Zuletzt hatte ich einen Clip von Ulf Poschardt geteilt und dazu geschrieben, dass mir die Auftritte Poschardts mittlerweile gefallen. Warum? Ich habe einfach den Blickwinkel geändert. Es gibt tatsächlich Menschen, bei denen man irgendwann aufhört, sich zu fragen, was sie sagen – man beginnt darüber nachzudenken, was sie aufführen.
Ulf Poschardt gehört mit seinen Performances inzwischen in diese merkwürdige Kategorie. Und ich bin fest davon überzeugt, dass man anders auf Poschardt schauen muss. Dann wird ein Schuh daraus.
Was hat mich an diesem Clip so in den Bann gezogen? Man sieht Poschardt vor der Kamera, leicht nach vorn geneigt, mit dem charakteristischen Kopfwackeln, die Stimme zwischen dem Feuer der Behauptung und der Zögerlichkeit einer Improvisation, den Blick irgendwo zwischen einem unsichtbaren Gegenüber und einem eingebildeten Publikum. Ulf P. setzt sich in Szene, er spricht nicht einfach. Er komponiert sich selbst. Und je länger ich zugesehen habe, umso mehr habe ich begriffen, dass hier eine Kunstfigur ihre eigene Legende aufführt.
Wer ist Ulf Poschardt? Er benimmt sich wie ein Aussätziger, wie ein Außenseiter. Aber er ist das Gegenteil davon. Er steht seit Jahrzehnten im Zentrum des deutschen Medienbetriebs. Zum 1. Juli 2026 wechselte er – immer noch bei Axel Springer – in die Rolle des ‚freiesten Mitarbeiters‘. Die wirklichen Hintergründe bleiben im Dunkeln.
Aber das macht seine neue Outlaw-Pose so interessant. Poschardt inszeniert sich aktuell als jemand, der aus den Routinen des Establishments ausgebrochen ist. Er spricht von Punk, von Freiheit, von dem Bedürfnis, Hierarchien zu verlassen. In einem aktuellen Interview mit der Zeit beschreibt er seinen Wechsel sogar ausdrücklich als eine Art Selbstzerstörung und sagt: „Ich sehe mich in der Tradition des Punk.“
Ist das schon Kunst? Ein langjähriger Medienmanager des deutschen Großverlagswesens erklärt den Ausstieg aus seiner Managementfunktion zur Punk-Geste – und bleibt dabei natürlich im selben Medienkonzern. Der Outlaw residiert im Vorstandsbüro.
Und jetzt kommt der Künstler Jonathan Meese ins Spiel. Bei Meese ist die Übertreibung wesentlicher Teil der Performance. Meese hat seine öffentliche Figur zu einem Gesamtkunstwerk aus Sprache, Gestik, Kostüm, Provokation, Pathos und bewusster Überwältigung gemacht. Seine Auftritte – spektakulär jene in Hitlerpose mit brüllendem Pathos und rasiertem Bärtchen – erzeugen einen Zustand der Verstörung.
Das Publikum soll sich verstört fragen: Ist das ernst? Ist das Parodie? Ist das vielleicht sogar Größenwahn? Oder alles gleichzeitig? Meese arbeitet mit der Idee eines „Gesamtkunstwerks“. Ist Poschardt 2026 nicht auch eines? Wer will noch bestreiten, dass bei ihm die Person selbst mittlerweile zum Medium geworden ist?
Die Körperhaltung, der Gesichtsausdruck, die spleenigen Eigenheiten, diese manieriert wirkende vermeintliche Unangepasstheit, seine eher posierlichen kleinen Provokationen – alles Teil der Poschardt-Botschaft. Der Inhalt muss gar nicht überzeugen. Es genügt, dass die Figur wiedererkennbar ist. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Künstler.
Axel Springer beschreibt seine neue Tätigkeit ausdrücklich als schöpferischen Akt: kurze Social-Media-Formate, Podcasts, Videoformate und eine eigene Talkshow.
Das mag erklären, warum manche seiner Fernsehauftritte so schräg wirken. Insbesondere zuletzt bei Maischberger. Was zunächst in seiner Verweigerung peinlich berührte, liest sich ganz anders, wenn man es mit der Meese-Brille sieht.
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Wer ein politisches Gespräch und einen Austausch von Argumenten erwartet hatte, wurde natürlich enttäuscht. Aber Poschardt verstehen heißt zu begreifen: Der Mann agiert längst auf einer anderen Ebene. Er fabuliert nicht über Unabhängigkeit. Er performt sie. Er performt die Verachtung für das vermeintlich Etablierte aus dem Establishment heraus: Habt ihr kein Brot? Dann esst doch Kuchen!
Warum wirkt das so faszinierend? Poschardt hat nicht einfach nur schwer einen an der Waffel wie Meese. Seine Performance fällt auf den fruchtbaren Boden einer Gesellschaft, in der die Protagonisten des polit-medialen Komplexes professionell ängstlich und inhaltslos auftreten.
Poschardt benimmt sich absichtlich ein wenig daneben. Und dabei wechselt er von Meese manchmal in die Rolle etwa eines Helmut Berger: das Kopfwackeln, der inszeniert zerzauste Eindruck, die Behauptung, gegen den Mainstream zu stehen – hier wird aus der angeblichen Schwäche bereits das Markenzeichen.
Oder anders: Der rebellische Gestus wird von Poschardt nicht mehr dadurch erzeugt, dass er tatsächlich außerhalb der Institution steht. Viel besser: Der Rebell missachtet die Regeln innerhalb der Institution. Poschardt bleibt im Springer-Hochhaus, aber trägt die Lederjacke. Das wiederum erinnert nicht an Meese oder Berger. Hier sehen wir die Turnschuhe von Joschka Fischer bei der Vereidigung als Minister in Hessen. Diese Schuhe sind heute Kunst und stehen im Museum – kein Witz.
Ein gebildeter Mann aus den wichtigsten Institutionen des deutschen Journalismus erklärt dem Publikum aus der Institution heraus, dass er kein Teil dieser Institutionen sein wolle. Ein ehemaliger Chefredakteur spricht plötzlich in Stimmen – wie ein Punk. Ein Medienmacher produziert sich als Einzelkämpfer. Ein Mann mit jahrzehntelanger Erfahrung im Establishment nimmt die Pose des Außenseiters ein und pöbelt sogar gegen beste Freunde, wie zuletzt bei Maischberger gegen Julian Reichelt. Der mault aber nicht, denn Reichelt hat wahrscheinlich viel früher kapiert: alles Kunst!
Heuchelei? Nein. Denn vielleicht glaubt Poschardt selbst ganz aufrichtig an sich. Das steht der Kunst ja nicht im Wege. Der Zuschauer erkennt nicht, ob der Künstler noch weiß, dass er inszeniert, oder glaubt, schon real etwas zu durchleben. Kunst und Komik beginnen in dem Moment, in dem eine Figur ihre eigene Widersprüchlichkeit nicht mehr bemerkt – oder es so aussehen lassen kann. Widersprüchlichkeit als gepflegtes Stilmittel. Bei Jonathan Meese ist das gewollt. Bei Poschardt bleibt es – noch – im Ungewissen. Damit ist Poschardt womöglich sogar der bessere Meese oder mindestens dessen Weiterentwicklung.
Es ist keine besonders spektakuläre Erkenntnis: Poschardt ist Medienprofi genug zu verstehen, dass man im Zeitalter von TikTok, Instagram und YouTube nicht mehr nur Argumente, sondern vor allem eine Figur verkaufen muss.
Aber um noch ein bisschen Tragödie ins Spiel zu bringen: Vielleicht ist Ulf Poschardt nur das perfekte Spiegelbild einer Medienlandschaft, die nicht mehr unterscheiden kann, ob jemand eine Meinung vertritt oder schon seine Rolle spielt.
Bei Jonathan Meese weiß man: Hier wird eine Figur geschaffen. Bei Poschardt weiß man es – noch – nicht. Das ist dann zweifellos die bessere Performance. Ich bin gespannt, wie Ulf Poschardt seine Figur weiterentwickeln wird. Zur noch besseren Unterhaltung wünsche ich ihm noch einen Schuss mehr Radikalität, noch mehr Unversöhnlichkeit mit seiner eigenen Umgebung.
Endlich habe ich Poschardt verstanden. Ich habe wahrscheinlich viel zu lange dafür gebraucht. Entschuldige Ulf, dass ich so lange gebraucht habe.
Aber die wichtigste Frage zum Schluß: Ulf, wo ist die Mama?
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