Als Schmidt mit Breschnew Geschäfte machen wollte, knallten wenig später in Langley die Champagnerkorken

Oops! … They did it again: Wie der CIA 1982 eine russische Gas-Pipeline in die Luft jagte

von Alexander Wallasch (Kommentare: 2)

Vor 40 Jahren: „Dieses Gas brauche keine Pipeline, es könne mit Flüssiggas-U-Booten nach Europa verschifft werden, und diese Boote könnten auf den notleidenden deutschen Werften gebaut werden.“© Quelle: Youtube / Euro News / Hamburger Morgenpost / DW Deutsch / Pixabay / DeSA81, Montage Alexander Wallasch

Im Sommer 1982 jubelte der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA über eine seiner erfolgreichsten Operationen seit Bestehen der Agency. Zunächst war Washington in Alarmbereitschaft versetzt worden, als die Weltraumüberwachungseinrichtung North American Air Defense Command eine riesige Explosion in Sibirien registrierte, die man bis in den Weltraum sehen könnte. Erste Vermutung: Vielleicht der Test einer neuen Superwaffe der Russen.

Aber Langley wusste es längst besser und hatte bereits den Champagner geköpft.

Was gab es zu feiern? Den US-Amerikanern war es gelungen, über einen Sabotageakt eine wichtige und finanziell ertragreiche sibirische Gasleitung zu zerstören. William L. Caseys CIA-Agenten hatten ganze Arbeit geleistet.

Die Neue Zürcher Zeitung schrieb 2006 :

„Die Stärke der Erschütterung deutete auf eine Atomexplosion hin, aber die Satelliten hatten einen elektromagnetischen Puls, der solche Explosionen begleitet, nicht feststellen können.“

Weit über zwanzig Jahre lang war Gras über diese geheime CIA-Operation gewachsen, bis Thomas Reed, ein ehemaliger Sicherheitsberater des Präsidenten, 2004 der Meinung war, dass es an der Zeit sei, über diesen großen Erfolg der Behörde in seinem Buch At the Abyss. An Insider's History of the Cold War zu berichten.

Die US-Amerikaner hatten damals allerdings nicht nur dem „Reich des Bösen“, wie Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion ab 1983 nannte, einen empfindlichen Schlag versetzt, sie trafen damit auch direkt ihre europäischen Partner, die parallel gerade unter deutscher Führung und zum Leidwesen der US-Administration ganz dick ins europäisch-sowjetische Gasgeschäft eingestiegen waren.

Die Explosion selbst hätten sich James-Bond-Drehbuchautoren nicht besser ausdenken können: Der CIA hatte von einem Spion in Moskau erfahren, an welchen amerikanischen computergesteuerten Spezialanlagen die Sowjets interessiert waren. Tatsächlich wurde dafür gesorgt, dass die Russen die gewünschte Hard- und Software auch erhielten. Die US-Geheimdienste fingierten einen Deal über eine kanadische Firma, die auch lieferte.

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Der Coup war so perfide wie intelligent und auf höchstem Geheimdienst-Niveau ausbaldowert, wie die NZZ berichtete:

„Die Software war allerdings so verändert worden, dass sie nach ein paar Wochen die Geschwindigkeiten der Turbinen, die Arbeit der Pumpen, die Bewegungen der Ventile in einer Art und Weise steuerte, die schließlich zur Explosion führte.“

Verblüffend in diesem Zusammenhang ist der rasante Rückgang des technologischen Fortschritts der UdSSR, die noch in den 1960er Jahren durchaus mithalten konnten, was die Entwicklung von Computertechnik und also Automatisierungen anging.

Aber zurück zur gesprengten beziehungsweise sich dank Technik-Manipulation selbst sprengenden Gasleitung. Wie kam es zu den zeitlich parallellaufenden gemeinsamen Gasdeals zwischen EU/Deutschland und der Sowjetunion?

Die Ereignisse überschlugen sich im Herbst 1981. Der Westen fühlte sich durch die Stationierung neuer sowjetischer Mittelstreckenraketen in Osteuropa bedroht. Die Pläne des Nato-Doppelbeschlusses wurden im Westen und hier insbesondere auch in Deutschland im Oktober 1981 von großen Friedensdemonstrationen begleitet, die sich gegen eine Stationierung weiterer Atomwaffen auf deutschem Boden aussprachen. Die Witwe von Martin Luther King kam und auf einer der Bühnen sang Harry Belafonte.

Einen Monat später reiste der sowjetische Partei- und Regierungschef Leonid Breschnew nach Bonn. Und im Rahmen dieses Staatsbesuchs wurde in Essen „das größte Ost-West-Industrieabkommen aller Zeiten“  abgeschlossen. Verträge, die bis ins Jahr 2009 reichen sollten, beschlossen den „Bau von Rohrleitungen und Kompressorstationen im Wert von 20 Milliarden Mark und die Lieferung von jährlich 40 Milliarden Kubikmeter Sibirien-Erdgas im Wert von 16 Milliarden Mark – 400 Milliarden Mark in 25 Jahren“.

Aber der spektakuläre Deal gefiel nicht jedem: Zuerst schlugen Amerikas Hardliner Alarm, der damalige Verteidigungsminister Caspar Weinberger war stellvertretend für seine Regierung außer sich über diese deutsche Entspannungsdiplomatie.

Den Amerikanern zur Hilfe kam die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen, das Gas- und Röhrenabkommen war über Nacht desavouiert, und die Westdeutschen mussten sich, so schrieb es damals der Spiegel, von den USA als Verderber westlicher Wehrkraft anschwärzen lassen.

Aber dieser bemerkenswerte Krimi hin zum explosiven Countdown ging noch weiter:

Im Januar 1982 reiste Bundeskanzler Helmut Schmidt in die USA und musste sich persönlich erzählen lassen, wie negativ die amerikanischen Freunde das Gas/Röhrengeschäft bewerteten. Vordergründig fürchteten die Amerikaner, dass hochwertige westliche Technik installiert werden würde, die von den Russen ausgeschlachtet und militärisch verwendet werden könnte.

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Über zwanzig Jahre später erfuhr die Welt über das Enthüllungsbuch von Thomas Reed, was die USA damals tatsächlich im Schilde führten. Wieder der Spiegel berichtete:

„Im Dezember erließ die US-Regierung folgerichtig schärfere Embargobestimmungen gegenüber den Sowjets. Die Lizenz zur Lieferung von 200 Rohrverlegemaschinen der US-Firma Caterpillar wurde zurückgezogen. Dem Elektro-Multi General Electric (GE) wurde verboten, hochwertige Teile für Gasturbinen an die europäischen Hersteller der Pipeline-Kompressoranlage zu liefern.“

Und in Richtung Westdeutschland mehrten sich zu dem Zeitpunkt die negativen Stimmen aus den USA. Beispielsweise der demokratische Senator John Stennis fand die Pipeline „äußerst beängstigend“ und der Republikaner Senator William Cohen glaubte, dass die Deutschen einen „schrecklichen Fehler“ machten, der „schließlich Westdeutschland seine Unabhängigkeit kosten könnte“.

Aber es kommt noch besser: Ein Kongressbericht lag im Februar 1982 vor, der feststellte, dass über den Umweg Europa westliche Technologie und westliche Kredite die UDSSR erreichten.

Das Fazit des Berichtes ging dann so: „Unsere Geschäftsleute werden aus dem östlichen Markt herausgedrängt.“

Deutschland hat zunächst aber nicht vor, einzuknicken. Schon einen Tag nach Erscheinen des Berichtes versichert sich Schmidts Kabinett, an diesem Jahrhundertgeschäft mit der Sowjetunion festzuhalten.

Die Konfrontation war da. Der damalige Innenminister Gerhard Baum wird viel später berichten, dass man sich in Bonn gegenseitig versichert hätte, dass auch die allerheftigsten Angriffe am Vollzug des Milliarden-Geschäfts nichts ändern würden.

Lambsdorff, Genscher – die Minister flogen der Reihe nach in die USA, um in der Sache irgendwie noch zu beschwichtigen. US-Außenminister Alexander Haig erklärte seinem deutschen Kollegen aber nur zum Gasdeal: „Wir waren immer dagegen – unsere Bedenken dauern an.“

Senator Ted Stevens drohte Deutschland gar damit, die 337.000 US-Soldaten aus Europa abzuziehen und erklärte mit Blick auf den Gasdeal und seine Jungs an den Standorten:

„Wenn die uns den Strom abschalten können, zum Teufel, da wird es höchste Zeit abzuhauen.“

Zur Erinnerung, wir befinden uns Anfang der 1980er Jahre. Und der Senator legt noch ein Bonbon obendrauf, wie es der Spiegel damals aufschrieb:

„Wenn die Europäer ihr Jahrhundert-Geschäft mit dem Sibirien-Gas dagegen abbrechen würden, lockte Stevens, könnten sie sofort Ersatzlieferungen aus einer anderen kalten Zone der Welt bekommen – aus Alaska, dem Heimatstaat des Senators. Dieses Gas brauche keine Pipeline, es könne mit Flüssiggas-U-Booten nach Europa verschifft werden, und diese Boote könnten auf den notleidenden deutschen Werften gebaut werden.“

Spiegel-Investigativ-Redakteur Werner Meyer-Larsen fragte sich im März 1982:

„Was kommt nach Jahren geduldigen Zusehens den Amerikanern plötzlich so verquer, daß sie am liebsten mit Gewalt gegen unterschriebene Verträge eingeschritten wären? Was treibt sie, eine ferne Gasleitung als Beeinträchtigung des Nato-Bündnisses zu sehen? Der sibirische Gasvertrag ist zumindest das größte Ost-West-Geschäft, das je in Gang gesetzt worden ist, und das größte geschlossene Wirtschaftsabkommen zwischen der privat- und der staatskapitalistischen Welt.“

Geplant war eine sechsspurige Rohrleitung für den Erdgastransport vom nördlichen Sibirien nach Westeuropa. Der russische Präsident hatte zugesagt, von 1985 an circa dreißig Prozent des europäischen Erdgasbedarfs zu liefern.

Problem nur: Die Leitungen dafür zu bauen, war für die Sowjetunion nicht machbar, das sollten europäische Unternehmen erledigen und sich dafür in Gas bezahlen lassen. Selbstredend versorgten diese Leitungen dann auch die Industrie Russlands mit dem begehrten Energierohstoff.

Werner Meyer-Larsen lässt in seiner fulminanten Zusammenfassung von 1982 einen Kongress-Abgeordneten erzählen:

„Die Pipeline würde es nach Meinung der Deutschen weniger wahrscheinlich machen, dass die Russen 'eine Atombombe auf Düsseldorf werfen oder ihre Panzer in die norddeutsche Tiefebene schicken werden', ließ er verlauten.“

Im März 1982 hatte der Spiegel die Geschichte eines gigantischen sowjetisch-deutschen Gasgeschäftes aufgeschrieben. Wenige Monate später explodierte es an zwei Orten: In Sibirien leuchtete ein gigantischer Feuerball bis ins Weltall und im Oval Office und dem Pentagon knallten die Champagnerkorken.

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Kommentare

Kommentar von H. Jacobsen

Danke für den interessanten Artikel.
Die Möglichkeit die Software einer solchen Pipeline zu manipulieren und damit eine Art Selbstzerstörung zu verursachen, ist auch bei dem erneuten Zwischenfall gegeben. Es dürfte jedoch heute schwieriger sein, zumindest dann wenn die Betreiber ihre Software gut abgesichert haben. Gerade bei Steuerungsanlagen wird, wenn sorgsam gearbeitet wird, auch sehr viel protokolliert. Ein möglicher Hackerangriff könnte dann auch nachgewiesen werden. Allerdings ist es heute immer noch schwierig bis unmöglich, den wirklichen Verursacher sauber nachzuweisen.

Ich fürchte die ganze Geschichte wird ausgehen wie das Hornberger Schießen. Da kann man nur auf einen Whistleblower hoffen.

Kommentar von Hildegard Hardt

Sorry, aber das konnte ich zunächst kaum glauben, obwohl hier nur bestens recherchierte Informationen veröffentlichst werden. 1982 befaßte ich mich allerdings hauptsächlich mit Themen zum Zweiten Weltkrieg und kaum mit amerikanischen Schweinereien.
Aber das Netz vergißt nichts und so konnte ich diese Ungeheuerlichkeit nachprüfen.

Sie paßt ganz zu der Tatsache, daß die USA (und auch Großbritannien) zu Beginn des NS-Regimes Hitlers Aufrüstung finanzierten in der Hoffnung, er werde die UdSSR vernichtend schlagen. Daß sie damit den Zweiten Weltkrieg riskierten, war ihnen durchaus bewußt. Aber die "einzige Weltmacht" ist eben skrupellos; daran änderten auch die Rosinenbomber nichts, die sie nach ihrem Vernichtungswerk übner Berlin abwarfen.

Wenn jetzt Vermutungen darüber angestellt werden, ob nicht die USA ihre Finger im Spiel gehabt haben, dann ist das mehr als berechtigt! Russland würde niemals ein Druckmittel gegen Europa aus der Hand geben.
Es ist in diesem Zusammenhang - wie auch bei anderen Vorkommnissen, die Russland angelastet werden - nachvollziehbar, weshalb bei der Untersuchung der Lecks kein russischer Experte zugelassen wird. Er könnte vielleicht etwas entdecken, was den Westen überführen würde.