Wenn ich mich richtig erinnere, stand die Journalistin und Autorin Birgit Kelle während der Corona-Jahre fest im Lager der Kritiker. Mit Blick auf den Ulmen-Fernandes-Skandal bleibt sie kühl und analytisch. Nichts ist da zu lesen von einer großen Deep-State-Inszenierung von Anfang an, um die Klarnamenpflicht durchzusetzen. Kelle schreibt heute ganz in der Früh:
„Klar ist aber, dass der Fall Fernandez/Ulmen zielgerichtet missbraucht wird, um eine Klarnamenpflicht im Internet zu forcieren, obwohl es schlicht keine Regelungslücke gibt, denn es gibt zahlreiche Gesetze, die hier greifen.“
Fraglos hilft auch Fernandes dabei – sie hat Unterstützer versammelt und zur gestrigen Demonstration am Brandenburger Tor mit aufgerufen. Zudem hat die Schauspielerin als Teil des linken Kulturbetriebes automatisch Kontakte zu staatsfinanzierten NGOs, die sich für die Alimentierung bedanken, indem sie die Klarnamenpflicht und Internetkontrolle zu ihrer Sache gemacht haben. Das war schon bei Corona so, als linke NGOs und Antifa Seite an Seite jede kritische Demonstration mit „Wir impfen Euch alle“ und „Nazi, Nazi“ begleiteten. „Nazi, Nazi“ erklang auch gestern wieder in Berlin gegen Journalisten, die mutmaßlich nicht dem genannten linken Kulturbetrieb zugehörten.
Von Christian Ulmen ist weiterhin nichts zu hören, man weiß lediglich, dass er eine renommierte Anwaltskanzlei beauftragt hat. Darf man die Frage noch stellen oder ist die Vorverurteilung bereits zur Salzsäule erstarrt? Ist Ulmen der digitale Vergewaltiger, für dessen Taten es noch gar keine umfassende Strafbarkeit gibt? Oder ist der Schauspieler am Ende tragischer Held und Opfer eines brutalen Rosenkrieges geworden?
Selbst Fernandes hat wohl eingestanden, dass zwischen einem angeblichen Geständnis Ulmens und dem Gang an die Öffentlichkeit ein Jahr vergangen sei, indem der Familienalltag irgendwie weitergelaufen sei samt Werbeauftritt. Aus Sorge um die Tochter? Nun gibt es Ehen, die über Jahrzehnte einseitig unterdrücken und quälen, ohne dass sich der Gequälte daraus befreien kann.
Aber nach wie vor gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung und ein Recht auf Verteidigung. Was aber, wenn die Anzeige gar nicht in Deutschland gestellt wurde, wie es hier der Fall war? Fernandes soll in Spanien Strafanzeige gestellt haben.
Mal losgelöst von der Instrumentalisierung durch linke NGOs, die den Internetkontroll-Plänen der Regierung willfährig zuarbeiten, präsentiert sich hier auch ein modernes Shakespeare-Drama. Oder zeitgenössischer verortet: Die zur Groteske verzerrte Version einer Geschichte, mit der es der Schriftsteller Alexandre Jardin in den 1980er Jahren mit „Das Zebra“ (Original: Le Zèbre) zu Weltruhm und zur Verfilmung gebracht hatte. Luftig und locker ist das zunächst eine romantische Komödie mit starken Elementen der humorvollen Eheromanze und leicht satirischem Unterton.
Aber auch in „Le Zèbre“ lauert schon jenes Element, das heute von Collien Fernandes und der NGO „HateAid“ im Hintergrund als „digitale Vergewaltigung“ einer staunenden, scheinbar begriffsstutzigen Gesellschaft als Grenzüberschreitung übereignet wurde: Der tragische Held im Roman heißt Gaspard, seine Frau ist Camille. Und als Gaspard zu spüren meint, dass die Liebe zu ihm immer flüchtiger wird, fingiert er einen Liebhaber für seine Frau.
Das ist sogar der zentrale Einfall der Handlung. Um die Leidenschaft in der langen Ehe neu zu entfachen, erfindet Gaspard einen mysteriösen Verehrer. Dieser „Liebhaber“ schreibt ihr glühende Liebesbriefe – wir befinden uns in der Vor-Internet-Zeit. Die Briefe wecken bei Camille Neugier, dann Erregung und schließlich Leidenschaft – sie glaubt zeitweise sogar, es handle sich um einen jungen Schüler von ihr. Es eskaliert in einem geheimen Treffen in einem Hotel: Camille wird dort mit verbundenen Augen von ihrem eigenen Mann verführt, den sie für ihren unbekannten Liebhaber hält.
Das ist alles so 1980er und ganz jenseits dessen, was man 2026 für ein aufgeklärtes Verhältnis zwischen Mann und Frau hält – bei Alexandre Jardin ist die Frau noch das unbekannte emotionale Traumwesen, in das Mann alles hineininterpretiert und die für ein paar dahingesäuselte Worte bereit ist, eine Affäre einzugehen, wehrlos ihren Gefühlen gegenüber.
Wäre, was Gaspard damals gemacht hat, heute justiziabel? Nein. Hier liegt kein Verstoß gegen den erkennbaren Willen (§ 177 Abs. 1 StGB) vor. Sexuelle Täuschung ist in Deutschland (und Frankreich) nicht strafbar. Zudem ist Camille voll handlungsfähig, nicht eingeschränkt. Das allerdings kann – so ihre Anschuldigungen stimmen – Collien Fernandes nicht von sich sagen. Sie ist involviert, ohne überhaupt davon zu wissen. Sie nennt es „digitale Vergewaltigung“.
Junge Frauen und Männer lernen sich heute vielfach über spezielle Beziehungsanbahnungsportale kennen. Vielfrequentierte Portale beschränken sich auf Sex, Emotionen bleiben praktischerweise vor der Tür, eine bekannte TV-Produktwerbung spielt damit, dass Frau nach dem Akt und der Verabschiedung nicht einmal mehr den Namen des Interimsgastes im Kopf behalten kann – aus den Augen, aus dem Sinn.
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Tatsächlich gibt es hierfür sogar eine breite gesellschaftliche Akzeptanz. Nur überwiegend noch in bestimmten religiös gefärbten Gemeinschaften gibt es eine innere Disziplinierung ihrer Mitglieder. In Fatih Akins preisausgezeichnetem Film „Gegen die Wand“ (2004) entflieht seine weibliche Hauptfigur Sibel der Enge so einer Gemeinschaft und erklärt: „Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken“, natürlich endet es böse.
Christian Ulmen, dessen jüngere Karriere maßgeblich auf einem Durcheinander seiner Rollen zwischen Realität und Fiktion beruht – Produktionen, in denen auch seine Frau Rollen spielt –, ist, so sich die Anschuldigungen als wahr erweisen sollten, die ultimative Dirty-Version von Jardins Gaspard: Gaspard inszeniert einen anonymen Verehrer, um Camille heiß zu machen. Ulmen soll Fake-Profile seiner Frau erstellt haben, um in ihrem Namen Online-Affären mit echten Männern zu führen.
Und um beim Kino zu bleiben, an der Stelle erinnert Christian Ulmen an Travis Bickle, die tragische Figur in Scorseses Meisterwerk „Taxi Driver“. Und hier insbesondere an eine Schlüsselszene, als Travis, gespielt vom jungen Robert de Niro, schmerzhaft erfahren muss, dass ein Porno-Kino kein romantischer Ort ist. Dorthin hatte er ein Rendezvous mit seiner Angebeteten Betsy (gespielt von Cybill Shepherd) verlegt, die sich anschließend von Travis abwendet, das Drama nimmt seinen Lauf.
Wenn man so will: Gaspard scheitert poetisch. Travis scheitert tragisch. Und Ulmen scheitert banal und öffentlich. Das „Ulmen-Fernandes“-Ding wirkt deshalb so zeitgenössisch, weil es keine romantische Fallhöhe mehr gibt. Bei Jardin gibt es noch die Hoffnung, dass Fantasie retten könnte. Bei Scorsese gibt es zumindest noch tragische Größe. Hier bleibt eher: Peinlichkeit, Entblößung, vielleicht sogar eine gewisse Kälte.
Ohne gleich zum Anwalt von Ulmen zu werden – Mann verteidigt Mann, alle Männer sind Schweine – wenn die Version von Fernandes stimmt, hat es Ulmen als Komiker getan? Fand er das alles tausend Mal lustiger als seine Shows, die ihn kreativ nur noch vor sich hertrieben? Und vielleicht tappte Ulmen hier in die Travis-Falle: Na, meiner Frau gefällt's doch im Grunde, wenn sie auf diese Weise erfährt, dass die Männer um sie herum sie weiterhin attraktiv finden.
Nur eine Ausrede für den Fall der Entdeckung. Rechtfertigung, nicht Zweck: Er hat es für die Kunst getan. Und, da wird's spannend: Hat Ulmen niemandem jemals von seinem Meisterwerk erzählt? Ist das der Grund für das KI-Herumgeeiere seines Best-Friends Fahri Yardim? Ein Mitwisser? Oder doch nur einer, der sich auf die Chats mit der falschen Collien eingelassen hatte, hinter der eigentlich sein bester Freund steckte?
Jetzt warten alle auf Christian Ulmen. Er ist der Schlüssel zu allem. Noch schweigt er. Und mit diesem Schweigen hält er tatsächlich nach wie vor die Fäden in der Hand. Nur er kann dieser Geschichte noch eine dramatische Wendung geben.
Die eingangs erwähnte Autorin Birgit Kelle schrieb in ihrem Bestseller „Dann mach doch die Bluse zu“, einer Reaktion auf die Brüderle-Affäre, bei der eine Journalistin an einer Hotelbar sexuell belästigt worden sein soll: „Männer und Frauen sind unterschiedlich – und das ist auch gut so!“ Das wird Collien Fernandes aktuell keineswegs so teilen wollen.
Bleibt die Frage, ob Frauen ebenfalls zu so einer Handlungsweise fähig wären, wie sie Christian Ulmen hier unterstellt wird.
Nachtrag: Studien kommen zu dem Ergebnis, dass falsche Vergewaltigungsvorwürfe selten sind – meist im niedrigen einstelligen Prozentbereich der angezeigten Fälle (ca. 3–8 Prozent). Höhere Zahlen (10–20 Prozent oder mehr) tauchen vor allem in nicht-repräsentativen Polizeiberichten oder einseitigen Darstellungen auf und gelten in der Wissenschaft als übertrieben.
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Kommentar von T S
Was soll das "Deep-State-Inszenierung"-Framing?
Der Rest interessiert mich mangels Relevanz herzlich wenig.
Und daß Kelle mit ihrem "Bluse zu"-Verstecken-Rat ganz im Geiste der Burkabefürworter liegt ist grotesk, warum rät sie nicht "Mädel, steh zu dem was du hast"? Antwort könnte vermeintlich religiöse Empfindungen verletzen...
Antwort von Alexander Wallasch
"Was soll das "Deep-State-Inszenierung"-Framing?"
Das sie hier wie so eine linke Socke klingen, fällt Ihnen gar nicht auf?