Ein investigativer Blick hinter die Kulissen des Weißen Hauses – und was er über amerikanischen und deutschen Journalismus verrät

New York Times enthüllt: So führte Trump die USA in den Krieg gegen den Iran

von Alexander Wallasch (Kommentare: 1)

Inside White House© Quelle: Pixabay/AberrantRealities/Gregroose, Montage: Wallasch

Die „New York Times“ legt detailliert dar, wie Israel die USA zum Krieg gegen den Iran drängte – und wie Trump trotz interner Warnungen zustimmte. Ein Bericht, der zeigt: In Washington gibt es noch echte Investigativjournalisten – man muss sie nur kritisch genug lesen. In Berlin wären solche Enthüllungen undenkbar.

Die „New York Times“ veröffentlichte am Dienstag eine große Investigativgeschichte über die Entscheidung der USA hin zum Krieg gegen den Iran. Die Story zeigt auf beeindruckende Weise den Unterschied zwischen amerikanischem und deutschem Journalismus. Was im Artikel „How Trump Took the U.S. to War With Iran“ direkt aus der Weltmachtzentrale im Weißen Haus zusammengetragen wurde, wäre etwa aus dem Kanzleramt in Berlin unmöglich. Es gibt diese Berichte nicht, es gibt diese Journalisten nicht.

Die Investigativ-Reporter Jonathan Swan und Maggie Haberman gehören zu den bestvernetzten und bestinformierten Journalisten, was alles rund um das Weiße Haus betrifft. Dort soll es in den letzten Wochen eine Alarmstimmung rund um Informationen gegeben haben, welche den genannten Journalisten aus streng vertraulichen Sitzungen zugeschoben worden sein soll.

Alles, was die „New York Times“ über die Entwicklung im Weißen Haus hin zum Irankrieg berichtet hat, soll von Informanten stammen, die dabei waren bzw. von solchen, die von den Anwesenden darüber unterrichtet wurden. Strenggenommen könnte man hier durchaus von Verrat sprechen. Aber dieser „Verrat“ hat in den USA eine lange Tradition und wird dort überwiegend als Arbeit der Vierten Gewalt verstanden.

Das Weiße Haus hat übrigens keine Stellungnahme abgegeben und dementiert die Darstellung der „New York Times“ (NYT) nicht öffentlich – was in solchen Fällen ebenfalls aussagekräftig sein soll. Aus früheren Investigativberichten weiß man: Trump selbst bestreitet oft nicht die Fakten, sondern die Interpretation. Beide Journalisten stehen zwar in der NYT-Tradition einer kritischen Haltung gegenüber Trump, liefern aber vor allem detaillierte, quellenreiche Insider-Reporting statt reiner Meinungsartikel.

Und jetzt kommt ein „aber“: Ihre Berichterstattung fokussiert stark auf die negativen Aspekte und betont seltener positive Erfolge. Das bedeutet für den Leser: Ein hohes Vertrauen bei konkreten Zitaten, Meeting-Beschreibungen oder dokumentierten Abläufen ist gerechtfertigt. Demgegenüber ist Skepsis angebracht, wenn es um psychologische Einschätzungen und Wertungen geht.

Die Story der NYT beginnt mit einem Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu am 11. Februar 2026 kurz vor 11 Uhr im Weißen Haus. Hier ging es direkt in den seltener genutzten Präsentationsraum in enger Besetzung. Via Bildschirm sollen David Barnea, der Direktor des Mossad, Israels Auslandsgeheimdienst, sowie israelische Militärs zugeschaltet gewesen sein.

Auf amerikanischer Seite sollen Susie Wiles, die Stabschefin des Weißen Hauses, Außenminister Marco Rubio, der gleichzeitig als nationaler Sicherheitsberater fungierte, Verteidigungsminister Pete Hegseth und General Dan Caine dabei gewesen sein, ebenso wie John Ratcliffe, der Direktor der CIA. Anwesend waren auch Jared Kushner, der Schwiegersohn des Präsidenten, und Steve Witkoff, Trumps Sonderbeauftragter für den Iran. Vize-Präsident JD Vance befand sich zu dem Zeitpunkt in Aserbaidschan.

Der Anlass für das Treffen war klar: Netanjahu war gekommen, um die Amerikaner zum Krieg gegen den Iran zu überreden. Und als er mit seinem Vortrag und einer Bildschirmpräsentation fertig war, soll der US-Präsident kurz und knapp gesagt haben: „Klingt gut.“

Nach dem Treffen, so wurde es der NYT berichtet, sollen die Analysten die ganze Nacht daran gearbeitet haben, die Stichhaltigkeit der Aussagen des israelischen Teams gegenüber dem Präsidenten zu prüfen. Das Analyseteam soll Netanjahus Vortrag in vier Teile gegliedert haben:

Der erste Teil betraf die „Dekapitation“ – die Tötung des Ayatollahs. Der zweite Teil betraf die Lähmung der Fähigkeit des Iran, Macht auszuüben und seine Nachbarn zu bedrohen. Der dritte Teil betraf einen Volksaufstand im Iran. Und der vierte Teil einen Regimewechsel, bei dem ein säkularer Führer eingesetzt werden sollte, um das Land zu regieren.

Oder mit anderen Worten: Der Ablauf des Krieges samt seiner Zielsetzung wurde von den Israelis erdacht und wie der tatsächliche Ablauf der Kriegshandlungen zeigt, wurde in der Ausführung kaum davon abgewichen. Netanjahu hatte sich auf ganzer Linie durchgesetzt. Und das, obwohl die Analysten der US-Regierung zum Schluss gekommen sein sollen, dass der dritte und vierte Teil von Netanjahus Vorschlag, der die Möglichkeit einer Bodeninvasion der Kurden im Iran beinhaltete, realitätsfern seien. Der CIA-Direktor soll die Szenarien des israelischen Premierministers für einen Regimewechsel sogar als „lächerlich“ bezeichnet haben.

Trump haben aber viel mehr die ersten beiden Punkte interessiert, heißt es: Die Tötung der iranischen Führung und die Lähmung des Handlungsspielraumes der Iraner. Volksaufstand und Regime-Change zu erreichen, seien für Trump eher Sache der Iraner und Israelis gewesen.

Bemerkenswert sind die Details der Investigativ-Recherche: So sollen sich alle Anwesenden des Treffens mit Netanjahu bereits darüber bewusst gewesen sein, „dass der Iran in der Lage war, seine Raketen- und Drohnenbestände zu weitaus geringeren Kosten und viel schneller aufzubauen, als die Vereinigten Staaten die weitaus teureren Abfangraketen bauen und liefern könnten.“

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Der Artikel der Trump gegenüber kritischen Journalisten widerlegt wie nebenbei die Geschichte, Trump sei überrascht worden. Danach seien die beiden für den US-Präsidenten entscheidenden Ziele erreicht worden.

Trumps wichtigster militärischer Berater, General Caine, soll den Präsidenten zudem gewarnt haben, dass eine groß angelegte Offensive gegen den Iran die amerikanischen Waffenvorräte drastisch erschöpfen würde, darunter auch Raketenabwehrsysteme, deren Vorräte nach jahrelanger Unterstützung für die Ukraine und Israel bereits stark beansprucht worden seien. Zudem seien die iranischen Raketen viel preiswerter und schneller zu fabrizieren als die teuren Abwehrwaffen.

Besagter General soll Trump zudem darauf hingewiesen haben, dass es „enorme Schwierigkeiten“ bei der Sicherung der Straße von Hormus geben werde samt Risiken, dass der Iran diese blockieren könnte. Das deutet ebenfalls darauf hin, dass die Analysen aus dem Weißen Haus präzise vorausschauend analysiert haben, was passiert.

Trump soll allerdings zu optimistisch gewesen sein, was ein schnelles Ende und eine schnelle Unterwerfung der iranischen Führung angeht. Der Präsident rechnete offenbar tatsächlich mit einer schnellen Kapitulation, schreibt die Zeitung, noch bestärkt dadurch, wie verhalten die Iraner auf die US-Bombardierung der iranischen Nuklearanlagen im Juni reagiert hätten.

Im Zentrum eines gewichtigen Missverständnisses soll stehen, dass Präsident Trump „die Gewohnheit habe, taktische Ratschläge von General Caine mit strategischen Empfehlungen zu verwechseln“, so die NYT. Zwar soll es Caine dem Präsidenten zu keinem Zeitpunkt während der Beratungen direkt gesagt haben, dass ein Krieg mit dem Iran eine schreckliche Idee sei, aber ein Insider hatte gegenüber Swan und Haberman erklärt, dass einige von General Caines Kollegen glaubten, dass er genau das dachte.

Innerhalb des Kabinetts soll Kriegsminister Hegseth der größte Befürworter einer Militäraktion gegen den Iran gewesen sein. Außenminister Rubio sei weitaus zwiespältiger gewesen. Und niemand in Trumps engstem Kreis soll besorgter über die Aussicht auf einen Krieg mit dem Iran gewesen sein, so die NYT weiter, als Vizepräsident JD Vance.

Die Zeitung schreibt:

„Vance hatte seine politische Karriere darauf aufgebaut, genau der Art von militärischer Abenteuerlust entgegenzutreten, die nun ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Er hatte einen Krieg mit dem Iran als ‚enorme Ablenkung von Ressourcen‘ und ‚massiv kostspielig‘ bezeichnet.“

Vance ahnte wohl, dass Trump nicht davon abzubringen sei, den Iran anzugreifen, er wollte es aber in Richtung einer begrenzten Aktion mit „überwältigender Gewalt“ steuern, damit die Sache schnell beendet sei. Von Anfang an sah auch Vance die Kontrolle der Straße von Hormus durch die Iraner als größtes Risiko. Hier wurden Israel und die USA demnach keineswegs überrascht, die Risiken waren nicht nur bekannt, sie wurden offenbar auch erörtert.

Die NYT beschreibt überzeugend, wie alles plötzlich sehr hektisch wurde, als die Israelis Trump drängten, zuzuschlagen, weil sich eine Gelegenheit ergeben habe, die so schnell nicht wiederkäme – gemeint war ein Treffen der iranischen Führung am helllichten Tag und völlig ungeschützt vor einem Luftangriff.

Trump hatte sich entschieden und der Reihe nach knickten die Kritiker der Idee ein. Vance soll sich an den Präsidenten gewandt haben mit den Worten: „Sie wissen, dass ich das für eine schlechte Idee halte, aber wenn Sie es tun wollen, werde ich Sie unterstützen.“ Dann der wohl entscheidende Satz von Donald Trump zur Kernmannschaft seiner Regierung: „Ich denke, wir müssen es tun.“

Die NYT endet so:

„Am nächsten Nachmittag, 22 Minuten vor General Caines Frist, erteilte Herr Trump an Bord der Air Force One folgenden Befehl: ‚Die Operation Epic Fury ist genehmigt. Keine Abbrüche. Viel Glück.‘“

Die drei wesentlichen Dinge, die man aus diesem Bericht erfahren kann ohne Gefahr zu laufen, einer Anti-Trump-Haltung der NYT und der Reporter auf den Leim zu gehen:

Zunächst einmal war der Angriffsplan detailliert von den Israelis vorbereitet worden. Auch war die Analyse der Amerikaner hinsichtlich bestimmter fehlender Erfolgschancen erstaunlich realistisch, dennoch stimmte Trump nach internen Beratungen den Plänen der Israelis zu.

Und zuletzt die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Die Machtinstinkte dieses Präsidenten scheinen deutlich ausgeprägter als jene vieler seiner Vorgänger. Seinen Beratern übertreffen sich dabei, zu erahnen, was Trump zu bestimmten wichtigen Fragestellungen denkt, als dass sie ihm ihre Sicht der Dinge unerschrocken präsentieren. Das mag eine Führung besonders handlungsfähig machen. Aber es macht sie auch besonders anfällig für Fehlentscheidungen.

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