen betulich vor. Können Sie mir noch eine Bombe hinschmeißen, bevor mir die Leser wegschlafen?

(Lacht) Die Bombe ist natürlich das Vorhaben, sich aus einer ziemlich schnelllebigen, oberflächlichen Welt in das Abenteuer zu begeben, in die Tiefe zu bohren, mit allem Guten wie Schlechten. Mit Verlustängsten, mit Versagensängsten. Aber auch mit Spaß. Mit Erfahrungen von gutem Essen, guten Weinen, guten Frauen.

Es ist ein Leben in Fülle, aber das ist in der Tat anstrengend. Ich biete keinen Slapstick. Ich biete in diesem Buch keine 30-Sekunden-Witze. Ich biete keinen gängigen Spruch. Sondern ich biete das Abenteuer zu überlegen, ob es nicht im Leben mehr gibt als acht Stunden Arbeitstag und Konsum. Das ist tatsächlich von der Aufmerksamkeitsspanne her etwas anstrengender, als sich durch TikTok zu zappen. Das ist der Nachteil und Vorteil.

Hier wird in den nächsten Wochen noch eine Rezension folgen. Ich war zunächst mal beeindruckt von einer fast cleanen, sehr sauberen, literarischen, klugen, sehr gewählten, sehr deutschen Sprache. Was ich etwas vermisst habe, war das Amerikanische, das Dreckige, das Schmutzige – die Sprache unserer Zeit. Ist es denn eher ein Klassiker als ein moderner Roman aus Ihrer Sicht?

Also erst mal vielen Dank für die Blumen. Es ist ein Roman, der wie gesagt von 2015 bis 21 geschrieben ist. Und er spielt absichtlich vor Merkels Grenzöffnung. Vom Stil und den handelnden Personen her verkörpert er eine vergangene, schöne Welt von vor 2015, was doch ein Zeitenumbruch war. Müsste ich den Roman heute noch mal schreiben, würde es tatsächlich mehr Brüche, mehr Konflikt und mehr Schmutz geben. „Die Reise nach Europa“ ist insofern sicher auch ein bisschen nostalgisch und es ist sehr viel Wohlgefallen darin. Das ist sicher richtig.

Wie viel Kompetenz als Autor ziehen Sie aus Ihrer juristischen Ausbildung? Gibt es einen Zusammenhang?

Ja, weil man Sachverhalte formulieren kann. Als Jurist sind Sie in der Regel imstande, eine Beschreibung eines Sachverhalts sprachlich korrekt zu liefern. Und das mag etwas sein, das sich im Roman spiegelt. Man hat halt ein paar Jahre geübt, kurz und prägnant zusammenzufassen, was überhaupt passiert. Und so ein Roman hat immer auch einen beschreibenden Teil – so betrachtet hat das juristische Training einen Vorteil. Nicht immer, es kann auch furchtbare Langeweile und eine Reihe von Substantivierungen abgehen. Es ist ein Vorteil und eine Gefahr. Und ich hoffe, dass ich den Vorteil genutzt und die Gefahr vermieden habe.

Hier geht es ja mehr um die Formulierung von Emotionen, die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit sich ins Reine zu kommen, nachzuerleben, wie die eigenen Emotionen funktionieren, um sie dann abbilden zu können für die eigene Figur. Das ist dann doch sehr fern vom Juristen, der Emotionen ausblenden muss.

Der Jurist kann aber eins: Er kann differenzieren zwischen dem äußeren Tatgeschehen und dem, was im Menschen vorgeht. Dadurch wird die Sprache klar: Es ist 18:30 Uhr, ich parke vor einem Haus mit roter Backsteinwand. Das gibt ja die Authentizität. Und dann eben: Ich merke, wie die Panik in mir aufstieg. Das ist dann die innere Ebene. Und der Jurist kann teilen. Wenn Sie nicht geübt sind, vermengen Sie das jetzt. Insofern ist die sprachliche Präzision tatsächlich ein Vorteil des Juristen als Autor.

Himmel, jetzt erinnern Sie mich gerade an meinen Vater, der auch immer dozierend sprach. Wir als Kinder saßen am Esstisch und hatten natürlich auch immer etwas Wichtiges zu erzählen. Wir wollten dem Vater ja auch gefallen, mit tollen Sätzen. Aber wir hatten immer Schwierigkeiten, die Pausen zu finden. Wann war es nur eine dieser lauten Denkpausen des Vaters, die keine Unterbrechung duldete, und wann das eigentliche Ende seines Vortrags?

(Lacht) Ich bin ein großer Fan des Reinredens. Bitte immer reinreden!

Sie sprachen eben von Ihrem Roman, angesiedelt vor Merkels Grenzöffnung. Und Sie sprachen da von einer „schönen Welt“. Jetzt sehe ich schon Ihre Lesungen: Die schöne Welt, geschützt von fünf Mannschaftswagen der Polizei.

Das zeigt auch den Unterschied, wo wir gelandet sind. In gewisser Weise. Ja, super. Das Buch polarisiert sicher auch durch den Autor. Das ist bedauerlich, aber es ist zumindest ein Verkaufsargument.

Danke für das Gespräch!

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