Tschiller außer Dienst: Perfektionist Schweiger stellt seinen Kino-"Tatort" vor

Die erste Leiche lässt auf sich warten

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Tschiller außer Dienst: Perfektionist Schweiger stellt seinen Kino-"Tatort" vor
Til Schweiger bei einer Vorab-Vorführung seines Kino-Tatorts "Off Duty" © Foto: Timo Rödiger

Zuerst erschienen im Februar 2016 bei Focus

Der Autor im Gespräch mit Til Schweiger in einem 30-Plätze-Privatkino bei der Kinobetreiber-Vorführung des Schweiger-Tatorts „Tschiller: Off Duty“.

Til Schweiger ist ein Film-Besessener. Auch bei seinem neuen Kino-"Tatort" wollte er am liebsten jedes Detail selbst machen, verrät ein Techniker. Dementsprechen müde wirkte Schweiger bei einer ersten Vorführung im kleinen Kreis. Doch bei Kommissar Tschiller gibt es von Müdigkeit keine Spur.

Til Schweiger sieht müde aus. Er kommt im dunkelblauen weichen Pulli mit weitem Ausschnitt, in Jeans und Turnschuhen. Sein Kino-"Tatort" „Tschiller: Off Duty“ hat am 4. Februar Premiere. Ein Wagnis? Jedenfalls der erste Kino-"Tatort" nach Schimanskis „Zahn um Zahn“ und „Zabou“. Kommissar Schimanski ermittelte auf eigene Faust von Duisburg bis Marseille. Til Schweiger alias Tschiller wird jetzt, 30 Jahre später, von Hamburg aus nach Istanbul und sogar bis Moskau durchstarten. Das geht. Denn Schimanski war suspendiert und Tschiller ist außer Dienst: off duty.

Man ahnt, wie viel Arbeit, wie viel Termine hinter Schweiger liegen müssen. Jetzt, zwei Wochen vor Start ist „Tschiller: Off Duty“ zum ersten Mal für Nichtbeteiligte auf der Leinwand zu sehen. In einem 30-Plätze-Privatkino: vorgeführt für die großen Kinobetreiber Deutschlands. Ohne ihr OK kommt nichts ins Programm.

Perfektionist Schweiger

Zu sehen bekommen sie eine spektakuläre Jagd nach Tschillers entführter Tochter. Perfektionist Schweiger betont, der Sound und die Qualität würden noch besser bis zu Premiere.

Schweiger ist einhundert Prozent Filmemacher. Ein Besessener. So zumindest erklärt es ein Techniker, der bei Warner in Hamburg aus der Vorführkabine heraus erzählt, dass Schweiger am liebsten alles selber machen würde. Jedes Detail sei ihm wichtig, nichts würde er dem Zufall überlassen. Er beherrscht die Techniken. Er experimentiert. Ein echter Pedant sei das. Ein Kino-Verrückter.

Er dreht mit denen, die er am liebsten hat

Til Schweiger ist erfolgreichster deutscher Schauspieler, Produzent und Drehbuchschreiber – ja, man könnte ihn sogar Autorenfilmer nennen, wenn der Begriff nicht so gänzlich Anti-Schweiger besetzt wäre: Schlöndorff, Kluge, Fassbinder, Herzog, Wenders ... allerdings dürften Schweigers Filme mittlerweile mehr Zuschauer haben, als die Filme der fünf zusammengenommen.

Wo einer wie Fatih Akin immer so gerne dazugehören wollte, er hatte sogar Fassbinders Hanna Schygulla für „Auf der anderen Seite“ reanimiert, macht Schweiger einfach sein Ding und dreht mit denen, die er am liebsten hat, denen er vertraut: Mit seine Kindern. Und mit dem Hamburger Jung Fahri Yardim. Den zählt Schweiger neben Heiner Lauterbach zu seinen besten Freunden. Fahri ist Niklas Tschillers Tatort-Kollege Yalcin Gümer, der für den Witz sorgt, wie es lapidar irgendwo in der Filmvorschau heißt. Und wenn der „Ey Digger, halt die Backen“ sagt, dann erzeugt das genau jene Hanse-Authentizität, die der Zuschauer von einem Hamburg-Tatort erwartet.

Für das Kino hat sich Schweiger, wie schon für seine Fernseh-Tatorte, in Sachen Drehbuch und Regie Unterstützung geholt: Christoph Darnstädt, ein erfahrener Tatort-Schreiber und Christian Alvart.

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Die erste Leiche lässt auf sich warten

Vor letzteren hatte sich Schweiger schützend geworfen, als ein paar harsche Kritiken an seinen Fernseh-"Tatorten" veröffentlicht wurden. Seine Facebook-Hymne auf Alvart machte das Ausrufezeichen wieder in Deutschland populär: 35 in einem kurzen Post. Schweiger tut also auch was für die deutsche Rechtschreibreform, auch wenn’s eine mediale Erregung gab, weil die schützende Hand Schweigers gleich ein paar Tatorter mit weggewischt hatte. Eben Kollateralschäden.

Auch Tschiller ist darin Experte. Aber überraschenderweise lässt die erste Leiche auf sich warten, seine Leichen fleddernden Kritiker haben also die Stoppuhren umsonst auf null gestellt.

Eigentlich ist der Gießener ja Kummer gewöhnt. Sein ambivalentes Verhältnis zur Presse schaffte es unter „Kontroversen“ ins Wikipedia: „Seit seinem Film Keinohrhasen (2007) gibt es zu Schweigers neuen Filmen vorab keine regulären Pressevorführungen mehr. Schweiger zeigt seine Regiearbeiten stattdessen einer handverlesenen Gruppe von Journalisten.“

Zu viel Gewalt?

Hans-Joachim Flebbe, der Vater der Cinemaxx-Kinos, ist zum Vergnügen hier – denn er hat sich ja längst entschieden: „Das wird ein großer Erfolg!“, ahnt er nicht nur, er meint es sogar zu wissen. Zu viel Gewalt? Das wischt er weg: „Dieses minutenlange Erwürgen eines Mädchens im letzten Tatort, das fand ich furchtbar. Die Knallerei bei Tschiller hingegen, das ist Fiktion, das ist Kino.“

Und dann geht es schon los: Hämmernd vorwärts treibende Beats, wie bei „Staatsfeind Nr.1“ oder der Bourne-Trilogie. Textnachrichten aus dem Handy fliegen hin und her über die Leinwand. Flughafen. Startende Flugzeuge. Eine gut aussehende stark geschminkte Blondine ...

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