Krieg oder Frieden – The Devil you know

Die Deutschen und eine transatlantische Kriegslust

von Alexander Wallasch (Kommentare: 1)

Hier die Konservativen, dort eine linksgrüne Klientel. Beiden gemeinsam ist das unsichtbare transatlantische Halsband. Und ein Pfiff genügte hier, und schon machen Politik und Medien gemeinsam Männchen.© Quelle: Pixabay / SutoriMedia

Woher kommt in Deutschland eigentlich diese lautstarke Kriegsbegeisterung? Begeisterung ist noch das falsche Wort: Es ist eine Hysterie, eine Art Kriegswut, ein säbelrasselnder Veitstanz im limbischen System.

Vielleicht möchte der gemeine Deutsche, nach tapfer durchgestandenen Generationen von Scham- und Sühneleistungen, endlich bei den Alliierten ganz vorne mit dabei sein. Und hier rächt sich dann auch, dass die heimkehrenden Wehrmachtssoldaten, dass die Väter und Großväter schnell verstummten, als niemand ihre Geschichten aus Blut, Rotz und Tränen hören wollte.

Antikriegsgeschichten waren hier auch Tätergeschichten. Ersetzt wurde dieses verschwiegene Elend vom Ruhm der siegreichen Befreier, von den Inglourious Bastards. Die deutsche Außenministerin warnt aktuell vor einer Kriegsmüdigkeit versus einer Sehnsucht nach Frieden. Die taz zitiert Annalena Baerbock folgendermaßen: „Wir haben einen Moment der Fatigue erreicht.“ Was "Fatigue" bedeutet, erfahren Sie hier.

Irritierend ist auch die Mutmaßung der Grünen, wo diese Müdigkeit herkommt: Eine wachsende Skepsis hänge unter anderem damit zusammen, zitiert das Hausblatt der Grünen, „dass der russische Angriffskrieg zu höheren Preisen bei Energie und Nahrungsmitteln führe“.

Kann die traditionelle Friedensbewegtheit der eigenen Klientel eigentlich schlimmer mit Füßen getreten werden? Wer hier den Wunsch hat, dass das Töten endet, macht sich nach Baerbock verdächtig, in die eigene Tasche zu wirtschaften, ein Egoist zu sein, der nur an seinen Vorteil (Einkaufen/Tanken) denkt.

Bei genauer Betrachtung kommt die deutsche Kriegslust aber auch aus der politisch gegenüberliegenden Ecke:

Hier entlädt sich eine jahrzehntelange, hochnäsig vorgetragene Verunglimpfung des vermeintlich Konservativen durch die politische Linke. Diese in der Selbstdefinition konservierenden Kräfte gegen jene, die sich selbst zwanghaft einer wie auch immer gearteten neuen Weltordnung verschrieben haben – die rechten Transatlantiker gegen die linken Imperialismus-Gegner.

Seit Anfang der 1970er Jahre mussten die Konservativen, die Unionswähler, die von Links „Spießer“ genannten Bürger, der Mittelstand, die Schaffenden – sie alle mussten erleben, wie der Marsch durch die Institutionen immer erfolgreicher wurde und zuletzt in eine von grünradikalen Kräften dominierten Bundesregierung und einem staatlich subventionierten Netzwerk linksradikaler Nichtregierungsorganisationen (NGO) mündete. Der Sieg gegen das Bewahrende schien vollkommen.

Die Konservativen hatten sich die Hegemonie über den gesellschaftlichen Diskurs längst wegnehmen lassen. Aber diese frustrierte Klientel schlägt jetzt doppelt zurück: In der Ukraine-Frage wittern sie Morgenluft und sehen die Mehrheitsfähigkeit. Die Zugbrücke ist fast heruntergelassen, Genderfragen und Sprachpolizei zählen nichts mehr.

Denn wenn die Waffen sprechen, sind auch Feldhamster und CO2-Ausstoß nichts mehr wert. Und Panzer werden nicht von Sonnenkollektoren oder Windrädern angetrieben: Ein Leopard2 beispielsweise verbraucht 500 Liter Diesel auf 100 Kilometer und ein moderner Kampfjet verbrennt pro Stunde zwischen 2.000 und 6.000 Liter Kerosin.

Der linksgrüne Mainstream zeigt hier seine offene Flanke. Und die eklatanten Widersprüche zwischen Ideologie und Realpolitik treten mit einem hässlichen Knirschen zu Tage.

Aber das Wunder geschieht: Der Konservative erkennt im Neukonservativen den Bündnispartner, die gemeinsame Fahne ist die der Transatlantiker.

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Beispielsweise der Publizist Hendryk M. Broder entschuldigt sich für alle bösen Worte über Annalena Baerbock. Oder war das nur Ironie? Gleichzeitig fetzen sich bei Tichys Einblick die Autoren, weil Roland Tichy ein blau-gelbes Heranwanzen eines seiner Autoren an Baerbock dann doch ein Stück weit zu bigott oder unerträglich fand. Zu Recht.

Anti-Hippie meets Hippie. Eine Wiedervereinigung unter dem Motto: Nur ein toter Russe ist ein guter Russe. Oder wie es Schriftsteller Wladimir Kaminer für die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt: „Putin verwandelt alles in Scheiße“. Und Kaminer sieht schon jetzt die ewige Schuld an jedem Russen kleben, ganz gleich, wie der Krieg ausgeht:

„Möglicherweise kehren auch die Extremtouristen in die Taiga zurück. Aber das Kainsmal wird man von der geheimnisvollen russischen Seele nicht mehr wegkratzen können.“

Die als „Spießer“ verschmähte heimliche Mehrheit der Deutschen kommt jetzt aus ihren Komfortzonen, in die sie sich nach der Selbstaufgabe vor dem übermächtigen linksgrünen Establishment zurückgezogen hatten. Und sie kommen im selben Tempo hervor, wie Putins Soldaten in die Ukraine vorrücken. Obwohl, das Bild ist eigentlich schief, denn die Nachfolger der ruhmreichen Roten Armee kommen nicht recht vorwärts.

Ganz klar: Wo der linksgrüne Mainstream unter dem Eindruck des Ukrainekrieges aus seinem regenbogen-bunten Komfort-Kinderparadies abberufen und zum offenen transatlantischen Statement genötigt wurde und diesem Begehren auch sofort nachgab, da müssen die konservativen Transatlantiker noch viel schriller Farbe bekennen.

Und sie machen das mit dem Füllhorn von Ulf Poschardt (Springer/Welt) bis hin zu Ex-Bild-Chef Julian Reichelt, der via Twitter besonders lautstark plärrt, um sich von den neuen linksgrünen Bündnisgenossen abzusetzen.

Aber was ist nun die Erkenntnis daraus? Diese deutschen Grabenkämpfe waren zu großen Teilen wohlstandspeckige Spielereien einer satten Gesellschaft, die sich als Wertegemeinschaft im Sinne einer Nation längst aufgegeben hat:

Hier die Konservativen bis hinüber zur AfD, dort eine linksgrüne Klientel, bis hin zu Sympathiebekundungen für eine gewalttätige extremistische Antifa.

Aber beiden gemeinsam ist das unsichtbare transatlantische Halsband. Und ein Pfiff genügte hier, und schon machen Politik und Medien gemeinsam Männchen.

Die vermeintlich Konservativen schlecken Uncle Sams hingestreckten Zeigefinger dabei in Konkurrenz sogar noch ausgiebiger als die auf einmal lammfromm brave Linke. Eine Szene wie aus der Erfolgsserie Vikings, wo, wer sein Schicksal erfahren will, dem Seher dafür ausgiebig die hingehaltene faltige Klaue abschlecken muss – The Devil you know.

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Kommentare

Kommentar von Herbert Wolkenspalter

Gleichzeitig fetzen sich bei Tichys Einblick die Autoren, weil Roland Tichy ein blau-gelbes Heranwanzen eines seiner Autoren an Baerbock dann doch ein Stück weit zu bigott oder unerträglich fand.

Was ist davon zu halten, wenn Roland Tichy, der eingefleischte Transatlantiker und Antirusse, vor lauter vernichtender Kritikleidenschaft an den Grünen, insbesondere an Baerbock, noch nicht einmal dann ein gutes Wort für sie zulässt, wenn sie in aller öffentlicher Lautstärke die verbale Propagandaarbeit übernimmt, die Tichy in der Sache nur zupass kommen kann?

Wenn ich an Tichy denke, erinnere ich mich immer wieder an seine Charakterschwächen, der in diesem Fall noch nicht einmal dankbar sein kann, wo es – aus seiner eigenen Perspektive – angemessen wäre.

Ist nicht Tichy der, der hier in substanziellem Widerspruch mit sich selber ist (ergo: bigott) – was sich eigentlich nur noch als chronischer, persönlicher Hass zu erklären ist, der stärker als jeder Inhalt ist – während er zu feige ist, einen Autorenbeitrag komplett zu kanzeln, anstatt ihn zuerst ungefragt passagenweise ins Gegenteil zu verdrehen und später nach Beschwerde des Autors unter anderer Urheberbezeichnung immer noch die andere Hälfte zu plagiieren, die Tichy in den Kram passt?

Wenn Tichy also etwas „unerträglich“ findet, heißt dies noch lange nicht, dass diese emotionale Regung als ethischer Maßstab tauglich ist. Tichy hat selber sogar schon vor Gericht erleben müssen, dass er mit seinen Gefühlen falsch liegt, nicht zuletzt weil seine Begründungen unlogisch waren. Gefühle können auch irren. Sie kommen eher selten aus dem Verstand und sind oft stärker als dieser.

Wenn sich Autoren dort jetzt darüber streiten – ich habe das selber nicht mehr verfolgt – verstehe ich das nur allzu gut.

PS:
Ansonsten finde ich in o.g. Artikel von Alexander Wallsch gut Beobachtetes und Verglichenes und auch, dass er beide Augen aufgemacht hat. Findet man heutzutage eher selten.