Warum Unabhängigkeit in Zeiten großer Narrative überlebenswichtig bleibt

Unter Feuer: Ethik des Journalismus in der Zeitenwende

von Alexander Wallasch

Journalismus als Traumberuf© Quelle: Pixabay/grok

In einer Zeit, in der „Zeitenwende“ zum Mantra erhoben wird und milliardenschwere Rüstungspakete, Energiekrisen und gesellschaftliche Spaltungen als unausweichliche Schicksalsfragen dargestellt werden, gerät der Journalismus besonders unter Druck.

Dieser „Zeitenwende-Irrsinn“ – die moralische Überhöhung einer Politik, die Kritik schnell als naiv oder gar russlandfreundlich brandmarkt – hat zu einer gefährlichen Einheitsfront in großen Teilen der etablierten Medien geführt. Statt nüchtern zu analysieren, wo diese Wende wirklich notwendig ist und wo sie ideologisch übertrieben oder wirtschaftlich motiviert wird, wird sie oft als heilige Pflicht zelebriert. Genau hier zeigt sich, was Journalismus heute ausmacht und was schützenswert ist.

Journalistische Grundsätze sind kein abstraktes Ideal, sondern konkrete Regeln für den Umgang mit Wahrheit, Sorgfalt und Distanz. Der Deutsche Presserat formuliert es im Pressekodex unmissverständlich: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürdigkeit und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.

Dazu gehört selbstverständlich: Fakten müssen geprüft, Quellen transparent gemacht und Meinungen klar als solche gekennzeichnet werden. In einem Meinungsartikel darf der Journalist durchaus eine Haltung vertreten – vorausgesetzt, der Leser kann nachvollziehen, wie diese aus der Faktenlage entstanden ist. Transparenz ist hier keine Höflichkeit, sondern Pflicht. Nur so bleibt der Leser in der Lage, selbst zu urteilen, statt manipuliert zu werden.

Entscheidend aber bleibt die Unabhängigkeit. Ein Journalist, der als Privatperson eine politische Überzeugung hat, muss in seiner beruflichen Rolle gerade dieser Haltung gegenüber besonders kritisch agieren. Er darf sich nicht „gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache“, wie der große Fernsehjournalist Hanns Joachim Friedrichs es einst formulierte. Distanz ist das Markenzeichen professionellen Journalismus: immer dabei, aber nie dazugehörig.

Diese Distanz gilt auch gegenüber wirtschaftlichen Interessen. Wer eine eigene Plattform betreibt, darf Werbekunden oder Kooperationspartnern keinerlei redaktionelle Zugeständnisse machen. Gefälligkeitsartikel – selbst wenn sie als Anzeige gekennzeichnet sind – kontaminieren das gesamte Angebot. Der Pressekodex fordert klar die Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt. Wer das ignoriert, weil „das Geld gebraucht wird“, hat das journalistische Feld bereits verlassen. Finanzielle Abhängigkeit ist kein mildernder Umstand, sondern das Ende jeder Glaubwürdigkeit.

Wer allerdings konsequent keine Kompromisse mit Macht, Geld oder dem herrschenden Narrativ eingeht, wird schnell zum Ziel von Angriffen, Diffamierungen und Versuchen der Marginalisierung. Solche Attacken sind kein Zufall, sondern Beleg dafür, wie sehr etablierte Strukturen echte Unabhängigkeit fürchten. Sie zeigen, dass journalistische Ethik nicht nur theoretisch, sondern im Alltag teuer erkauft werden muss – und genau deshalb schützenswert ist.

Dasselbe gilt für politische Macht. Die Pressefreiheit ist im Grundgesetz bewusst stark geschützt. In Stein gemeißelt steht dort:

„Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Die Väter des Grundgesetzes wollten nach den Schrecknissen des Nationalsozialismus eine Medienlandschaft schaffen, die totalitären und autokratischen Tendenzen widerstehen kann – ohne Angst vor Sanktionen.

Genau dieser Schutz gerät in Gefahr, wenn staatliche Regulierungen die Grenzen zwischen unabhängiger Berichterstattung und regierungsnahen Narrativen verschwimmen lassen. Der Medienstaatsvertrag von Ende 2020 und die erweiterten Kompetenzen der Landesmedienanstalten haben die Aufsicht über journalistisch-redaktionelle Telemedien ausgebaut. Was als Schutz vor Desinformation verkauft wird, kann schnell zur Definition darüber werden, welche Haltung noch als „journalistisch“ gilt und welche als „gefährlich“.

Regierungskritik wird dann leicht zum Problem, regierungsnahe Berichterstattung zur Norm – besonders wenn sie im Namen der „Zeitenwende“ erfolgt. Das widerspricht dem Geist der Verfassung fundamental.

Journalismus ist niemals reines Geschäftsmodell. Dann ist es kein Journalismus mehr. Er mag profitabel sein – das ist legitim. Aber Erfolg darf niemals über Ethik gestellt werden. Wer das tut, verhält sich wie ein Arzt, der für Geld falsche Diagnosen stellt, oder ein Polizist, der für Gefälligkeiten ermittelt.

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Das Vertrauen, das diese Berufe genießen, wird täglich neu erarbeitet – durch Transparenz, Konsequenz und die Bereitschaft, auch unpopulär zu sein.

Ein besonders deutliches Beispiel für das Überschreiten dieser Grenze lieferte 2022 der damalige „WELT“-Chefredakteur Ulf Poschardt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verlieh ihm – sowie weiteren Springer-Journalisten den Verdienstorden dritter Klasse – explizit für Beiträge, die deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine vorangetrieben hatten.

Der Publizist Alexander Grau kommentierte dies im Cicero scharf als „Orden für Hofberichterstattung“. Er erinnerte an Friedrichs’ Maxime und warnte: Wer sich von einer kriegführenden Regierung für die Unterstützung ihrer Sache auszeichnen lasse, gebe die notwendige Distanz auf. Solche Auszeichnungen seien keine neutrale Würdigung journalistischer Leistung, sondern eine Form der Vereinnahmung – besonders perfide im Kontext eines „Zeitenwende“-Narrativs, das jede kritische Nachfrage als Verrat brandmarkt.

Der ebenfalls ausgezeichnete Paul Ronzheimer hat diesen Orden übrigens abgelehnt, er war sich sehr wohl bewusst, dass dieser Orden wie ein Brandzeichen das Ende seiner journalistischen Laufbahn bedeutet.

Kritik an diesem Verhalten als „übertrieben“ oder „der ist doch sonst doch ganz okay“ zu bagatellisieren, verkennt das Wesentliche: Es geht nicht um die inhaltliche Position zur Ukraine-Hilfe. Es geht um die strukturelle Unabhängigkeit. Ein Journalist, der von einer ausländischen Regierung für die Beeinflussung der eigenen Politik geehrt wird, kann nicht mehr glaubwürdig behaupten, er stehe außerhalb der Sache.

Was heute schützenswert ist, ist daher nicht „der Journalismus“ als Institution, sondern seine ethische Substanz: Wahrheitssuche ohne Rücksicht auf Gefälligkeiten, Distanz zu Macht und Geld, Transparenz gegenüber dem Publikum und die Bereitschaft, auch große Narrative wie die „Zeitenwende“ kritisch zu hinterfragen statt sie zu verstärken.

Schon eimal wollten Journalisten das alles umbauen. Damals erklärten jemand wie @georgrestle plötzlich seine Liebe zu einem konstruktiven Journalismus. Bullshit!

Wenn heute aufstrebende erfolgreiche Jungjournalisten erklären, Journalisten müssten „erstmal demütiger werden“, Journalisten seien nicht die „Vierte Gewalt“, dann ist das zum einem verfassungsfern, aber auch im Anzug auf verlotterte Weise bequem. Wer diese Prinzipien aufweicht – sei es aus wirtschaftlichem Kalkül, politischer Sympathie oder regulatorischem Druck –, trägt zum schleichenden Abbau einer der wichtigsten Säulen der Demokratie bei.

Diese Standards sind nicht elitär. Sie sind das Minimum. Alles andere ist kein Journalismus mehr, sondern etwas anderes – und das sollte auch so benannt werden.

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