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Putins fünfte Kolonne - Krieg der Haltungen

von Alexander Wallasch

Können wir Russland dauerhaft aus der Weltgemeinschaft ausschließen? Oder ist es legitim zu behaupten, 145 Millionen Russen wären lediglich von Putin in Geiselhaft genommene heimliche Anhänger der westlichen Lebensart?© Quelle: © Quelle: Screenshot / WELT Nachrichtensender, Bildmontage: Alexander Wallasch

Ich wünschte mir manchmal die Gewissheit der Putin-Kritiker, die immer schon alles gewusst haben wollen und die jetzt auf den Bundespräsidenten schimpfen als eine Art Steigbügelhalter des Unglücks, als Anführer einer fünften Kolonne.

Merkel wird auch gleich mit in den Sack gepackt, sie spricht ja perfekt russisch, kommt aus der DDR und hat als Ostdeutsche den Blick hinüber schon mit der FDJ-Muttermilch eingesogen. Ist es wirklich so einfach?

Seltsam hölzern und fast unelegant wirkt die Kritik. Verdiente Kollegen wie Jan Fleischhauer (Focus) und der aktuell so heiß gehandelte Julian Reichelt (Ex-Bild) twittern bzw. teilen Fotos von Frank-Walter Steinmeier (aus seiner Zeit als Außenminister) wie er dem russischen Außenministerkollegen in vertrauter Geste die Hand schüttelt, also aus heutiger Sicht einem ultimativ Bösen.

Die unterschwellige Unterstellung hier: Steinmeier muss damals schon gewusst haben, wen er vor sich hat. Sein Handschlag war der mit dem Teufel, dem er damit die Eintrittskarte in die Welt der Guten gelöst hat.

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Auch der Journalist und Publizist Roland Tichy lässt sich nicht lumpen. Der Autor gleich einer ganzen Reihe brillanter Leitartikel auf seinem Portal schreibt heute folgende Absätze:

„Lange war sich Putin sicher, dass er Deutschland und die EU informationell im Griff hat. Er hat Freunde in der Regierung; nennen wir Schröder, Merkel, Schwesig und Steinmeier als prominenteste Unterstützung seiner langfristig sehr klug angelegten Politik des Einlullens und schlimmer noch: der Instrumentalisierung. Sie haben Deutschland die Schlinge in Form diverser Pipelines um den Hals gelegt, an der er jetzt mehr als probehalber zieht. Internet-Trolle fluten jeden Putin-Kritiker mit vorgestanzten Erklärungen. Jeden Tag folgt eine neue Welle: Mit „der unverstandene Putin“ hat es angefangen, mit „er will doch nur spielen“ wurde es fortgesetzt, mit „ist doch gar kein Krieg, sondern nur Strafaktion gegen Nazis“ zur Idiotie gesteigert.“

Das ist harter Tobak. Und das unterdrückt leider sofort jeden Versuch, sich der Entstehungsgeschichte dieses furchtbaren Gemetzels auf europäischem Boden mit den Waffen des Verstandes anzunähern. Und es ist sogar gefährlich. Denn wer nicht aufpasst, der gilt hier als Idiot. Die Stunde der Atlantiker. Schon vollkommen vergessen sind die ungeheuren Drohgebärden der Amerikaner, die davor warnten, sich für die Pipeline zu entscheiden versus der Verschiffung von US-amerikanischen Fracking-Gas über den Atlantik.

Mit dem Überfall Putins auf die Ukraine wird gleich die ganze Biografie dieses Mannes neu geschrieben. Alles, was der russische Präsident bis dahin getan hat, ist jetzt die Vorhölle hin zur Hölle von Mariupol.

Dazu passt dann allerdings nicht so recht, dass Rechtsradikale des Asow-Regiments Teil der ukrainischen Militärmaschine sind. Tichy findet Kritik an dieser rechtsradikalen Kampftruppe konsequent „aufgeblasen“ und fragt seine Leser, ob man das nicht vernachlässigen könne, immerhin würden die Asow-Brigaden Mariupol gegen die Russen verteidigen und nicht Kiew.

Und dann stellt Tichy eine merkwürdige Frage:

„Wieso wird Kiew zerbombt, während die Nazis, wenn sie welche sind, ganz woanders stehen und ihrem jüdischen Präsidenten dienen?“

Aber was heißt das im Umkehrschluss? Putins Angriffskrieg wäre zumindest argumentativ besser zu verstehen, würde sich der Präsident auf die rechtsradikalen ukrainischen Kämpfer konzentrieren?

Kritik an den USA lässt Roland Tichy im Moment der Gefechte auf ukrainischem Boden nicht mehr gelten. Jetzt hat die Stunde der Wahrheit geschlagen:

„Putins Propaganda für Dumme hat Anknüpfungspunkte an die Realität, nach der die USA auch nicht gut wegkommen, aber sie wirkt durch ihre tumbe Übertreibung unglaubwürdig.“

Und als könnte man es nicht bildhafter ausdrücken: Im Leitartikel von Tichy ist Russland an einer Stelle wieder die „Sowjetunion“ und eine gute Gelegenheit, auch gleich mal im Plenum des Bundestages den Abstand von der Mitte zum Seitenaus weiter zu verringern, das Spielfeld zu verkleinern und auszufegen:

„Eine seltsame Querfront aus Alt-Linken und der AfD bildet sich; die verrostete Liebe zur Sowjetunion paart sich mit der Frustration der Rechten.“

Aber so mutig, wie er seinen Leitartikel begonnen hat, so teilt Roland Tichy am Ende doch auch die Ratlosigkeit Vieler:

„Putins Blitzkrieg ist gescheitert, wie vermeidet man den atomaren Weltkrieg, auf den er jetzt zutorkelt? Nur darauf zu warten, dass in Moskau ein Putsch sein Unwesen beendet, ist kindisch. Er sitzt fest im Sattel mit seiner Geheimpolizei. Und nun?“

Dieser Frage kann man sich nur anschließen. Man darf hier sogar die Klarheit einer Haltung bewundern. Ja, es ist verführerisch, sich zu positionieren, mehrheitsfähig zu sein. In Kriegszeiten rückt die Welt immer enger zusammen. Freund und Feind sind in diesem brutalen Krieg leicht auszumachen.

Die Sache hat nur einen entscheidenden Haken: Russland ist militärische Großmacht wie die USA auch. Eine ganze Reihe brutaler und unzählige Menschenleben vernichtende Angriffskriege der USA nach 1945 haben in keinem einzigen Fall zu einer dauerhaften Ächtung geführt.

Aber können wir Russland dauerhaft aus der Weltgemeinschaft ausschließen? Ist es legitim zu behaupten, 145 Millionen Russen wären lediglich von Putin in Geiselhaft genommene heimliche Anhänger der westlichen Lebensart?

Unbestritten ist wohl nur Folgendes: Die meisten Deutschen und Europäer lebten – wenn sie sich entscheiden müssten - lieber in New York oder Los Angeles als in Moskau, Kiew oder St. Petersburg – hier trennt ein kultureller Atlantik das heute so kriegerische Europa.

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