"Von der AfD erwarte ich deutlich mehr Weidel als Krah"

Maximilian Krah: „Politik von rechts – Ein Manifest“

von Corinne Henker (Kommentare: 26)

Krah will familiäre Strukturen stärken und so die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen vermindern© Quelle: Verlag Antaios/ Maximilian Krah

Nach allem, was ich über den AfD-Spitzenkandidaten für die EU-Wahl gelesen habe, bin ich definitiv kein Fan. Aber ich ließ mich überzeugen, nicht auf das Urteil anderer zu setzen, sondern mich an der Quelle zu informieren. Und das tat ich.

Krahs politisches Manifest ergibt größtenteils Sinn und enthält einige interessante Ansätze. Jedoch erregte bereits das erste Kapitel (Rechts. Annäherung an einen schweren Begriff, S. 11-34) meinen Widerspruch: Krah verwendet mit Begeisterung den Begriff „linksliberal“. Dabei sollte doch inzwischen jeder begriffen haben, dass „links“ und „liberal“ Antagonismen sind.

„Links“ ist immer kollektivistisch und Kollektivismus kann niemals liberal/freiheitlich sein. Das Kollektiv bestimmt und verteilt, das Individuum hat sich zu fügen und anzupassen. Wobei in der Realität natürlich nie das gesamte Kollektiv bestimmt, sondern immer irgendwelche „Eliten“, die sich selbst für die alternativlose Vertretung des Kollektivs halten - gut beschrieben in Orwells „Farm der Tiere“ und täglich zu beobachten in der Ampel-Regierung.

Wenn die Linken scheinbare Freiheiten gewähren, z.B. in Bezug auf Sexualität oder Drogenkonsum, dann nur, um davon abzulenken, dass man tatsächlich ein Sklave ist, der nicht selbst über die wirklich wichtigen Dinge entscheiden darf: Eigentum, individuelle Lebensführung und die Früchte der eigenen Arbeit.

Da der Begriff „liberal“ nicht nur durch Krah kontaminiert ist, bevorzuge ich inzwischen „libertär“. Zwar unterscheidet auch Krah zwischen „(links)liberal“ und „libertär“, aber seine Beschreibungen sind aus meiner Sicht nicht logisch. Für einen echten Liberalen bzw. Libertären gehört zur Freiheit immer auch Eigenverantwortung. Freies Handeln muss also immer bestehende (biologische, physikalische, ökonomische, soziale) Realitäten berücksichtigen, sonst ist es zum Scheitern verurteilt.

Die derzeit propagierte „freie Entscheidung“ über das Geschlecht ist aus dieser Sicht weder liberal noch libertär, sondern einfach nur realitätsfern. Libertären wird oft Egoismus und Ellbogenmentalität vorgeworfen (indirekt auch von Krah). Tatsächlich verstehen zumindest die vernünftigeren Libertären den Menschen durchaus als soziales Wesen: Es ist für das eigene Wohlbefinden durchaus vorteilhaft, wenn sich auch die Menschen in der Umgebung wohlfühlen.

Kompromissbereitschaft und Interessenausgleich gehören also zum Kern des (echten) Liberalismus, vermutlich mehr als bei den meisten anderen Ideologien. Es sollte jedoch niemand gezwungen werden, (z.B. biologische) Realitäten zu verleugnen und für die Lebensentwürfe anderer zu bezahlen. Mit dieser Prämisse dürfte der größte „linksliberale“ und sonstige Irrsinn nur eine begrenzte Lebensdauer haben. Es ist korrekt, dass die Libertären die Rolle der staatlichen Institutionen auf ein Minimum begrenzen wollen: mehr John Locke als Thomas Hobbes.

Krah beschreibt korrekt die Probleme, die dadurch entstehen können (S. 16-19) und erkennt an, dass es zwischen Libertären und Rechten durchaus gemeinsame Interessen bei der Begrenzung staatlicher Macht gibt. Immerhin gibt es ein gemeinsames Feindbild: den „linksliberalen Wokeismus“ und den von diesem angestrebten „Great Reset“ (S. 165 ff.), der Freiheit, Privateigentum und Demokratie zugunsten einer angeblich allwissenden und wohlmeinenden Weltregierung abschaffen will.

Krah weist darauf hin, dass es nicht ausreicht, diese Ideologie abzulehnen, sondern dass man ein überzeugendes Gegenkonzept anbieten muss. Die meisten seiner Vorschläge hören sich für mich sehr vernünftig an: weniger staatliche Einmischung ins Privatleben, Stärkung der Familie, bessere Bildung (besonders auf naturwissenschaftlich-technischem Gebiet), vernunftorientierte Energie- und Wirtschaftspolitik, wirksamer Grenzschutz, Stärkung der nationalen Identität, pragmatische Außenpolitik.

Auf einige Themen möchte ich jedoch etwas detaillierter eingehen. Im Kapitel „Identität als Volk“ (S. 53 ff.) beschreibt Krah richtig, dass ein Volk mehr ist als „die Gemeinschaft der Staatsbürger“, vielmehr ist es die „durch gemeinsame Kultur und Geschichte und Sprache verbundene große Gemeinschaft von Menschen“. Unsere heutigen Wertvorstellungen sind Ergebnis unserer Traditionen und Geschichte. Sie verbinden uns und grenzen uns gleichzeitig gegen Völker mit anderen Traditionen und Werten ab.

Somit wendet sich Krah logischerweise gegen die unkontrollierte Massenmigration aus Regionen, deren Kultur der unseren fremd ist. Damit dürfte er die Mehrheit der Deutschen hinter sich haben. Doch selbst wenn man eine restriktive Migrationspolitik, die sich an den Bedürfnissen UNSERER Gesellschaft orientiert, zügig umsetzen könnte, bleiben immer noch Millionen Migranten, die bereits seit Jahren oder gar Generationen hier leben, oft mit deutscher Staatsangehörigkeit, aber unsere Werte verachten und es vorziehen, in Parallelgesellschaften zu leben.

Eine Remigration dieser Menschen wird ohne deren Kooperation kaum möglich sein. Krah schlägt hier als Lösung einen radikalen Umbau des Sozialstaates vor: keine Leistung ohne Gegenleistung. „Wer Geld aus öffentlichen Kassen bezieht, das nicht durch vorherige angemessene Einzahlung gerechtfertigt ist, muss zu Arbeitsleistungen herangezogen werden und auch Lebenshilfe akzeptieren“ (S. 60/61). Weitere Ansätze sind Rückführungsabkommen mit den Herkunftsstaaten und konsequente Durchsetzung der öffentlichen Ordnung und Kultur.

Einige von Krah beschriebene Details (gemeinsame Singeabende und genossenschaftliche Wohnprojekte) sind Geschmacksache, aber die Grundtendenz wird in immer mehr europäischen Staaten (z.B. Dänemark, Schweden) bereits recht erfolgreich umgesetzt. Wie jeder vernünftige Mensch lehnt Krah das „Selbstbestimmungsgesetz“ und sonstiges Gender-Gaga ab. Im Gegensatz zu den linken Stereotypen über „Rechte“ sieht er aber Frauen nicht (nur) in ihrer traditionellen Rolle im Haushalt, sondern als gleichberechtigte Partnerinnen, die entsprechend ihrer Qualifikation und Fähigkeiten auch im Beruf oder in der Politik erfolgreich sein können.

Krah will familiäre Strukturen stärken und so die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen vermindern („Identität als Familie“, S. 45 ff.). Er kritisiert dabei besonders das aktuelle Rentensystem, das die Kosten der Kindererziehung privatisiert, aber die Erfolge sozialisiert: Die Kinder derer, die ihre Karriere für die Erziehung vernachlässigten, zahlen die höheren Renten der beruflich erfolgreichen Kinderlosen.

Krah möchte deshalb bei der Rentenberechnung die Kindererziehung stärker berücksichtigen, aber nicht nur die Quantität, sondern vor allem die Qualität. Eltern, deren Kinder beruflich erfolgreich sind und selbst hohe Beiträge in die Rentenkasse einzahlen, würden eine höhere Rente erhalten als Generationen von kinderreichen Transferleistungsempfängern. Meiner Meinung nach ein vernünftiger Ansatz, der allerdings auf praktische Durchführbarkeit geprüft werden müsste: Wie geht man z.B. mit befristeter Arbeitslosigkeit der Kinder um?

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Wirtschaftlich bekennt sich Krah zu Kapitalismus und Privateigentum („Wirtschaft und Eigentum“, S. 132 ff). Er möchte den Vermögensaufbau von Erwerbstätigen und Familien fördern und lehnt deshalb u.a. Erbschaftssteuern ab. Andererseits sieht er die Konzentration von Vermögen in den Händen weniger Superreicher kritisch, da dies zu asymmetrischen und intransparenten Machtverhältnissen führe. So will er z.B. die Finanzierung politischer Organisationen aus dem Ausland beenden, die Macht supranationaler Konzerne begrenzen und kleine und mittelständische Unternehmen stärken.

Auf die Details geht Krah hierbei nicht ein. Kapitel 4 („Zeitenwende. Die Weltordnung im Wandel“, S. 100 ff.) widmet sich im Wesentlichen der Außenpolitik. Im Gegensatz zur „feministischen Außenpolitik“,  wie sie von A. Baerbock propagiert wird, erkennt Krah die Verschiedenheit der nationalen Identitäten, Kulturen und Interessen an. Die Rechte sollte sich nicht anmaßen, ihre Wertvorstellungen der Welt aufzuzwingen, sondern lediglich pragmatisch an einem Interessenausgleich arbeiten - bei dem die eigenen nationalen Interessen natürlich adäquat zu berücksichtigen sind. Den Begriff „Europa“ fasst Krah deutlich weiter als nur die EU („Identität als Europäer“, S. 62 ff.).

Er bekennt sich zur Vielfalt und zu den Gemeinsamkeiten der europäischen Völker, aber auch zu den westlichen Werten des Christentums und der Aufklärung. Gleichzeitig sieht er die Gefahr, dass sich die angelsächsischen Länder, insbesondere die USA im Sinne der „critical whiteness“ zunehmend von diesen Werten abwenden und sie mit „Rassismus“ und „Kolonialismus“ assoziieren - ein Weg, den die politisch Rechten keinesfalls beschreiten möchten, auch wenn dies bedeutet, sich von den USA zu distanzieren und mehr auf Eigenständigkeit zu setzen.

Andererseits setzt Krah aber auch auf Eigenständigkeit gegenüber dem Osten, wobei er Russland und China jedoch nicht - wie viele Politiker der Altparteien - als „Feinde“, sondern mehr als „Gegner“ bzw. Konkurrenten ansieht. Es gilt, einen Ausgleich zu finden, bei dem aber nicht nur deutsche Interessen an günstigen Handelsbedingungen, sondern auch die Sicherheitsinteressen unserer Partner in Osteuropa und im Baltikum zu beachten sind.

Im Kapitel „Rechts und christlich“ (S. 27 ff.) widmet sich Krah der Religion. Er sieht den Zustand der Amtskirchen als desolat - wobei ihm die meisten Leser wohl zustimmen dürften. Er erkennt, dass christliche Politik ohne bzw. gegen die Amtskirchen unmöglich ist, sieht aber auch Glaubensverlust und Atheismus kritisch. Sein Ziel ist ein reformiertes Christentum, was sich in Schnellroda im Wunsch nach „Christianisierung von Ostdeutschland“ äußert.

Als geborene Ostdeutsche und überzeugte Atheistin sehe ich das kritisch. Die frühchristlichen Ideale von Nächstenliebe und Friedfertigkeit hören sich verheißungsvoll an, wurden aber seit dem frühen Christentum nie wirklich umgesetzt. Spätestens seit Konstantin das Christentum 391 zur Staatsreligion ernannte, galten diese Regeln nur für die Untertanen, während die Mächtigen in Staat und Kirche nach Belieben dagegen verstoßen konnten. Und das gilt letztlich für jede Ideologie: Egal, wie ethisch und moralisch sich ihre Grundsätze anhören, sobald sie an Macht gewinnt, wird sie korrumpiert.

Es gelten unterschiedliche Regeln für „Eliten“ und Fußvolk. Sicher sind Spiritualität und Glauben für viele Menschen insbesondere in Krisensituationen extrem wichtig, aber jeglicher Form von staatlich gelenkter Ideologie sollten wir kritisch gegenüberstehen. Das gilt für Christentum und Islam genauso wie für die neue Klimareligion. Wir sollten uns immer daran erinnern, dass die Werte, auf denen unsere heutige Zivilisation beruht (Freiheit, Gleichberechtigung, Demokratie) im Rahmen der Aufklärung GEGEN den Willen der christlichen Kirchen durchgesetzt wurden.

In den letzten Kapiteln beschreibt Krah seine Ideen zur Durchsetzbarkeit rechter Politik. Dazu gehört u.a. das richtige Personal (S. 210 ff.): sympathisch, charismatisch, kompetent, aber vor allem loyal. Auch die Notwendigkeit einer breiten „Peripherie“ (S. 219 ff.) wird betont: eines bestimmten sozialen Milieus, in dem rechte Politik ihre Heimat hat. Dessen Beschreibung (S. 221) hört sich für mich etwas befremdlich an, aber das ist Geschmacksache. Insgesamt finde ich es nachvollziehbar, dass Krah den nach 16 Jahren Merkel und 2 Jahren Ampel politisch heimatlos Gewordenen eine neue Heimat anbieten will.

Aber muss es denn unbedingt ein neues Kollektiv sein? Javier Milei hat in Argentinien deutlich gemacht, dass man auch mit Freiheit und Eigenverantwortung insbesondere junge Menschen motivieren und politisieren kann. Krahs Buch enthält viele interessante Denkansätze und es gibt aus meiner Sicht nichts, was ein „Viertes Reich“ befürchten ließe. Aber enthält es die ganze Wahrheit seiner politischen Überzeugungen? An Anbetracht der von Alexander Wallasch ausführlich geschilderten Gespräche in Schnellroda habe ich da gewisse Zweifel.

Es bleibt das unbestimmte Gefühl, dass man mit einer Krah-AfD direkt von der grünen in die rechte ideologische Blase befördert würde. Und deren Anhänger scheinen sich in ihrem Milieu sehr sicher zu fühlen, wie u.a. die verbalen Ausfälle gegen Anabel Schunke und Ronai Chaker auf X bestätigen. Mein persönliches Fazit: Von einer AfD, die meine Stimme gewinnen will, erwarte ich deutlich mehr Weidel als Krah.

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