Wir treffen Ledio Albani auf der Frankfurter Buchmesse. Der 1987 in Shkodra geborene Philosoph und Verleger hat den Castrum Verlag 2021 in Wien gegründet. Seit dem Sommer ist der Verlag auch in Berlin. Zum Programm gehören neben klassisch orientierter Literatur und Philosophie das Magazin Fiume und ein Roman von Maximilian Krah.
Albani selbst eröffnete den Verlag 2021 mit dem Aphorismenband „Haltungen“. Im Gespräch geht es um Meinungsäußerung, um die eigene Linie und darum, warum Frankfurt für ihn der Ort ist, an dem er mitspielen will.
Ein Gespräch mit Ledio Albani, Castrum Verlag
Ich bin neulich über ein Zitat gestolpert. Es geht um freie Meinungsäußerung, und Buch-, Zeitungs- und Literaturjournalismus hat ja viel damit zu tun. Das Zitat lautet: „Es ist mindestens genauso totalitär, die freie Meinungsäußerung zu verbieten, als auch, sie zu verordnen.“ Kommt Ihnen das bekannt vor?
Das kommt mir bekannt vor. Ich glaube, das habe ich selber geschrieben. Klingt gut, oder? Gerade für unsere Zeit finde ich es sehr passend.
Es stammt aus Ihrem Band „Haltungen“, 2021 im Castrum Verlag erschienen, gewissermaßen ein Frühwerk. Sie haben den Verlag also auch damit begonnen, sich selbst abzubilden. Wo sehen Sie freie Meinungsäußerung heute verordnet?
Gerade in unserer Zeit. Gerade im Hinblick auf die Frankfurter Buchmesse sieht man, dass Positionen, die eher links stehen, durchaus wohlwollender gehandhabt und vorgebracht werden als andere. Darin würde ich fast schon eine Art Verordnung sehen. Eine Tendenz zumindest.
Sie sind Gründer und Eigner des Castrum Verlags, Wien. Mittlerweile erreiche ich Sie immer wieder über Berliner Nummern. Was ist passiert?
Seit dem Sommer sind wir auch in Berlin. Ich habe den Verlag 2021 in Wien gegründet und bin seit dem Sommer auch in Berlin. Wir pendeln zwischen den Städten, hauptsächlich aber jetzt in Berlin.
Am Castrum Verlag fällt zweierlei auf: dass Sie Autoren wie Maximilian Krah eine Bühne gegeben haben und dass Sie nebenher das Magazin Fiume machen, an das große Erwartungen geknüpft werden. Wie gehen Sie damit um?
Die Erwartungen kommen vielleicht von außen. Man selbst zieht seine Linie durch. Wir haben unseren Weg, unsere Linie. Das passt schon.
Fiume ist kein politisches Magazin im direkten Sinne. Indirekt ist natürlich alles politisch, aber es macht den Eindruck eines Kunstmagazins, wie man es aus den achtziger Jahren kennt.
Ja, absolut. Es gibt Anknüpfungspunkte an eine Zeit, in der auch die Meinungsäußerung mehr Vielfalt aufgewiesen hat. Was politisch ist und was politisch sein soll, hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Das unmittelbar Politische sehe ich beim Magazin nicht, sondern eher auf zweiter Ebene, als eine Form des Hyperpolitischen. Es gibt ein Primat der Kultur, diesen Begriff der Reinkultur, den wir geprägt haben. Davon ausgehend werden auch politische Themen berührt, aber nicht als unmittelbare Involvierung in die Tagespolitik.
Der Verlag wurde in seiner Entstehungsgeschichte eher als etwas Klassisches wahrgenommen, ein Wiener Verlag, mit einem gewissen Wiener Charme und mit Blick auf Traditionen. Wie definiert ihr euch?
Wir sind die guten Rechten, würde ich sagen. Neulich habe ich auf Twitter gelesen, bezogen auf die Reportage über uns in der „Zeit“: „Die Rechten, die sie gerne hätten“. Damit war der sogenannte Mainstream gemeint. Ich fand das witzig und kann mich damit anfreunden.
Die Unterteilung in links und rechts ist heute problematisch geworden. Als rechts gilt vieles, was im Kern nicht wirklich rechts ist, sondern Protest und ein Dagegen gegen den Mainstream versammelt. Das ist schön und gut, wir würden aber nicht alles davon für uns in Anspruch nehmen. Es gibt definitiv einen konservativen Gestus bei uns, durchaus auch einen rechten, nicht so sehr an einzelnen Autoren festgemacht, sondern am gesamten ästhetischen Habitus. Andere Punkte, die heute als rechts gelten, würden wir eher nicht für uns beanspruchen.
Wissen Sie eigentlich, wer der bekannteste Österreicher in der Welt ist?
Ich hoffe, es ist Mozart.
Meinungsäußerung, Verlage, Buchmesse: Eigentlich sollte die Frankfurter Buchmesse ein großes Potpourri an Meinungsäußerungen sein. Aber in letzten Jahren hat sich die Messe selbst gereinigt. Man wundert sich, dass ein Verlag, der sich rechts oder konservativ definieren würde, dort überhaupt noch einen Fuß auf den Boden bekommt.
Dem ersten Teil würde ich zustimmen. Verlage und eine Buchmesse sollten ein Abbild verschiedener Meinungen sein. Insbesondere weil entsprechende Veranstaltungen mit stetigem Zutun des Staates finanziert werden, ist es eine besondere Pflicht, dass verschiedene Meinungen abgebildet werden. Eine Notwendigkeit sogar.
Ein Verlagsprogramm spiegelt also eine Meinung wider, ist eine Form der Äußerung?
Ja, durchaus. Davon kann man sich nicht distanzieren, zumal in unserer Zeit. Alle Verlage haben eine Linie, die sie verfolgen, auch eine weltanschauliche und eine ästhetische. Eine Buchmesse bringt das zusammen, was gut und richtig ist. Sie sollte es aber nach Möglichkeit ausgewogen tun. Ich glaube, wir sind uns einig, dass das bei der Frankfurter Buchmesse mittlerweile nicht ganz der Fall ist.
Was uns betrifft: Es ist eine dezidierte Entscheidung, bezogen auf die Frankfurter Buchmesse und auf unsere Einstellung insgesamt, dass wir uns von den bestehenden Institutionen nicht abtrennen wollen, sondern versuchen, Raum innerhalb des sogenannten Mainstreams zu nehmen. Das ist schwer und kompliziert genug, da spielen viele Faktoren eine Rolle. Aber wir gehen mit Selbstbewusstsein hin. Klar, es gibt die kleinen Schikanen. Man kommt an den Stand, und es fehlen die Visitenkarten und die Verlagsprogramme. Dann hat man sie wieder neu dabei. Grundsätzlich geht unser Weg aber dahin, dort mitzumachen, wo die Abbildung der Meinungen hinkt, und unseren Punkt zu bringen.
Wenn Sie politischer werden, droht Ihnen dasselbe Schicksal wie dem Antaios Verlag von Götz Kubitschek, der verdrängt wurde, mit Gegenaktionen, Beteiligung der Messebetreiber, Verbannung an die hintersten Orte. Sind Sie in einer hinteren Ecke gelandet wie die Junge Freiheit?
Die Junge Freiheit gibt es dieses Jahr nicht auf der Frankfurter Buchmesse, was ich persönlich, genauso wie im Fall von Tichy, schade finde. Ich habe das Gefühl, dass wir mit einigen wenigen anderen Kollegen die Einzigen aus dem konservativen, ich sage auch rechten Spektrum sind. Vielleicht passt wirklich, was ich vorhin sagte: die Rechten, die sie gerne hätten.
Was aber auch stimmt: Mit Ausnahme einiger kleiner Dinge geht es fair zu. Man kennt aus der Vergangenheit, dass es da klare Benachteiligung, zuweilen sogar Schikane gab. Ich glaube aber, da ändert sich etwas. Die Stimmung ist nicht die von vor fünf oder zehn Jahren, als dieses Umfeld noch viel kleiner war und in den Kinderschuhen steckte.
Man muss sich erinnern, was die Messe geopfert hat. Früher standen Junge Freiheit und taz auf Augenhöhe gegenüber. Da entstanden Kontroversen, da passierte etwas. Darauf zu verzichten ist eine Selbstbeschneidung.
Ganz klar. Der sogenannte Mainstream neigt nach einer Zeit zur Repetition und versucht, Stimmen, die erweitern und neue Perspektiven einbringen wollen, kleiner zu halten. Dann entsteht, ich sage es brutal, eine Art Inzestgemeinschaft, die von außen abgeschottet wirkt, das Bild der Blase. Für uns ist es wichtig, trotzdem beharrlich zu sein und nicht zu sagen: Die machen ihr Ding, wir machen unseres. Wir müssen da rein und im Gespräch bleiben.
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Es gibt die Songzeile: „Wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.“ Trifft das auf Sie zu? Muss man duldsam sein, oder kann man laut werden?
Nein, man muss laut werden. Unbedingt. Das sind wir ja, und das sind auch andere Kollegen. Ein Hinweis auf die im November stattfindende Messe „Seitenwechsel“, wo wir heuer mit großem Stand dabei sein werden. Da ist unfassbar viel entstanden. Meine Prognose: Mit der Zeit wird es, was die Institutionen und die Gesprächsbereitschaft betrifft, auch wieder Annäherung geben. Man sieht es am Beispiel Ulf Poschardt.
Ulf Poschardt hat ein direktes Bekenntnis zum Castrum Verlag abgeliefert und sich selbst als Autor ins Spiel gebracht. Das kam von ihm. War das abgesprochen, oder hat er die Gelegenheit ergriffen?
Das hat er selbst ergriffen. Ich glaube, er sieht in vielen Punkten, nicht in allem, Gemeinsamkeiten. Insofern war das vielleicht natürlicherweise das, was passiert ist. Was ich wunderbar finde.
Ulf Poschardt ist zunächst noch eine Ausnahmeerscheinung in diesem Wunsch nach Gesprächsbereitschaft und darin, Bewegung und Lautstärke reinzubringen. Aber da werden viele folgen. Dann werden auch die institutionellen Veranstaltungen, die Frankfurter Buchmesse und Seitenwechsel, in irgendeiner Form zusammenkommen. Es wird Austausch geben. Das ist notwendig, gerade für unsere Zeit und unsere Gesellschaft.
Seitenwechsel festigt aber erst einmal eine Blase. Die Schnittmengen etwas mit Castrum Verlag dürften naturgemäß größer sein. Vielleicht braucht man diese Stabilität, um dann nach Frankfurt zu gehen?
Ja, absolut. Wir waren letztes Jahr in Halle bei “Seitenwechsel” nicht dabei, dieses Jahr schon.Wenn wir es plakativ machen wollen, Seitenwechsel und Frankfurter Buchmesse, wir brauchen mehr Leute, die laut sind, mehr Verlage, die laut sind und dazwischenstehen, die nicht nur hardcore einer Seite folgen. Poschardt ist dabei eine faszinierende Figur. Es wird notwendig sein, auch bei den schwierigen Themen das Gespräch und die Interaktion zu suchen.
Der Unterschied zwischen Ihnen und Poschardt ist der zwischen alter und neuer Welt. Die Alten definieren sich immer wieder neu, wenn sie in der jungen Welt mitspielen wollen, und installieren einen Verdrängungsmechanismus gegenüber Nachwuchs, neuen Ideen, neuen Gesichtern. Eine Verfestigung des Mainstreams. Oder sehen Sie es anders?
Da würde ich d’accord gehen. Danke auch für das Lob. Gleichwohl: Jeder, der dazu beiträgt, diese festgefahrenen Strukturen aufzubrechen, gerade im Kulturbetrieb, der stark mit der ökonomischen Sphäre verbunden ist, mit Finanzierung und staatlicher Subvention, tut etwas Nötiges. Es gibt eine unglaublich große Menge staatlich finanzierter linker Verlage auf der Frankfurter Buchmesse. Natürlich hinkt die Messe dann. Damit es ein runder Gang wird, muss man froh sein über jeden, der darauf hinweist und das durchbricht.
Castrum ist nicht Antaios. Die Kontroverse wird eingehegt, so wie man von der AfD erwartet, dass sie bestimmte Kurse mitfährt, und sie dann wohlgelitten ist. Diese Themen werden gespielt.
Die werden auch gespielt. Es gibt Ebenen und Themenfelder. Ich bin nicht für die Grenzenlosigkeit der Debatte. Das ist auch ein Rückgriff auf das Zitat vom Anfang. Es gibt Themen und Bereiche, da muss es im Sinne eines Gatekeepings Linien geben.
Die wichtigste Frage zum Schluss: Warum ist Frankfurt ganz konkret für Sie wichtig? Und welche Erwartungen wurden bisher erfüllt?
Warum ist Frankfurt wichtig? Unser Weg geht über den Hauptstrom. Wir wollen erobern, mit dem Verlag, mit dem Magazin. Das klingt martialisch, ist aber in erster Linie kulturell und ästhetisch gemeint. Ich sehe nicht ein, warum wir uns mit dem, was wir machen und wie wir sind, nur auf ein Alternativprogramm beschränken sollten. Die Erwartungen müssen gar nicht von der Messe erfüllt werden. Sie bietet den Ort, die Arena, und wir haben die Möglichkeit, sie zu bespielen. Das tun wir. Bisher klappt es ganz gut.
Kubitschek sprach davon, die Grenzen des Sagbaren zu erweitern – sprich das Overton-Ton-Fenster zu verschieben. Kann es sein, dass die Hartgesottenen die Mauer erst mürbe gemacht haben und Sie jetzt durch die ersten Ritzen flutschen?
Wenn das so ist, würde mich das noch mehr freuen. Widerstand gibt es, das will ich nicht in Abrede stellen. Aber Antaios ist ein etablierter Verlag auf der Rechten, und das in einer Phase, in der der Kulturbetrieb noch unfassbar eindimensional und dröge war. Da wurde Großes geleistet, das sage ich mit Anerkennung. Jetzt sind wir dran. Ein Stück weit hat sich der Wind gedreht. Es ist mehr möglich geworden, gerade dadurch. Es bleibt spannend. Wir schauen, was passiert.
Schaut man sich den Westend Verlag an, großer Verlag, große Autoren, auch Poschardt dabei, kommt der aus einer fast linksradikalen Ecke und steht Castrum heute wahrscheinlich näher als Antaios. Da passiert etwas.
Absolut, Bewegung eben. Unabhängig von den verschiedenen Haltungen in unterschiedlichen Themenfeldern ist es gut um jede Person, jeden Verlag und jedes Magazin, das kommt und diese Grenzen niederreißt, diese Brandmauer im Kulturellen.
Danke für das Gespräch!
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