Susanne Dagen ist Buchhändlerin, Verlegerin und Kommunalpolitikerin. Sie betreibt seit 1995 das BuchHaus Loschwitz und den Verlag edition buchhaus loschwitz. Seit 2019 sitzt sie für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat, seit 2024 als kulturpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion. Frau Dagen ist Initiatorin der Seitenwechsel-Messe in Halle, die sie als ergänzende Alternative zu Frankfurt und Leipzig versteht. Im Interview:
Sie sind ja das, was man eine Tausendsassa nennt: Verlegerin, Buchhändlerin, jetzt Messe-Macherin und seit längerem auch Politikerin. Wo nehmen Sie die Zeit her?
Es gehört ja alles zusammen. Es gehört alles in den großen kulturellen Komplex: Verlegerin, Buchhändlerin, kulturpolitische Sprecherin, Buchmesse-Initiatorin – am Ende bewege ich mich nur in meinem Sprengel.
Wann bleibt da Zeit zum Bücherlesen? Ich bin nur noch am Schreiben.
Na ja, deswegen schreibe ich nicht. Ich bin Leserin. Ich schöpfe nicht nur aus mir selbst heraus, sondern ganz viel auch von Impulsen von außen. Und darauf reagiere ich. Ich bin viel weniger Visionärin als pragmatische Realistin. Das heißt, ich schaue, was geht und wo die Lücken sind. Und bei der Kultur sind eine ganze Menge Lücken.
Sie haben die erste Seitenwechsel-Messe 2025 in Halle für 6000 Besucher ausgerichtet. Was war der entscheidende Impuls, eine eigene Messe zu gründen, jenseits der Kritik an Frankfurt und Leipzig?
Die Kritik an Frankfurt und Leipzig habe ich immer als eine Art geistige Notwehr bezeichnet. Gestern, als ich mir ein paar Filmchen von der Frankfurter Buchmesse angeschaut habe, ist genau dasselbe wieder über mich gekommen. Wir müssen uns wehren gegen die Instrumentalisierung von Kultur, die jetzt zwar auch politisch, aber vor allen Dingen primitiv und vorwiegend emotionalisiert ist.
Wir gehen immer weiter weg von der Kunst und immer mehr hin zum Event. Und da bleibt die Kunst auf der Strecke. Wenn ich mir anschaue, dass diese ganzen Filmchen vor allen Dingen von sehr jungen Frauen in die Öffentlichkeit getragen werden, die ich vor allem als Fans bezeichne – dann ist das etwas, was der Buchmesse-Direktor Boos sehr gut erkannt hat. Er sagte: „Wir sind auf dem Weg vom Leser zum Fan.“ Nun ist das Fan-Sein eine immer sehr kurzfristige Angelegenheit. Fans kommen und gehen, und sie möchten von ihren Stars, die sie anhimmeln, immer hundertprozentige Bereitschaft, genau das zu tun, was der Fan dann auch honoriert.
Das ist auf der einen Seite die Sichtbarmachung der Kraft des Emotionalen, also des Analogen. Aber es reicht nicht aus, um einen eigenen Kulturbegriff oder einen eigenen Kunstbegriff zu ermöglichen oder ins Leben zu setzen. Insofern ist mir das zu wenig. Mir sind Emotionen zu wenig.
Wir leben in einem Zeitalter der Emotionen, das heißt in einem Zeitalter der Hypererregung. Und in dieser Hypererregung vergessen wir ganz viele Dinge, weil wir dann schon wieder aufs nächste Pferd aufspringen. Eine eigene Buchmesse zu machen bedeutet aber auch, dass man sich rückversichert auf das, was ist und was in unseren Kräften steht. Und die Kraft der Kunst ist schier unermesslich. Wir müssen sie nur weder freimachen und aus ihrer Instrumentalisierung herauslösen.
Schriftstellerei und Journalismus sind getrennt? Wenn Sie jetzt Kunst sagen – ich hätte Schwierigkeiten, meiner journalistischen Arbeit ein Kunstlabel zu geben.
Ich rede nicht über Journalismus, ich rede über Literatur. Und auch da hat in den letzten Jahrzehnten eine Vermischung stattgefunden, die der Literatur nicht gutgetan hat. Wenn Journalisten der Meinung sind, sie müssten Literatur schreiben – schreiben sie immer noch wie Journalisten. Das heißt, sie sind immer noch plotgebunden. Das merkt man sofort.
Kunst und ein beauftragter Text sind zwei vollkommen andere Dinge, vollkommen unterschiedliche Genres. Wir haben den Journalismus und wir haben die Literatur. Und die wieder auseinanderzuhalten – auch das ist etwas, was ich anstrebe.
Sie bezeichnen die großen Buchmessen als politisch verengt. Aber mit Blick auf Ihre Ausstellung könnte man dasselbe Urteil nun in die andere Richtung fällen. Ist „SeitenWechsel“ also eher eine Ergänzung als eine Alternative?
Ich habe immer von der ergänzenden Alternative gesprochen. Ich habe nie von einer rechten Buchmesse gesprochen. Und den Vorwurf muss ich mir insofern auch nicht anziehen, weil wir in diesem Jahr 150 Aussteller haben. Da möchte ich mal sehen, wie man da die Schnittmengen zieht. Und auch das ist etwas, womit man, wenn man weiterwächst, natürlich auch in der eigenen Blase immer weiter aneckt.
Bloß ich kann ja nicht mit zehn rechten Verlagen eine Buchmesse aus der Taufe heben. Dann wird es irgendwann Inzest. Und diese Art von Hegemonie möchte ich nun wirklich nicht. Ich möchte, dass wir uns als diejenigen begreifen, die einen offenen und freien Kulturbegriff leben und nicht schon wieder ihre eigene Verengung in der eigenen politischen Blase vorantreiben.
Nochmal zurück zu Journalismus und Schriftstellerei. Sie sind da aber selbst nicht stringent. Sie bieten auch journalistischen Publikationen Raum auf der Messe.
Wir sagen ja auch nicht „Literaturmesse“, sondern „Buchmesse“.
Was macht den Unterschied?
Eine Buchmesse ist ja nur zum Teil eine Präsentation von Literatur. Es ist ja auch eine Präsentation dessen, was ist und was sich gerade auch im Journalistischen in Publikationen abspielt. Also, eine Buchmesse ist da viel mehr. Sonst würde ich sagen, das ist eine Literaturmesse oder ein Literaturangebot. Das sage ich aber nicht.
Es ist interessant, dass mir, egal von wem ich befragt werde, immer wieder ein verengter Kulturbegriff unterstellt wird, nämlich ein rechter. Und das ist er ganz und gar nicht.
Das habe ich aber jetzt nicht gemacht. Oder doch?
Ich bin da durch und durch libertär. Ich möchte, dass das aufhört, dass Kultur nur noch als rechts oder als links tituliert wird. Kultur ist erstmal eine Vereinbarung, die wir miteinander treffen, wie wir miteinander leben wollen. Im Moment erleben wir verschiedene Kulturformen, die sich in einem Kulturkampf gegenüberstehen. Und ob man nun den Präfix Kultur davorsetzt oder nicht, es bleibt am Ende Kampf. Und dazu bin ich nicht bereit.
Sie lassen auch linke Aussteller zu?
Klar, wir haben auch linke Aussteller. Ahriman etwa ist für mich ein absolut linker Verlag, der aber gemäß der Hufeisentheorie schon wieder fast rechts ist. Wir haben auch den Kulturkreis Pankow in diesem Jahr zu Gast bei uns, der eigene Bücher herausgibt, der sich durchaus als links im Sinne von sozial versteht. Aber Sie merken ja, wie ich jetzt schon ringe mit den Worten. Wir müssen auch aufhören, uns in diesen Zuschreibungen unterzuordnen, die von außen kommen, niemals von uns selbst.
Spannend finde ich, dass es auch Aussteller gibt, die sowohl auf den klassischen Buchmessen waren und jetzt auch bei Ihnen. Das führt mich zu der Frage: Sind Westend und Ulf Poschardt vertreten? Das wäre doch zumindest nach Poschardts Auftritten stringent.
Ich weiß nicht, ob Poschardt und wir dringend was miteinander zu tun haben. Noch nicht mal in dem Wunsch nach Anerkennung, die uns der Zuschauer entgegenbringen soll. Nein, weder Westend noch Poschardt werden zu Gast sein.
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Aber sie haben schon auch Verlage, die auch in Frankfurt waren und bei Ihnen dann noch mal auftauchen.
Ja, auch das gibt es natürlich. Und das obliegt ja auch jedem Einzelnen, wie er letzten Endes als wirtschaftliches Unternehmen in der Lage ist, das zu stemmen. ich war ja früher selber oft zu Gast in der Frankfurter Buchmesse und auch bei der Leipziger Buchmesse mit meinem Verlag. Ich kenne die Kosten. Und am Ende, auch in Zeiten von wirtschaftlichen Rückschlägen, wird man sich entscheiden müssen, wo man seine Kunden findet.
Meine Erfahrung geht so: Es hat ja keinen Sinn, als einer der wenigen konservativen Verlage auf den großen Buchmessen zu sein, wenn sich dafür am Ende niemand auf den Weg macht von der eigenen Kundschaft. Wir haben ja hier einen Graben, der unversöhnlich und unüberwindbar ist. Es gibt ja keine Brücken zwischen dem sogenannten linken und dem sogenannten rechten Kulturbetrieb. Und deswegen ist es nur folgerichtig, dass wir auch, um zu versuchen, den einen oder anderen aufzufangen, eine neue Messe machen.
Jetzt haben Sie sich gerade selbst als „konservativ“ gelabelt.
Ich versuche aber möglichst zu vermeiden, mich in diesem Rechts-Links-Schema zu verorten. Ich bin eine Konservative. Ich war schon immer eine Konservative und am ehesten wahrscheinlich eine liberal-konservative, was der eine oder andere ablehnen würde, aufgrund auch meiner politischen Aktivität. Aber liberal ist für mich erst mal libertär und das ist für mich der Freiheit verpflichtet.
Was wäre Ihre Wunschschlagzeile anschließend nach der Veranstaltung?
Ich lebe ja nicht von Schlagzeilen.
Was wäre für Sie so das, was Sie für sich selbst erhoffen? Was man danach lesen kann über Ihre Messe?
Ganz ehrlich, mir wäre die allerliebste Schlagzeile, dass es friedlich geblieben ist. Wir haben im letzten Jahr ein unglaubliches Sicherheitsthema gehabt. Und ich hoffe nicht, dass das in diesem Jahr wieder so sein wird. Aber warum sollte sich der politische Gegner zurückziehen, der sich über die Gegnerschaft definiert?
Insofern: Ich möchte nicht sagen, wie viel ich letztes Jahr für das Sicherheitskonzept ausgegeben habe. Aber es war richtig, richtig viel Geld. Aber was ich Ihnen jetzt schon sagen kann, ist, dass wir ungefähr 5000 Quadratmeter bespielen. Das heißt, wir nehmen die zweite Halle zum Teil dazu. Das ist schon mal ein großer Erfolg. Ja, wir werden von 100 Ausstellern auf 150 wachsen. Wir werden nicht 70 Veranstaltungen so wie im letzten Jahr haben, sondern wir werden knapp 100 Veranstaltungen haben, was natürlich der absolute Wahnsinn ist.
Aber ich möchte auch jedem einzelnen Aussteller anbieten, dass er sich in Form einer Veranstaltung präsentieren kann, weil das noch mal viel mehr ist, als nur hinter seinem Stand zu stehen. Und wir werden – davon gehe ich ganz fest aus – 10.000 Besucher haben. Das sind die Dinge, die gezählt werden.
Aber auch das ist für mich nicht vom primären Interesse. Ich möchte, dass die Leute dort eine gute und friedliche Zeit miteinander haben, so wie im letzten Jahr.
Sie geben auch Verlagen eine Bühne, die als VS-Beobachtungsfall oder als gesichert rechtsextrem eingestuft werden. Warum?
Das ist für mich vollkommen uninteressant. Ja, ich habe ja vorhin von den Zuschreibungen von außen gesprochen. Wer ist der Verfassungsschutz? Wer bestimmt? Das spielt für mich überhaupt keine Rolle.
Da sind Sie schon auf Augenhöhe mit Ulf Poschardt, der exakt dasselbe gesagt hat, als er einen Autor auf der Frankfurter Buchmesse lobte und ihm dann gesagt wurde, es wäre ein gesichert rechtsextremer Verlag. Da ging es um Jungeuropa und er hat sinngemäß gesagt: Es ist mir scheißegal.
Ich verfolge Poschardt nicht. Aber da hat er was Kluges gesagt. Ich komme nun aber aus der ehemaligen DDR. Ich habe die Wende 1990 und die „Wendehälse“ erlebt. Diese Poschardts sind Leute, die ein sehr genaues Feeling dafür haben, wann sie umswitchen. Manche waren zu früh, wie etwa Matthias Matussek. Manche kommen zu spät und manche erwischen genau den Punkt. Und ich glaube, da will Poschardt jetzt rein.
Wenn er das vor zehn oder noch vor fünf Jahren gesagt hätte, dann wäre das interessant gewesen. So ist es das für mich ganz und gar nicht.
Leute wie Sie und ich musste ein Jahrzehnt lang massive Angriffe erleiden bis heute.
Poschardt hat doch nichts zu verlieren. Er geht kein Risiko ein. Was haben wir denn gemacht? Wir sind mit vollem Risiko in die Sache reingegangen, weil wir der Meinung gewesen sind – und ich kann das für mich sagen bis zum heutigen Tag –, dass es das Richtige gewesen ist, was wir tun. Wir haben alles ins Feld geführt, und wir sind mit offenem Visier in die Geschichte reinmarschiert.
Ich kann solche Typen nicht leiden. Die haben immer falsch gelegen. Als ich 2024 als Freie Wählerin in die Dresdner Stadtratsfraktion der AfD eingetreten bin, habe ich gesagt: Es gibt für mich drei Themen, wo ich keine Kompromisse eingehe. Das ist Coronapolitik, das ist Migrationspolitik und das ist die Russland-Ukraine-Politik. Und bei all diesen dreien hat Poschardt kläglich versagt. Aber er ist da auch nicht die Ausnahme.
Worauf freuen Sie sich persönlich auf dieser Messe? Gibt es irgendjemanden, wo Sie sagen: Mensch, das müsst ihr euch anschauen. Gibt es irgend jemand, wo Sie ganz besonders stolz sind, dass Sie den vor Ort haben?
Ich freue mich, dass Monika Maron kommt. Dass sie bei uns liest. Sie war im letzten Jahr als Gast da und sie hat gesagt: Das war so großartig. Nächstes Jahr will ich bei dir auf der Messe lesen. Das macht sie jetzt. Und das finde ich ganz große Klasse. Diese wunderbare Frau ist 85 Jahre alt. Sie hat einen immensen Erfahrungsschatz. Sie hat eine Biografie, sie hat wirklich alles schon erlebt. Und sie hat das Wahre dahinter, das Ehrliche erkannt, was ich versuche, mit der Buchmesse trotz der Angriffe, im Übrigen von allen Seiten, zu etablieren.
Monika Maron hat mir gestern geschrieben: „Frankfurt war schrecklich, freue mich auf Halle.“ Das ist für mich die allergrößte Anerkennung. Und das macht mich sehr glücklich.
Danke für das Gespräch!
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