Matthias Matusseks Bekenntnis zu einem ihm unverzichtbaren „Kinderglauben“

"Ich bin katholisch, und das ist auch gut so"

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Matthias Matusseks Bekenntnis zu einem ihm unverzichtbaren „Kinderglauben“
Matthias Matussek, Journalist und Buchautor © Foto: Wikimedia Commons / Christliches Medienmagazin pro

Zuerst erschienen im Mai 2011 bei der Süddeutschen Zeitung

Als Matthias Matussek noch beim Spiegel katholischer Stachel im Fleisch der politischen Korrektheit war, erschien „Das katholische Abenteuer“. Matusseks Glaubensbekenntnis wurde zum Besteller „Sachbuch“.

Ein hysterischer Prediger, dem wir zuhören sollten: In seinem Buch "Das katholische Abenteuer" lässt Matthias Matussek es zischen und krachen für die Sache des Glaubens.

Der Kulturjournalist Matthias Matussek hat seinen 2330 Facebook-Freunden unlängst Ross Thomas' Thriller "Am Rande der Welt" empfohlen. Dessen Protagonist, ebenfalls Buchautor, bekommt auf Seite 52 zu hören: "Na ja, ich hab's gelesen. Jedenfalls das meiste, aber dann, nach ungefähr drei Vierteln, hab' ich's aufgegeben. (...) Weil ich einfach nicht rausfinden konnte, auf welcher Seite Sie stehen." Nun, es scheint fast so, als hätte sich Matussek diese Kritik für sein neues Buch "Das katholische Abenteuer" zu Herzen genommen. Denn gleich mal vorweg: Eines kann der Leser ganz sicher nicht behaupten - nicht zu wissen, auf welcher Seite Matussek steht.

"Das katholische Abenteuer" ist ebenfalls ein Thriller, ein "Aufreger". Das Buch könnte sogar ebenfalls "Am Rande der Welt" heißen, denn dahin sieht Matussek seine Kirche und die Rede über den Glauben abgedrängt. Und das will er ändern. "Dies ist das Buch eines Journalisten über Gott und die Welt. Es ist auch das Buch eines religiösen Journalisten. Ich weiß, das kann peinlich werden. (...) Wie schreibt man übers religiöse Ergriffensein?", fragt sich Matthias Matussek zu Beginn. Er hat sich entschieden: für den harten Ritt, für die "Provokation", so verspricht es der Untertitel.

Es bollert also und rumpelt, es zischt und kracht in diesem Buch Seite für Seite, als wolle Matussek die "Apokatastasis" höchst selbst herbeischreiben - diese Zeit "am Ende aller Tage, wenn Gott die Welt wieder in ihren sündenfreien Urzustand versetzt". So beschließt er seinen großen Eingangsessay über die Sünden. Und der ist nur Auftakt für das große Abenteuer der Selbstbeobachtung und der Weltbeschreibung im Zeichen seines Glaubens.

Da Matussek ein Bekenntnis vorlegt, sollte der Rezensent es auch tun: Ich bin nicht gläubig. Das Buch war für mich immer wieder eine Zumutung, eine Verstörung, aber ich habe damit gekämpft, mit Gewinn, und das ist mehr, als man von manchen anderen Büchern sagen kann.

Moderate Töne gibt es selten, aber dann sind sie umso überraschender: die innige Beschreibung eines Gottesdienstes etwa oder eine Reise durch die heutige Glaubenswüsten mit erstaunlichen Begegnungen im Zug, Gesprächen mit Lyrikern, Meditationen über Gedichte und mystische Texte. Dazwischen eine gescheite Unterhaltung mit dem Philosophen Rüdiger Safranski. Aber auch: Polemik, unbändige Lust am Streit, besonders wenn es um den Zustand der Kirche geht.

Matussek erklärt: "Ich bin so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vierzig Jahren Marxist war. Warum? Weil mein Verein angegriffen wird." Ein Verein mit festen Statuten. Solche, die der Autor in höchster Gefahr sieht, wenn der Verein zu sehr mit dem Zeitgeist geht.

Matussek legt seine eigenen Fundamente offen: "Ich bin katholisch, und das ist auch gut so. Ich habe mir die Sache nicht ausgesucht. Sie ist mir in mein Gemüt gelegt, von Kindheit an, so sehr, dass sie mir vorkommt wie angeboren." Aber gibt es das überhaupt? Eine genetische Prädisposition für Gott? Erbgut oder Erbsünde?

Katholische Priester und Nonnen sind für Matussek "Menschen wie weiße Elefanten. Sie sprechen von Gott. Sie sind skandalöserweise nicht von Eigennutz getrieben, sondern von der Liebe zu den Menschen und von der Mission, die frohe Botschaft weiterzugeben. Und sie werden im öffentlichen Gerede behandelt wie Idioten oder Verbrecher. Zumindest bei uns". Gefallsüchtig ist dieses Buch nicht, ganz und gar nicht. Wer allen einfach nur gefallen will, schreibt anders.

Wenn der bekennende Katholik Matussek richtig in Rage gerät, dann kriegen die Atheisten, die die Religion für das Grundübel der Welt halten, postwendend das 20. Jahrhundert mit seinen Mörder-Ideologien ohne Gott um die Ohren gehauen. Dann "muss das Team der Atheisten mit düsteren Bündnispartnern rechnen ..., der atheistischen Spitzenkraft Adolf Hitler". Das ist natürlich unversöhnlich. Das ist der Gegenangriff, das ist die Dialektik des katholischen Ex-Kommunarden Matussek.

Anders als der Großinquisitor der Kirchenkritik, Karlheinz Deschner, Autor der auf zehn Bände angelegten "Kriminalgeschichte des Christentums", will Matthias Matussek nicht von der Sünden-, sondern "ausnahmsweise" nur von der Gnadengeschichte der Kirche reden. Aber das heißt nicht, dass er nicht kämpferisch und abgrenzend von ihr reden würde. Jedenfalls verweigert Matussek konsequent die Umarmungsaufforderung des Bundespräsidenten, was den Islam angeht. Er warnt sogar davor, wenn er über junge fundamentalistische Moslems in Deutschland sagt: "Die Jungs ... ziehen sich den Islam über wie eine Bomberjacke. Und sie setzen die Worte des Propheten ein wie einen Baseballknüppel. Hier ist dann jener Gewaltkern spürbar, der Goethe schließlich davon Abstand nehmen ließ, eine große Theaterhuldigung auf Mohammed zu dichten."

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"Ich schaue katholisch auf die Welt"

Nein, der Islam gehört nicht zu Deutschland, nicht historisch, darin gibt Matussek dem Innenminister recht - wie ungefähr drei Viertel aller Deutschen. Warum das so ist? Matussek: "Es scheint so etwas zu geben wie eine ideengeschichtliche und religiöse DNS, die verteidigt wird, wie sehr auch immer sie gelitten hat in einer globalisierten Welt. Religion scheint ein wichtiges Identitätsmerkmal zu sein, das sich nicht einfach wegschminken lässt."

Matussek glaubt offenbar wirklich. Das ist sicher die eindringlichste Erkenntnis, die man aus dem Buch "Das katholische Abenteuer" gewinnt. Der Autor spricht aus einer Trutzburg: "Ich denke katholisch, ich fühle und lache und wüte katholisch, ich sündige, ich beichte, ich schaue katholisch auf die Welt." Schon um das Jahr 400 schrieb Augustinus sein autobiographisches Bekenntnis. Folgerichtig gibt es auch bei Matthias Matussek ein Dutzend Bezüge zum Bischof von Hippo Regius. Matusseks moderne, schon im Format bescheidenere, massentaugliche Instantfassung ist ebenfalls ein Hinaustreten aus dem Inneren ins Öffentliche.

Matussek hat sein Bekenntnis in fünf Kapitel unterteilt: "Ausgangslagen", "Glaubensschlachten", "Meine Kirche", "Gott und die Welt" und "Endspiele". "Ausgangslagen" beginnt mit einem Plädoyer zur Vermeidung der sieben Todsünden. Dann nimmt der Autor sich der aktuellen Debatten um die ewig gleichen Reizthemen an: Zölibat, Papst, Priester. "Gleich drei Verstörungen, nämlich kein Sex, keine Demokratie, keine Gleichberechtigung." Und er bezieht eindeutig Stellung: für den Zölibat, für die Hierarchie, für die Tradition.

Aber, und das darf man nicht unterschlagen, will man dem Werk gerecht werden: "Das katholische Abenteuer" ist längst nicht nur eine Aufregung, es ist sogar in weiten Teilen eine große Schwärmerei. So ist der Vatikan für Matussek eine "grandiose, feudale Zuspitzung auf den obersten Kirchenfürsten" und gipfelt in solchen, auf glaubensferne Menschen zunächst sicher verstörend wirkenden Beschreibungen: "Wer einmal mit Zigtausenden ... hinaufgeschaut hat zur Balustrade des päpstlichen Palastes und den Mann in Weiß den ,Urbi et Orbi'-Segen spenden sah ... den Ostergruß ... diese polyphone Glaubenssinfonie aus Stimmen und Gebeten, der weiß, dass die katholische Kirche tatsächlich Weltkirche ist ..." Das ist laut. Das schreit förmlich. Zumindest wohl in den Ohren von eingefleischten Atheisten.

MATTHIAS MATUSSEK: Das katholische Abenteuer. Eine Provokation. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 368 Seiten, 19,99 Euro.

Ja doch, Matussek ist hysterisch. Aber in beide Richtungen: in der Abwehr wie in der Begeisterung. Immer mitreißend. Im Verlauf des Buches erzählt er von der Begegnung mit den vielen gläubigen Christen unterschiedlichster regionaler Einfärbungen. Da meint man vieles wiederzuerkennen aus seiner jahrzehntelangen journalistischen Arbeit, diese anschaulichen Vor-Ort-Reportagen, die seinen Ruf als exzellenter Beobachter begründet haben: in Baptistengottesdiensten in Harlem, in einer Synagoge, in einer gigantischen Marienprozession am Amazonas. Mit dem Pfund seiner anschaulichen Reportersprache wuchert Matussek auch hier seiten- und kapitelweise. Dazu gehören auch seine romantisierten Kindheitserinnerungen zwischen Krippenspiel und Petersplatz.

Auch im atheistischen Zuhause des Rezensenten gab es Kinderbibeln. Zum Beispiel Gustav Schwabs "Sagen des Klassischen Altertums". Unser Vater pilgerte mit uns nicht auf den Petersplatz, wir durchstreiften Sommer für Sommer Kleinasien und Griechenland und landeten schließlich in Epidauros. Dieses herrliche antike Theater mit dem weiten Blick über die uralten Olivenhaine hinweg auf die Berglandschaft der Argolis im Sonnenuntergang; fünf Stunden lang unter freiem Himmel mit Zehntausenden Gleichgesinnten aus aller Welt "Die Troerinnen" auf Altgriechisch. Ich war acht Jahre alt. Und die Wiege des Guten lag für mich nicht in Bethlehem, sondern in diesem Moment ganz im Herzen Europas. Da geht es mir nicht anders als Matthias Matussek: "Dieser Kinderglaube hat ein Reservoir angelegt wie einen unterirdischen See. Der mochte im Laufe des Lebens teilweise verschüttet werden, doch er war stets da."

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