Kontrafunk hat Schuler zu Gast – Auch ein Statement für Burkhard Müller-Ullrich und die neuen Medien

Warum schmiss Ralf Schuler wirklich bei BILD hin – Hier seine ausführliche Antwort

von Alexander Wallasch

„Ich habe ein sehr waches Bewusstsein dafür, wo Herde anfängt und möchte da nicht dabei sein. (…) Ich habe mich im Osten nicht verbogen. Ich habe da nicht mitgemacht, wo es nun wirklich Repressionen gab, die ans Eingemachte gingen.“© Quelle: Youtube / phoenix, kontrafunk.radio/de, bild.de I Montage Alexander Wallasch

In Sachen Kündigung des Parlamentskorrespondenten Ralf Schuler bei der Bildzeitung sind ein paar Fragen offengeblieben. Da hilft uns heute am Sonntag dankenswerterweise Kontrafunk und die heutige Sonntagsrunde von Burkhard Müller-Ullrich.

Der hat nämlich Schuler zu Gast und fragt einfach mal direkt, warum überhaupt und warum eigentlich erst jetzt, nach einer so langen Zeit bei Springer.

Denn die Frage stellt sich natürlich: So sehr man die Konsequenz von Schuler bewundern kann, so muss man auch fragen, was an Gender und Regenbogen so viel essenzieller bei ihm zugepackt hat als beispielsweise die Haltung des Hauses Springer zur illegalen Massenzuwanderung oder noch viel aktueller: Zu den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.

Hier muss ergänzend daran erinnert werden: Die Bildzeitung hatte sich 2015 als eine Art Speerspitze der Refugees-Welcome-Bewegung aufgestellt und maßgeblich den linksradikalen Kampfbegriff „Refugees-Welcome“ überhaupt erst in den Mainstream überführt, entsprechende Aufkleber lagen dem Blatt millionenfach bei.

Zu den Corona-Maßnahmen dann anfangs ein ähnlich regierungsnahes Auftreten, so schrieb die Bildzeitung Ende 2021:

„Der ‘Great Reset‘ ist eine beliebte Verschwörungserzählung. Demnach plane eine globale Finanzelite mit einer vorgetäuschten Corona-Pandemie eine Neuordnung der Welt.“

Oder hier, noch am 24. Januar 2022 titelte die Bild zu den Demos gegen die Maßnahmen:

„BILD analysiert die Demos – So ticken die Corona-Leugner – Wieso Verschwörungsideologen in Corona-Zeiten großen Zulauf haben.“

Allerdings darf man hier bis Oktober 2021 den Faktor Julian Reichelt nicht ganz außer Acht lassen, der gemessen am Mainstream-Tempo relativ früh die Kurve bekam und zumindest ambivalente Stimmen zu Wort kommen ließ, gar selbst zu einer wurde und also Journalismus machte, seine Arbeit machte – was ihn dann auch seinen Kopf kostete.

Schuler heute früh bei Burkhard Müller-Ullrich. Die Gastrolle dort ist natürlich ebenfalls ein Statement für sich. Müller-Ulrich erwähnt eingangs des Gespräches, dass sich die Zuhörerzahl allein dieses Formates bei Kontrafunk mittlerweile der Zahl 100.000 annähert.

Übrigens ein großartiger Erfolg des Arbeitstiers Müller-Ullrich, dessen Tempo mitzugehen und dabei noch so eine Gelassenheit auszustrahlen, die größte Herausforderung für seine Mitstreiter sein dürfte.

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Natürlich zieht der immer seriös auftretende Journalist und Neuradiomacher auch viele Desperados der Szene an wie ein Magnet die Metallspäne im Physikunterricht.

Warum ist Schuler bei Bild raus und warum erst jetzt? Hier ein Auszug aus einem Gespräch mit Kontrafunk vom heutigen Sonntag:

Burkhard Müller-Ullrich: Soll man darüber überhaupt lange reden? Denn ich stelle mir natürlich vor, da sind jetzt Abfindungen, Verhandlungen im Gange. Die Anwälte reden, Ralf Schuler hat einen Maulkorb. Aber nein, nein, er spricht mit uns. Er spricht hier. Und deswegen die Frage: Warum bist Du gegangen? Und was waren die Reaktionen im Haus?

Ralf Schuler: Also gegangen bin ich bereits Anfang Juli – habe ich gekündigt – und da gibt es auch keine großen Abfindungsverhandlungen. Ich habe einfach gekündigt und habe gesagt, zum nächstmöglichen Zeitpunkt möchte ich das Arbeitsverhältnis beenden.

Der Hintergrund ist einfach, dass ich nach der Intervention des Vorstandschefs Mathias Döpfner gegen einen Gastbeitrag von – Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen waren das, glaube ich – in der Welt mit ihm einen relativ öffentlichen Disput geführt habe in der Bild-Redaktionskonferenz, wo ich meinen Standpunkt dargelegt habe, dass ich das für erstens demokratietheoretisch inakzeptabel halte, gegen einen Gastbeitrag mit einer für meine Begriffe völlig akzeptablen Meinung derart vorzugehen. Und andererseits halte ich den Beitrag nach wie vor auch inhaltlich für absolut richtig und korrekt.

Und bei der Gelegenheit wurde dann der öffentliche Fokus sehr stark auf die Diversity Strategie des Medienhauses Springer, wie es korrekt heißt, gelenkt – (ein) Verlag ist es ja im engeren Sinne nicht mehr. Und die war mir am Ende dann doch zu aktivistisch. Nicht nur, dass wir die Regenbogenfahne vor dem Haus aufgezogen haben, wir haben auch ein internes Programm, "Gender Balance" heißt das, dass also in den nächsten, in den folgenden Jahren Posten diverser besetzt werden sollen. Es gab auch ein Morning Briefing, habe ich mal auch drüber geschrieben, dann also intern drüber geschrieben, wo ein Kollege schrieb, die Marke Bild stünde fest an der Seite der LGBTIQ-Bewegung. Und ja ...

Burkhard Müller-Ullrich: Das wurde auch schon so zitiert.

Ralf Schuler: Darum kann ich jetzt auch sagen, normalerweise äußere ich mich nicht zu Interna und zu deren eisenharten Kampf gegen Diskriminierung und für Menschenrechte. Und das ist ... wie ich festgestellt habe, haben nicht alle die Reflexe, die meine Generation und vielleicht meine Biografie da mitbringt.

Wenn ich fest an einer Seite stehe, dann kriege ich augenblicklich Pickel, weil, da stehe ich fest an der Seite der sozialistischen Bruderländer. Da höre ich irgendwie in "Treue fest ...", das geht für mich mit Journalismus nicht zusammen.

Ich stehe zu niemandem fest als Journalist, nicht zur Black-Lives-Matter-Bewegung, nicht zur Klimabewegung und auch nicht zur Regenbogen-Bewegung. Weil ich der Ansicht bin, dass das sympathische Anliegen, für mehr Toleranz und gegen Diskriminierung einzutreten, nicht die ganze Bandbreite dieser Bewegung ausmacht, sondern es gibt einen harten, aktivistischen Kern, der die Gesellschaft tatsächlich umbauen will, von Sprechweise über Sprachweise bis hin zu Gesetzgebungsvorhaben wie dem neuen sogenannten "Gleichstellungsgesetz", Selbstbestimmungsgesetz, wo jeder sein Geschlecht wählen kann. Das sind alles gesellschaftsverändernde Vorstöße, die man haben kann, die man auch gut finden kann. Als Demokrat akzeptiere ich das, aber da muss dann auch die Mehrheitsgesellschaft ganz normal demokratisch mitentscheiden können und auch ein Vetorecht haben.

Und das sehen bei uns im Haus nicht alle so, sondern finden es irgendwie anstößig, wenn man sagt: Ich teile die Ziele dieser Bewegung nicht und ich möchte zum Beispiel nicht, dass minimal invasiv per Ansage das biologische Geschlecht quasi im Wünsch-dir-was-Verfahren gewechselt werden kann. Und da lag ich überkreuz mit dem Verlag. Und wenn Dinge nicht zusammenpassen, dann muss man gehen. Eigentlich ganz undramatisch.

Burkhard Müller-Ullrich: (...) Eine letzte Nachfrage jetzt von mir, wenn ich das höre: "demokratietheoretisch inakzeptabel" – also in solchen Verhältnissen, in Arbeitsverhältnissen, in den Redaktionen findet man ja sicher irgendwas immer mal "theoretisch inakzeptabel". Ist das wirklich für Dich so grundstürzend gewesen, dass Du gesagt hast: Also ich kann das einfach nicht mehr vertreten und vertragen?

Denn obwohl mir das alles einleuchtet und obwohl wir diese Missstände, die Du da gerade ausgebreitet hast, ja hier auch immer und immer wieder kritisieren und erörtern, kann man ja auch sagen: Ja, gut, also das gehört irgendwie dazu, dass man nicht einverstanden ist mit manchen Kollegen.

Ralf Schuler: Absolut. Ich stelle ja auch jedem frei, sich da anders zu verhalten. Ich sehe nur mit Sorge, dass diese Intervention dazu geführt hat, dass im Hause so gewisse Konformitäts-Mechanismen greifen, dass dann viele Kollegen jetzt verstärkt ihre Statusbilder mit Regenbogenfahnen unterlegen und leidenschaftlich Bilder vom CSD gepostet wurden. Was andere Kollegen früher nie gemacht haben. Das ist alles zulässig, ist alles in Ordnung.

Aber ich fühle mich mehr und mehr unwohl, weil ich einfach ... mein Journalisten-Verständnis geht nicht dahin, Teil einer Bewegung zu sein. Ich bin ungern ... Ich habe ein sehr waches Bewusstsein dafür, wo Herde anfängt und möchte da nicht dabei sein. Insofern stört mich das vielleicht mehr als andere. Andererseits habe ich mir eben auch gesagt, wenn ich das nicht mag, warum soll ich mich verbiegen? Ich habe mich im Osten nicht verbogen. Ich habe da nicht mitgemacht, wo es nun wirklich Repressionen gab, die ans Eingemachte gingen. Warum soll ich das unter den Bedingungen einer freiheitlichen Gesellschaft machen? Dann gehe ich einfach.

Und das ist eigentlich ... eigentlich hielt ich das für normal. Ich habe gestaunt. Ich habe ein Echo bekommen, mit dem ich in der Tat überhaupt nicht gerechnet habe. Es waren Hunderte. Ich habe es nicht gezählt – vielleicht Tausende – Direktnachrichten auf allen Kanälen, auf allen sozialen Plattformen, von Politikern, auch aktiven, der heutigen Regierung, vorheriger Regierungen, von Künstlern, von sehr vielen Kollegen, alle Zuspruch, alle Respekt. Diejenigen, die inhaltlich mit mir da nicht einer Meinung waren, haben immerhin die Gradlinigkeit gelobt. Und da habe ich mich dann doch schon gefragt: Moment mal, warum ist das eigentlich so außergewöhnlich, dass man bestimmte Meinungen hat und für die auch einsteht? Also offensichtlich gibt es einerseits ein Bedürfnis danach, dass das öfter getan wird, ohne mich überhöhen zu wollen, und andererseits scheint es nicht normal zu sein, wenn man sagt: Kann ich nicht mitgehen, mache ich was anderes. Ist ja kein Problem.

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