Offener Brief an Sahra Wagenknecht

Eine neue Wagenknecht-Partei: Hoffnungsträger oder Totgeburt

von Alexander Wallasch (Kommentare: 34)

Eine Wagenknecht-Partei käme dem dringenden Wunsch der etablierten Partien, den Höhenflug der AfD zu stoppen, mutmaßlich entgegen.© Quelle: Youtube/ZDF Screenshot

Wenn es Ihnen gelingen sollte, überzeugend Ihren linken Wesenskern in ein Herz für Deutschland zu implantieren, könnte die Wagenknecht-Partei überraschen. Gelingt das nicht, dann bliebe nur eine weitere Skurrilität auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zurück.

Liebe Sahra Wagenknecht,

Ihre Partei möchte, dass Sie endlich gehen. Sie sind jetzt so etwas wie die Frau Dr. Maaßen der Linken geworden, lediglich ein Parteiausschlussverfahren trauen sich die Parteivorsitzenden Schirdewan und Wissler noch nicht.

Hier wäre allerdings der Vergleich noch dahingehend zu prüfen, ob Sie mit einer Partei „Die Linken“ zufrieden wären, wie sie Gysi und Lafontaine einmal angedacht hatten, so wie Dr. Maaßen eher den Positionen von CDU-Größen wie Adenauer, Erhard und Kohl zugeneigt ist, als jenen von Merkel und Merz.

Bei der Linkspartei muss ich tatsächlich manchmal an die Junge Freiheit denken. Beide werden ihre Vergangenheit einfach nicht los. Mit dem Unterschied, dass die Partei „Die Linke“ mit der SED/PDS mehr als nur eine Reißzwecke im Schuh hat, während die Junge Freiheit seit Jahrzehnten gegen Diffamierungen ankämpft, die nur zum Teil mit realen Anwürfen wegen verflossener Autoren und Mitstreiter wie Kopp, Kubitschek, Molau und anderen zu tun haben.

Ihre beiden Parteivorsitzenden haben jetzt verkündet, die Zukunft der Linken sei eine „Zukunft ohne Sahra Wagenknecht.“. Dass man das endlich öffentlich verkündet habe, sei ein guter Tag. Aber die Partei kann Ihnen nicht die Tür vor der Nase zuschlagen, denn Sie halten ihren Stiefel noch auf der Schwelle.

Hand aufs Herz: Haben Sie sich einfach nur verpokert oder wollten Sie diese Reaktion provozieren, weil es für eine Parteigründung erfolgversprechender ist, wenn sie aus der Opferrolle der Gefeuerten zu neuen Ufern aufbrechen? Wenn sie also blutend zum Arzt gehen, als nur von inneren Schmerzen zu erzählen?

Noch etwas ist mir aufgefallen: Auch in diesem Fall kann man ihre erste Reaktion wieder in den etablierten Medien – in diesem Falle der „Welt“ – nachlesen, die oft genug auch von Ihnen gescholten wurden. Die Neuen Medien hingegen, die durchaus mit einer Führungsfigur der Linkspartei ihre Schwierigkeiten haben, waren Ihren Ideen gegenüber immer aufgeschlossen, wurden und werden von Ihnen aber weiterhin gemieden, wie der Teufel das Weihwasser meidet.

Sie haben diese positive Haltung der immer breiter aufgestellten neuen Medien Ihnen gegenüber immer gern mitgenommen, sind aber nie darüber hinausgegangen. Ja, sie haben die von links üblichen Diffamierungen auch mal ausgelassen, aber mehr war da nicht, keine Interviewfrage wurde positiv beantwortet, niemand gegen Diffamierungen in Schutz genommen, auch sonst gab es von Ihnen keine Solidaritätsadresse zu jenen Publikationen, welche die von Ihnen angepeilte Klientel mutmaßlich mehrheitlich liest.

Klar ist auch: Eine Wagenknecht-Partei käme dem dringenden Wunsch der etablierten Partien, den Höhenflug der AfD zu stoppen, mutmaßlich entgegen. Zweifellos gibt es hier besondere Schnittmengen.

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Über noch etwas müssen wir reden und dürfen es, weil Sie selbst es öffentlich gemacht haben. Die Rede ist von Ihrem Burnout Anfang 2019, der für Sie unter anderem auch Anlass gewesen sein soll, Ihren Fraktionsvorsitz niederzulegen. Ende 2019 sagten Sie bei Maischberger in einer der öffentlich-rechtlichen Talkshows, dass Sie gesundheitlich „gerade noch die Reißleine gezogen“ hätten.

Aber wie viel stressresistenter sind Sie vier Jahre später? Diese Frage muss dringend gestellt werden. Denn auf eine Antwort haben mindestens diejenigen ein Anrecht, die sich zukünftig in einer neuen Wagenknecht-Partei engagieren würden – die Wähler sowieso. Denn so eine Wahl ist idealerweise genau das: Eine Investition in die Zukunft.

In dem Zusammenhang muss noch etwas angesprochen werden: Viele Menschen sind Ihnen gefolgt und haben viel Herzblut gegeben für eine Bewegung, die Sie gegründet und dann faktisch fallengelassen bzw. bis zum Untergang vernachlässigt haben. Die Rede ist hier von „Aufstehen“, gegründet im August 2018, eine Bewegung, die kein Jahr später Opfer Ihre Burnouts geworden ist. Oder präziser: Der Burnout schützte Sie davor, dass sich noch mehr Menschen darüber Gedanken machen konnten, dass eine Wagenknecht-Partei alles andere als ein Selbstläufer sein muss.

Ja, dafür haben die arbeitenden Menschen Verständnis, sie wissen, wie verschleißend ein Arbeitsalltag sein kann. Aber diese Leute haben auch ein Anrecht darauf, zu wissen, wie stabil Sie sind, wenn Sie an neue Aufgaben herangehen.

Sie haben in den letzten Jahren viel und laut Kritik geübt. Das hat den Leuten gefallen. Aber es hat ihnen auch deshalb so gefallen, weil Sie es als Linke taten und damit zur Desperada Ihrer Partei wurden. Indes: Die Positionen, die Sie dabei vertraten, werden außerhalb der Linken klarer und deutlicher formuliert. Sind Sie nicht mehr Teil der Linken, werden Sie mit diesen Stimmen auf dem freien Markt der Ideen konkurrieren müssen.

Aber mal ganz konkret geschaut: Was kann denn Ihr unwiderstehliches Angebot sein? Ich denke dabei an die verebbte Globalisierungskritik. Wollen Sie diese Kritik in Deutschland wiederbeleben? Ist eine erneuerte Globalisierungskritik à la Wagenknecht auch eine Kritik an den Plänen der Weltgesundheitsorganisation, an den Plänen von UN und EU?

Wird sich eine Wagenknecht-Partei scharf gegen globale Interessen und engagiert für deutsche Interessen einsetzen? Und mal ohne Umschweife gefragt: Werden Sie „hässliche Bilder“ an den deutschen und den EU-Grenzen ertragen, wenn damit die Pullfaktoren der Massenzuwanderung eingedämmt werden?

Der Aufgabenzettel ist riesengroß. Aber auch Sie werden sich neu profilieren müssen, Sie werden Fragen über Fragen beantworten müssen, was Sie eigentlich wollen und es in ein überzeugendes Programm einzuschreiben gedenken.

Bereits dann geht der Ärger los: Die etablierten Medien werden genau schauen, wie viele Positionen mutmaßlich deckungsgleich mit jenen der AfD sein werden, und der AfD-Wähler wird sich fragen, warum er nicht dort bleiben soll, wo die Positionen weiterhin viel deutlicher formuliert werden.

Liebe Frau Wagenknecht, gedenken Sie sich gegenüber der AfD mit den üblichen etablierten Klischees und Ressentiments abzugrenzen?

Das wahrscheinlichste Szenario wird sein, dass Sie überall dort Stimmen abgreifen werden, wo Menschen nicht mehr wissen, was sie wählen sollen, weil sie bei keiner Partei das Gefühl haben, dass ihre Interessen vertreten werden oder weil sie – aus welchen Gründen auch immer – die AfD als einzige Opposition im deutschen Bundestag für unwählbar halten.

Und durchaus realistisch ist es, dass die größte Wählerwanderung hin zu einer Wagenknecht-Wagenburg-Partei von den Nichtwählern kommt. Die Enttäuschungen sind hier vorprogrammiert, diese Klientel hat wenig Vorschusslorbeeren zu vergeben.

Wie bei Oskar Lafontaine schlägt auch bei Ihnen das Herz weiter links. Warum Ihr Links nun ein ganz anderes Links sein soll, als bei der SPD oder der Linken – dies zu erklären und positiv zu verkaufen, wird Ihre Meisterprüfung.

Aber wenn es Ihnen überraschenderweise gelingen sollte, überzeugend ihren linken Wesenskern in ein Herz für Deutschland zu implantieren, dann wäre die Wagenknecht-Partei womöglich ein spannender neuer Mitspieler. Gelingt das nicht, dann bliebe nur eine weitere Skurrilität auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zurück.

Wenn Sie nicht daran glauben, dass das gelingen könnte, dann beerdigen Sie bitte ganz schnell die Idee einer Wagenknecht-Partei. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Mehrheit der Deutschen Ihre bisherige Arbeit wohlwollend respektiert und Sie vielfach bewundert. Dann belassen Sie es besser dabei und bleiben Sie den Menschen als ein politischer Akteur in Erinnerung, der es wenigstens versucht hat.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die richtige Entscheidung treffen. Für sich selbst, und wenn es hochkommt, für das Land.

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