Eine Serie, die vom Tabubruch lebte, wurde offenbar zur Blaupause für die Vorwürfe

Wie für Ulmen Fiktion und Realität endgültig verschmolz – Anzeige von Fernandes wegen digitaler Gewalt

von Alexander Wallasch

„Jerks“ ohne Kamera Vom doppelten Boden der Serie mit expliziten sexuellen Anspielungen zur realen digitalen Gewalt.© Quelle: https://x.com/colliencollien, Screenshot

Jahrelang inszenierten Ulmen und Fernandes in „Jerks“ ihr eigenes Paarleben mit bewusstem Spiel aus sexuellen Fantasien, „von hinten treiben“-Anspielungen und dem Verwischen von Fiktion und Realität. Parallel dazu soll Ulmen genau dieses Grenzspiel ohne Einverständnis und ohne Kamera fortgesetzt haben: als Fake-Collien in Sex-Chats, mit täuschend echten Deepfake-Pornos und geständigen Erniedrigungen. Die Serie, die auf Tabubruch lebte, wurde offenbar zur Blaupause für die Vorwürfe.

Die Vorwürfe gegen Christian Ulmen sind massiv. Und die Anzeige seiner Ex-Frau Collien Fernandes kommt für den Schauspieler, Ex-MTV-Moderator und Komiker zur Unzeit. Denn was Fernandes da gegen ihren Ex-Mann vorbringt, macht Ulmen zu einer Art deutschem Mini-Mini-Epstein.

Für eine Anklage können die Erfolgsaussichten damit begünstigt werden. Man weiß ja längst, wie schwer es ist, als Opfer von sexuellen Straftaten Gerechtigkeit zu bekommen. Laut Aussagen seiner Frau soll Ulmen ein Teilgeständnis abgelegt haben. Wahrheit oder Rosenkrieg?

Ulmen und Fernandes waren von April 2012 bis zur Bekanntgabe der Trennung im Herbst 2025 verheiratet. Die Anschuldigungen kommen demnach auch intern zu einem Zeitpunkt der Resteabwicklung einer Beziehung, aus der ein Kind hervorgegangen ist, das im späteren Leben alle Details der von der Mutter in den Raum geworfenen Straftaten des Vaters und aller Details rund um die Scheidung wird nachlesen können. Das Internet vergisst nicht.

Ein Ausschnitt der Vorwürfe, wie sie vom „Spiegel“ veröffentlicht wurden und denen gegenüber Christian Ulmen laut Ehefrau teilweise geständig gewesen ist:

Ulmen soll sich über Accounts als Collien Fernandes ausgegeben und sich mit Männern zum Telefonsex verabredet haben. Er soll pornografische Bilder und Videos verschickt haben, in denen Frauen auftreten, die seiner Ex-Frau täuschend ähnlich sehen – was den Eindruck erwecken sollte, als zeigten die Aufnahmen tatsächlich Fernandes selbst.

Problem für die Justiz: Es gehe hier, so der „Spiegel“, um „eine neue Form digitaler Gewalt, auf die das deutsche Recht und die Behörden kaum vorbereitet sind – was den Fall weit über das Private hinaus relevant macht.“ Gegenüber seiner Frau soll Ulmen geständig gewesen sein, behauptet jedenfalls Collien Fernandes. Christian Ulmen ließ allerdings Fragen des „Spiegel“ zu diesen Vorwürfen – und zu allen anderen – unbeantwortet.

Damit könnte die Geschichte erzählt und für Ulmen zu empfindlichen Strafen führen. Aber auch eine Verurteilung kann nicht ungeschehen machen, was Fernandes in den Jahren der Ungewissheit durchlitten haben soll, als fremde Männer – womöglich sogar aus dem Bekanntenkreis – annahmen, Collien Fernandes selbst teile mit ihnen Intimstes.

Aber das ist längst noch nicht die ganze Geschichte. Es gibt darüber hinaus noch eine sogenannte Meta-Ebene, die vielschichtiger ist. Der Epstein-Effekt ist hier mehr als nur eine Zufälligkeit. Christian Ulmen ist Teil einer deutschen TV-Elite, bewegt sich in prominenten Kreisen. Der Komiker war gern gesehen, wenn es darum ging, einen doch irgendwie schrägen Vogel als Abendknüller präsentieren zu können.

Was den Epstein-Skandal so bedeutend macht, ist die exzessive Verkommenheit einer globalen Führungselite. Und Ulmen ist hier der billige Gelsenkirchener-Verschnitt einer Verrohung und Verrottung einer Klientel, die über ihre Rollen hinaus in überragendem Maße ihrer Verantwortung und automatischen Vorbild-Funktion nicht gerecht geworden ist – der Elitemensch als Schwein.

Es gibt noch einen weiteren relevanten Aspekt rund um die Vorwürfe gegen Ulmen, welche die Strategie seiner Anwälte bestimmen könnten, wenn es überhaupt zu einem Prozess kommt:

Nach dem Mega-Erfolg als ernsthafter Schauspieler in „Herr Lehmann“ speiste sich Christian Ulmens Popularität zunehmend und zu einem wesentlichen Teil aus Grenzüberschreitungen, aus dem bewussten Brechen von Tabus. Oder kürzer gesagt: Die Erzeugung von Fremdscham wurde zum schnellen Kick und Erfolgsrezept dieses passionierten Darstellers unsympathischer Charaktere.

Das Genre, das Ulmen bekannt gemacht hat, könnte man als Doku-Fiktion bezeichnen. Der Zuschauer sieht zwar eine inszenierte Show, aber sie wird als Dokumentation verkauft wie bei „Mein neuer Freund“. Sie wird zu einer Art Alltag mit doppeltem Boden.

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Der Zuschauer ist gewillt, diese Auftritte wider besseres Wissen als Aufzeichnung eines tatsächlichen Ereignisses zu erleben, weil dadurch der Unterhaltungswert deutlich erhöht erscheint – ähnlich dem amerikanischen Wrestling: Jeder weiß, dass es Fake ist, aber niemand will sich den Spaß verderben lassen.

Was das mit den mutmaßlichen bzw. geständigen Straftaten von Ulmen gegen Fernandes zu tun hat? Ulmen hat offenbar die Kontrolle verloren, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Die bewusste Vortäuschung von Realität, die Produktion von Fakes wurden zudem noch mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet und führte zu lukrativen jahrelangen Werbeverträgen mit der Telekom für Magenta TV.

In diesen Werbespots tritt Ulmen gemeinsam mit Fahri Yardim auf, mit dem zusammen er von 2017–2023 „Jerks“ gedreht hatte. In einem neun Jahre alten Interview zu „Jerks“ beginnt der Moderator mit der Frage: „Herr Ulmen, Sie lieben peinliche Situationen zu produzieren, woher kommt Ihre Leidenschaft für das Hochnotpeinliche?“ Antwort Ulmen: „Das ist so ein bisschen Therapie.“ Und dann geht das minutenlang so weiter.

Was hier rückblickend passiert: Das Genre dreht sich um 180 Grad! Die als Realität verkaufte Fiktion wird zu Realität als Fiktion verkauft. Aber damit noch nicht genug: Ehefrau Fernandes tritt in „Jerks“ als Ex-Frau von Ulmen auf. Das muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen, um es zu verstehen:

Während Ulmen sich jahrelang in Sex-Chats als seine eigene Frau ausgegeben haben soll, ohne dass Fernandes davon etwas wusste, spielen Fernandes und Ulmen sich in „Jerks“ sechs Jahre lang selbst, sie sind also gleichermaßen in der Realität ein Paar wie auch in der Fiktion, wenn auch dort ein bereits geschiedenes.

Und um die gewählte Tiefe dieser Parallelwelten an nur einem von vielen Beispielen plastisch zu machen: In „Jerks“ philosophiert Fahri Yardim als Ulmens Freund, der auch im echten Leben eng mit Ulmen befreundet ist, also im Privatleben auch Collien Fernandes privat kennt, darüber, dass er sich kaum vorstellen mag, wie Ulmen mit Fernandes Sex hätte. Konkret stellt er sich vor, die beiden „trieben es von hinten“.

Diese Szene ist keine Ausnahme. Solche sexuellen Anspielungen sind auch deshalb der Treibstoff von „Jerks“, weil der Zuschauer hier bewusst auf diesen doppelten Boden aus Fiktion und Realität geführt wird und sich die Frage stellen soll: Wirklich passiert oder nur ausgedacht? Oder: Wie viel Wahrheit mag wirklich dahinterstecken?

All das ist keine Entschuldigung für das, was Ulmen seiner Frau und seiner Familie angetan hat. Nein, laut seiner Frau gemacht haben soll! Aber wenn es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung kommen sollte, dürfte bereits klar sein wie eine erfolgsversprechende Verteidigungslinie von Ulmens Anwälten aussehen könnte.

Oder nochmal anders: Das Opfer einer Vergewaltigung ist niemals schuld daran, vergewaltigt worden zu sein, weil es einen zu kurzen Rock trug. Aber zweifellos ist, was Ulmen seiner Frau angetan hat – nein, angetan haben soll! – eine Art konsequente, aber kriminelle Verlängerung dessen, was in „Jerks“ passiert ist und das Format so erfolgreich gemacht hat: eine Art Splattermovie ohne Leiche.

Bild: https://x.com/colliencollien/status/447152048010579968

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