Für so eine Jubelorgie reist der AfD-Politiker gerne in sein Geburtsland zurück

Großdemo auf dem Wenzelsplatz: Petr Bystron holt sich in Prag frenetischen Applaus ab

von Alexander Wallasch (Kommentare: 2)

„Wir glauben nicht mehr diese Verunglimpfungen! Wir sind da und wir lassen uns nicht vorschreiben, wann und mit wem wir demonstrieren können.“© Quelle: Youtube / deutschland kurier

Wie kommt ein deutscher Bundestagsabgeordneter auf eine große Bühne auf den Prager Wenzelsplatz? Wie reagieren die Tschechen darauf?

Gestatten Sie mir, dass ich kurz ein paar persönliche Worte verliere, bevor ich mich mit der erstaunlichen Nachricht befasse, dass ein deutscher Bundestagsabgeordneter in Prag vor vielen zehntausenden Demonstranten eine umjubelte Rede für die Freiheit der europäischen Völker hält. Vorab: Die Tschechen spielen in meiner Familie eine gewichtige Rolle, mütterlicherseits sperrten sie die Familie in Lager ein unter grausigen Bedingungen, die man hier nicht nacherzählen kann.

Als meine Mutter als erwachsene Frau einmal nach Prag fuhr, war meine Großmutter geschockt und sprachlos. Im Altenkreis, den sie regelmäßig besuchte, verpasste sie nur einmal eine Veranstaltung: Nämlich den Termin, als dort der tschechische Chor eingeladen war.

Der Bundestagsabgeordnete Petr Bystron (AfD) sagte mir dazu: „Das interessiert heute niemanden mehr. Das spielt keine Rolle mehr, diesen Spalt muss man schon gewaltsam zwischen uns Europäer treiben wollen. Die Probleme der Europäer sind heute gemeinsame.“

Wenn wir in der Gedankenwelt bleiben, kann man durchaus feststellen: Aber offensichtlich werden sie noch nicht im selben Maße gemeinsam gelöst.

Während die Demonstrationen gegen eine Regierung und gegen die explodierenden Lebensmittel- und Energiekosten in Deutschland nur mühsam in Fahrt kommen, stehen in Prag hunderttausend Demonstranten auf dem Wenzelsplatz, wie Bystron berichtet.

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Und der AfD-Bundestagsabgeordnete muss es wissen, er war nämlich vor Ort auf der Bühne als Gastredner und wurde von den Massen unter ihm gefeiert. Hilfreich hier selbstverständlich seine tschechische Herkunft mütterlicherseits, sein Großvater väterlicherseits kämpfte als Pionier in der Wehrmacht, wollte aber nach Kriegsende seinen Hof nicht verlassen und heiratete also eine Tschechin.

Bystron kam aber mit 16 nicht als Spätaussiedler nach Deutschland, was durchaus plausibel gewesen wäre. Die Familie beantragte erfolgreich Asyl, seine Eltern waren aus politischen Gründen geflohen. Und damals, dass kann man sagen, wurden nur sehr wenige solcher Asylanträge anerkannt, es gab also gewichtige Gründe.

Was Bystron den Tschechen zu sagen hatte, lesen Sie im Folgenden. Man kann das ein Stück weit pathetisch, zu dick finden. Aber in Prag trifft Bystron perfekt den Ton, der auf dieser Demonstration erfolgreich ist.

Vor dem deutschen Politiker weht ein großes weiß-rot-blaues Fahnenmeer. Und es ist längst nicht die erste Demonstration, laut Bystron haben die Tschechen hier schon den Corona-Maßnahmen Adieu gesagt.

Die taz schrieb über eine Vorgänger-Demonstration Anfang September von einer „Querfront aus Rechtspopulisten und besorgtem Kleinbürgertum“.

Und um die Örtlichkeit der Bystron-Rede noch besser zu verstehen, bleiben wir bei der taz, die den Wenzelsplatz durchaus absichtsvoll despektierlich so beschreibt:

"Der Prager Wenzelsplatz ist kein Platz, sondern ein Boulevard: sechzig Meter breit und drei Viertel Kilometer lang, eingebettet zwischen Fluss und Weinbergen, der Altstadt und der Neustadt, mit Liebespaaren und Drogendealern. Der einstige Pferdemarkt bildet heute eine Kreuzung, auf der die Welt auf Tschechien trifft und Tschechien auf Prag: als Einkaufszentrum, Flaniermeile, Touristenfalle und Straßenstrich."

Das ist deshalb interessant, weil die demonstrierenden Tschechen diesen Ort mit ihrer Demonstration zu einem Ort der Freiheit machen wollen – auch bei Bystrons Rede wird immer wieder „Svoboda“ skandiert. Die taz macht daraus kurzerhand die Freiheit des Straßenstrichs.

Wer demonstriert da? Im Prinzip ist es hier eine Art „Tschechien First“-Veranstaltung mit allen dafür in Frage kommenden auch sehr düsteren Farbeinsprenklungen. Aber nicht nur in Prag, es wurde zeitgleich in weiteren tschechischen Städten demonstriert, freilich bei weitem nicht mit der gleichen Ressonanz.

Organisiert wurde es von Tschechen, die vielfach erklären, sich im Widerstand zu befinden. Die einzige Parlamentspartei, die sich dort einbringt, ist die SPD (Svoboda a přímá demokracie), Bystron nennt sie „eine Partnerpartei der AfD“. Das Goethe-Institut schreibt über die Partei, ihr Chef Okamura nutze die aktuelle Stimmung der Tschechen für Schreckgespenster.

Allerdings: Nicht nur für viele Tschechen, sondern für immer mehr Europäer sitzen die Schreckgespenster in Brüssel und an der Spitze ihrer Regierungen. Deshalb gehen sie hier auf die Straße.

Im ersten Teil der Veranstaltung stellten die Organisatoren eine Schattenregierung aus Experten vor. In Tschechien soll das ein großes Thema sein, viele sind dieser Politkarrieren ihrer Führung überdrüssig. So eine Expertenregieurng gab es schon nach der Wende einmal. Die Idee ist sehr populär.

Im zweiten Teil kamen die ausländischen Gäste zu Wort.

Die Rede von MdB Petr Bystron bieten wir hier in der deutschen Übersetzung an und anschließend noch einmal als Stimmungsbild im Youtube-Film.

Rede von Petr Bystron am 28.09.22 auf dem Wenzelsplatz in Prag/CZ
(Übersetzung aus dem Tschechischen)

"Hallo Prag!

Liebe Freunde, als Ihr hier das erste Mal demonstriert habt, haben Euch hunderttausende Menschen in Deutschland und Millionen Menschen auf ganzer Welt gesehen. Ihr seid die Hoffnung für ganz Europa!

(Jubel. Publikum ruft „Freiheit, Freiheit!“)

Ihr könnt stolz sein, dass ihr Tschechen seid! Und ich verstehe nicht, wie ein tschechischer Premierminister sagen kann, daß ihr russische Schaben seid.

Seid ihr russische Schaben?

(Menge ruft: Nein!)

Seid Ihr stolze Tschechen?

(Menge: Ja!)

Freunde, wisst ihr, was ich mir anhören musste, bevor ich hierher gefahren bin?

Alle haben mir gesagt: „Geh nicht hin!“ Genauso wie sie es Euch gesagt haben: „Geht nicht hin!“

Sie verleumdeten die Organisatoren, sie verleumdeten die Redner: „Dort sind die Kommunisten, dort sind die Rechten, die russischen Schaben!“

Und ich sage Euch:

Wir glauben nicht mehr diese Verunglimpfungen! Wir sind da und wir lassen uns nicht vorschreiben, wann und mit wem wir demonstrieren können.

(Publikum skandiert wieder: Freiheit, Freiheit!)

Sehr geehrte Freunde,

diese vertikale Teilung in die Rechten da, die Linken hier – das sind politische Konzepte aus dem neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundert. Aber wir leben im 21. Jahrhundert und da ist die Linie nicht vertikal, sondern horizontal.

Die neue Teilung ist zwischen Parteien wie wir, die immer für die Menschen kämpfen, für die Bevölkerung. Wir sind Populisten und wir kämpfen gegen die da oben – gegen Globalisten!

Diese populistischen Bewegungen sind nicht nur hier in Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn, sondern in ganz Europa, auf der ganzen Welt.

Donald Trump ist auch Populist. Er hat für die Mittelschicht gekämpft! Er kämpft nach wie vor für Menschen, die arbeiten gehen und Steuern zahlen. Deswegen sind die Globalisten hinter ihm her, deshalb machen sie bei ihm Hausdurchsuchungen. Deshalb gehen sie jetzt sogar gegen seine Kinder vor!

Aber wir geben nicht auf, wir kämpfen gegen sie, wir haben deren Lügen längst durchschaut! Diese Demonstrationen in ganz Europa sind nur der Anfang. Unser erfolgreicher Weg führt in die Parlamente:

Die Schwedendemokraten [Sverigedemokraterna] in Schweden und Meloni in Italien haben die Wahl gewonnen, Viktor Orban hat schon vier Wahlen in Folge gewonnen und jedes Mal hat er mehr Prozent bekommen.

Sie können uns verleumden, wie sie wollen! Sie können sagen, daß wir Faschisten sind, daß wir Putins Kolonne sind – das ist uns ganz egal!

Meine Kollegin Meloni hat es genau auf den Punkt gebracht: Wir kämpfen für Familie, für Gott und für die Heimat! Und ich füge hinzu: für unsere Freiheit!

(Publikum skandiert wieder: Freiheit, Freiheit!)

Wir sind nicht alleine! Im ganzen Land sind Menschen auf den Straßen. Gerade jetzt habe ich die Info vom Kollegen Okamura bekommen, dass sie im Augenblick in Ostrava auf den Straßen sind: Ostrava grüßt Prag!

Prag grüßt Ostrava!

Zum Schluß noch, da wir uns hier so nett unterhalten, wollte ich Euch fragen: Vor kurzem war eine Dame in Berlin – also ich kenne sie nicht persönlich – aber sie vertritt eine Partei, die ihre eigenen Wahlpräferenzen bereits im Namen trägt: Die „TOP 0,9%“ [Partei heißt TOP 09]

Irgendeine Frau Pekarova–Admaova … Kennt ihr sie? Also diese Dame ist, von eurem Steuergeld bezahlt, nach Berlin gereist um sich über mich zu beschweren. Sie will nicht, daß ich an den tschechisch-deutschen Beziehungen arbeite.

Ich höre Euch. Aber ich weiß nicht, ob sie das gehört hat. Sagt ihr: Wen wollt Ihr? Wer soll die deutsch-tschechischen Beziehungen gestalten: Pekarova oder Bystron?

(Bystron Rufe)

Wen wollt ihr?

(Bystron Rufe)

Bystron? Wir können es hier hören, aber die da im Parlament nicht. Noch einmal! Vielen Dank, ihr seid fantastisch! Viele Grüße aus Deutschland!

Zum Schluss möchte ich noch eine Sache sagen: Vielleicht seid ihr oder Eure Eltern hier auf dem gleichen Platz vor mehr als 30 Jahren gestanden und habt für eure Freiheit gekämpft. Ihr wart ein Vorbild für ganz Europa. Und niemand von uns hat damals gedacht, daß wir heute hier stehen und wieder für unsere Freiheit werden kämpfen müssen.

Aber wir sind da und wir werden gewinnen!“

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Kommentare

Kommentar von La Vinia

>>Der Bundestagsabgeordnete Petr Bystron (AfD) sagte mir dazu: „Das interessiert heute niemanden mehr. Das spielt keine Rolle mehr, diesen Spalt muss man schon gewaltsam zwischen uns Europäer treiben wollen. Die Probleme der Europäer sind heute gemeinsame.“<<

Finde ich bei einem Politiker einer rechten Partei schon eine etwas befremdliche Aussage. Ich meine, sich daran zu erinnern, zumal innerhalb von betroffenen Familien, hat doch nichts mit Spaltung zu tun, denn Traumata hören nicht deshalb auf zu wirken, weil sich angeblich niemand mehr dafür interessiert. Eher im Gegenteil.

Kommentar von Hildegard Hardt

Der charismatische Petr Bystron ist einer der wenigen aufrechten Politiker, der sich nicht einschüchtern läßt und auch im Deutschen Bundestag klar und in gepflegter Sprache seine Meinung vertritt.
Eine Beispiel dafür ist seine Rede vom 08.09.2022 unter dem Titel "Warum sitzt Baerbock noch im Bundestag und nicht in der Ukraine". Sie ist wirklich anhörenswert.